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Mobilisierung

Russlands Männer suchen das Weite, ehe die Armee sie einzieht

Seit Monaten geht die Angst vor einer neuen Mobilisierungswelle für den Ukraine-Krieg um. Inzwischen haben zigtausende Russen ihre Heimat verlassen, um Putins "Spezialoperation" zu entgehen. Jene, die sich freiwillig melden, sind meist arm, alt oder verzweifelt.

Ein russischer Soldat trägt einen Aufänger an seiner Uniform, der Text bedeutet "Veteranen-Sturmbrigade". Tausende junge Männer verlassen indes ihr Land, um der Einberufung zu entgehen
Ein russischer Soldat trägt einen Aufänger an seiner Uniform, der Text bedeutet "Veteranen-Sturmbrigade". Tausende junge Männer verlassen indes ihr Land, um der Einberufung zu entgehenREUTERS/Stringer
The Economist
Akt. 13.10.2026 06:33 Uhr

Am 18. September gab Dmitri, ein 35-jähriger Moskauer, der in der Werbebranche arbeitet, bei Russlands manipulierten Parlamentswahlen seine Stimme ab. Auf seinen Stimmzettel schrieb er das Wort "Krimineller", warf ihn in die Urne und fuhr direkt zum Flughafen. Dort bestieg er ein Flugzeug nach Istanbul.

Er gehört zu den Tausenden, die Russland in den vergangenen Wochen verlassen haben. Sie befürchten, dass das, was manche Russen inzwischen als "Sonderwahlverfahren" bezeichnen, den Weg für eine neue Welle der Militärmobilisierung ebnen könnte.

Als Wladimir Putin im September 2022, sechs Monate nach dem Überfall auf die Ukraine, eine Teilmobilmachung verkündete, flohen 400.000 russische Männer aus dem Land. Diesmal verlassen die Menschen Russland schon ohne eine entsprechende Ankündigung – wenn auch in geringerer Zahl.

Am 18. August überquerten 20.000 Menschen die Landgrenze zwischen Russland und Georgien, etwa dreimal so viele wie an einem gewöhnlichen Tag. Russische Zollbeamte meldeten für die vorangegangenen Tage ähnlich hohe Zahlen. In Armenien, einem weiteren Land, in das Russen ohne Visum einreisen können, sind die Mieten für Unterkünfte seit dem Frühjahr aufgrund der hohen Nachfrage um 30 bis 50 Prozent gestiegen.

Das Plakat in Moskau wirbt um Freiwillige für Putins "Spezialoperation" gegen die Ukraine
Das Plakat in Moskau wirbt um Freiwillige für Putins "Spezialoperation" gegen die Ukraine
REUTERS/Ramil Sitdikov

"Ich bin nicht nur wegen der Mobilmachung gegangen. Ich hatte es einfach satt, all das hinzunehmen und in dieser Atmosphäre zu leben", sagt Juri, der bei einem Tourismusunternehmen in St. Petersburg arbeitete.

Grigori Swerdlin von Idite Lesom ("Verschwindet!"), einer Freiwilligenorganisation, die Menschen dabei hilft, einer Zwangsmobilisierung zu entgehen, berichtet, dass die Zahl der Hilfsanfragen, die seine Organisation in diesem Herbst erhalten hat, um die Hälfte höher liegt als im Frühjahr dieses Jahres. Anastassija Burakowa von Kowtscheg ("Arche"), einer Gruppe, die kriegsgegnerischen Russen bei der Auswanderung hilft, zufolge hat sich die Zahl der Anfragen seit Juli verachtfacht. Im Vergleich zu 2022 beobachte man heute "eine kleinere, aber besser vorbereitete Auswanderungswelle", sagt sie.

Seit Monaten kursieren Gerüchte über eine neue Mobilisierungswelle. Ukrainische Vertreter haben die Einberufung von mindestens 100.000 Männern prognostiziert. Am 24. September bezifferte der französische Präsident Emmanuel Macron die Zahl auf 300.000. Auch russische Militärblogger halten eine solche Entwicklung für wahrscheinlich.

Offiziell gibt der Kreml an, keinerlei derartige Maßnahmen vorzubereiten. "Das ist völliger Unsinn. Es handelt sich um einen Informationsangriff auf Russland", sagte Putin kurz vor den Wahlen im vergangenen Monat.

Doch die Russen sind durch ihre Erfahrungen ernüchtert. Sie neigen zu der Annahme, dass etwas Unangenehmes umso wahrscheinlicher bevorsteht, je nachdrücklicher die Behörden dessen Vorbereitung dementieren. 2022 hatte der Kreml noch eine Woche vor der Ankündigung der Mobilmachung bestritten, dass entsprechende Pläne existierten. Im Übrigen bedarf es keiner neuen offiziellen Erklärung: Der damalige Mobilmachungsbefehl ist nie aufgehoben worden.

Die Verwaltungsstrukturen wurden im Laufe der Jahre ausgebaut und verbessert. Dazu gehören elektronische Einberufungsbescheide sowie Kommunikationswege zwischen Rekrutierungsstellen und Grenzbeamten. Im Sommer kam es in Pensa, 600 Kilometer östlich von Moskau, zu Protesten, nachdem Rekrutierer in zivil Menschen auf offener Straße aufgegriffen hatten.

Ein russischer Veteran gedenkt in Donezk seiner gefallenen Kameraden am 2. August 2026, dem "Fallschirmjäger-Tag"
Ein russischer Veteran gedenkt in Donezk seiner gefallenen Kameraden am 2. August 2026, dem "Fallschirmjäger-Tag"
REUTERS/Alexander Ermochenko

Um neue Unruhen zu vermeiden, dürfte die nächste Mobilisierungswelle verdeckt ablaufen. Schuldner, Arbeitslose und Studenten mit schlechten Leistungen könnten unter Druck gesetzt werden, sich zum Militärdienst zu verpflichten. Manche glauben, dass dies bereits geschieht. Ein Militärjurist berichtet, in einem Gefängnis in Rjasan würden von sämtlichen Insassen DNA-Proben genommen – damit sich ihre Leichen später an der Front leichter identifizieren ließen.

Rekrutierungsquoten werden an die Gouverneure der Regionen und die Chefs großer Unternehmen übermittelt. Sie sollen für mögliche Unzufriedenheit verantwortlich gemacht werden. Dieses Prinzip der "Dezentralisierung" hatte der Kreml bereits während der Corona-Pandemie erprobt.

Nikolai Mitrochin, Soziologe und Kriegsanalyst an der Universität Bremen, zufolge kaufen wohlhabende Regionen faktisch Rekruten aus ärmeren Landesteilen ein. In der wohlhabenden Region Swerdlowsk beträgt die Prämie für eine Verpflichtung zum Militärdienst 3,1 Millionen Rubel (37.000 Dollar) – fast das Vierfache der Summe, die im ärmeren Syktywkar nahe dem Ural gezahlt wird. Rekruten reisen deshalb aus wirtschaftlich schwächeren Regionen in wohlhabendere Gebiete, um sich dort zu verpflichten.

Militärblogger und Nationalisten drängen auf eine neue Mobilisierung. Am 30. Juli forderte die ultranationalistische Gruppierung Rusitsch die "Mobilisierung einer halben Million Männer", um Putins Kriegsziele zu erreichen. Westliche Analysten halten eine weitere Mobilisierungswelle seit Langem für riskant. Sie könnte Proteste auslösen, wie es in Pensa bereits geschehen ist.

Tatsächlich aber könnte die Mobilisierung Putin auch nützen: Sie würde ihm ermöglichen, seine Kontrolle über den Staatsapparat zu demonstrieren und zugleich das Narrativ eines nationalen Opfers zu stärken. Dieses beruht auf dem Vergleich seines Krieges mit dem epochalen Kampf gegen Nazi-Deutschland.

Bevor weitere Männer an die Front geschickt werden, müssen allerdings entscheidende militärische Fragen geklärt werden. Die erste lautet: Wen soll Russland mobilisieren? Jüngere, körperlich leistungsfähigere und besser ausgebildete Soldaten könnten mehr bewirken als die alten, armen und verzweifelten Männer, die Russland bei früheren Rekrutierungswellen eingezogen hat.

Der russische Verteidigungsminister Andrej Belousow applaudiert Nordkoreas Führer Kim Jong-un bei einer Ehrung jener Soldaten, die für Russland im Ukraine-Krieg gefallen sind
Der russische Verteidigungsminister Andrej Belousow applaudiert Nordkoreas Führer Kim Jong-un bei einer Ehrung jener Soldaten, die für Russland im Ukraine-Krieg gefallen sind
via REUTERS

Die nordkoreanischen Soldaten, die auf russischer Seite gekämpft haben, liefern dafür einen Hinweis: Ukrainische Soldaten berichteten, sie seien deutlich zäher und leistungsfähiger gewesen als die russische Infanterie. Allerdings mussten auch die Nordkoreaner zunächst lernen, wie man die neue Art der Kriegsführung beherrscht, die sich in der Ukraine entwickelt hat. Eine zweite Frage ist, wie viel Ausbildung und Ausrüstung Russlands neue Soldaten erhalten würden.

Wenn Russland mobilisierte Soldaten weiterhin als Kanonenfutter behandelt, wie es in der Vergangenheit häufig geschehen ist, wird Putin kaum mehr als Särge gewinnen. Sollten die neuen Rekruten jedoch das Niveau der Nordkoreaner erreichen, müssten die Ukrainer mit deutlich größeren Schwierigkeiten rechnen. Ein großes, gut ausgebildetes neues Truppenkontingent könnte bei Kämpfen in Städten einen Unterschied machen, wo Drohnen weniger wirksam sind.

Die Ukraine hat in jüngster Zeit innovative Taktiken entwickelt, darunter den Einsatz von Minenräumdrohnen und Angriffe auf Bunker, in denen Drohnenpiloten untergebracht sind. Damit gelang es ihr, von Russland besetzte Gebiete zurückzuerobern. Sollte Russland diese Methoden übernehmen, könnte die zahlenmäßige Überlegenheit bei den Bodentruppen wieder an Bedeutung gewinnen. Die dünnen, durch Drohnen unterstützten Verteidigungslinien, mit denen die Ukraine jetzt Teile der Front hält, könnten dann nicht mehr ausreichen.

Derzeit zieht die russische Armee vor allem Männer mit geringer Qualifikation und schlechten Zukunftsaussichten an, argumentiert der russische Ökonom Wladislaw Inosemzew. Besonders attraktiv sei der Militärdienst für Menschen, die kaum noch einen Lebenswillen hätten und ihren Familien wenigstens etwas hinterlassen wollten. Die Soldaten erhalten monatlich 200.000 Rubel – eine eher bescheidene Summe, von der ihre Vorgesetzten zudem häufig einen erheblichen Teil unterschlagen.

Gewaltiger Blutdurst: Bis zu 500.000 weitere Männer könnten demnächst für Wladimir Putins Krieg eingezogen werden
Gewaltiger Blutdurst: Bis zu 500.000 weitere Männer könnten demnächst für Wladimir Putins Krieg eingezogen werden
via REUTERS

Dem stehen hohe Antrittsprämien und eine Entschädigung von 15 Millionen Rubel für die nächsten Angehörigen im Todesfall gegenüber. Das ist mehr als das Zehnfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Russland. Um Männer anzulocken, denen daran gelegen ist, lebend zurückzukehren, könnte der Kreml die monatliche Bezahlung erhöhen und zugleich die Todesfallentschädigung senken.

Dmitri möchte nicht Teil dieser Kalkulation werden. Er sucht in Istanbul nach einer Arbeit und hofft, dass seine Frau und sein Kind zu ihm kommen können, sobald er sich dort eingerichtet hat. "Ich möchte in Russland leben, aber ohne solche Risiken", sagt er. "Es ist schwer zu glauben, dass der eigene Staat einen jederzeit einfach in den sicheren Tod schicken kann. Aber wir haben bereits gesehen, dass genau das passiert."

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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"

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