Anthony Scaramucci war einst Donald Trumps Kommunikationschef, heute ist er erfolgreicher Polit-Podcaster, Autor und einer der schärfsten Kritiker des US-Präsidenten. In seinem neuen Buch zeichnet er ein düsteres Bild der Gegenwart – und der Jahre nach Trump.

Wenn Anthony Scaramucci über seine Zeit mit Donald Trump spricht, klingt das nicht nach nüchterner Distanz, sondern nach der lebhaften Erinnerung an einen Mann, der mitten im Maschinenraum saß. Seine Karriere als Präsidentenberater währte genau elf Tage, es folgten ein Rauswurf, danach Loyalität, schließlich ein offener Bruch: Aus dem früheren Verbündeten wurde ein lautstarker Warner.
Inzwischen ist Scaramucci, der als Hedgefonds-Manager vermögend wurde, ein erfolgreicher Polit-Podcaster ("The Rest Is Politics: US") und Buchautor. Sein neues Werk, "All the Wrong Moves: How Three Catastrophic Decisions Led to the Rise of Trump" (etwa: "All die falschen Schritte: Wie drei katastrophale Entscheidungen zum Aufstieg von Trump führten") ist vor wenigen Tagen erschienen.
Scaramucci gilt als genauer Beobachter und Analytiker politischer Vorgänge. Entsprechend sollten alle Alarmglocken läuten, wenn er beschreibt, was nach Trump kommen könnte. Denn seine zentrale Botschaft ist weniger Rückblick als Warnung: Nicht mehr Trump selbst sei das Problem, sondern vor allem die Frage, was von seinem Politikstil bleibt – und wer diesen weiterführen könnte.
Mit dem deutschen Magazin Stern sprach Anthony Scaramucci über die aktuelle Lage der USA, seine Zeit an der Seite von Donald Trump und welche Gefahren er als Nächstes heraufdämmern sieht. Die wichtigsten Erkenntnisse:

Zunächst: Wer ist Anthony Scaramucci überhaupt?
Der 64-Jährige ehemalige Hedgefonds-Manager war im Sommer 2017, während der ersten Amtszeit von Donald Trump als Präsident, Kommunikationsdirektor im Weißen Haus. Seine Amtszeit dauerte nur elf Tage, danach wurde er von ihm entlassen. Danach blieb er Trump gegenüber zunächst loyal, wandte sich dann aber klar und öffentlich gegen ihn.
Wie beschreibt er Trump aus nächster Nähe?
Er schildert Trump als einsamen, narzisstischen und sehr impulsiven Machtmenschen. "Donald Trump ist ein einsamer Typ, der nachts seine Freunde und Kollegen anruft. Wenn er mich anrief und nach meiner Meinung fragte, gab ich ihm eine ehrliche Antwort", so der Autor im Stern-Interview. Im Wahlkampf habe Trump Widerspruch teils noch zugelassen, im Weißen Haus sei er dafür zunehmend zu dünnhäutig geworden. Wer ihm offen widersprach, lief laut Scaramucci Gefahr, hinausgeworfen zu werden.
Warum hat sich Trump, laut Scaramucci, im Weißen Haus so verändert?
Er führt das auf das Umfeld in Washington zurück. Dort gebe es viele Akteure mit eigener Agenda, dazu permanenten Druck durch Medien und politische Rivalen. Trump habe dieses Klima als besonders hart erlebt und darauf mit wachsender Gereiztheit reagiert.
Was sagt er über seinen eigenen Rauswurf?
Er bestreitet, dass ein bekannt gewordenes, derbes Gespräch über andere Trump-Mitarbeiter (vor allem dessen Ex-Berater Steve Bannon) der eigentliche Grund gewesen sei. Entscheidend sei vielmehr ein Streit über Russland-Sanktionen gewesen, die der Kongress, Demokraten und Republikaner gemeinsam, verhängen wollte. Trump wollte das Gesetz zunächst nicht unterschreiben, aber Scaramucci habe ihm gesagt, dass ein Veto politisch chancenlos wäre und ihm seine eigene Partei dafür eine Lektion erteilen würde.
Wie könnte Trump auf eine Niederlage bei den bevorstehenden Midterms reagieren?
Scaramucci erwartet in so einem Fall noch mehr Wut, noch mehr Ausbrüche und noch mehr aggressive Reaktionen. Zugleich, so seine Einschätzung, würde Trumps Macht weiter schwinden. Er rechnet mit einer schwierigen Phase für die USA, in der Trump weiter um sich schlägt, während sich immer größere Teile der Republikaner von ihm abwenden würden.
Rechnet er damit, dass Trump wieder von Wahlbetrug sprechen würde?
Ja, daran lässt Scaramucci keinen Zweifel. Er hält es für wahrscheinlich, dass Trump eine Niederlage erneut als gestohlen darstellen würde, wie bereits die Präsidentschaftswahl 2020. Scaramucci nennt dieses Verhalten widersprüchlich: Gewinnt Trump, sei die Wahl aus seiner Sicht legitim, verliere er, sei sie es plötzlich nicht mehr. Das sei umso weniger zu vermitteln, weil in beiden Fällen – bei der Wahl 2020 und auch jetzt – Trump selbst im Weißen Haus sitzt und dafür sorgen kann und muss, dass die Wahl fair und korrekt abläuft.

Wie sieht Scaramucci Trumps Verhältnis zur eigenen Partei?
Er beschreibt Trump als Politiker, der vor allem sich selbst helfen wolle. Laut Scaramucci will Trump nicht, dass andere Republikaner Anerkennung für etwas bekommen, das mit ihm verbunden ist. Sogar beim künftigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten erwartet er daher eher Distanz als echten Einsatz, sobald dieser einmal feststeht.
Warum spricht Scaramucci von der Gefahr eines "nächsten Trump"?
Der Punkt sei, so der Autor, dass Trump aus seiner Sicht eine autoritäre Strategie entwickelt habe. Ein späterer Politiker mit ähnlichem Stil könnte diese Methode übernehmen und noch konsequenter und wirksamer einsetzen. Entscheidend sei für Scaramucci daher nicht nur die Person Trump, sondern die politische Vorlage, die er geschaffen habe. "Ein weiterer, so autokratisch denkender Präsident dürfte der Verfassung noch mehr Schaden zufügen als Trump", sagt Scaramucci.
Sieht er schon jetzt einen solchen Nachfolger?
Nein, ausdrücklich nicht, und zwar weder in Vizepräsident JD Vance, noch in Außenminister Marco Rubio, Trumps Kronprinzen. Unter den derzeit erwogenen Kandidaten erkenne er keine entsprechende Persönlichkeit. Gleichzeitig schließt er aber nicht aus, dass jemand auftauchen könnte, den heute noch kaum jemand auf dem Radar hat.
Welche Reformen fordert Scaramucci?
Er nennt vor allem zwei Punkte. Erstens müsse die Distanz zwischen Exekutive und Justizministerium wiederhergestellt werden, weil Trump dieses aus seiner Sicht zu einer "persönlichen Anwaltskanzlei" gemacht habe. Zweitens fordert er strengere Grenzen gegen Bereicherung im Amt und gegen Korruption.
Wie hart urteilt Scaramucci über Trump persönlich?
Sehr hart. Er bezeichnet Trump als autoritären Führer und sagt wörtlich: "Donald Trump ist ein waschechter Faschist." Zugleich verweist er darauf, dass Gerichte und Kontrollmechanismen der Verfassung Trump bislang zumindest teilweise in Schach hielten.
Wie, denkt er, werden die Amerikaner später auf Trump blicken?
Er erwartet einen massiven Reputationsverlust. Nach Scaramuccis Einschätzung werde Trump, wenn er aus dem Amt scheidet, in Ungnade gefallen sein. Er meint sogar, viele Menschen würden später nicht zugeben wollen, dass sie Trump einst unterstützt haben.

Warum tun sich die USA mit dieser Aufarbeitung, seiner Meinung nach, so schwer?
Scaramucci sieht ein fehlendes historisches Gedächtnis im Umgang mit Faschismus. Anders als in europäischen Ländern und ihrer nach wie vor lebhaften Auseinandersetzung mit den Jahren des Faschismus, gebe es in den USA keine ähnlich lebendige, breite Erinnerungskultur, die im Alltag ständig präsent sei. Das mache es schwerer, autoritäre Muster früh zu erkennen und ernst zu nehmen.
Wird in den USA alles wieder besser, sobald Trump nicht mehr Präsident ist?
Das lässt Scaramucci offen. Seine Hoffnung sei, dass die amerikanische Demokratie die Kurve bekommt. Entscheidend wird aus seiner Sicht aber vor allem sein, ob die demokratischen Institutionen wieder gestärkt werden, bevor der nächste große Belastungstest kommt.