Sophia Thiel

Fit-Influencerin: "Hass gehört zu Social Media leider dazu"

Auf Instagram folgen Sophia Thiel 1,4 Millionen Menschen, im "Spiegel"-Interview schildert sie nun die dunkle Seite ihres Happy Life: Depressionen, Fressattacken, emotionale Verletzungen.

"Aus dem Rausch der Herzchen kann man ziemlich schnell abstürzen": Sophia Thiel bei der Aufzeichnung zur WDR-Talkshow "Kölner Treff"
"Aus dem Rausch der Herzchen kann man ziemlich schnell abstürzen": Sophia Thiel bei der Aufzeichnung zur WDR-Talkshow "Kölner Treff"
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Newsflix Redaktion
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Am 24. Mai 2024 war Finaltag bei "Let's Dance". Die RTL-Show, das Gegenstück zu "Dancing Stars" im ORF, ist ein Publikumsmagnet. Sophia Thiel war für das Finale qualifiziert, aber sie sagte im letzten Moment ab. "Hey Leute", schrieb sie auf Instagram, "mich hat es richtig erwischt und ich liege schon einige Tage flach ... kann deswegen heute auch leider nicht mit dabei sein." Viele dachten sich nichts dabei, Pech gehabt, auch nicht, als Thiel danach für Wochen wie vom Erdboden verschluckt war. Im Interview mit dem "Spiegel" erklärt sie nun die Hintergründe – und erzählt die ganze Vorgeschichte.

Sophia Thiel ist in den sozialen Medien eine Größe. Ihre Fans verehren sie fast so wie "Swifties" ihr Idol Taylor Swift. Auf Instagram folgen der Deutschen 1,4 Millionen Menschen, sie hat einen eigenen YouTube-Channel, auf dem sie nur alle heiligen Zeiten etwas postet, trotzdem haben ihn fast 1 Million Anhänger abonniert. Thiel bedient eine Schiene, die sehr nachgefragt ist. Sie ist Fit-Influencerin und hat das gesamte Angebot dafür im Gepäck. In Workout-Videos erweckt sie den Anschein, dass der Körper beliebig formbar ist, dazu gibt sie Ernährungstipps und streichelt mit Motivations-Wortspenden fast nebenbei auch die Seele.

Die gebürtige Bayerin aus einem Vorort von Rosenheim macht das seit rund zehn Jahren, wer Artikel zu ihr googelt stößt häufig auf Begriffe wie "Traumbody", auf Fotos herrscht eine gewisse Textilknappheit vor. Fünf Bücher tragen ihren Namen, die Titel erfüllen den Tatbestand von Heilsversprechen, "Einfach schlank und fit" oder "Mit Meal Prep zur Traumfigur" oder "Come Back Stronger", es gab Düfte und eine Modekollektion. Als sie ins seichte Fach der TV-Unterhaltungsshows abtauchte, musste sie nicht von weit oben abspringen.

Nachdem Thiel 2021 mit dem Bodybuilding begonnen hatte, nahm die einst Pummelige innerhalb von drei Jahren 30 Kilo ab. Jojo-Bewegungen prägen ihr gesamtes bisheriges Leben. Sie geht in den meisten Fällen sehr offen damit um, auch das dürfte ein Teil ihres Erfolgs sein, zumindest macht sie es dazu. Die wichtigsten Passagen aus dem "Spiegel"-Gespräch:

Wie sie nach "Let's Dance" in ein Loch fiel
Ein Monat lang war nach dem Aus im Mai von Sophia Thiel nichts zu sehen, zu hören und zu lesen. Funkstille! "Nach 'Let's Dance' bin ich krank geworden und dann emotional eingebrochen", sagt sie dem "Spiegel" nun. "Ich hatte auch leider wieder Fressattacken und geriet durch den Kontrollverlust in eine depressive Phase. Daher habe ich mich auch komplett von Social Media zurückgezogen, ich brauchte eine Pause."

Sophia Thiel mit ihrem Profi-Tanzpartner Alexandru Ionel bei der RTL-Show "Let's Dance" in Köln
Sophia Thiel mit ihrem Profi-Tanzpartner Alexandru Ionel bei der RTL-Show "Let's Dance" in Köln
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Warum es ein Déjà-vu mir ihrer Vergangenheit war
Schon 2019 hatte Thiel einen Zusammenbruch. Solche Episoden wiederholten sich in den vergangenen Jahren immer wieder. Erst im Jänner schilderte sie ihren Fans  auf Instagram ein neuerliches Tief: "Am Wochenende kam alles gefühlt aus dem Nichts und hat mich direkt ohne Umwege in meine Vergangenheit zurück katapultiert … Tausend verschiedene Gedanken und Stressoren kamen auf einmal zusammen, sodass ich mich wie eine Ziege gefühlt habe, die in Schockstarre umfällt und regungslos daliegt. Gleichzeitig haben meine alten Muster von damals alle gleichzeitig 'gekickt' ... Sich zuhause verbarrikadieren, True Crime, viel Essen und schlafen - aber nicht in einer coolen, chilligen Weise, sondern sehr destruktiv in meinem Fall …"

Was der Irrglaube nach der RTL-Show war
Nachdem sie nach "Let's Dance" wieder gesundheitlich am Damm war, dachte sie, nun beginne eine gute Phase – mehr Zeit für sich, fürs Fitnessstudio. "Aber als ich nach Berlin zurückkam, ging es mir auf einmal gar nicht gut und ich wurde wieder mit meinen alten Dämonen konfrontiert."

Welcher Dämon damit gemeint ist
Vor fünf Jahren war ihr das perfekte Leben schon einmal über den Kopf gewachsen. Sie flüchtete nach Los Angeles, verkroch sich für mehrere Wochen in einer Wohnung, wog bald 100 Kilo, litt an Bulimie. Die Influencerin, die ihr Publikum fortlaufend mit neuen Inhalten nahversorgt hatte, war plötzlich nicht mehr da. Dann tauchte sie 2021 wieder auf, fast alles war wie früher, auch das Medieninteresse. Thiel machte ihren Zusammenbruch zum Teil ihres Geschäfts, als nunmehr Geläuterte erzählte sie allen und überall über die schwere Zeit, die hinter ihr lag, und verbreitete die Lehre, wie aus dem Tal herauszufinden sei. "Endlich bist du Mensch und keine Maschine mehr", sagte sie damals dem "Spiegel".

Was dann anders wurde
Zu den Sorglos-Erzählungen eines perfekten Alltags mischten sich immer mehr nachdenkliche Töne. "Ich wollte nicht mehr ausschließlich Fitness-Content posten. Sondern die Seite von mir zeigen, die ich so lange versteckt habe", sagt Thiel nun dem "Spiegel". "Ich wollte damals zurückkommen, um reinen Tisch zu machen."

Wie sie den neuerlichen Zusammenbruch erlebte
Dann kam die RTL-show. Es sei nicht so schlimm gewesen wie 2019, sagt sie, und ein Grund dafür dürfte sein, dass sie nun nicht mehr um den heißen Brei herumredet, vor allem sich selbst gegenüber tritt sie klarer auf. "Mir ist bewusst, dass man eine Essstörung nie ganz los wird", räumt sie etwa ein. "Ich habe Routinen entwickelt, damit umzugehen. Das funktioniert nicht immer blendend, aber ich habe nicht annähernd das Gefühl, wieder so am Boden zu sein wie damals. Nachdem es mir nach "Let's Dance" eine Woche lang schlecht gegangen war, habe ich sofort meine Therapeutin kontaktiert und meine Sitzungen wieder aufgenommen. Es ist ein Prozess, ich lerne immer noch viel über mich selbst und meine Muster."

Was sie über Social Media gelernt hat
Wie lebt jemand mit Social Media, der von Social Media lebt? Wohl mit einer gewissen Abgeklärtheit. "Hass gehört zu Social Media leider dazu, die Follower suchen immer deinen wunden Punkt. Als Influencerin muss man damit umgehen können", sagte sie dem "Spiegel". Sie rate aber "jungen Menschen" zur Vorsicht: "Social Media ist eine Herausforderung fürs mentale Wohlbefinden ... aus dem Rausch der Herzchen kann man ziemlich schnell abstürzen."

Wie sie mit ihrem Körper kämpft
Für Ihre Fans war es eine harte Landung. Nach ihrer Auszeit machte Thiel öffentlich, dass ihr "Traumbody" gar nicht allein das Ergebnis endloser Workouts sei, sondern von ungesundem Essverhalten. Sie leide an Essstörungen, sagte sie. Selbst beim Tanzen auf RTL habe sie sich "fett und hässlich" gefunden, erzählte sie in einem Podcast. Im Interview erklärt sie das nun: "Wenn ich in den Spiegel schaue, finde ich mich okay: meine breiten Schultern, meinen Bizeps, je mehr Muskeln, desto besser. Beim Tanzen habe ich mich dann aber im Vergleich zu den anderen schlanken Tänzerinnen wie ein Panzerknacker gefühlt, viel zu schwer für die Hebefiguren."

Woher das mangelnde Selbstbewusstsein kommt
Sie könne "ganz schlecht Komplimente annehmen", sagt sie. Der Grund liege vor allem in ihrer Kindheit. "Seit ich mich erinnern kann, war ich immer die Stämmige, die Kernige, nie die Beliebte. Ich wurde gemobbt. Mir wurde so häufig gesagt, dass ich dick bin, dass ich es irgendwann geglaubt und übernommen habe. Daraus habe ich abgeleitet: Ich kann nur geliebt werden, wenn ich schlank bin. Das ist über die Jahre meine Realität geworden."

Ob sie gern noch einmal so dürr wie früher wäre
"Nein", sagte sie dem "Spiegel". "Wenn ich Fotos von früher sehe, sehe ich eine emotional leere, abgestumpfte, traurige und schwache Sophia. Da will ich niemals mehr hin zurück."

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