Neue Zölle, mehr Erpressungen, noch höhere Ansprüche: An Kanada probiert der US-Präsident seine neuesten Schikane-Methoden aus. Funktionieren sie, richtet er sie auch gegen andere Länder. Aber Gleiches mit Gleichem zu vergelten, könnte sich als Irrweg erweisen.

Die Gordie-Howe-International-Brücke ist 2,5 Kilometer lang – und ein Lehrstück darüber, wie gefährlich es sein kann, Donald Trump entgegenzukommen.
Kanada hat die gesamten Baukosten von 6,4 Milliarden kanadischen Dollar (4,6 Milliarden US-Dollar bzw. 4 Mrd. Euro) für die schmucke neue Verbindung über den Detroit River in die USA übernommen. Monatelang drohte der amerikanische Präsident anschließend, ihre Eröffnung zu verhindern. Erst als die USA einen Anteil an den Mauteinnahmen zugesprochen bekamen, lenkte Trump ein. Ende Juli rollten schließlich die ersten Fahrzeuge über die Brücke.
Kanadier rieben sich die Augen angesichts der ausweichenden Erklärung ihres Premierministers Mark Carney zu diesem Erpressungsmanöver. Doch damit war die Demütigung noch nicht vorbei. Trump dankte dem kanadischen Regierungschef für dessen Entgegenkommen, indem er neue Zölle von 50 Prozent auf eine Reihe kanadischer Waren ankündigte.
Europa und der Rest der Welt sollten genau hinschauen. Denn Trump hat eine Vorliebe dafür, Kanada mit neuen Waffen der Handelspolitik oder mit Gebietsansprüchen unter Druck zu setzen – und dieselben Instrumente später gegen andere Länder zu richten. Diesmal könnte Kanada sogar zum Versuchskaninchen für eine neue Ära der amerikanischen Zollpolitik werden.
Sollten die neuen Abgaben am 19. August in Kraft treten, wäre Kanada das erste Land, gegen das Trump Paragraf 338 des Smoot-Hawley Tariff Act von 1930 einsetzen würde. Das Gesetz erlaubt dem Präsidenten, Zölle als Reaktion auf eine vermeintliche Diskriminierung amerikanischer Waren zu verhängen. Dafür braucht er, anders als bei den Notstandszöllen, die der Oberste Gerichtshof der USA im Februar zurückgewiesen hat, nicht einmal die Zustimmung des Kongresses.

"Das sieht sehr nach der Zukunft von Donald Trumps Handelspolitik aus, weil es ihm mehr Spielraum gibt", sagt Eric Miller, Chef der Washingtoner Handelsberatung Rideau Potomac Strategy Group.
Diesen Spielraum nutzt Trump nun, um kanadische Exporte im Wert von 20 Milliarden Dollar mit Zöllen zu belegen – von Eishockeystöcken bis zu Honig. Sie kommen zu den bereits bestehenden Abgaben hinzu, die Kanadas Auto-, Stahl-, Aluminium-, Holz- und Kupferindustrie schwer getroffen haben.
Besonders brisant: Die neuen Zölle gelten auch für Waren, die unter das USMCA fallen, das nordamerikanische Freihandelsabkommen. Genau das war bei den 2025 verhängten Notstandszöllen noch anders.
Mark Carney glaubt offenbar, dass er noch Verhandlungsspielraum besitzt. Hoffentlich behält er recht. Denn sein überraschender Wahlsieg 2025 beruhte nicht zuletzt auf dem Versprechen, Trump Paroli zu bieten. Carney kündigte an, Kanada werde ein "noch besseres Abkommen" als das USMCA aushandeln.
Seitdem allerdings hat Ottawa ein Zugeständnis nach dem anderen gemacht. Kanada verzichtete auf seine Digitalsteuer, die vor allem amerikanische Social-Media-Konzerne getroffen hätte. Später nahm die Regierung den Großteil ihrer Vergeltungszölle zurück und verzichtete auf eine weitere Abgabe auf Streamingdienste wie Netflix.
Trump zeigte sich davon wenig beeindruckt. "Wir brauchen sie nicht", sagte er am 28. Juli, kurz vor den Verhandlungen mit Mexiko und Kanada über das USMCA. "Das Abkommen ist für sie wichtig. Für uns ist es nicht wichtig."

Diese Geringschätzung hinterlässt inzwischen auch innenpolitische Spuren. Besonders die Affäre um die Gordie-Howe-Brücke hat Carney zugesetzt.
Kanada hatte sich bereits 2012 bereit erklärt, den Bau vollständig zu finanzieren. Im Gegenzug sollte das Land sämtliche Mauteinnahmen erhalten, bis die eigenen Kosten wieder eingespielt wären. Nachdem Trump ein neues Abkommen verlangt und durchgesetzt hatte, beteuerte Carney immer wieder, Kanada werde seine Ausgaben weiterhin zuerst zurückerhalten.
Dann veröffentlichte US-Handelsminister Howard Lutnick einen triumphierenden Beitrag, der diese Darstellung praktisch zerlegte. Tatsächlich wird die US-Regierung nun in den ersten 15 Betriebsjahren die Hälfte der Nettoeinnahmen aus der Brücke kassieren – nach Abzug der Betriebskosten, aber noch vor der Schuldentilgung. Kanada dürfte das rund 300 Millionen kanadische Dollar kosten.
Das Vertrauen schwindet entsprechend. Laut einer am 26. Juli veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Angus Reid sank der Anteil der Kanadier, die darauf vertrauen, dass Carney mit Trump einen guten Deal aushandeln kann, zwischen April und Juli um acht Prozentpunkte.
Gleichzeitig ist der Ärger über Trumps Zölle groß. Fast zwei Drittel der Befragten wollen, dass Carney mit eigenen Zöllen zurückschlägt. Nur: Damit würden die Kanadier sich womöglich selbst am härtesten treffen.
"Man muss verstehen, dass man hier auch dem kanadischen Volk in den Magen schlägt, wenn man dem Tyrannen zurückschlägt", sagt Justin Wolfers von der University of Michigan.
Carney setzt deshalb weiter auf Verhandlungen. Er hat seine Unterhändler zurück nach Washington geschickt, mit dem Auftrag, die Gespräche über eine Verlängerung des USMCA zu intensivieren. Anfang Juli hatte die Trump-Regierung solche Verhandlungen noch abgelehnt. Eine Einigung könnte jedoch jederzeit zustande kommen.
Kanadas schärfstes Druckmittel will Carney allerdings nicht einsetzen: die Energieexporte in die USA.

1930 war Kanada weniger zurückhaltend. Damals reagierte das Land auf den Smoot-Hawley Tariff Act (auf den Trump sich nun wieder beruft) sogar präventiv und verhängte eigene Zölle auf amerikanische Waren, noch bevor das Gesetz überhaupt in Kraft getreten war. Viele andere Länder taten es Kanada gleich.
Das Ergebnis war verheerend. Innerhalb von vier Jahren brach der nominale Wert des Welthandels um zwei Drittel ein. Zugleich erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Tiefpunkt.
So unangenehm es sein mag: Die Kanadier sollten deshalb hoffen, dass Carney an seiner Entschlossenheit festhält. Und der Rest der Welt sollte hoffen, dass andere Staats- und Regierungschefs es ihm gleichtun, wenn Trump seine neuen Zölle gegen sie richtet.
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