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Grusel, Graus & Geisterstunde

Aus Freude am Fürchten: Warum Horror an Halloween guttun kann

Normalerweise meiden die meisten Menschen Furcht einflößende Erlebnisse. Aber in der Nacht auf den 1. November suchen wir sie vollkommen freiwillig – und das aus gutem Grund: Die Konfrontation mit Gruseln kann helfen, unangenehme Gefühle besser auszuhalten.

Gezielter Grusel: Die bewusste Konfrontation mit angstauslösenden Situationen hilft uns zu lernen, Angst auszuhalten, sagt die Forschung
Gezielter Grusel: Die bewusste Konfrontation mit angstauslösenden Situationen hilft uns zu lernen, Angst auszuhalten, sagt die ForschungGetty Images
Lena Schöndorfer
Akt. 30.10.2026 19:29 Uhr

Während wir Angstzustände im Alltag möglichst vermeiden möchten, suchen wir sie in unserer Freizeit oft ganz bewusst. Ganz besonders deutlich wird das alljährlich rund um Halloween. Gruselpartys, Horrorfilme und Furcht einflößende Kostümierungen elektrisieren unsere Sinne und fluten den Körper mit Adrenalin.

Aber warum gruseln wir uns eigentlich freiwillig so gerne? Und kann das selbstgewählte Fürchten unsere Angsttoleranz erhöhen? Wer sich in sicherer Umgebung gerne gruselt, kann Angst bewusst erleben und den Umgang damit üben, schreibt das Time Magazine.

Doch nicht jede angstvolle Konfrontation tut uns auch wirklich gut. Was die Forschung dazu sagt, wann der Nervenkitzel zur Belastung wird und was dagegen helfen kann – die wichtigsten Fragen und Antworten zu unserer Lust am Gruseln:

"Süßes oder Saures" heißt es bei uns, in Amerika sagen die Kinder "Trick or Treat" – "Streich oder Leckerei": wie das ganze fest, stammt auch dieser Brauch eigentlich aus Europa
"Süßes oder Saures" heißt es bei uns, in Amerika sagen die Kinder "Trick or Treat" – "Streich oder Leckerei": wie das ganze fest, stammt auch dieser Brauch eigentlich aus Europa
Getty Images/iStockphoto

Warum feiern wir eigentlich Halloween?
Das Fest des 31. Oktobers wirkt wegen seiner schillernden Aufmachung wie ein amerikanischer Import, hat aber tatsächlich europäische Wurzeln. Der Name des Gruseltages kommt eigentlich von "All Hallows' Eve", dem Abend vor Allerheiligen. Irische Einwanderer brachten ihre Bräuche im 19. Jahrhundert in die USA. Halloween verbindet christliche Traditionen rund um Allerheiligen mit älteren Sitten, die unter anderem auf das keltische Fest "Samhain" zum Übergang in die dunkle Jahreszeit zurückgeführt werden.

Welche typischen Bräuche sind bis heute geblieben?
Verkleidungen, "Süßes oder Saures"-Späße und Kürbislaternen schnitzen: Vieles, was heute zu Halloween gehört, hat ältere Vorläufer. In Irland und Schottland zogen Menschen kostümiert von Haus zu Haus und bekamen für Lieder, Gedichte und kleine Darbietungen Essen oder Geld. Das heutige Gegenstück dazu: Kinder ergattern mit ihren grusligen (oder auch herzigen) Verkleidungen vor allem Süßigkeiten.

Warum suchen wir an Halloween eigentlich freiwillig Grausen und Grusel?
Weil der Angstzustand hier einen sicheren Rahmen hat: Was den Reiz ausmacht, ist die Furcht, die sich echt anfühlt, obwohl keine reale Bedrohung existiert. Menschen können in geschützter Umgebung intensive Emotionen erleben und dabei lernen, mit Angstgefühlen umzugehen. Wir können uns auf etwas Aufregendes einlassen und gleichzeitig wissen, dass wir den Horrorfilm ausschalten oder auf die nächste gruslige Attraktion aus eigenen Stücken verzichten können.

Was passiert bei Angst im Körper?
Wenn wir erschrecken, reagiert unser Körper automatisch nach dem Schema der berühmten Kampf-oder-Flucht-Reaktion: Die Herzfrequenz steigt, Adrenalin wird ausgeschüttet, die Muskeln spannen sich an. Unser Körper ist in Alarmbereitschaft und bereitet sich auf eine mögliche Gefahr vor. Das Bewusstsein unterscheidet nicht zwischen echter und gespielter Bedrohung – zumindest nicht sofort.

Kann Konfrontation bei echten Ängsten helfen?
Tatsächlich ja: Wer sich kontrolliert bestimmten nervenaufreibenden Situationen aussetzt, kann laut Experten die eigene Angsttoleranz erhöhen. Der Wiener Psychotherapeut Martin Metzler beschreibt diese bewusste Konfrontation als Exposition, eine zentrale Behandlungsmethode der Verhaltenstherapie. Hierbei geht es um das schrittweise Heranarbeiten an die Angst. In einer kontrollierten Situation, etwa während einer Therapie, lernen Patienten, dass sie die Angst aushalten können, ohne tatsächlich in Gefahr zu sein.

Wo ist der Haken?
"Angst ist nicht gleich Angst", so Martin Metzler. Es gibt viele verschiedene Arten von Angst. Die Frage sei immer, um welche es sich handelt. Wer eine überschaubare gruslige Situation freiwillig erlebt, kann die Erfahrung machen: "Das fühlt sich unangenehm an, trotzdem komme ich damit zurecht." In der Therapie wird dieses Vorgehen allerdings auf die jeweilige Person und ihre Angst abgestimmt. Ein Halloween-Abend ersetze keine Behandlung einer Angststörung, so der Psychotherapeut.

Eine überraschende Konfrontation kann Angst noch verstärken, so Psychotherapeut Martin Metzler. Wer eine Spinnenphobie hat, profitiert nicht automatisch von einer Schocktherapie
Eine überraschende Konfrontation kann Angst noch verstärken, so Psychotherapeut Martin Metzler. Wer eine Spinnenphobie hat, profitiert nicht automatisch von einer Schocktherapie
Getty Images

Kann der Grusel auch nach hinten losgehen?
Kurz gesagt: Ja. Nicht jede Angst sollte gleichgesetzt werden, erklärt Metzler. Eine überraschende oder überfordernde Konfrontation kann seiner Einschätzung nach Angst sogar verstärken. Wer unter einer starken Spinnenphobie leidet, profitiert deshalb nicht automatisch davon, an Halloween mit einem der Krabbeltierchen erschreckt zu werden. Eine solche Aktion ist keine therapeutische Herangehensweise.

Was hilft bei Angstzuständen?
Eine bewährte Technik ist die 4-7-8-Atmung: Vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden den Atem anhalten, acht Sekunden ausatmen. Das aktiviert den Parasympathikus und beruhigt das Nervensystem. Außerdem: Während einer Panikattacke oder einem Angstzustand helfen auch Wahrnehmungsübungen. Hierbei konzentriert man sich auf seine unmittelbare Umgebung: Welche Gegenstände sehe ich? Welche Geräusche höre ich? Wie fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an?

Wie können Gerüche Angstzustände verbessern?
Auch bestimmte Düfte nennt der Psychotherapeut als mögliche Hilfestellung in einem akuten Angstzustand. Unser Gehirn verarbeitet Gerüche im selben Areal wie Angst. Ein starker Duft lenkt die Aufmerksamkeit auf einen konkreten Sinneseindruck und holt uns damit zurück ins Hier und Jetzt. So kann die Angst "leiser gestellt" werden.

Sind Horrorfans psychisch widerstandsfähiger?
Forschungen des US-amerikanischen Psychologen Coltan Scrivner von der Arizona State University legen das zumindest nahe. Während der Corona-Pandemie gaben Horrorfans in einer Studie eine geringere psychische Belastung an – möglicherweise, weil Gruselfilme den Umgang mit bedrohlichen Situationen gedanklich erproben lassen. Dass Horror tatsächlich resilienter macht, beweist die Untersuchung allerdings nicht: Sie zeigt lediglich einen Zusammenhang.

Warum fasziniert uns das Makabre so sehr?
US-Psychologe Coltan Scrivner erklärt diese Faszination mit unserer Neugier auf mögliche Gefahren. Dahinter könnte ein evolutionärer Vorteil stecken: Wer Bedrohungen versteht, ist besser darauf vorbereitet. Horrorfilme und Gruselgeschichten erlauben uns, solche Situationen aus sicherer Entfernung zu erleben. Scrivner beschreibt es im Standard als "eine Art angenehmer Angst", die wir verspüren.

Szene aus der neuen Amazon-Prime-Serie "Carrie": Horrorfilme und Gruselgeschichten erlauben uns, solche Situationen aus sicherer Entfernung zu erleben
Szene aus der neuen Amazon-Prime-Serie "Carrie": Horrorfilme und Gruselgeschichten erlauben uns, solche Situationen aus sicherer Entfernung zu erleben
Courtesy of Prime

Wie beeinflusst Beisammensein das Angstempfinden?
Gemeinsam gruselt es sich leichter: Wenn wir mit anderen Menschen schaurige Situationen erleben, verändert sich unsere Wahrnehmung. Die soziale Verbindung gibt Sicherheit und macht das Erlebnis erträglicher. Deshalb schauen viele Menschen Horrorfilme lieber mit Freunden als allein.

Kann zu viel Horror schaden?
Das hängt vom Einzelfall ab. Grundsätzlich ist der Konsum von Horrormedien für die meisten Menschen unbedenklich. Wer allerdings bereits unter Angststörungen leidet oder sich nach einem Horrorfilm unwohl fühlt, sollte vorsichtig sein. Besonders bei Kindern ist ein altersgerechter Umgang mit derartigen Stoffen unerlässlich.

Lena Schöndorfer
Akt. 30.10.2026 19:29 Uhr