Kennedy-Experte Laurence Leamer rollt in seinem neuen Buch "Ladies' Man" das Sexleben von US-Präsident John F. Kennedy neu auf. Im Zentrum steht dabei nicht der Tratsch, sondern die Frage, was JFK immer wieder dazu trieb, für flüchtigen Sex alles aufs Spiel zu setzen.

Späte Besuche, heimliche Tonbänder, ein Foto beim Hinausschleichen: In Washington verdichtete sich schon in den späten 1950er-Jahren das Bild von John F. Kennedy zu dem eines Mannes, der Grenzen eher als Einladung verstand.
Rund um Kennedy, damals noch Senator, kreisten bereits zu dieser Zeit Geschichten über Affären und Gerüchte über erstaunliche Risiken, die dieser bereit war dafür einzugehen. So wie auch nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA – die längste Zeit abgeschirmt von einer Presse, die den strahlenden Glanz der Präsidentenfigur lieber bewahrte, als ihn für schmierige Schlagzeilen zu opfern.
Inzwischen sind die zahllosen Liebschaften und Seitensprünge des am 22. November 1963 in Dallas, Texas, ermordeten 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist das "Mit wem?" so weit wie möglich (und historisch interessant) aufgearbeitet. Was jedoch nach wie vor verwundert, ist das "Warum". Die Frage, was den Führer der freien Welt – und als solcher verstand sich der amerikanische Präsident zu dieser Zeit tatsächlich noch – veranlasste, seinen Ruf und seine Reputation so oft für schnelle erotische Abenteuer aufs Spiel zu setzen.
Diese Frage rückte nun der renommierte Autor und Kennedy-Experte Laurence Leamer in den Fokus seines neuen Buches "Ladies' Man: The Careless Heart of John F Kennedy" (etwa "Frauenheld – Das rücksichtslose Herz des John F. Kennedy"), über das die Londoner Times berichtet. Nicht das Moralische steht bei dem 85-Jährigen im Vordergrund, sondern vor allem das Motiv. Warum setzte ein Politiker mit Weltrang, umgeben von Gegnern und Sicherheitsrisiken, für flüchtigen Sex so viel aufs Spiel? Die wichtigsten Erkenntnisse:

Worum geht es?
Laurence Leamer beschreibt in "Ladies' Man: The Careless Heart of John F Kennedy" die vor allem sexuellen Beziehungen des Politikers JFK zu Frauen und fragt, was hinter diesem Verhalten stand. Es geht also nicht nur um Enthüllungen, sondern vor allem um Charakter, Macht und Psychologie. Der Autor stützt sich dabei auch auf ältere Interviews und persönliche Recherchen.
Was ist der aktuelle Anlass für das Buch?
Auch wenn es seltsam klingen mag, aber vor allem das hohe Alter seines Autors. Laurence Leamer, Jahrgang 1941, hat bereits zwei Bücher über die Kennedy-Familie geschrieben ("Die Kennedy-Frauen" 1994 und "Die Kennedy-Männer" 2001) sowie zahlreiche Artikel und Interviews über die Familie verfasst. Und er ist, wie er selbst nun schreibt, möglicherweise "der letzte Autor, der dieses Buch größtenteils auf Grundlage persönlicher Erfahrungen und Interviews verfassen kann". Sein detailliertes Wissen über die wohl am stärksten in der Öffentlichkeit präsente Familie Amerikas ermöglicht es ihm, auf ein umfangreiches Archiv mit Interviews von Kennedy-Vertrauten zurückzugreifen, von denen viele bereits vor Jahrzehnten verstorben sind.
Wie legt er sein Buch an?
Neu ist bei Leamer weniger die Existenz der Frauengeschichten als der Versuch, sie mit Kennedys Gesundheit, seiner Familie und seinem Selbstbild zusammenzudenken. So bekommt ein ausgeschlachtetes Thema noch einmal eine andere Schärfe und neue Blickwinkel.
Welche Affären und Episoden stehen besonders im Fokus?
Es geht grundsätzlich um Kennedys Umgang mit und sein Verhalten gegenüber Frauen. Etwa die 20-jährige Pamela Turnure aus Kennedys Senatsbüro (der Politiker war damals bereits 41), sein Verhältnis mit Hollywoodstar Marilyn Monroe sowie zu Frauen, die als mögliche Sicherheitsrisiken galten: Eine angebliche Nazi-Spionin (Inga Arvad, von 1941 bis 1942) und eine angebliche Stasi-Spionin (Ellen Rometsch). Gerade diese Konstellationen machen deutlich, wie hoch das politische Risiko Kennedys gewesen sein muss.
Warum gelten diese Beziehungen als politisch brisant?
Weil Kennedy als Präsident und auch schon davor von politischen Feinden umgeben war und dennoch immer wieder neue Affären eingegangen sein soll. Entscheidend ist, dass manche Kontakte nicht bloß privat wirkten, sondern auch für Erpressung, Sicherheitsprobleme oder öffentliche Skandale anfällig waren. Aus heutiger Sicht wirkt das besonders kühn.
Was erzählt das Buch über den Fall Pamela Turnure?
Pamela Turnure arbeitete als junge Sekretärin in Kennedys Senatsbüro und soll eine Affäre mit ihm gehabt haben. Ein Ehepaar, bei dem sie ein Zimmer gemietet hatte, bespitzelte das Paar beim Sex und fertigte Tonbandaufnahmen und Fotos an. Als Kennedy später für das Präsidentenamt kandidierte, protestierten die beiden öffentlich mit einem Foto, das Kennedy zeigte, als er sich aus ihrem Haus stahl. Sie wurden aber von vielen Medien lange nicht ernst genommen und ignoriert.

Warum wurde darüber damals so wenig berichtet?
Leamer zufolge schützte die amerikanische Presse Kennedy außergewöhnlich stark. Selbst schwer belastende Vorwürfe über sein Sexualleben fanden in der seriösen Presse kaum Platz. Das Buch zeichnet damit auch ein Bild einer Zeit, in der mächtige Politiker deutlich stärker abgeschirmt wurden als heute.
Welche These verfolgt Leamer im Kern?
Sein Hauptargument lautet, dass Kennedys zwanghafte Suche nach Sex eng mit seiner angeschlagenen Gesundheit verbunden war. Sex erscheint in dieser Lesart als Gegenreaktion auf Schmerzen, Spitalsaufenthalte und das Gefühl körperlicher Schwäche. Es ging demnach auch darum, sich selbst als jung, dynamisch und männlich zu bestätigen.
Welche Rolle spielte Kennedys Gesundheit?
Kennedy war seit der Kindheit kränklich. Ärzte hielten ihn lange für leukämiekrank, tatsächlich hatte er Morbus Addison; dazu kamen starke Rückenprobleme und Harnwegsbeschwerden (ausgelöst wahrscheinlich durch Steroidhormone zur Behandlung seiner Krankheit und verschlimmert durch eine Kriegsverletzung) und Geschlechtskrankheiten, da er bei seinen Affären Kondome verweigerte.
Was hatte seine Familie mit seiner Promiskuität zu tun?
Wie viele Kennedy-Biografen verweist auch Leamer auf den Einfluss des Vaters Joe Kennedy, der selbst als notorisch untreu beschrieben wird. Darüber hinaus rückt er die Mutter Rose stärker ins Zentrum und schildert ein Familienbild, in dem Ehefrauen Untreue still zu dulden hätten. Aus solchen Mustern leitet das Buch ab, dass Liebe in dieser Welt oft als zweitrangig dargestellt wurde.
Was sagt das alles über Kennedys Frauenbild?
Besonders düster wirkt eine Notiz, die Kennedy an sich selbst schrieb und in der er amerikanische Frauen in zwei Kategorien einteilte: Prostituierte oder Ehefrauen. Das Buch zeichnet Kennedy als jemanden, der Frauen oft funktional behandelte und ihnen emotional wenig entgegenbrachte. Gerade diese Kälte ist ein wichtiger Teil der neuen Einordnung.
Gab es auch besonders drastische Beispiele?
Ja, Leamer beschreibt etwa eine Situation, in der Kennedy mit einer 19-Jährigen, die er angeblich zwei Monate zuvor entjungfert hatte, im Pool des Weißen Hauses schwamm und sie unvermittelt aufforderte, mit seinem Sonderberater David Powers vor seinen Augen Oralsex zu haben. Später bat er sie, dasselbe auch mit seinem jüngeren Bruder Teddy zu tun. Das Buch wertet solche Episoden als Zeichen eines stetigen psychologischen und moralischen Abstiegs des Politikers.

Heißt das, Kennedy wird nun nur noch als Schurke gezeigt?
Nein, so einfach macht es sich Leamer offenbar nicht. Neben Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit schildert er auch enorme Widerstandskraft im Umgang mit chronischer Krankheit und Schmerzen. Gerade dieses Nebeneinander aus Courage und Brutalität macht die Figur in seiner Darstellung so widersprüchlich.
Was erzählt der Autor über Kennedys Ehe?
Besonders vielsagend ist eine Episode aus dem August 1956. Kennedy machte damals Urlaub auf einer Jacht im Mittelmeer, begleitet von einigen jungen Frauen, darunter "eine umwerfend schöne, aber nicht besonders intelligente Blondine, die scheinbar keinen Namen hatte, sich aber in der dritten Person als 'Pooh' bezeichnete", so Buchautor Leamer. Jackie saß indes zu Hause und war im achten Monat schwanger mit einer Tochter. Als sie eine Blutung erlitt und das Baby tot geboren wurde, dachte Kennedy nicht einmal daran, nach Hause zurückzukehren, sondern segelte mit Pooh weiter. Er ging erst nach einigen Tagen von Bord, als ein Freund ihm riet: "Wenn du Präsident werden willst, solltest du schleunigst zu deiner Frau zurückkehren."
Das Fazit des Buchs?
Kennedys Einstellung zu Sex sagte viel über ihn aus, und nichts davon war positiv, urteilt die Times. Auch sein Umgang mit seinen lebenslangen Krankheiten und chronischen Schmerzen sagte demnach viel über ihn aus und lässt ihn zeitweise fast übermenschlich erscheinen. Buchautor Leamer zeige, wie diese beiden Seiten von Kennedys Leben – Sex sowie Krankheit und Tod – untrennbar miteinander verbunden waren. Weshalb Kennedy auch bis heute so interessant wirkt und solch eine Faszination ausstrahlt. Er war allzu menschlich und lebte in einer Zeit, in der die Presse Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens noch wie Götter verehrte – und schützte.
