Keine Sorge, es geht auch in dieser achtteiligen Serien-Adaption des ersten Romans von Horror-Großmeister Stephen King übersinnlich und blutig genug zu. Trotzdem ist vieles anders als in Buch und Film – und das keineswegs zum Nachteil des Stoffes. Auf Amazon Prime.

"Harry Potter", "Herr der Ringe", "Cross", zuletzt "Kap der Angst" und "East of Eden": All diese Stoffe verbindet, dass sie zuerst als Buch erschienen sind, dann als Filme adaptiert wurden, die ihrerseits prägend und erfolgreich waren. Und nun, im Streaming-Zeitalter, eine Serien-Adaption bekommen. Man mag das mangelnde Kreativität nennen, oder Berechnung seitens der Studios. Und es gibt einige Beispiele, die zeigen, wie man es nicht machen sollte, etwa "Kap der Angst".
Die Übung kann aber auch gelingen. Es gibt durchaus gelungene Klassiker-Auffrischungen in Serie, die das meist deshalb sind, weil sie den Ursprungsstoff aktualisieren, neu kontextualisieren und frische Aspekte hinzufügen. Bereicherung und Aufwertung ist die Maxime, nicht unnötige Aufblähung. Mike Flanagans "Carrie"-Adaption in acht Episoden, jetzt bei Amazon Prime zu sehen, scheint das mit Bravour gelungen zu sein.
Die Geschichte der Carrie White darf als hinlänglich bekannt gelten. In kurzen Worten: Ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenenalter (in der Serie gespielt von Summer H. Howell) wächst, von der Außenwelt abgeschirmt, bei ihrer kontrollsüchtigen, religiös-fanatischen Mutter Margaret (Samantha Sloyan) auf. In der Serie gibt es auch noch einen Vater, der aber durch einen Unfall tragisch ums Leben kommt, wodurch die Behörden auf das Teenagerin, die bislang von ihrer Familie rigoros von der realen Welt abgeschottet worden ist, überhaupt erst aufmerksam werden.
Als Voraussetzung dafür, das Sorgerecht zu behalten, muss Mama Margaret zustimmen, Carrie in eine öffentliche High School zu schicken und selbst einen Job in einem Supermarkt annehmen. Für Carrie ist diese erste Konfrontation mit der "echten Welt" zuerst erschreckend, dann aber zunehmend befreiend, inspirierend und aufregend. Auf Erfahrungen mit Mobbing folgen erste Freundschaften mit Gleichaltrigen, der erste Besuch einer Bibliothek – sie liebt Bücher, bisher ihre einzigen Fenster zur Welt – und eine erste Party.
Zugleich kommt es immer wieder zu schwer erklärlichen Vorfälle: Dinge bewegen sich, Lichtquellen flackern, Türen schlagen, wenn immer Carrie besonders erregt ist, als würde sie von einer übernatürlichen Kraft beseelt sein, die unterdrückter Wut Ausdruck verleiht. Wer die Geschichte kennt, weiß, dass die Sache kein gutes Ende nehmen wird.
"Carrie" ist einer DER Klassiker der modernen Unterhaltungsliteratur: Das Orginal-Buch von Stephen King aus dem Jahr 1974 wurde millionenfach verkauft und mehrfach verfilmt, wobei Brian de Palmas erste Adaption aus 1976 heute ebenfalls als Klassiker des Horrorfilms gilt, und das völlig zurecht. Die Fallhöhe für Serienschöpfer Mike Flanagan ist also entsprechend hoch, seine Arbeit muss dem Vergleich mit de Palmas Meisterwerk standhalten.
Flanagan, der bereits zuvor mehrere Stephen-King-Adaptionen ("Gerald's Game", "The Life of Chuck") vorgelegt hat, stellt sich dieser Herausforderung auf clevere Weise: Er macht den Stoff zu seinem, verlegt die Handlung in die Gegenwart, ohne die thematische Essenz des Werks zu leugnen oder zu verlieren, und legt seine "Carrie"-Version als einfühlsam und intelligent erzählte Coming-of-Age-Story an.
Die Modernisierung des Stoffs gelingt auf authentische Weise: Reste des christlich-religiösen Fanatismus, der der White-Familie in der Vorlage und auch im 1976er-Film eingeschrieben ist, bleiben erhalten, werden aber um rezente Verschwörungstheorien um den "böswilligen Staat", staatliche "Bevormundung" und "moralisch verkommene Eliten" ergänzt, die nicht nur in den USA Wurzeln geschlagen haben. Dadurch bekommt "Carrie" eine aktuelle Relevanz.
Auch Social-Media-Schattenseiten spielen eine bedeutende Rolle. Natürlich eignen sie sich als "Tools" besonders gut für Mobbing. Der durchaus realistische und tragische Kern der Aussage bleibt aber gleich: Carrie wird nur deshalb zum Opfer, weil sie anders ist.

Daran hat sich leider, trotz aller Bemühungen um Inklusion und Diversität, wenig geändert, seit Horrormeister Stephen King die Geschichte aufgeschrieben hat. Nur die äußeren Formen sind andere geworden. Einmal mehr wird einem hier bewusst, wie klug und zeitlos Kings Vorlage und De Palmas Film waren, die diesen Aspekt bereits damals so treffend dargestellt hatten.
Schließlich muss man die darstellerische Leistung von Summer H. Howell als Titelfigur besonders hervorheben. Die 22-jährige Kanadierin ist keine Neue im Horror-Genre und hat bereits in kleineren Produktionen Erfahrung gesammelt, wovon man "Hunter Hunter" (2020) herausstreichen muss. "Carrie" ist bisher ihr größter Auftritt.
Wie Flanagan, muss auch sie sich mit einem überlebensgroßen Vorbild messen lassen: Sissy Spacek hatte die Titelfigur 1976 gespielt, es war der Beginn einer großen Karriere und bis heute eine der ikonischen Darstellungen im Horrorfilm. Doch Summer H. Howell meistert die Herausforderung mit Bravour und schafft es durch ihr nuanciertes und glaubhaftes Spiel, große Sympathien für ihre tragische Figur zu wecken.
Fazit: Wenn schon Klassiker als Serien-Adaption, dann so: Mike Flanagan bleibt nah genug an Vorlage und Vorbild, macht sich den berühmten "Carrie"-Stoff aber zu eigen und aktualisiert seine thematischen Aspekte. Das Ergebnis ist eine rundum gelungene Serie. Nebenbei bemerkt, auch die erste wirklich gute Amazon-Produktion seit einer ganzen Weile.
Carrie, Horror, Drama. USA 2026, 8 Episoden à ca. 50-60 Minuten, Amazon Prime