Prognosemarktplattformen sehen die Demokraten als klare Sieger der Zwischenwahlen für den US-Kongress, das Rechenmodell des Economist ist zurückhaltender. Einig sind sich alle Vorhersagen darin, dass Donald Trumps aggressiver Wahlkampf nicht hilfreich war.

Es war ein aufreibender Wahlkampf für die Republikaner. Sie mussten sich mit einem unbeliebten, allgegenwärtigen Donald Trump und einer Wählerschaft auseinandersetzen, die über seine Politik zunehmend erbost ist. Der Präsident hatte versprochen, die Preise für die Amerikaner zu senken. Stattdessen hat er einen Krieg begonnen und Zölle verhängt, die die Preise in die Höhe getrieben haben.
Die Versuche, sich durch einen parteipolitisch motivierten Neuzuschnitt der Wahlkreise eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zu sichern, scheinen gescheitert zu sein: Das Prognosemodell des Economist beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, dem Unterhaus des Kongresses, erringen, auf 94 Prozent.
Im Senat sehen sich die Republikaner gezwungen, Sitze in einstigen Hochburgen zu verteidigen. Die Ausgaben für Wahlwerbung dürften bei diesen Zwischenwahlen einen neuen Rekord erreichen und sogar die Kosten des Präsidentschaftswahlkampfs von 2024 übertreffen.

Doch während die Amerikaner an die Urnen treten, erleben die Republikaner erstmals seit Monaten eine günstige Nachrichtenlage. In Michigan hat Haley Stevens, eine proisraelische Demokratin, die die parteiinterne Vorwahl für den Senat knapp gegen den progressiveren Abdul El-Sayed verloren hatte, in letzter Minute eine Wahlempfehlung für Mike Rogers ausgesprochen, den republikanischen Kandidaten.
Im Senatswahlkampf in Alaska wiederum gerät Mary Peltola, die demokratische Kandidatin, durch einen Bericht der New York Times unter Druck. Demnach soll ihr Wahlkampfteam einen Kandidaten mit demselben Namen wie ihr republikanischer Gegenkandidat angeworben haben, um diesem Stimmen abzujagen. Werden diese Auseinandersetzungen noch ins Gewicht fallen?
Beide Meldungen kamen zu spät, als dass sich ihre Auswirkungen bereits in den Umfragedurchschnitten niederschlagen könnten. Auch die Prognosemärkte zeigen sich unbeeindruckt von den Nachrichten – obwohl die juristischen Auseinandersetzungen um Peltolas Wahlkampf sich noch wochenlang hinziehen dürften.
Auf der Finanz- und Prognosemarktplattform Kalshi liegt ihre Siegwahrscheinlichkeit weiterhin bei 72 Prozent, genauso hoch wie am Vorabend der Veröffentlichung des Times-Berichts. Die Siegwahrscheinlichkeit von Abdul El-Sayed stieg unterdessen bis zum Nachmittag des 2. November auf 78 Prozent. Dieser Wert spiegelt die Reaktion der Händler auf die letzte Umfragerunde wider, die von der Kooperation zwischen der New York Times und der Siena University veröffentlicht wurde – einem der renommiertesten Meinungsforschungsinstitute der Vereinigten Staaten.
Die am 1. November publizierten Ergebnisse deuten nicht nur auf eine blaue Welle, sondern geradezu auf einen Tsunami hin: El-Sayed lag mit elf Prozentpunkten vorn. In den übrigen umkämpften Senatswahlkreisen betrug der Vorsprung der Demokraten zwischen einem und sieben Prozentpunkten.
An den Prognosemärkten gelten die Demokraten inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent als Favoriten auf die Mehrheit im Senat. Nate Silver, Amerikas bekanntester quantitativer Wahlprognostiker, räumt ihnen eine Siegwahrscheinlichkeit von 82 Prozent ein. Das eigene Prognosemodell des Economist ist allerdings vorsichtiger: Es beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Mehrheitswechsels im Senat auf lediglich 53 Prozent.

Hauptgrund für diese Diskrepanz ist, dass unser Modell auf Grundlage historischer Daten davon ausgeht, dass die Umfragen landesweit den Vorsprung der Demokraten um etwa einen Prozentpunkt überschätzen werden. Besonders ausgeprägt ist diese Abweichung in Bundesstaaten, die üblicherweise republikanisch wählen. Dazu zählen in diesem Jahr ausgerechnet mehrere Staaten, die für die demokratischen Hoffnungen auf eine Mehrheit im Senat entscheidend sein könnten: Texas, Alaska, Iowa, Kansas und Ohio.
In den eher demokratisch geprägten Bundesstaaten sowie in den politisch umkämpften Staaten liegt unser Modell ungefähr auf einer Linie mit den Prognosemärkten. Deutlich skeptischer beurteilt es hingegen die Fähigkeit der Demokraten, tief in republikanisches Kernland vorzudringen.
In den fünf besonders umkämpften republikanischen Staaten Alaska, Iowa, Kansas, Ohio und Texas liegt unsere Schätzung der demokratischen Siegwahrscheinlichkeit jeweils rund 20 Prozentpunkte unter den von Kalshi implizierten Werten. Das entspricht einem Unterschied von etwa 2,5 Prozentpunkten bei den erwarteten Stimmenanteilen. In Ohio etwa zeigen die Umfragen, dass der Vorsprung des Demokraten Sherrod Brown gegenüber dem republikanischen Amtsinhaber Jon Husted schrumpft.
Dennoch sieht unser Modell die Demokraten in genügend Bundesstaaten vorn – darunter Maine, Michigan und North Carolina –, um ihnen 49 Sitze im Senat zu sichern. In drei weiteren Staaten – Alaska, Ohio und Texas – stehen ihre Chancen jeweils bei 50 Prozent. Dort könnten sie den entscheidenden 50. Sitz und damit auch den 51. Sitz erringen, der ihnen die Mehrheit verschaffen würde.
Das ist ein Beleg dafür, wie stark sowohl Trump als auch viele seiner auserkorenen Kandidaten auf Wähler abschreckend wirken. Zu ihnen zählen etwa Ken Paxton in Texas und Roger Marshall in Kansas.
Zu den Staaten, in denen ein demokratischer Sieg zwar unwahrscheinlich, aber keineswegs ausgeschlossen ist, gehört inzwischen auch South Carolina. Trump hatte dort vor zwei Jahren noch mit 18 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Lindsey Graham, der den Bundesstaat mehr als 20 Jahre lang im Senat vertreten hatte, starb im Juli. Sein Nachfolger wurde seine Schwester Darline, die keinerlei politische Erfahrung mitbringt. In der vergangenen Woche kam das Umfrageteam der New York Times und der Siena University zu dem Ergebnis, dass das Rennen unentschieden ist.

In den letzten Tagen des Wahlkampfs haben beide Parteien daher noch einmal alles darangesetzt, die Wähler für sich zu gewinnen. Trumps Schlussplädoyer folgt dabei keineswegs den üblichen Mustern eines Wahlkampfabschlusses. Statt eine schlüssige Bilanz seiner Amtszeit zu präsentieren, setzt er auf haltlose Behauptungen, El-Sayed sei ein Dschihadist, auf Prahlereien über neue Rohre im Spiegelbecken der Hauptstadt und auf überschwängliches Lob für Husteds Hinterteil. Trumps politische Inszenierung mag manchen Kandidaten dabei helfen, die eigene Basis zu mobilisieren. In den politisch umkämpften Bundesstaaten wird sie jedoch zum Problem.
Die Demokraten setzen auf eine deutlich einfachere Botschaft: Trump sei es wichtiger, sein eigenes Vermögen zu mehren, als den einfachen Amerikanern zu helfen. "Wir stecken in einer Krise der Bezahlbarkeit, weil wir eine Korruptionskrise haben", erklärte James Talarico am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Houston.
Talarico will als erster Demokrat seit mehr als drei Jahrzehnten einen Senatssitz für Texas gewinnen. Unser Modell beziffert seine Erfolgsaussichten auf 52 Prozent. Dass das Rennen derart knapp ist, verdeutlicht sowohl die Chancen, die sich aus Trumps Unbeliebtheit ergeben, als auch die Herausforderung für die Demokraten, diesen politischen Vorteil tatsächlich in einen Wahlsieg umzumünzen.
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