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Alte Unterhosen und Kakerlakenmilch: Auch dafür gibt es Nobel-Preise

Wenn sich seriöse Wissenschafter benehmen wie eine pubertierende Oberstufenklasse, ist wieder Ig-Nobel-Zeit. Zum 36. Mal wurden die schrägen, nicht ganz ernst gemeinten Ig-Nobel-Preise verliehen. Ausgezeichnet werden damit skurrile, aber echte Forschungsprojekte.

Ig-Nobel-Preisträger: Biotechnologin Pia Viviani und Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri und ihre Bodenstudie mit vergrabenen Unterhosen
Ig-Nobel-Preisträger: Biotechnologin Pia Viviani und Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri und ihre Bodenstudie mit vergrabenen UnterhosenAPA-Images / AFP / FABRICE COFFRINI
NewsFlix Redaktion
Akt. 05.09.2026 06:45 Uhr

Ein Hörsaal in Zürich, gefüllt mit Menschen in weißen Laborkitteln. Papierflieger segeln durch die Luft, es gibt Zwischenrufe und auf der Bühne werden Trophäen verliehen, die aussehen wie ein menschlicher Fuß, aus dem Pilze wachsen. Die skurrilste Preisverleihung der Wissenschaftswelt ging am vergangenen Donnerstag in ihre 36. Auflage, berichtet CBS News.

Die Ig-Nobel-Preise ehren seit 1991 Forschung, die "erst zum Lachen und dann zum Nachdenken" bringt, wie es offiziell heißt. Heuer fand die Zeremonie erstmals außerhalb der USA statt. Zehn Forschungsteams wurden für ihre ungewöhnlichen Beiträge zur Welt der Wissenschaft und Forschung ausgezeichnet. Für Arbeiten über Kakerlakenmilch, korrektes Schneuzen und vergrabene Unterhosen.

Was es mit dieser schrägen Auszeichnung auf sich hat und warum es bei der Preisverleihung eindeutig entspannter zugeht als beim "großen Vorbild" in Stockholm – das muss man über die "unedlen" Nobel-Preise wissen:

Was sind die Ig-Nobel-Preise überhaupt?
Eine satirische Auszeichnung für ungewöhnliche wissenschaftliche Arbeiten. Sie werden seit 1991 von der Satire-Zeitschrift "Annals of Improbable Research" verliehen. Der Name ist ein Wortspiel: "Ig-Nobel" klingt wie "ignoble" (englisch für unedel) und ist zugleich eine Anspielung auf den fiktiven Ignatius Nobel, den angeblichen Cousin von Alfred Nobel, dem Stifter der echten Nobelpreise.

Im Bereich Chemie gewannen Subramanian Ramaswamy, Leo Chavis and Nathan P. Coussens (v. l.) den Ig-Nobel-Preis für ihre Forschung zum Thema Kakerlakenmilch
Im Bereich Chemie gewannen Subramanian Ramaswamy, Leo Chavis and Nathan P. Coussens (v. l.) den Ig-Nobel-Preis für ihre Forschung zum Thema Kakerlakenmilch
APA-Images / Keystone / CLAUDIO THOMA

Findet die Verleihung immer in der Schweiz statt?
Nein, heuer war es das erste Mal, dass die Ig-Nobel-Preise nicht in den USA über die Bühne gegangen sind. 35 Jahre lang wurden die Ehrungen an US-Eliteuniversitäten wie Harvard oder dem MIT vergeben. Alleine die Involvierung einiger der bedeutendsten Hochschulen der Welt zeigt bereits, dass es sich hier, bei allem gespielten Nonsens, nicht um einen reinen Nonsens-Preis handelt.

Und warum jetzt nicht mehr die USA?
Die restriktive Einreise- und Visapolitik der USA unter Donald Trump macht es für viele internationale Forschende derzeit schwierig, in die Vereinigten Staaten zu reisen. "Es ist für unsere Gäste unsicher geworden, das Land zu besuchen", so Organisator Marc Abrahams.

Wird die Zeremonie dauerhaft in Europa bleiben?
Zumindest in den nächsten Jahren schon. 2027 soll die Verleihung im belgischen Antwerpen stattfinden. Danach plant man, zwischen Zürich und anderen europäischen Städten zu wechseln. Eine Rückkehr in die USA ist derzeit jedenfalls nicht vorgesehen.

Wofür gab es heuer Preise?
Ausgezeichnet wurden zehn Forschungsteams in verschiedenen Kategorien. Darunter finden sich Studien zu Kakerlakenmilch, zur richtigen Technik beim Nasenputzen, zur evolutionären Geschichte des Küssens sowie eine Untersuchung, bei der 1.000 Unterhosen in mehr als 25 Ländern vergraben wurden, um die Bodenqualität zu messen.

Was ist Kakerlakenmilch, um Gottes Willen?
Bestimmte Kakerlakenarten produzieren eine milchähnliche Substanz, um ihre Nachkommen zu ernähren. Forschende haben diese "Milch" untersucht und festgestellt, dass sie extrem proteinreich ist – theoretisch sogar nahrhafter als Kuhmilch. Die Wissenschaftler analysierten deren Zusammensetzung – mit dem Ziel, potenzielle Anwendungen für die Ernährungsforschung zu erkunden. Ob sie jemals als Nahrungsmittel dienen wird, ist allerdings fraglich. Gewinnung und Akzeptanz könnten sich als Problem erweisen.

Warum vergraben Forscher Unterhosen?
Ein Team der Universität Zürich verschickte rund 2.000 Unterhosen an Freiwillige weltweit. Diese wurden im Boden vergraben und nach einiger Zeit wieder ausgegraben. Je stärker die Unterhose zersetzt war, desto aktiver ist das Bodenleben – Würmer, Pilze und Mikroorganismen. Der Forschungsansatz dahinter: So lässt sich die Gesundheit des Bodens messen.

Die Trophäen werden handgemacht und sahen heuer aus wie ein Fuß, aus dem mehrere Schwammerln wachsen
Die Trophäen werden handgemacht und sahen heuer aus wie ein Fuß, aus dem mehrere Schwammerln wachsen
APA-Images / Keystone / CLAUDIO THOMA

Was hat es mit dem Schneuzen auf sich?
Der japanische Wissenschaftler Dr. Tokuji Unno untersuchte systematisch die biomechanischen Vorgänge beim Nasenputzen. Er analysierte, wie effektiv verschiedene Techniken sind und welche Risiken bestehen – etwa, ob falsches Schnäuzen den Druck in den Nebenhöhlen gefährlich erhöhen kann. Unno verstarb leider vor der Preisverleihung, wurde aber posthum geehrt.

Und was ist mit dem Küssen?
Matilda Brindle und Stuart West von der Universität Oxford sowie Catherine F. Talbot vom Florida Institute of Technology rekonstruierten die Evolutionsgeschichte des Küssens. Sie untersuchten, wann und warum sich dieses Verhalten bei Menschen und anderen Primaten entwickelt hat. Die Studie kombiniert biologische und kulturelle Perspektiven.

Wie sehen die Trophäen aus?
Die Preisträger erhalten handgefertigte Trophäen, die jedes Jahr anders aussehen. 2026 erinnerte der Preis an eine Kreuzung aus einem Pilz und einem menschlichen Fuß. Dazu gibt es traditionell eine symbolische Geldsumme in Form von wertlosen alten Banknoten. Und die Dankesreden dürfen nicht länger als 60 Sekunden dauern.

Ist das alles nur ein Witz?
Nein, die Forschungsprojekte sind alle echt und wurden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Die Ig-Nobel-Preise sollen zeigen, dass Wissenschaft auch Humor haben darf – und dass selbst absurd klingende Fragen zu echten Erkenntnissen führen können. Hinter dem Lachen steckt oft seriöse Forschung, wie ABC News anmerkt.

Nehmen echte Wissenschaftler diese Preise an?
Ja, und viele reisen eigens zur Verleihung an. Die meisten Preisträger sehen die Auszeichnung als Ehre – sie zeigt, dass ihre Arbeit Aufmerksamkeit erregt. Tatsächlich basieren die meisten ausgezeichneten Studien auf solider wissenschaftlicher Methodik. Sie behandeln nur Fragen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Manche Ig-Nobel-Preisträger wurden später tatsächlich auch für echte Nobelpreise nominiert.

Das Publikum im Zurich Convention Center war auch heuer durchwegs vom Fach und mit Begeisterung dabei. Zur Huldigung gibt es Papierflieger für die Preisträger
Das Publikum im Zurich Convention Center war auch heuer durchwegs vom Fach und mit Begeisterung dabei. Zur Huldigung gibt es Papierflieger für die Preisträger
APA-Images / Keystone / CLAUDIO THOMA

Welche Kategorien gibt es?
Die Kategorien orientieren sich lose an den echten Nobelpreisen – also Physik, Chemie, Medizin und so weiter. Dazu kommen aber auch kreative Ergänzungen wie "Psychologie", "Ernährung" oder "Bodenkunde". Die Jury sucht dabei jedes Jahr gezielt nach Studien, die auf den ersten Blick absurd wirken.

Wann werden die echten Nobelpreise vergeben?
Wie jedes Jahr werden die Preisträger Anfang Oktober verkündet, die Verleihung findet dann Anfang Dezember statt. Die Ig-Nobel-Preise verstehen sich als lockerer Auftakt zur "Nobelpreis-Saison" und haben keine Verbindung zu den schwedischen Auszeichnungen.

NewsFlix Redaktion
Akt. 05.09.2026 06:45 Uhr