Am Weg ins Wochenende falsch abgebogen? Zum Weltwirtschaftsgipfel flog Emmanuel Macron als Tom Cruise ein. Frankreichs Staatspräsident trug Pilotenbrille, 659 Euro teuer. Das beflügelte Verkäufe und ließ den Aktienkurs abheben.

Manche Telefonate können Leben verändern. Nicht immer weiß man das im Moment, aber im Rückblick öffnet sich die Perspektive.
Im Sommer 2024 erhielt Stefano Fulchir einen Anruf aus dem Élysée-Palast. Dort residiert Emmanuel Macron und das erste Rätsel taucht auf: Warum wusste Frankreichs Staatspräsident eineinhalb Jahre vorab, dass er im Jänner 2026 eine Augenentzündung haben wird?
Stefano Fulchir ist CEO von Henry Jullien. Das französische Unternehmen gehört seit drei Jahren zur italienischen iVision Tech-Gruppe und stellt Sonnenbrillen her. Keine 3-Euro-Ramschware wie von Shein oder Temu, sondern feine Handarbeit.
Die Fertigung des Modells, um das es hier geht, umfasst bis zu 279 Arbeitsschritte. Die Herstellung dauert gut und gerne vier Monate.
Momentan hat Fulchir buchstäblich alle Hände voll zu tun und das liegt auch an dem Anruf 2024. Das Büro des Präsidentenpalastes habe ihn kontaktiert, um "ein Paar unserer meistverkauften Pacific 01 S aus unserer Gold-Laminated-Kollektion zu bestellen", erzählte er dem Le Figaro. Die Brillen sollten "einem Würdenträger beim G20-Gipfel überreicht werden."

Dem Präsidenten sei es wichtig gewesen, dass unsere Brillen tatsächlich in Frankreich produziert und montiert werden, sagt Fulchir, aber das mit dem Würdenträger dürfte nicht ganz geklappt haben. Denn Macron tauchte am Dienstag dieser Woche am Weltwirtschaftsgipfel in Davos auf und trug höchstselbst die Pacific 01 S aus der Gold-Laminated-Kollektion.
Das kann passieren, aber nicht Macron. Er ist einerseits einer gewissen Eitelkeit nicht abgeneigt, andererseits weiß er natürlich auch um die Wirkung seines öffentlichen Auftritts. Er kam nicht aus einem reinen Zufall heraus mit der Brille in die Schweiz, der Zufall war gut geplant und noch besser inszeniert.
Die Pilotenbrille ging um die Welt und der Träger mit ihr. Aber nicht allein Macron profitierte von Macron, sondern auch Henry Jullien. Der Aktienkurs, der die vergangenen Monate über auf Talfahrt gewesen war, nahm nun den Lift nach oben und das in einem Tempo, als stünde er unter dem Einfluss von Substanzen.
Die Webseite verzeichnete Ausfälle, was im Einzelfall als Erfolg gewertet wird. Dann nämlich, wenn kein technischer Defekt den Zutritt hemmt, sondern die große Menge der Laufkundschaft.
Der Firmenchef des Unternehmens aus Lons-le-Saunier, eineinhalb Autostunden nördlich von Lyon, hatte 2024 Geschick bewiesen. Als Antwort auf den Anruf schickte er eine Brille an den Élysée-Palast – und bekam Post zurück.
"Ich habe Ihr Schreiben und Ihr freundliches Geschenk erhalten. Ich bin sehr dankbar für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Worte und möchte Ihnen dafür herzlich danken", schrieb ihm Macron mit Datumstempel 8. Juli. Die geschenkte Brille behielt er, bestand aber darauf, sie zu bezahlen, angeblich sogar mit eigenem Geld.
Ab Dienstag dieser Woche ging dann das Telefon von Fulchir über. Bilder und Videos von Macron mit den tiefblauen Brillen im Gesicht fluteten das Netz und einen Tag später noch einmal, denn da machte sich Donald Trump über seinen französischen Amtskollegen lustig.
Er habe ihn gestern mit seiner schönen Sonnenbrille gesehen, sagte er plötzlich mitten hinein in die zeitweise wirre Rede in Davos. "Was zum Teufel ist passiert? Ich habe gesehen, dass er irgendwie den harten Kerl spielen wollte."
Henry Jullien nutzte die Bilder des harten Kerls und jagte ein Instagram-Posting hinaus bei der Tür. Es geriet etwas schwülstig, aber diente schließlich einem guten Zweck. Beim Meeting in Davos habe "Eleganz einen unerwarteten Protagonisten gefunden" war zu lesen. Warum zum Teufel ist mir das nicht eingefallen, wird sich Trump vielleicht gedacht haben.
Macron erläuterte die Gründe nicht, die ihn veranlasst hatten, zu Pete Maverick zu werden. Aber es drang durch, dass er an einer Augenentzündung leiden soll, ein geplatztes Äderchen vielleicht. Sonnenlicht soll schlecht sein bei der Erkrankung, die man nicht kennt. Also Pacific 01 S aus der Gold-Laminated-Kollektion.

Das Modell ist ein Bestseller und wird schon seit über zehn Jahren produziert. Die Brille ist komplett handgefertigt, inklusive der hochwertigen Gläser mit dem blauen Spiegeleffekt, die in Frankreich im Werk Dalloz hergestellt werden. Die vielen Anspielungen auf den Film "Top Gun" von 1986 mit Tom Cruise kommen nicht von ungefähr.
"Wir fertigen durchschnittlich 100 Pacific-Modelle pro Jahr, aber angesichts des großen Interesses könnten es heuer bis zu 1.000 Stück werden", sagte CEO Stefano Fulchir. "Wir sind weltweit die Einzigen, die diese alte Technik der zweilagigen Vergoldung beherrschen."
Im Gegensatz zur herkömmlichen Vergoldung wird dabei das Gold mit dem Metall so verbunden, dass das Gestell robuster und langlebiger wird, ohne klobig zu wirken. Klobig ist vielleicht nur der Preis. Das Stück kostet 659 Euro.
Wenn man es denn bekommt.