Christian nusser

Als ich an Bord von Flug OS 456 beinahe vom Himmel fiel

Eine Maschine der Singapore Airlines stürzte vor Thailand 1,8 Kilometer in ein Luftloch. Ursache: Turbulenzen. Ein Passagier starb, 30 wurden verletzt. Ich weiß, wie das ist. Vor 31 Jahren habe ich dasselbe erlebt.

Christian Nusser (Newsflix) mit der "Kurier"-Ausgabe aus 1993
Christian Nusser (Newsflix) mit der "Kurier"-Ausgabe aus 1993
Helmut Graf
Christian Nusser
Akt. Uhr
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Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man vom Himmel fällt? Ich musste die Frage 1993 ein paar Mal beantworten und ich kann das auch noch 31 Jahre später ganz gut, denn manche Ereignisse im Leben vergisst man nicht so schnell, einige gar nie.

Nun, wer vom Himmel fällt, verliert zunächst tatsächlich den Boden unter den Füßen. Aber richtig grimmig wird es erst, wenn sich das Flugzeug fängt. Dann kommt zur Geltung, dass es Flügel hat, was im Normalbetrieb hilfreich ist. Im Notfall aber geraten ebendiese Flügel in Schwingung und katapultieren in der Kabine alles, was nicht angeschnallt oder fixiert ist, Richtung Decke. Das kann böse enden.

In der Nacht auf Dienstag erwischte eine Boeing 777-300ER von Singapore Airlines auf dem Weg von London nach Singapur Turbulenzen. In einigen Berichten ist zu lesen, dass es sich um clear-air turbulences (CAT) handelte, also Klarluftturbulenzen aus dem Nichts. Aus dem heiteren Himmel also. Bestätigt ist das noch nicht, aber die Schilderungen der Betroffenen decken sich auffallend mit dem, was ich erlebt habe.

Die Boeing 777-300ER war am Pfingstmontag um 22.17 Uhr Ortszeit in Heathrow gestartet. 211 Passagiere und 18 Crewmitglieder befanden sich an Bord. Elf Stunden später geriet die Maschine über dem Andamanensee vor der Küste Thailands in Schwierigkeiten. Sie wurde nach Bangkok umgeleitet, wo sie um 16 Uhr notlandete.

"Das Flugzeug begann sich plötzlich nach oben zu neigen und wurde durchgeschüttelt", schilderte einer der Passagiere an Bord. "Die Maschine sank rasend schnell ab, dann wurde jeder, der saß und keinen Sicherheitsgurt trug, an die Decke geschleudert." Am Flugradar ist zu sehen, dass die Singapur-Boeing von 37.000 Fuß (also rund 11,3 Kilometer) auf 31.000 Fuß (9,5 Kilometer) abfiel. Zunächst war zu lesen, dass der Vorgang zwischen drei oder fünf Minuten gedauert haben soll, später war von zwei Minuten die Rede. Aus meiner Erfahrung denke ich, dass der eigentliche freie Fall nur einen Bruchteil davon gedauert hat.

Laut Flugdaten hatte die Höhenveränderung nicht direkt etwas mit den Turbulenzen zu tun, sie passierte offenbar 17 Minuten danach und war Teil des Notanflugs auf den Flughafen in Bangkok.*

So oder so, die Folgen an Bord waren verheerend. Ein 73-jähriger Brite starb, er war herzkrank, dürfte einen Infarkt erlitten haben. Alle Reanimations-Versuche an Bord misslangen. Seine Frau wurde ins Spital gebracht. 30 Personen wurden verletzt, sie erlitten meist Brüche oder Platzwunden. Am Flugfeld warteten zehn Rettungsfahrzeuge, die alle Betroffenen versorgten oder in Spitäler brachten. Passagiere berichteten, dass kurz vor dem Zwischenfall das Anschnallzeichen aufgeleuchtet sei.

Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Reuters
Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Reuters

Man lebt nur einmal, heißt es, ich kann das so nicht bestätigen, man kann auch zwei oder drei Leben haben. Bei mir hat diese Erkenntnis mit zwei Zwischenfällen im Flugverkehr zu tun. Im Juni 1984 war ich Grundwehrdiener beim Jägerbataillon 25 in Klagenfurt. Es handelt sich um eine Luftlande-Einheit, man ist viel mit Hubschraubern und Flugzeugen unterwegs. Andere gehen beim Bundesheer gern in die Luft, ich bin das tatsächlich.

Ende des Monats hatten wir eine einwöchige Übung zu absolvieren, Flüge mit einer Pilatus PC-6 "Turbo Porter" gehörten zum Programm. In der Maschine gab es keine Sitze, also für die Piloten schon, für die Soldaten nicht, die saßen eng an eng auf einer Art Resopalplatte am Boden und so ging es im Konturenflug über die Südkärntner Landschaft. Konturenflug heißt, dass der Pilot das Flugzeug knapp über den Boden führt. Weil Kärnten nicht das Burgenland ist, es also Berge und keine Hügel gibt, ging es ziemlich auf und ab.

Gegen Ende der Übungswoche bekam ich ein paar Tage frei, um in Wien Prüfungen zu absolvieren, ich hatte das Studium für den Präsenzdienst unterbrochen. Am 27. Juni 1984 stürzte eine Pilatus Porter" bei der Übung, an der ich eben noch teilgenommen hatte, in Ebenthal bei Klagenfurt ab. Keiner der Insassen überlebte. Der Pilot und sechs Menschen aus meinem Verband starben.

Zehn Krankenwagen standen auf dem Flughafen in Bangkok bereit
Zehn Krankenwagen standen auf dem Flughafen in Bangkok bereit
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Neun Jahre später war ich privat ein paar Tage in London. Am 8. September 1993 ging es mit dem AUA-Flug 456 nach Wien zurück. Die "Paris" hob um 19.45 Uhr in Heathrow ab, 104 Passagiere waren an Bord, ich saß in Reihe 21. In Linz beginnt's, heißt es und tatsächlich begann es an diesem Tag in Linz. Und wie! Aus heiterem Himmel! Ohne Vorwarnung, nicht einmal ein gröberer Windstoß war zuvor spürbar.

Als der Pilot mit dem Landeanflug auf Wien begann, ich weiß das noch, er hat uns das über den Bordfunk mitgeteilt, sackte der AUA-Airbus plötzlich nach unten ab. Es war ein seltsames Gefühl. So als wäre man vorher in der Luft gehalten worden und würde nun losgelassen werden. Man fällt in einer tiefes Loch.

Mit einem Mal ist alles anders. Menschen kreischen auf, schreien. Später erfuhr ich, es sollen nur 50 Meter gewesen sein, die das Flugzeug nachgab, ich hege und pflege meine Zweifel. 30 Sekunden soll der Zwischenfall gedauert haben, Was wirklich passiert ist, erfuhren wir nie.

Der Abfall ist gruselig, in diesen Momenten denkst, das war es dann. Irgendwo bei Ybbs-Persenbeug liegt für dich eine Wiese bereit. Wirklich schlimm wird es aber erst nach den 30 Sekunden, nach dieser gefühlten kleinen Ewigkeit, in der du nicht weißt, was mit dir gerade passiert. Denn da fasst der Airbus wieder Halt und das Trägheitsgesetz beginnt seine Wirkung zu entfalten, also ich denke, es ist das Trägheitsgesetz. Die Flügel wirken nun wie Katapulte, sie schwingen mehrmals auf und ab wie Adlerflügel und schleudern in der Kabine alles nach oben, was nicht festgezurrt ist.

Ein Baby, einige Reihen vor mir, fliegt durch die Luft, schlägt gegen die Deckenverschalung. So ergeht es vielen. Wer nicht angeschnallt ist, für den gibt es keine Rettung. Es bietet sich ein bizarres Bild. Als würden sie im luftleeren Raum schweben, fliegen Menschen durch die Kabine, durchschlagen Leseleuchten, Gepäckfächer. Zeitungen, Kaffeebehälter, Coladosen, Lesebrillen, Handtaschen, alles segelt durch die Luft.

Die Maschine der Singapore Airlines musste in Bangkok notlanden
Die Maschine der Singapore Airlines musste in Bangkok notlanden
Reuters
Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Innenaufnahme aus dem Flugzeug der Singapore Airlines nach der Landung in Bangkok
Reuters

Eine Flugbegleiterin ist gerade mit dem Duty-free-Wagen auf dem Weg nach vorne, als es passiert. Sie wird, wie von einer unsichtbaren Kraft erfasst, in die Luft geschleudert. Nachdem sie auf dem Boden gelandet ist, fällt ihr der Duty-free-Wagen auf den Unterschenkel. Sie erleidet mehrere Brüche.

Ich habe Glück, ich bin angeschnallt. Es presst mich in den Gurt, ich merke einen heftigen Ruck, sonst passiert nichts.

Die Studentin neben mir hat es nicht so gut. Sie will sich gerade niedersetzen, als sie wie von einer Welle erfasst wird. Sie kracht mit dem Kopf gegen die Decke, das Plastik geht zu Bruch, ein paar blonde Haare bleiben in der Verschalung hängen. In der Luft wird sie um 180 Grad gedreht, kracht auf den Boden. Ich habe sie übrigens zwei Jahre später geheiratet, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Maschine hat sich in der Zwischenzeit gefangen. Es ist nun totenstill, kein Gekreische mehr, nichts. Alle sind schreckensbleich. Viele haben blutende Wunden. In der Bordküche ist einiges zu Bruch gegangen, die Stewardessen waten in Scherben. Der Mann am anderen Sitz neben mir hat sich die Unterlippe aufgeschnitten, er blutet stark. Jeder hilft jedem, so gut es geht. Der Pilot meldet sich: "Wir sind gerade eine CAT durchflogen." Niemand weiß, was das ist. Erst später erfahren wir: eine clear-air turbulance.

Christian Nusser (Newsflix) mit der Doppelseite aus dem "Kurier" 1993 über den Flugunfall
Christian Nusser (Newsflix) mit der Doppelseite aus dem "Kurier" 1993 über den Flugunfall
Helmut Graf

Eine Flugbegleiterin wird von einer Kollegin zu einem Sitz geführt, sie ist blutüberströmt, die Strümpfe sind zerrissen. "Ist ein Arzt an Bord?" meldet sich eine brüchige Stimme via Lautsprecher. Drei Mediziner melden sich.

Nach 20 Minuten landen wir in Wien-Schwechat, Zeit kann eine Zeitlang dauern. Der Pilot hat keine Priorität angemeldet, er schwebt ganz normal ein. Später sagt er, nichts von den Problemen mitbekommen zu haben. Er habe ein Glas Wasser neben sich stehen gehabt, nichts sei übergeschwappt.

So etwas wie Krisenmanagement gibt es nicht. Also keine Psychologen oder andere Betreuer am Flughafen. Wer nicht verletzt ins Krankenhaus gebracht wird, nimmt in all dem Schock seinen Anschlussflug oder fährt heim. Ich nicht, ich nehme ein Taxi in die Redaktion, damals stand mein Tisch noch beim "Kurier" und schreibe die Geschichte für die Morgenausgabe, ein bisschen verrückt war ich immer schon, das ist nicht erst mit dem Alter gekommen. Irgendwann zwischendrin schaut Chefredakteur Peter Rabl bei der der Tür herein und lässt mich machen. Es gibt noch kein Internet und kein Social Media, keine Smartphones für Leserreporter-Fotos, die AUA hat kein Interesse an einer Kommunikation, also bleibt mir die Reportage exklusiv. Es hätte nicht sein müssen.

17 Menschen werden gröber verletzt, aber keiner stirbt, Glück im Unglück heißt das wohl. Um das Glück nicht noch einmal ins Unglück zu stürzen, schnalle ich mich seitdem an. Immer.

* Ergänzung, danke für die Hinweise

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