Lange galt Überbevölkerung als größte Bedrohung. Doch die Geburtenraten fallen weltweit rasant, in vielen Ländern schrumpft die Bevölkerungszahl bereits, spätestens ab 2060 wird die Gesamtbevölkerung der Erde sinken. Weshalb das so ist und was es bedeutet.

Das Klischee ist altbekannt – und nach wie vor lebendig: Italienische Familien sind kinderreich, überall spielen die Bambini, Kinderlärm erfüllt die Gassen der Städte und Dörfer. Doch die Realität sieht längst anders aus. In Italien gibt es immer weniger Kinder. In Genua, der europäischen Stadt mit der ältesten Bevölkerung, sterben mittlerweile zwei- bis dreimal so viele Menschen, wie Kinder geboren werden.
Wer jetzt denkt, unser südliches Nachbarland sei ein Sonderfall, liegt falsch. Das Bild ist in den meisten europäischen Staaten gleich. Und auch außerhalb der Alten Welt sieht es nicht viel besser aus. In China, bis vor wenigen Jahren noch das bevölkerungsreichste Land der Erde, schrumpft die Einwohnerzahl bereits massiv. Und in Südkorea bringt eine Frau statistisch gesehen nur noch 0,8 Kinder zur Welt.
Was noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar schien, wird zur Realität: Die Menschheit wird zahlenmäßig bald zu schrumpfen beginnen. Der demografische Wandel betrifft mittlerweile fast alle Regionen der Erde. Wie das Schweizer Portal watson.ch berichtet, leben bereits zwei Milliarden Menschen in Staaten, in denen Frauen durchschnittlich weniger als 1,3 Kinder bekommen.
Dieses Phänomen hat auch Österreich erfasst, wo die Geburtenrate mit 1,29 Kindern pro Frau ebenfalls ein historisches Tief erreicht hat. Weshalb die Geburtenzahlen in weiten Teilen der Welt so stark zurückgehen, welche Auswirkungen das für unsere Gesellschaft hat und ob bzw. wie sich hier gegensteuern ließe – die wichtigsten Fakten im Überblick:

Bleiben wir zunächst bei Italien: Wie stellt sich die Situation hier in nackten Zahlen dar?
2022 kamen in unserem südlichen Nachbarland erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg weniger als 400.000 Kinder auf die Welt, die Geburtenrate ging zuvor innerhalb von zehn Jahren um ein Viertel zurück. 2025 waren es dann noch 355.000. Laut dem italienischen Statistikamt Istat wird die Bevölkerung in Italien von 58,9 Millionen Anfang 2025 auf 45,8 Millionen im Jahr 2080 zurückgehen. Und die Vereinten Nationen sehen den Rückgang sogar noch drastischer und prognostizieren einen Rückgang auf 40,4 Millionen im Jahr 2080.
Wie errechnet sich das?
Der Rückgang beruht auf der negativen natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Das heißt, die Zahl der Sterbefälle übertrifft die Geburtenrate. Die Zuwanderung bremst zwar den demografischen Rückgang etwas, kann ihn aber nicht völlig ausgleichen.
Was ist eigentlich die Geburtenrate?
Die Geburtenrate – fachsprachlich Fertilitätsrate – gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens statistisch gesehen bekommt. In Industriestaaten braucht es etwa 2,1 Kinder pro Frau, damit die Bevölkerung ohne Zuwanderung langfristig stabil bleibt. Dass sie stabil bleibt, wohlgemerkt, nicht dass sie wächst. Liegt der Wert darunter, schrumpft die Bevölkerung auf Dauer.
Wie sieht es hier in Italien aus?
In Italien liegt dieser Wert derzeit laut Istat bei 1,14. Damit liegt er weit unter dem Wert von 2,1 Kindern pro Frau, bei dem die Bevölkerung in einem Industriestaat mit modernem Gesundheitswesen langfristig stabil bleibt. Italien ist damit auch EU-weit eines der Länder mit der niedrigsten Fertilitätsrate.
Gibt es irgendein Land in Europa, das seine Bevölkerungszahl alleine durch die Geburtenrate halten kann?
Nein. Alle Länder liegen weit unter der dafür notwendigen Geburtenrate von 2,1 Kinder pro Frau. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Bevölkerungszahl in allen europäischen Ländern schrumpft. Und zwar je mehr, desto weniger Zuwanderung ein Land zulässt.
Wie sieht es in Österreich aus?
In Österreich liegt die Geburtenrate aktuell bei nur noch 1,29 Kindern pro Frau – ein historischer Tiefstand. 2025 kamen rund 75.700 Kinder zur Welt, deutlich weniger als in den Jahren zuvor. Das ist bereits das sechste Jahr in Folge mit sinkenden Zahlen.

Ist das nur ein europäisches Phänomen?
Nein, besonders dramatisch ist die Lage in Ostasien. Südkorea hält mit einer Geburtenrate von nur 0,8 den traurigen Rekord. Weniger Kinder pro Frau kommen in keinem anderen Land zur Welt. Taiwan liegt bei 0,9, China und Singapur bei 1,0, Thailand bei 1,2.
Schrumpft China wirklich schon?
Ja, und zwar immer schneller. Seit dem Bevölkerungshöchststand von 1,426 Milliarden im Jahr 2020 hat das Land bereits rund 14 Millionen Einwohner verloren – die Hälfte davon alleine in den letzten zwei Jahren. Die Zahl der Geburten ist mittlerweile auf das Niveau des Jahres 1738 gesunken, als China nur etwa 150 Millionen Einwohner hatte.
Was ist mit Indien?
Indien hat China zwar als bevölkerungsreichstes Land abgelöst, doch auch hier liegt die Geburtenrate mit 1,9 bereits unter dem Erhaltungswert. 1960 lag sie noch bei 5,9 Kindern pro Frau. Experten prognostizieren, dass die (im Schnitt sehr junge) indische Bevölkerung in den 2060er-Jahren ihren Höhepunkt von ca. 1,7 Milliarden Menschen erreichen und dann ebenfalls schrumpfen wird.
Gibt es überhaupt noch Regionen auf der Welt, wo die Bevölkerungszahl steigt?
Die einzige Region weltweit, in der die Geburtenrate weiterhin hoch ist, ist Subsahara-Afrika, wo sie 2023 bei 4,3 lag. Hier gibt es zugleich die größten Unterschiede in der Geburtenrate zwischen den Ländern; sie reichte 2023 von 1,2 in Mauritius bis zu 6,1 in Niger, im Tschad, in der Demokratischen Republik Kongo und in Somalia. Aber auch hier gehen die Geburtenzahlen seither langsam zurück.
Wann wird die Weltbevölkerung insgesamt zu schrumpfen beginnen?
Forscher der University of Pennsylvania schätzen, dass die globale Geburtenrate 2026 erstmals unter den Erhaltungswert von 2,1 gefallen sein könnte. Das bedeutet nicht, dass die Weltbevölkerung sofort schrumpft – durch demografische Trägheit wächst sie noch eine Weile. Doch der Wendepunkt ist erreicht.
Warum bekommen Frauen weniger Kinder?
Die Gründe sind vielfältig. Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman nennt unter anderem steigende Wohnkosten, unsichere Arbeitsmärkte und veränderte Lebensentwürfe. Der Demograf Tomáš Sobotka von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sieht zudem die Finanzkrise 2008, die Corona-Pandemie, Kriege und die Klimakrise als verstärkende aktuelle Faktoren.

Welche Rolle spielt die Bildung?
Der mit Abstand wichtigste Faktor für den Rückgang scheint die Bildung von Frauen zu sein. Wenn Mädchen früh Zugang zu Schulbildung bekommen, sinkt die Geburtenrate offenbar auch früher. Dieses Muster zeigt sich weltweit – von Indien bis Lateinamerika. Gebildete Frauen entscheiden sich bewusster für oder gegen Kinder.
Welche Folgen hat diese Entwicklung?
Der demografische Wandel ist eine Herausforderung für alle Gesellschaften, speziell für die ärmeren Länder des Globalen Südens. Denn die sinkenden Geburtenraten bedeuten, dass die Bevölkerung altert und immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Gleichzeitig droht ein wachsender Fachkräftemangel. Die westlichen Industriestaaten waren schon wohlhabend, als diese Entwicklung einsetzte, was die sozialen Folgen abschwächt. Doch Länder wie Indien oder China werden alt, bevor sie reich werden.
Können staatliche Maßnahmen dagegen helfen?
Nur bedingt. Der Ausbau und die Subventionierung der Kinderbetreuung können die Geburtenrate zwar leicht anheben, eine Trendwende bewirken sie aber nicht. Selbst die in dieser Hinsicht vorbildlichen skandinavischen Staaten verzeichnen sinkende Geburtenraten. Die Vielzahl der Faktoren, die den Geburtenrückgang befeuern, macht es schwer, wirksame Gegenmaßnahmen zu finden.
Was bedeutet das für Österreichs Zukunft?
Laut aktueller Prognose dürfte Österreichs Bevölkerung bis 2040 auf 9,4 Millionen wachsen – allerdings ausschließlich durch Zuwanderung. Danach wird auch hierzulande ein Rückgang erwartet. Die Gesellschaft wird im Schnitt älter, mit entsprechenden Folgen für Pensionssystem und Arbeitsmarkt.
Was heißt das für uns?
Wie alle anderen Industrienationen muss sich Österreich möglichst rasch überlegen, wie es mit den sich aus der Entwicklung ergebenden Themen umgehen will. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Pensionisten finanzieren. Die Zahl der Fachkräfte nimmt weiter ab, was die Wirtschaftsleistung beeinträchtigt. Und gleichzeitig besteht immer weniger Bereitschaft, Zuwanderung zuzulassen. Auf Dauer wird sich das Sozialsystem unter diesen Parametern nicht aufrechterhalten lassen.