Ozempic war erst der Anfang. Ein neues Abnehmmedikament beeindruckt in klinischen Tests mit Rekordergebnissen von bis zu 28 Prozent Gewichtsverlust. Der neue Wirkstoff namens Retatrutide setzt dafür an drei verschiedenen Rezeptoren an. Die Fakten.

Das Labor leuchtet steril, Pipetten klirren leise, obwohl man eigentlich Champagnerkorken und Gläserklirren hören sollte. Denn in Indianapolis, dem Hauptsitz des Pharmakonzerns Eli Lilly, werten Forscher gerade Daten aus, die den Markt der Abnehmmedikamente komplett neu ordnen könnten. Die ausgewerteten Zahlen lassen selbst erfahrene Wissenschafter staunen: fast 30 Prozent weniger Körpergewicht bei adipösen Patienten ermöglicht das neue Medikament – ein Quantensprung gegenüber aktuellen Wirkstoffen.
Was vor wenigen Jahren noch als Utopie galt, rückt somit in greifbare Nähe: Medikamente, die ähnliche Erfolge erzielen wie eine operative Magenverkleinerung - allerdings ohne Operation. Wie das US-Magazin Time berichtet, hat Eli Lilly nun die Ergebnisse zweier neuer Studien zu seinem experimentellen Wirkstoff Retatrutide veröffentlicht. Die Resultate dürften die Konkurrenz um die Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy gehörig unter Druck setzen.
Was genau die bisherigen Studienergebnisse versprechen, wie weit das neue Medikament noch von der Marktreife entfernt ist und wann es auch in Europa erhältlich sein könnte – das muss man über das neue Abnehmmittel wissen:

Worum geht es?
Der US-Pharmakonzern Eli Lilly hat neue Studiendaten zu seinem experimentellen Abnehmmedikament Retatrutide präsentiert. In zwei zulassungsrelevanten Phase-III-Studien zeigte der Wirkstoff beeindruckende Ergebnisse bei übergewichtigen Menschen – sowohl mit als auch ohne Diabetes.
Wie sehen diese Ergebnisse im Detail aus?
In den Studien verloren Patienten mit Retatrutide im Schnitt über 28 Prozent ihres Körpergewichts über einen Anwendungszeitraum von 80 Wochen hinweg. Mindestens 25 Prozent der Studienteilnehmer schafften diesen Wert, verglichen mit nur etwa drei Prozent in der Placebo-Gruppe. Das sind Ergebnisse, die bisher nur durch chirurgische Eingriffe wie Magenverkleinerungen erreicht wurden.
Welche Nebenwirkungen treten dabei auf?
Die beobachteten Nebenwirkungen ähneln denen anderer GLP-1-Medikamente. Am häufigsten traten Magen-Darm-Beschwerden auf: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Bauchkrämpfe. Diese Symptome sind bei den meisten Patienten vorübergehend und klingen im Laufe der Behandlung ab. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht vermehrt festgestellt.
Wie wirkt Retatrutide im Körper?
Der Wirkstoff zielt auf drei verschiedene Rezeptoren im Körper und Gehirn ab: GLP-1, GIP und Glucagon. Diese Triple-Targeting-Strategie soll den Appetit drosseln, das Sättigungsgefühl verstärken und gleichzeitig den Stoffwechsel ankurbeln. Weil alle drei Rezeptoren unterschiedliche Funktionen erfüllen, könnte ihre gemeinsame Aktivierung besonders starke Effekte auf das Gewicht haben.
Was unterscheidet Retatrutide von Ozempic und Co?
Bisherige Abnehmspritzen wie Ozempic und Wegovy (beide von Novo Nordisk mit dem Wirkstoff Semaglutid) sprechen nur den GLP-1-Rezeptor an. Mounjaro und Zepbound von Eli Lilly selbst nutzen zwei Rezeptoren: GLP-1 und GIP. Retatrutide geht einen Schritt weiter und adressiert zusätzlich noch den Glucagon-Rezeptor. Das könnte erklären, warum der Gewichtsverlust noch höher ausfällt.
Lassen sich die Gewichtsverluste mit den verschiedenen Medikamenten vergleichen?
Nur bedingt, da es bislang keine veröffentlichte Vergleichsstudie zwischen Retatrutide und den Semaglutid-Produkten gibt (diese wird derzeit ausgewertet). Außerdem hängt der erzielte Gewichtsverlust auch von der Wirkstoffmenge ab, die verabreicht wird. Aber es deutet einiges darauf hin, dass Retatrutide einen bis zu doppelt so großen Gewichtsverlust ermöglicht wie die Semaglutid-Medikamente.

Ist das vergleichbar mit einer Magenoperation?
Die Ergebnisse sind tatsächlich ähnlich wie nach bariatrischen Eingriffen – also Magenverkleinerungen oder Magenbypass-Operationen. Diese gelten bisher als effektivste Methode zur Gewichtsreduktion bei starkem Übergewicht. Dass ein Medikament vergleichbare Werte erreicht, ist bemerkenswert. Allerdings: Eine Operation ist ein einmaliger Eingriff, während das Medikament dauerhaft genommen werden muss.
Gibt es weitere positive Effekte von Retatrutide?
Die Studien zeigten auch Verbesserungen bei Begleiterkrankungen. Teilnehmer mit Kniearthrose berichteten über weniger Schmerzen als jene mit Placebo. Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe hatten weniger Atemaussetzer in der Nacht. Diese zusätzlichen Vorteile könnten das Medikament für bestimmte Patientengruppen besonders interessant machen.
Wie wird das Medikament verabreicht?
Wie bei den meisten anderen GLP-1-Medikamenten handelt es sich um eine Injektion, die unter die Haut gespritzt wird, typischerweise einmal pro Woche. Die Anwendung ähnelt der von Insulin-Pens und kann von Patienten nach einer Einschulung selbst durchgeführt werden. Die genaue Dosierung wird vom Arzt festgelegt und oft langsam gesteigert.
Für wen kommt Retatrutide infrage?
Grundsätzlich sind alle GLP-1-Medikamente für Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) und / oder für Diabetiker zugelassen, bei denen andere Maßnahmen nicht ausreichend wirken. Sie ersetzen keine gesunde Ernährung und Bewegung, sondern unterstützen diese. Die Entscheidung trifft der behandelnde Arzt individuell, abhängig vom Gesundheitszustand und möglichen Risiken.
Was passiert nach dem Absetzen des Medikaments?
Das ist eine der großen Herausforderungen bei allen Abnehmspritzen: Nach dem Absetzen kommt das überflüssige Körpergewicht meist wieder zurück. Studien zu anderen GLP-1-Medikamenten zeigen, dass Patienten im Schnitt wieder etwa 0,4 kg pro Monat zunehmen, wenn sie die Behandlung beenden. Deshalb empfehlen Experten eine dauerhafte Einnahme - was auch dauerhafte Kosten bedeutet.

Weiß man bereits, was Retatrutide kosten wird?
Nein, bislang hat sich Eli Lilly noch nicht dazu geäußert.
Wann kommt Retatrutide auf den Markt?
Eli Lilly plant, Anfang 2027 einen Zulassungsantrag bei der US-amerikanischen Behörde FDA einzureichen. Nach einer positiven Bewertung könnte Retatrutide in den USA verfügbar werden. Für Europa wird ein separates Zulassungsverfahren bei der EMA nötig. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Monate bis mehrere Jahre, bis neue Medikamente auch hierzulande erhältlich sind.