Schleimende KI-Chatbots, aufdringliche Bettelmails von Onlineshops, digitale Assistenten, die Gespräche belauschen: Unsere schöne neue Digitalwelt ist voller Ärgernisse, die es vor ein paar Jahren noch nicht gegeben hat. Jetzt gibt es dafür sogar eigene, neue Wörter.

Es ist Montagmorgen, und der Drucker streikt - nicht weil er defekt wäre, sondern weil das monatliche Abo nicht bezahlt wurde. Auf dem Weg zur Arbeit kämpft man sich durch einen Chatbot-Dschungel beim Kundenservice, nur um festzustellen: Niemand weiß, ob am anderen Ende ein Mensch oder eine Maschine antwortet. Und als wäre das nicht genug, schlägt das Handy schon wieder ein "sicheres" Passwort vor, das kein Mensch je wiedererkennen könnte.
Diese und ähnliche alltäglichen Tech-Ärgernisse kennen die meisten - doch bisher fehlten oft die passenden Begriffe dafür. Das ändert sich nun, meint die britische Zeitung The Guardian – und präsentiert 18 neue Begriffe für typische digitale Nervereien und Zustände.
Von Dickovers bis Baggravation – diese Wortschöpfungen sollen auf den Punkt bringen, was Millionen von Nutzern täglich mit ihrer Hightech erleben. Woraus sie sich zusammensetzen, was sie aussagen sollen – diese neuen Worte sollten alle Tech-Nerds kennen:
Worum geht es?
Um insgesamt 18 neu erfundene oder zusammengesetzte Wörter, die digitale Alltagssituationen beschreiben sollen. Diese sind allesamt in den letzten Monaten oder Jahren entstanden und wurden jetzt vom Guardian gesammelt und für Nicht-Nerds erklärt.
Weshalb braucht man überhaupt diese neuen Worte und Begriffe?
Weil es die allermeisten Situationen, die diese Worte beschreiben sollen, vor einigen Jahren schlicht noch nicht gegeben hat. Sie sind Ergebnis des digitalen Fortschritts und seiner Segnungen, die unseren Alltag bereichern.

Ist es ein neues Phänomen, dass für derartige Situationen oder Zustände neue Wörter gefunden werden müssen?
Nein, so neu ist dieses Phänomen gar nicht. Vor 30 Jahren gab es etwa den Begriff "etwas googeln" noch nicht, inzwischen ist er aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch das "streamen" von Sendungen, wie wir es heute ganz selbstverständlich tun, gab es vor zwei Jahrzehnten noch nicht. Das Wort dafür ist zwar nicht neu, aber seine diesbezügliche Bedeutung sehr wohl.
Okay, los geht's: Was sind Dickovers?
Der Begriff wurde erst heuer von dem Tech-Journalisten John Gruber geprägt und wird definiert als "ein modales Fenster, Pop-up oder ein Vorhang, der von einer Website oder App eingeblendet wird und den eigenen Inhalt absichtlich verdeckt". Im Grunde genommen handelt es sich um eines oder mehrere Elemente, die man erst wegklicken muss, um den eigentlich gewünschten Inhalt zu lesen. Also etwa die "Cookies akzeptieren"-Box, die "Benachrichtigungen zulassen?"-Box, die "Mit Google anmelden"-Box usw.
Was bedeutet Captchore?
Damit ist die Zeit gemeint, die wir kollektiv damit verbringen, Robotern zu beweisen, dass wir keine Roboter sind. Captcha-Rätsel, bei denen man alle Fahrräder auf verschwommenen Fotos anklicken muss, oder Puzzleteile, die millimetergenau verschoben werden wollen. Diese Minuten summieren sich - schätzungsweise wurden weltweit bereits Jahrtausende mit solchen Verifizierungen verschwendet.
Was ist Quit-Shaming?
Der Begriff beschreibt die Hürden, die manche Unternehmen beim Kündigen von Abos aufbauen. Im Jahr 2026 sollte ein Mausklick genügen, um ein Abo zu beenden. Schön wär's. Im besten Fall muss man sich durch mehrere Seiten mit unzähligen, immer flehenderen Angeboten ("Pausieren"? – "Ein Spezialrabatt?" – "Bitte geh nicht!") klicken. Im schlimmsten Fall, besonders bei US-amerikanischen Anbietern, ist man gezwungen, tatsächlich anzurufen und mit einem Menschen zu sprechen – nur um ein Abo loszuwerden.
Was meint Cart Cling?
Wer schon einmal online etwas angesehen und vielleicht sogar in den Einkaufswagen (cart) gelegt, aber nicht gekauft hat, kennt das: Tagelang verfolgen einen E-Mails über den vergessenen Warenkorb. Erst heißt es "Hoppla, du hast etwas vergessen", dann "Vergiss nicht deine Yogamatte" und schließlich wird es fast verzweifelt: "Warum kaufst du das Ding nicht endlich?"
Was haben KI-Chatbots mit dem Begriff Chatflattery zu tun?
Das ist die Tendenz von KI-Chatbots, dem Nutzer um jeden Preis zuzustimmen. Das Geschäftsmodell von KI-Services basiert auf Nutzerbindung, und Zustimmung fühlt sich gut an. Das kann allerdings spektakulär schiefgehen: Etwa wenn ein Chatbot erklärt, eine Torte mit Schinken-Glasur zu dekorieren, wäre zwar unkonventionell, aber potenziell köstlich.

Was ist Botiquette?
Dieser Neologismus beschreibt das neue soziale Dilemma bei Online-Kundenservices: Spricht man mit einem Menschen oder einem Bot? Ist der Gesprächspartner menschlich, lohnt sich Höflichkeit und ein persönlicher Ton. Bei Bots sind Nettigkeiten jedoch überflüssig. Es fehlt uns schlicht eine Umgangsform, die für beide Fälle funktioniert.
Und Chattermining?
Immer mehr Menschen haben den Verdacht, dass ihre Geräte mithören. Beispiel: Man spricht mit der Familie über Notfall-Anhänger für ältere Verwandte – und plötzlich ist der Facebook-Feed voll mit Werbung für genau solche Produkte. Niemand hat etwas gegoogelt. Warum passiert das? Diese beunruhigende Frage stellen sich viele, eine klare Antwort gibt es selten.
Was ist mit AI-horning gemeint?
Wenn man auf sämtlichen Webseiten mit KI-Funktionen zugemüllt wird, egal ob notwendig, sinnvoll oder einfach nur nervtötend. Google zeigt einem ungefragt eine KI-Übersicht, bevor man überhaupt Suchergebnisse sieht, Instagram kann mittlerweile KI-Bilder erstellen, Spotify hat einen KI-DJ, der zwischen den Songs spricht. Nichts davon ist wirklich nützlich.
Was versteht man unter Longsanity?
Das Handy schlägt ein sicheres Passwort vor – eine wilde Mischung aus Sonderzeichen und Zahlen. Der Laptop erkennt es natürlich nicht wieder. Noch ärgerlicher: Websites, die erst nach dem gescheiterten Versuch verraten, dass das Passwort Großbuchstaben, Zahlen und ein Sonderzeichen braucht. Warum nicht von Anfang sagen, was Sache ist?
Limpetlisting – was soll das bitte sein?
Nach dem Kauf eines Produkts beginnt ein Trommelfeuer an E-Mails: Danke für den Kauf deines neuen Sofas – möchtest du noch eines? Das passiert Woche für Woche, für jedes jemals gekaufte Produkt. Die Absurdität liegt auf der Hand: Wer gerade ein Sofa gekauft hat, braucht erst mal keines mehr. Trotzdem werden die Posteingänge mit solchen Nachrichten überflutet.
Hat Parkware etwas mit dem Parken von Autos zu tun?
Und ob! Früher warf man Münzen in eine Parkuhr oder füllte einen Parkschein aus und fertig. Heute braucht man Apps, und zwar verschiedene je nach Parkplatz. RingGo hilft nicht, wenn man in einer PayByPhone-Zone steht. Also: App suchen, herunterladen, Konto anlegen, Zahlungsmethode eingeben – während die Kinder im Auto drängeln.

Und Gatejamming?
Aus ökologischer Sicht ist das Ende der Einweg-Fahrkarten eine gute Sache, da sie jedes Jahr tonnenweise nicht recycelbaren Müll verursachen. Zeitlich gesehen ist es jedoch eine Katastrophe. Denn sobald man sich einem Fahrkartenschalter nähert, steht man fast immer hinter jemandem, der verzweifelt versucht, ein QR-Code-Ticket oder seine Gesichtserkennungs-Zahlungsmethode auf einem Handy zu finden, das er scheinbar bis zu diesem Moment nicht benutzt hat. Und so für einen Stau am Drehkreuz sorgt.
Was soll Baggravation sein?
Das Wort kombiniert bag (Einkaufstasche) mit aggravation (Ärger) – und trifft den Nerv vieler Kunden an den Selbstbedienungskassen in Super- und sonstigen Märkten. An irgendetwas hapert es dabei immer. Gutscheine werden nicht erkannt, Rabatte nicht abgezogen, Produkte von der eingebauten Waage nicht berechnet ("Bitte legen Sie das Produkt nach dem Scannen auf die Waage!"). Und am Ende ist das Papier im Kassabon-Drucker aus. Offensichtlich werden uns diese Automaten erhalten bleiben, sie sparen den Supermärkten Personal. Wäre es zu viel verlangt, sie ein wenig funktioneller zu machen?
Okay: Parcel Liveblogging?
Der immense Aufwand, der mit Online-Bestellungen inzwischen betrieben wird, ist meist unnötig – und oft ziemlich nervig. Sie erhalten Benachrichtigungen zu jedem einzelnen Schritt des Bestellvorgangs. Offiziell bekommen Sie E-Mails wie "Wir haben Ihre Bestellung erhalten!", "Ihre Bestellung ist unterwegs!", "Ihre Bestellung ist in unserem Netzwerk eingegangen!", "Ihre Bestellung wird in unserem Netzwerk bearbeitet!" und schließlich "Ihre Bestellung wird heute geliefert!". Inoffiziell erhalten Sie außerdem die E-Mail "Wir haben einen Zustellversuch unternommen!" – und die Benachrichtigung, dass Sie Ihr Paket 20 Minuten entfernt in einem Depot abholen können.
Was bedeutet Socket boomerism?
Eine häufige Anwandlung der Babyboomer-Generation: Der Hass auf USB-A, B, C, XY-Stecker und die Sehnsucht nach Ladestecker-Anschlüssen für jedes einzelne Gerät. Ein Kabel und ein Stecker für ein Gerät. Man wusste, was zusammengehört und gut war's.

Was ist Schrödingers WLAN?
Der Klassiker im Zug: Das Gerät zeigt eine Verbindung mit dem bordeigenen WLAN-Netz an, aber nichts funktioniert. Man aktualisiert die Seite wieder und wieder, aber nichts passiert. Das WLAN existiert gleichzeitig und es existiert nicht – daher der Name in Anspielung auf das berühmte Katzen-Gedankenexperiment des österreichischen Physikers und Nobelpreisträgers Erwin Schrödinger.
Und Formnesia?
Wenn die Autofill-Funktion funktioniert, spart sie einem das erneute Eintippen der Daten bei jeder Transaktion. Manchmal klappt es aber nicht und Google Chrome mixt munter Daten, die man vor Jahrzehnten eingegeben hat, mit aktuellen. Leider gibt es keine Möglichkeit, das zu ändern und irgendwann ist man so entnervt, dass man an seine alte Adresse zurückzieht, nur um dem System zu entkommen.
Last but not least: Hostageware
Ohne zu übertreiben, aber das ist vielleicht das Schlimmste, was die digitale Gesellschaft derzeit zu bieten hat: Man kauft ein Produkt und merkt dann, dass man ein Abo braucht, um es zu nutzen. Videotürklingel? Kostet fünf Euro im Monat. Fitness-Tracker? 30 Euro im Monat. Das 70-Euro-Spiel für die 500-Euro-Konsole online spielen? Sieben Euro im Monat. Heutzutage ist gefühlt jeder Online-Kauf angelegt wie eine vertraglich festgelegte Schutzgelderpressung. Und es geht dabei um nichts weniger als unser digitales Seelenheil.