Die Netflix-Reihe "Monster" lässt die berühmtesten Serienkiller der USA wieder auferstehen. Nach Jeffrey Dahmer, den Menendez-Brüdern und Ed Gein steht in Staffel 4 mit "Die Geschichte von Lizzie Borden" nun erstmals eine Täterin im Zentrum der Ereignisse.

"Monster" von Serienschöpfer Ryan Murphy ist zweifelsohne weit mehr als nur eine weitere True-Crime-Serie: Dank ihrer Tiefe und Komplexität und der kreativen, kunstvollen Gestaltung geht das Format über eine simple Rekonstruktion von Verbrechen weit hinaus. "Monster" reflektiert stets auch Fragen nach dem Ursprung des Bösen. Sie hinterfragt Begriffe wie Wahrheit, Voyeurismus, Popkultur – und damit am Ende sich selbst.
Wie bereits in Staffel 3 "Die Geschichte von Ed Gein" ist Murphys langjähriger Kreativpartner Ian Brennan auch diesmal alleinig für Story und Drehbuch verantwortlich. Er legt die Geschichte von Lizzie Borden, einer jungen Frau aus dem späten 19. Jahrhundert, der die Tötung ihres Vaters und ihrer Stiefmutter zur Last gelegt wurde, als Mischung aus Historienstück und (sexueller) Emanzipationsgeschichte an. Und er zeigt die spätere Täterin auch als Opfer ihrer Umstände (Erziehung!) und ihrer Zeit.
Es ist das Jahr 1893: Lizzie Borden (Ella Beatty, Tochter von Hollywood-Legende Warren Beatty und Annett Benning) wächst unter privilegierten Verhältnissen im viktorianischen Fall River, Massachusetts auf. Ihr Vater Andrew (Charlie Hunnam, er spielte den Ed Gein in Staffel 3) verdient als Hersteller edler Särge und Inhaber eines Bestattungsunternehmens gutes Geld, bemüht sich aber nicht nennenswert um eine Beziehung zu seiner jüngsten Tochter. Sie scheint ihm egal zu sein.
Stattdessen muss Lizzie ihre bösartige Stiefmutter Abby (Rebecca Hall) tagaus, tagein ertragen, eine furchtbare Person, die Freude darin findet, ihre Stieftochter und Hausangestellte zu erniedrigen. Diese zwanghafte Bösartigkeit entspringt ihren eigenen Traumata, die eine fatale Verbindung mit viktorianischen Zwängen gehobener Schichten eingehen, was Lizzies Zuhause zu einem goldenen Käfig macht. Sie solle sich doch endlich einen Mann suchen, meint die Stiefmutter etwa, nur um sofort hinterherzuschicken, dass das mit ihrem Pferdegesicht wohl doch unmöglich sei.
Eine unerwartete Verbündete und Freundin findet Lizzie indes im neuen Hausmädchen Bridget "Maggie" Sullivan (Vicky Krieps). Sie ist weit gereist, hat die Welt gesehen und ist zudem wesentlich selbstbewusster und unangepasster als die Frauen, die Lizzie bislang kennt. Zwischen den beiden entsteht schnell eine ungewöhnlich intensive Beziehung, die für Lizzie zu einer Art Gegenwelt zu ihrem kalten Familienleben wird. Erstmals erwachen auch eigene Wünsche und sexuelle Begierden in ihr.
Die Idee, die lieblosen Eltern loszuwerden, wird zuerst von Bridget als Samen gepflanzt und beginnt schließlich zu wachsen. Als die Stiefmutter eines Tages Lizzies geliebte Tauben brutal tötet, schlägt auch in ihr das Pendel um: Genug ist genug, die Alten müssen weg. Gemeinsam schmieden Lizzie und Bridget einen Plan, Vater und Stiefmutter mit vergammelten Meeresfrüchten zu vergiften. Wider Erwarten überleben die beiden. Also muss eine stärkere Waffe her: Eine Axt aus Andrews Sammlung …
Insbesondere Staffel 3 von "Monster" über den nekrophilen Serienkiller Ed Gein wurde von manchen vorgeworfen, es mit den historischen Tatsachen nicht so genau zu nehmen und das eine oder andere dazuzudichten. Diese Kritiker verstanden nicht, dass das pure Absicht war. Und dass es dem Autor keineswegs um eine akkurate Rekonstruktion der realen Geschehnisse ging, sondern um mehr.

Das Resultat war eine Meta-Serie, die auch ihre eigene, popkulturelle Rolle reflektierte. Das war Teilen des Publikums zu anspruchsvoll. Der reale Fall wurde als Grundlage für eine komplexe Ergründung des Bösen genommen.
Dieselben Zuseher werden auch mit "Die Geschichte der Lizzie Borden" wenig Freude haben, denn der Zugang ist hier ein ähnlicher: Der reale Fall dient lediglich als Vorwand, eine viel breitere Geschichte zu erzählen, deren zentrale Themen diesmal weibliche Emanzipation, toxische gesellschaftliche Strukturen vor dem Hintergrund des Viktorianismus, aber auch allgemein "weibliche Gewalt" sind.
So macht die Serie auch einige Seitensprünge zu anderen berühmten Mörderinnen der Geschichte. Lizzie-Borden-Darstellerin Ella Beatty gibt in einigen Passagen auch die angebliche ungarische "Blutgräfin" Elizabeth Báthory aus dem 16. Jahrhundert. Und in einem anderen Nebenfaden der Handlung wird auch die Brücke zu Serienmörderin Aileen Wournos geschlagen, die in den 1990ern als Prostituierte arbeitete und sieben Männer tötete. Ihre Geschichte wurde eindrucksvoll von Charlize Theron in dem Film "Monster" (sic!) erzählt.
Auch zu Staffel 2 von "Monster" über die Brüder Menendez gibt es Parallelen. In beiden Fällen geht es um junge, nahezu jugendliche Elternmörder. Mehr noch als dort wird die Täterin hier als Opfer ihrer Umstände gezeichnet. Das eigentliche Monster, so wirkt es zumindest in den ersten Folgen, ist die böse Stiefmutter – ein aus zahlreichen Märchen bekanntes Motiv.

Apropos historische Akkuratesse: Besonders ins Auge sticht diesmal die Ausstattung, die Rekonstruktion des viktorianischen Neuengland. Hier wurde viel Wert auf Details gelegt, immer wieder überraschen Dekoration und historische Artefakte. Diese Schönheit steht im krassen Kontrast zur eigentlichen Geschichte.
Wer Netflix' "Monster"-Reihe schon bisher dafür schätzte, universelle Themen auf kreative, anspruchsvolle und filmisch kunstvolle Weise zu reflektieren, wird auch mit Staffel 4 viel Freude haben. Wer True Crime einzig zu Grusel- und Schockzwecken konsumiert, sollte stattdessen besser auf eine der zahlreichen entsprechenden Dokus zurückgreifen, die es ebenfalls auf Netflix gibt.
"Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden", Horror, Drama. USA 2026, 8 Episoden à ca. 40-60 Minuten, Netflix