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Roy Cohn

Wer war der Mann, dem wir Donald Trump zu verdanken haben?

Er war skrupellos, heimlich homosexuell und auf seiner Beerdigung weinte Donald Trump: Roy Cohn war 10 Jahre lang der wichtigste Berater des US-Präsidenten. Eine neue Biografie beleuchtet das Verhältnis zwischen Trump und seinem 1986 verstorbenen Mentor.

Roy Cohn und Donald Trump lernten sich 1973 kennen, bis zu seinem Tod 1986 blieb der Anwalt einer der wichtigsten Berater des heutigen US-Präsidenten
Roy Cohn und Donald Trump lernten sich 1973 kennen, bis zu seinem Tod 1986 blieb der Anwalt einer der wichtigsten Berater des heutigen US-PräsidentenAPA-Images / Everett Collection / ©HBO
NewsFlix Redaktion
Akt. 06.09.2026 02:39 Uhr

Manhattan, 1973: In einem exklusiven Privatclub sitzt ein junger Immobilienentwickler mit blonden Haaren und blauen Augen an der Bar. Ein kleiner, drahtiger Mann mit stechendem Blick mustert ihn von oben bis unten, ehe die beiden ins Gespräch kommen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die Amerika für immer verändern sollte. Es ist der Moment, als sich Donald Trump und sein späterer Mentor Roy Cohn kennenlernen.

Jahrzehnte später sitzt Donald Trump zum zweiten Mal im Weißen Haus und lässt die ganze Welt nach seiner Pfeife tanzen. Und Roy Cohn, wenn er noch lebte, würde das bestimmt gefallen. Aber wer war der Mann, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten stärker geprägt hat als jeder andere?

Eine soeben erschienene Biografie wirft ein Licht auf die Beziehung zwischen Donald Trump und Roy Cohn, berichtet der Guardian. In "American Scoundrel" (etwa: "Ein amerikanischer Schurke") zeichnen Pulitzer-Preisträger Kai Bird (er erhielt die Auszeichnung für seine Oppenheimer-Biographie, nach der Christopher Nolan seinen Oscar-prämierten Film drehte) und seine Frau Susan Goldmark nach, wie es kommen konnte, dass ein völlig skrupelloser Anwalt den heutigen Präsidenten der USA nach seinem Vorbild formen konnte.

Was Sie über Roy Cohn und sein Verhältnis zu Donald Trump wissen müssen - die wichtigsten Infos im Überblick:

Roy Cohn (Mitte) mit Senator Joseph McCarthy (r.) und dem Soldaten David Schine, mit dem Cohn damals angeblich ein Verhältnis hatte
Roy Cohn (Mitte) mit Senator Joseph McCarthy (r.) und dem Soldaten David Schine, mit dem Cohn damals angeblich ein Verhältnis hatte
APA-Images / Everett Collection

Wer war Roy Cohn?
Einer der berüchtigtsten Anwälte Amerikas. Geboren 1927, schloss er mit nur 20 Jahren sein Jurastudium ab. Mit 27 zierte er bereits das Cover des Time Magazine. Er war Chefankläger im Prozess gegen die russischen Spione Julius und Ethel Rosenberg und maßgeblich dafür verantwortlich, dass die beiden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Später wurde er die rechte Hand von Senator Joseph McCarthy während der berüchtigten Kommunistenjagd im Amerika der 1950er-Jahre.

Wie lernten sich Cohn und Trump kennen?
Die beiden trafen sich 1973 im exklusiven "Le Club" in Manhattan. Interessanterweise erzählt Trump die Geschichte heute anders als früher: Statt dass er selbst auf den mächtigen Anwalt zuging (wie früher behauptet), sagt er nun, Cohn habe ihn erkannt. Womit der Präsident bereits eine typische Cohn-Lektion umsetzt: Erzähle die Geschichte immer so, wie es dir passt.

Was hat Cohn seinen Schützling noch gelehrt?
Von Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre war Cohn Trumps wichtigster Berater im gnadenlosen New Yorker Immobiliengeschäft. Und seine Lektionen waren brutal: Wie man von Verbindungen zur organisierten Kriminalität profitiert. Wie man dem Gesetz immer einen Schritt voraus bleibt. Wie man rücksichtslos lügt und niemals Fehler oder Niederlagen zugibt.

Warum sagte Trump einmal: Wo ist mein Roy Cohn?
Im Jahr 2017, mitten im Skandal um angebliche Russland-Verbindungen, soll Trump einmal gefragt haben: "Where is my Roy Cohn?" Er vermisste offenbar jemanden, der Krisen so skrupellos managen konnte wie sein verstorbener Mentor. Trump hat mehrfach öffentlich erklärt, dass er Cohn noch immer vermisst und bewundert.

Welche Rolle spielte Cohn in der McCarthy-Ära?
Cohn war weit mehr als nur McCarthys Assistent – er war das eigentliche Hirn hinter der Hexenjagd auf angebliche Kommunisten. Während McCarthy ein populistischer Senator war, der Schlagzeilen suchte, war Cohn der Ideologe. Er führte die Verhöre durch und war von der Gefahr des Kommunismus überzeugt. Als jüdischer Amerikaner wollte er damit auch seine eigene Loyalität beweisen.

Wie endete die McCarthy-Ära für Cohn?
Die 1954 erstmals im TV übertragenen McCarthy-Anhörungen gegen die US Army brachten den Senator schließlich zu Fall – ausgelöst durch Roy Cohns Versuche, einen anderen jungen Mitarbeiter McCarthys namens G. David Schine vom Militärdienst zu befreien. Senatoren deuteten an, dass Cohn und Schine ein Liebespaar waren. Cohn war tatsächlich homosexuell, outete sich aber nie öffentlich.

Jeremy Strong (l.) als Roy Cohn und Sebastian Stan als junger Donald Trump in der Film-Biographie "The Apprentice"
Jeremy Strong (l.) als Roy Cohn und Sebastian Stan als junger Donald Trump in der Film-Biographie "The Apprentice"
Apprentice Productions Inc./​ Profile Productions/​ Tailored Films LTD

Standen sich Trump und Cohn möglicherweise etwas näher als bislang angenommen?
Der skrupellose, raubtiergleiche Anwalt sei "ganz klar von Donald Trump angezogen gewesen", sagt Cohn-Biograf Kai Bird. "Als er ihn kennenlernte, war Trump 27 Jahre alt. Er war groß, blond, blauäugig und einigermaßen wohlhabend. Er entsprach also Roys Typ. Ich glaube nicht, dass zwischen ihnen etwas Sexuelles lief, aber es gab eine gewisse Dynamik und ein Muster in Roys Freundschaften."

Warum war Cohn so umstritten?
Cohn war ein Mann der extremen Widersprüche. Er konnte charmant und großzügig sein, war aber auch ein sexuelles Raubtier. Die Biografie enthüllt erschütternde Geschichten über Missbrauch. Gleichzeitig pflegte er Kontakte zu Rupert Murdoch, Ronald Reagan und anderen einflussreichen Persönlichkeiten. Drei Anklagen konnten ihm nie etwas anhaben.

Hat Trump selbst für das neue Buch gesprochen?
Ja, und die Umstände waren bizarr. Autor Kai Bird rief Trump für seine Recherchen viermal auf dessen persönlicher Nummer an – und Trump ging jedes Mal ans Telefon. Die Gespräche dauerten acht bis zehn Minuten. Beim letzten Anruf meinte Trump laut Kai Bird: "Dafür habe ich keine Zeit. Sie sollten diese Nummer nicht benutzen. Ich bin der Präsident. Russland ruft an. China ruft an." Dann fügte er hinzu: "Vielleicht kann ich das Buch bewerben. Alles, was ich bewerbe, wird Nummer eins. Natürlich müsste es fair sein."

Wann starb Roy Cohn?
Der Jurist starb 1986 im Alter von 59 Jahren an AIDS. Wie er seine Sexualität leugnete, so leugnete er auch seine Krankheit bis zuletzt und behauptete, an Leberkrebs zu leiden. Kurz vor seinem Tod wurde ihm die Anwaltslizenz wegen unethischen Verhaltens entzogen. Zu seinen 36 Leumundszeugen gehörten neben Trump auch der Autor William F. Buckley Jr. und die TV-Moderatorin Barbara Walters.

Hat Trump seinen Mentor im Stich gelassen?
Es gibt ein berühmtes Zitat, wonach Cohn sagte: "Donald pisst Eiswasser." Das sei aber nicht ganz zutreffend, so die Biografie. Trump hielt zwar mehr Abstand, als er erfuhr, dass Cohn an AIDS sterben würde. Doch er lud seinen Mentor noch im März 1986 zu einem feierlichen Abschiedsessen nach Mar-a-Lago ein – nur fünf Monate vor Cohns Tod. Bei der Trauerfeier wurde Trump weinend gesehen.

"American Scoundrel" von Kai Bird und Susan Goldmark, Scribner, ab ca. 25 Euro
"American Scoundrel" von Kai Bird und Susan Goldmark, Scribner, ab ca. 25 Euro
Scribner

Warum ist das Buch gerade jetzt relevant?
Trump ist wieder im Weißen Haus, hält die halbe Welt im Würgegriff – und die Parallelen in seinem Handeln zu Cohns Methoden sind unübersehbar. Die brutale Rhetorik, der Krieg gegen das sogenannte Woke-System, das Leugnen jeder Niederlage – all das trägt Cohns Handschrift. Die Biografie hilft zu verstehen, woher Trumps politischer Instinkt stammt.

Welche kulturellen Darstellungen von Cohn gibt es?
Roy Cohn ist eine feste Größe der amerikanischen Kulturgeschichte. Er spielt eine zentrale Rolle in Tony Kushners Theaterepos "Angels in America" über die AIDS-Krise. 2024 verkörperte ihn der Schauspieler Jeremy Strong im Trump-Biopic "The Apprentice". Ein Teil von Cohns Archivs gehört heute übrigens R.E.M.-Sänger Michael Stipe, der auch den Song "Exhuming McCarthy" schrieb.

"American Scoundrel" von Kai Bird und Susan Goldmark, bislang nur in Englisch erhältlich, Scribner, ab ca. 25 Euro

NewsFlix Redaktion
Akt. 06.09.2026 02:39 Uhr