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Analyse

"Sie werden mich hängen!" Warum Putin Krieg eskalieren muss

Wer lebt wie ein Gangster, stirbt wie ein Gangster. Keiner weiß das besser als Russlands Präsident. Deshalb soll in ihm der Entschluss gereift sein, den Ukraine-Krieg weiter zu eskalieren. Vor allem, um sein eigenes Leben zu retten. Was das für den Winter bedeutet.

Sieht sein politisches wie auch sein generelles Überleben untrennbar mit einem Erfolg im Urkraine-Krieg verknüpft: Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Erzengelkathedrale im Kreml
Sieht sein politisches wie auch sein generelles Überleben untrennbar mit einem Erfolg im Urkraine-Krieg verknüpft: Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Erzengelkathedrale im Kremlvia REUTERS
The Economist
Akt. 31.08.2026 15:38 Uhr

Am 29. August erklärte Wladimir Putin bei einem Treffen mit Mitarbeitern und Studenten einer Moskauer Universität, Orcas ernährten sich von Eisbären. "Das ist die Nahrungskette", sagte Russlands Präsident. "Kinder sollten das lernen, damit sie verstehen, in was für einer Welt wir leben und warum wir die spezielle Militäroperation durchführen" – so bezeichnet Putin Russlands Krieg gegen die Ukraine.

Die Behauptung war frei erfunden: Kein einziger Fall ist bekannt, in dem ein Orca einen Eisbären gefressen hätte. Doch sie gewährt einen gewissen Einblick in Putins räuberisches Weltbild.

In den NATO-Staaten wächst unterdessen die Sorge darüber, wohin seine Überlegungen führen könnten. Russlands Armee steckt seit Jahren weitgehend fest und verliert Monat für Monat Zehntausende Männer durch Tod oder schwere Verwundungen. Der Krieg ist zu einem verheerenden Schlagabtausch mit Drohnen und Raketen geworden, der die Ukraine zwar schwer verwüstet, inzwischen aber auch in Russland sichtbare Schäden verursacht.

Putin zeigt dennoch keinerlei Anzeichen, einen Rückzieher zu machen. Die Sorge besteht darin, dass er versuchen könnte, aus einer Lage herauszukommen, die die Russen als Tupik – eine Sackgasse – bezeichnen, wie schon in der Vergangenheit: indem er einen neuen Weg findet, den Konflikt zu eskalieren.

Solch eine russische Seedrohne, die eine Ölplattform angegriffen haben soll, wurde von Rumäniens Militär erst vor wenigen Tagen zerstört
Solch eine russische Seedrohne, die eine Ölplattform angegriffen haben soll, wurde von Rumäniens Militär erst vor wenigen Tagen zerstört
via REUTERS

Die Anzeichen westlicher Nervosität sind überall zu erkennen. Am 25. August flog John Ratcliffe, der Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA, überraschend nach Moskau. Die Berichte darüber, ob er Putin davor warnen sollte, NATO-Staaten anzugreifen, oder ihm eine düstere Einschätzung der russischen Aussichten übermitteln und ihn zu Verhandlungen bewegen wollte, gehen auseinander.

Drei Tage später ersuchte Finnland Schweden um Unterstützung durch Flugzeuge und Kriegsschiffe bei der Überwachung seiner Grenze zu Russland, um mögliche Grenzverletzungen zu erkennen. Deutschland bereitet sich darauf vor, Russland öffentlich für einen Drohnenangriff auf den Leipziger Flughafen am 4. August verantwortlich zu machen, und dürfte weitere Sanktionen verhängen. Rumänien erklärte am 20. August, eine russische Seedrohne zerstört zu haben, die eine Bohrplattform in seinen Hoheitsgewässern ins Visier genommen hatte. Am 25. August vereitelte die Slowakei einen Brandanschlag auf eine Drohnenfabrik.

Unterdessen hat Putin sein langes Schweigen über die zunehmend erfolgreichen Drohnenangriffe der Ukraine auf russische Ölraffinerien und Logistikzentren gebrochen, darunter auch Lagerhäuser des größten russischen Onlinehändlers Wildberries. In einer Ansprache am 22. August warf er der Ukraine vor, eine "Büchse der Pandora" geöffnet zu haben, und drohte mit "Rückschlägen gegen die empfindlichsten Bereiche eurer Wirtschaft".

Noch am selben Tag hatte er bei einer Rede vor Einiges Russland, der politischen Partei des Kremls, jede Vorstellung von einem Ende des Krieges zurückgewiesen. "Die spezielle Militäroperation geht weiter", schwor er. "Wir werden uns nur vorwärtsbewegen."

Kremlnahen Quellen zufolge scheint Putin nach mehreren Wochen des Abwägens im Laufe des Sommers beschlossen zu haben, den Konflikt zu eskalieren. Ein langjähriger Weggefährte Putins sagt sogar, der Präsident dürfte Ratcliffes Besuch als Zeichen amerikanischer Schwäche verstanden haben. So habe Putin auch den Besuch von Bill Burns, dem damaligen CIA-Direktor unter Joe Biden, im November 2021 interpretiert. Burns war nach Moskau gereist, um ihn vor einem Einmarsch in die Ukraine zu warnen. Drei Monate später tat Putin genau das.

Niemand kann wissen, was in Putins Kopf vorgeht. Doch seine Gründe für eine Eskalation des Krieges sind – ebenso wie die Entscheidung, überhaupt einzumarschieren – innenpolitischer Natur. Sein zentrales Ziel war stets, die eigene Macht und letztlich das eigene Leben zu sichern.

Warenlager des russischen Online-Riesen Wildberries nahe Moskau nach einem ukrainischen Drohnenangriff am 16. August: "Die Büchse der Pandora geöffnet"
Warenlager des russischen Online-Riesen Wildberries nahe Moskau nach einem ukrainischen Drohnenangriff am 16. August: "Die Büchse der Pandora geöffnet"
REUTERS/Stringer

Eine Sorge des Kremls ist das Schwinden der stillschweigenden Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg. Tief ins russische Hinterland reichende ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien und Onlinehändler haben zusammen mit den von den Sicherheitsdiensten verhängten Internetsperren den Anschein eines normalen Lebens zerstört.

Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum berichtet, 57 Prozent der Russen bezeichneten die Lage als "angespannt". Als Gründe nennen die Befragten den Krieg, die Zahl der Toten, die Mobilmachung, Drohnenangriffe und das fehlende Gefühl für eine Zukunft. Das Vertrauen junger Menschen in die Fernsehpropaganda sinkt, in den sozialen Medien rufen sie zum Ende des Krieges auf. Auch Putins Zustimmungswerte gehen zurück.

Unter den Eliten ist die Stimmung noch schlechter. Das größte Problem, sagt ein Insider, sei weniger die Wirtschaft oder das Ausbleiben militärischer Erfolge als die Zeit, die der Krieg verschlungen habe: Unabhängig vom Ausgang seien fast fünf Jahre ein Scheitern.

Unter den Eliten wachse das Gefühl, sagt ein weiteres Mitglied dieser Kreise, dass der Zar nackt dastehe. Keine der wirtschaftlichen oder politischen Schwierigkeiten Russlands ist für Putin unmittelbar tödlich: Er verfügt über die wirtschaftlichen Mittel und den Repressionsapparat, um weiterzumachen. Doch auf die Wahrnehmung kommt es an.

Putin mag seine Ziele in der Sprache der Geopolitik formulieren. Tatsächlich aber folgt er der kriminellen Logik seines Regimes: Niemals Schwäche zeigen. Russlands System verfügt über eine hohe Toleranz gegenüber Gewalt, kennt jedoch keine Nachsicht mit Versagen.

Putin dürfte glauben, dass ein Ende des Krieges, ohne auch nur sein Minimalziel erreicht zu haben – die vollständige Eroberung des ukrainischen Donbass –, ihn körperlich in Gefahr bringen würde. "Sie werden mich aufhängen", soll er laut einem Insider irgendwann während des Krieges zu einigen seiner Vertrauten gesagt haben.

Lange Schlangen vor einer Tankstelle in Moskau: den Anschein des normalen Lebens für die russische Bevölkerung zerstört
Lange Schlangen vor einer Tankstelle in Moskau: den Anschein des normalen Lebens für die russische Bevölkerung zerstört
REUTERS/Anastasia Barashkova

Den Krieg in seiner gegenwärtigen Form fortzuführen, ist allerdings ebenfalls keine Lösung. "Von Trägheit bestimmte Szenarien sind für den Kreml nachteilig", sagt ein Mitglied der russischen Elite. Sie verbrauchten lediglich wirtschaftliche Ressourcen und verschlängen politisches Kapital.

All das könnte eine Eskalation attraktiv erscheinen lassen. Doch was genau sie bedeuten würde, ist unklar. Wahrscheinlich wird Russland seine hybride Kriegsführung und Sabotage gegen die Verbündeten der Ukraine verstärken und Nachschubrouten von Europa in die Ukraine ins Visier nehmen. Westliche Geheimdienste befürchten, dass Russland Fabriken in Europa angreifen könnte, die Material für die ukrainischen Kriegsanstrengungen herstellen. Zugleich gehen sie davon aus, dass Putin eine direkte militärische Konfrontation mit der NATO vermeiden will.

Innerhalb der Ukraine würde eine Eskalation vor allem bedeuten, die bereits laufenden russischen Operationen auszuweiten. Am 30. August erklärte das russische Verteidigungsministerium, es bereite einen massiven Angriff auf die ukrainische Energieinfrastruktur vor. Doch die Ukraine rechnet ohnehin mit solchen Attacken als Teil der russischen Großoffensive, mit der Moskau in diesem Winter den Widerstandswillen des Landes brechen will.

Was den Bodenkrieg betrifft, berichten russische Quellen, Putin habe sich dazu entschlossen, weitere 300.000 bis 400.000 Männer in den Fleischwolf zu schicken. Eine neue Mobilisierungswelle muss er dafür nicht ausrufen: Seinen ursprünglichen Mobilisierungsbefehl hat er nie aufgehoben.

Putin bei einem Truppenbesuch Anfang August auf der Insel Sachalin im Pazifik: weitere 400.000 Mann für den Fleischwolf
Putin bei einem Truppenbesuch Anfang August auf der Insel Sachalin im Pazifik: weitere 400.000 Mann für den Fleischwolf
via REUTERS

Die zusätzlichen Soldaten dürften unter dem Druck regionaler Regierungen rekrutiert werden, damit sich möglicher politischer Unmut auf lokaler Ebene hält. Die Behörden testen das neue Rekrutierungssystem bereits in der Region Pensa, rund 750 Kilometer südöstlich von Moskau.

Putin könnte außerdem die Repression gegen vermeintliche "innere Feinde" verschärfen – nicht etwa, weil diese seine Macht bedrohten, sondern weil er Stärke demonstrieren muss. Nichts davon wird eines der Probleme Russlands lösen. Wahrscheinlich wird es lediglich das Leid der Bevölkerung vergrößern und zur Instabilität beitragen – innerhalb wie außerhalb des Landes.

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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"

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