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10 blitz-Massnahmen

Blumenwiesen statt Wüsten: So kann Österreich seine Medien retten

Alle reden über die ORF-Wahl. Aber die Entscheidung, ob Zeitungen, TV und Radio in Österreich eine Überlebenschance haben, fällt zu einem ganz anderen Termin. Medienprofi Alexander Wrabetz über den D-Day und was nun passieren muss. Und das schnell!

Alexander Wrabetz im Parlament: Hier fällt im Juli die Entscheidung über die Zukunft der heimischen Medien
Alexander Wrabetz im Parlament: Hier fällt im Juli die Entscheidung über die Zukunft der heimischen MedienHelmut Graf
Alexander Wrabetz
Akt. 31.05.2026 23:34 Uhr

Der Schlüsseltermin für die Zukunft der österreichischen Medien ist nicht der 11. Juni. An diesem Tag wird am Wiener Küniglberg die neue ORF-Generaldirektorin oder der neue Generaldirektor des ORF bestellt. Der guten Ordnung halber sei festgehalten: Ich habe mich nicht beworben.

Der Termin der Wahrheit ist allerdings der 10. Juli 2026. An diesem Tag wird im Parlament das Doppelbudget 2027/2028 samt Budget-Begleitgesetz beschlossen. Und um es in der nötigen Klarheit zu sagen: Sind die im nachfolgenden Text vorgeschlagenen und im Regierungsprogramm weitgehend enthaltenen Maßnahmen darin nicht abgebildet, dann ist der Zug abgefahren.

Dann verlieren die real existierenden österreichischen Privatmedien, also Print, Radio oder TV, zusätzlich 500 Millionen Euro. Durch ungebremste KI-Disruption und fehlenden Support durch die Republik, durch ein fehlendes Verständnis für die nötige Resilienz und Transformation.

Österreich hat eine im internationalen Vergleich bemerkenswert vielfältige Medienlandschaft: Tageszeitungen, Magazine und deren digitale Angebote erreichen täglich über 70 Prozent der Bevölkerung, beim Radio sind es 75 Prozent, bei den österreichischen TV-Sendern linear und im Stream 70 Prozent.

Am 10. Juni hält Finanzminister Markus Marterbauer seine Budgetrede im Nationalrat
Am 10. Juni hält Finanzminister Markus Marterbauer seine Budgetrede im Nationalrat
Helmut Graf

Dieses Medien-Ökosystem hat Österreich auf dem Weg zur modernen Demokratie begleitet und bislang vor massiver Meinungsmanipulation durch Techplattformen und fremde Mächte geschützt. Die Online- und Social-Media-Revolution hat die Medien extrem gefordert. Nun erschüttert der KI-Tsunami die Branche in ihren Grundfesten.

Artificial Intelligence als globaler Monopolisierungs-Turbo

Die Zahlen sind alarmierend: Der Abfluss von Werbegeld aus Österreich zu Google, Meta und Co. hat sich in fünf Jahren von 1,6 auf 2,7 Milliarden Euro erhöht. 2025 vereinten Google, Meta und Amazon bereits 62 Prozent des weltweiten digitalen Werbemarktes auf sich — mit stark steigender Tendenz.

Die 2025 eingeführten KI-Lösungen wie Googles AI Overviews, Gemini und Metas neue KI-Targeting-Architektur leiten Werbung und Publikum immer effizienter an den Medien vorbei.

Diese Entwicklung betrifft natürlich auch Radio- und lineares Fernsehen. KI-gestützte Mediaplanungstools für Audio-und-Video-Werbung bevorzugen die Plattformen. Der TV-Werbemarkt verzeichnete 2025 einen signifikanten Rückgang.

Immer mehr Werbegeld aus Österreich fließt an US-Techkonzerne wie Meta von Mark Zuckerberg
Immer mehr Werbegeld aus Österreich fließt an US-Techkonzerne wie Meta von Mark Zuckerberg
Reuters

„Content Laundering" als Geschäftsmodell

KI-Chatbots substituieren zunehmend News-Angebote. Medieninhalte werden abgeschöpft und generative KI-Modelle synthetisieren aus mehreren Quellen einen neuen Text: "AI-mediated content". Polemisch formuliert „Content-Wäsche".

Aufwendig produzierter Content klassischer Medien wird ohne Bezahlung in neuer Verpackung als eigenes Produkt „verkauft". Bereits 70 Prozent aller Google-Suchanfragen zu Nachrichten enden ohne einen einzigen Klick auf eine Medienwebsite. Und das im Jahr eins der neuen KI-Medien.

Darüber hinaus bekommen digitale Medienabos durch KI-Chatbots massive zusätzliche Konkurrenz im Kampf um die Mediaspendings der Haushalte.

Stagflation der Wirtschaft und Stagnation der Medienpolitik in Österreich

Gleichzeitig mit der disruptiven Veränderung durch KI belasten Inflation und Stagnation der Wirtschaft die Lage der Medien. Die massive Reduktion von öffentlichen Inseraten und Förderungen entziehen der Branche zusätzliche Mittel.

2025 wurde als „annus horribilis" des österreichischen Medienmarktes bezeichnet. Für die Katastrophen der Jahre 2026/27 fehlen noch die richtigen Worte.

Künstliche Intelligenz wird den österreichischen Medienmarkt noch einmal grob durchschütteln
Künstliche Intelligenz wird den österreichischen Medienmarkt noch einmal grob durchschütteln
iStock

Je nach politischer Einstellung wird die absehbare Entwicklung mit Hinweis auf Budgetnöte hingenommen oder von Big-Tech-Ideologen mit kaum verhohlener Freude als „notwendige Marktbereinigung" gefeiert.

Ohne rasches Handeln aber wird — gleichzeitig mit der stattfindenden substanziellen Schwächung des ORF — das gesamte österreichische Medien-Ökosystem von einer vielfältigen „Blumenwiese" zu einer der weltweit immer häufiger anzutreffenden „media deserts", zu einer Medienwüste also.

Die Information der österreichischen Bevölkerung steuern dann die Algorithmen der Big-Tech/KI-Oligarchen.

Das widerspricht den Zielen des gefeierten „European Media Freedom Act", dem Regierungsprogramm und (fast) allen medienpolitischen Bekenntnissen der letzten Jahre.

2025 war für Medien ein Horrorjahr, für 2026 fehlen noch die Worte
2025 war für Medien ein Horrorjahr, für 2026 fehlen noch die Worte
Helmut Graf

Als Sofortprogramm zur Stärkung der Resilienz UND Förderung der Transformation der österreichischen Medien sollten die nachfolgenden 10 Punkte des Regierungsprogramms rasch umgesetzt und ergänzt werden.

10 Maßnahmen zur Rettung der Medien

  • Umsetzung der Vertriebsförderung für die papierbasierten Medien.
  • Sofortige Erhöhung der Transformationsförderung auf 20 Millionen Euro für 2026 und auf je 50 Millionen Euro für 2027 und 2028, wie vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und dem Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) gefordert.
  • Stopp der Diskriminierung heimischer Medien bei öffentlichen Inseraten und Einführung einer verpflichtenden Kommunikationsquote von zumindest 80 Prozent in österreichischen Medien auf dem im Regierungsprogramm festgelegten Niveau.
  • Schaffung einer gemeinsamen programmatischen Vermarktungsplattform aller österreichischen Medienanbieter, um digitale Werbung der öffentlichen Hand und öffentlicher Unternehmen wettbewerbsfähig und transparent in österreichischen digitalen Medien zu platzieren — als Alternative zur Dominanz internationaler Adtech-Plattformen.
  • Schaffung einer österreichischen Contentbasis für österreichische KI-Produkte. Eine gemeinsame Plattform soll mit Inhalten der heimischen Medien Trainingsdaten sammeln und aufbereiten.
  • Die gemeinsame Plattform soll österreichischen Medien die Basis für Verwertung Ihrer Contents oder eigener KI-Produkte bieten.
  • Keine zusätzlichen Abgaben für österreichische und europäische Medienanbieter.
  • Anpassung des Wettbewerbsrechts, um Medienkooperationen zu ermöglichen, die eine wettbewerbsfähige Positionierung gegenüber den Techplattformen im KI-Zeitalter sicherstellen.
  • Zweckbindung der Digitalabgabe: Bei einem prognostizierten Anstieg der digitalen Werbeabflüsse aus Österreich auf 3 Milliarden Euro 2027 steigen die Einnahmen aus der bestehenden Digitalabgabe auf rund 150 Millionen Euro — ausreichend für alle notwendigen Maßnahmen, und vor allem budgetneutral (die Digitalabgabe war ja nur mit dem Kontext zur Förderung österreichischer Medien international durchsetzbar.
  • Entwicklung eines Zukunftsplans Medien, der die Resilienz der bestehenden Medienversorgung durch transparente Förderungen sicherstellt und gleichzeitig Forschung, Entwicklung und Transformation in Richtung KI und Digitalisierung gezielt unterstützt.

Österreich hat ein funktionierendes, vielfältiges und resilientes Medien-Ökosystem aufgebaut — es zu erhalten und für die KI-Welt fit zu machen, ist keine medienpolitische Kür. Es ist eine demokratische Pflicht.

Alexander Wrabetz war lange Jahre Manager in verschiedenen Unternehmen und von 2007 bis 2021 Generaldirektor des ORF. Seit November 2022 ist der studierte Jurist Präsident des SK Rapid. Seit März 2026 ist Wrabetz "Bevollmächtigter der Stadt Wien für den Medienstandort Wien im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz"

Alexander Wrabetz
Akt. 31.05.2026 23:34 Uhr