EU-WAHL

Falsche Wahlprognose? "Ich bin ein bisschen verärgert"

Aus dem FPÖ-Triumph wurde ein Dreikampf. Meinungsforscher Peter Hajek erklärt, wie die EU-Trendprognose am Sonntag zustandekam und warum sie eine "Punktlandung" war.

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Peter Hajek gehört zu Österreichs renommiertesten Meinungsforschern. Gemeinsam mit den Instituten Foresight und ARGE Wahlen erstellte er am Wahlsonntag die Trendprognose für ORF und Puls 4. Um 17 Uhr wurden der FPÖ 27,0 Prozent ausgewiesen, der ÖVP 23,5 Prozent und der SPÖ 23 Prozent. Tatsächlich kuschelten die drei Parteien enger, zeigte sich später, zwischen FPÖ (25,4 %) und ÖVP (24,5 %) lagen überhaupt nur 0,9 Prozentpunkte. Das sorgte die Debatten.

Klar war aber immer: Die Trendprognose hatte eine Schwankungsbreite von maximal 2,5 Prozent, das wurde auch so ausgewiesen, an der Reihenfolge der Parteien änderte sich nichts. Im Newsflix-Podcast erklärt Peter Hajek nun, warum er die Aufregung nicht versteht, was ihn nervt und warum von den Demoksopen alles richtig gemacht wurde. Die wichtigsten Passagen:

Ob er die Verwirrung über die Trendprognose versteht
Ich verstehe es aus journalistischer und medialer Sicht, aber natürlich nicht von Seiten der Meinungsforschung. Es war eine maximale Schwankungsbreite von 2,5 Prozent angegeben und damit klar, dass die freiheitliche Partei innerhalb der Schwankungsbreite liegt.

Wie er die Trendprognose einordnet
Für uns war das eine Punktlandung und dementsprechend verstehe ich dann am Ende des Tages die Aufregung nicht.

Peter Hajek, Meinungsforscher, Politologe, Uni-Lektor und Politik-Experte
Peter Hajek, Meinungsforscher, Politologe, Uni-Lektor und Politik-Experte
Helmut Graf

Wie er die Aufregung einschätzt
Ich muss sagen, ich bin mittlerweile auch ein bisschen verärgert. Seit 25 Jahren erkläre ich jeden Montag nach einem Wahlsonntag: Was ist die Schwankungsbreite? Was sind die Rahmenbedingungen für die Meinungsforschung? Ich beginne jeden Montag nach der Wahl von Neuem. Lange habe ich mir gedacht, das muss an mir liegen, seit zehn Jahren weiß ich, nein, es liegt nicht an mir.

Ob nicht um 17 Uhr trotzdem das falsche Bild vermittelt wurde
Die Meinungsforscher haben nicht gesagt: FPÖ klar vorne. Die Meinungsforscher haben gesagt, FPÖ gesichert auf Platz 1. Das ist ein Unterschied. Wir haben nichts gesagt über die Differenz. Wir haben gesagt, für uns ist nur klar, die freiheitliche Partei wird vorne liegen. Und bei allen anderen Parteien, sowohl beim Rennen um Platz 2 als auch um Platz 4, haben wir gesagt: "Too close to call". Das war unser Statement.

Ob man nicht trotzdem beim nächsten Mal statt einer Prognose die "Weißblauen Geschichten" zeigen sollte
Aus dem Nähkästchen erzählt: Ich habe vor der Wahl vorgeschlagen, dass wir am Wahltag zwar eine Zahl bekannt geben, aber auch die Schwankungsbreite visuell darstellen. Das Visuelle schlägt das Auditive. Wenn diese Grafiken kommen und man sieht die Schwankungsbreite nicht, dann wird die Zahl hängen bleiben und die 2 ,5 Prozent Schwankungsbreite wird man schon wieder vergessen haben. Man ist dem leider nicht nachgekommen. Vielleicht sind wir beim nächsten Mal schlauer.

Andreas Babler am Weg zu Präsidium und Vorstand der SPÖ nach der EU-Wahl
Andreas Babler am Weg zu Präsidium und Vorstand der SPÖ nach der EU-Wahl
Helmut Graf

Ob man einen Warnhinweis braucht wie bei Medikamentenschachteln
Ja, aber das machen wir sowieso immer. Aber es hört und sieht ihn niemand. Wer liest schon einen Beipackzettel?

Wie eine Trendprognose entsteht
Es sind drei Institute beteiligt. Es gibt drei Wahltagsbefragungen, die am Dienstag oder Mittwoch starten und bis Samstag oder Sonntag durchgeführt werden. Die Fragestellungen sind ident bis auf kleine Unterschiede.

Wie die finalen Zahlen entstanden sind
Jedes Institut hat seine eigenen Gewichtungsvorgänge, jeder seinen eigenen Werkzeugkoffer. Dann macht man auf einer Basis langer Zahlenreihen, auf einer sehr gesicherten Datenbasis, eine gemeinsame Schätzung, einigt sich auf eine Zahl für die jeweilige Partei und sagt dann, ob das eben signifikant oder nicht signifikant ist.

Ob bei Uneinigkeit darüber abgestimmt wird
Also ich kann das ja sagen. Die Kollegen hatten die ÖVP vor der SPÖ, wir hatten die ÖVP hinter der SPÖ. Dann haben wir das ausdiskutiert und dann habe ich gesagt: "Ist okay, ich schließe mich dieser Einschätzung an."

FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky auf dem Weg zur ORF-Elefantenrunde
FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky auf dem Weg zur ORF-Elefantenrunde
Helmut Graf

Also war die Meinungsforschung der Auffassung, sie war super und der Rest der Bevölkerung, die Prognose war falsch?
Die Meinungsforschung sagt nicht, "wir waren super", sondern wir waren "State of the Art". Die Bevölkerung sagt gar nichts dazu, sondern es sind die Journalistinnen und Journalisten, die was dazu sagen.

Ob eine Wahlbeteiligung von 56 Prozent nicht mager ist
Ich finde nicht, dass 56 Prozent so nieder ist. Wir haben das übrigens laut unserer letzten Umfrage vor der Wahl bei 54 Prozent eingeschätzt, Schwankungsbreite 2,8 Prozent. Auf EU-Ebene liegen wir im Durchschnitt.

Warum nicht mehr Menschen wählen gehen
Die simpelste Erklärung ist, weil die EU als politische Institution nicht im Alltag der Menschen angekommen ist. Bei der Nationalratswahl haben die Menschen doch eher das Gefühl, dass sie viel direkter dran sind und das Wahlergebnis direkte Auswirkungen auf ihr Leben hat.

Ob die Beobachtung stimmt, dass sich bei Umfragen mehr Menschen zur FPÖ bekennen als dann bei der Wahl und das bei der ÖVP nun genau umgekehrt ist
Ich tue mir da noch schwer in der Einschätzung. Ich glaube, es ist ein Methodenthema. Erinnern Sie sich an die Bundespräsidentenwahl? Damals, der erste Wahlgang, wo wir Norbert Hofer deutlich unterschätzt haben? Danach haben wir begonnen, die Methode zu ändern.

Sigi Maurer, Leonore Gewessler und Lena Schilling auf der Wahlparty der Grünen
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Helmut Graf

Was anders gemacht wurde
Es wurde deutlich stärker die Online-Methode hereingeholt. Damals war ja fast nur Telefon, das ist noch gar nicht so lange her. Wir sind mittlerweile bei einem Mix, also bei uns im Haus wird ein Drittel über Telefon befragt und zwei Drittel Online. Nach Kärnten (da wurde die ÖVP deutlich unterschätzt, Anm.) und jetzt überlegen wir, ob wir den Telefonanteil nicht wieder ein bisschen höher schrauben.

Warum?
Schlicht und ergreifend deshalb, weil wir über Telefon die ÖVP etwas stärker hineinbekommen und freiheitliche Wähler sich am Telefon nicht so outen.

Welche Rolle Spitzenkandidaten spielen
Sofern sie nicht Sebastian Kurz oder Jörg Haider heißen, werden sie überschätzt. Für die Menschen zählen hauptsächlich die Themen, ob diese von den Parteien nachhaltig vertreten werden. Herbert Kickl ist auch nicht rasend beliebt und ist nicht der Stimmenbringer, aber er vertritt die Themen wahnsinnig gut. Und das zweite Beispiel ist Lena Schilling. Sie hat als Spitzenkandidatin dann doch nicht diesen negativen Impact gehabt. Den Menschen war der Klimaschutz wichtiger als die Kandidatin.

Ob die SPÖ in dem nun ausgerufenen Dreikampf die schlechteste Startposition hat
Man kann diesen Dreikampf ausrufen. Aber der SPÖ fehlt die große Geschichte. Im Europawahlkampf hat sie ein Thema gehabt: "Europa fair gestalten, Europa sozial gestalten". Ein wichtiges Thema, aber es war so blutleer dargebracht.

Helmut Brandstätter kann sich über einen Zuwachs für die NEOS freuen
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Helmut Graf

Was besser gewesen wäre
Ich muss Themen in einem Wahlkampf emotional aufladen. Ich verkürze das jetzt sehr, aber eigentlich hätte man sagen müssen: "Eat the European Rich!" Das wäre eine Ansage gewesen, sehr links, aber man muss in die Emotion gehen.

Was bei der Themensetzung problematisch ist
Babler hat der SPÖ ein klar linkes, soziales Profil gegeben, aber es fehlt trotzdem der Anknüpfungspunkt an jene Themen, die Menschen interessieren. Im Nationalratswahlkampf werden fünf Themen wichtig sein: Migration, Klimaschutz, Gesundheit, leistbares Wohnen, Teuerung.  Bei all diesen Themen hat die SPÖ nicht mehr die Oberhoheit. Migration schon gar nicht, weil Schlingerkurs. Klimaschutz auch nicht. Beim leistbaren Wohnen haben wir plötzlich die KPÖ. Bei der Teuerung kann sie als Oppositionspartei wenig tun. Und beim Gesundheitsthema haben wir die Großstadt Wien, wo die Sozialdemokratie selbst in Verantwortung ist.

Was er vom ausgerufenen Dreikampf hält
Das kann schon dazu führen, dass Unterschiede herausgearbeitet werden. Wobei man dazu sagen muss, ein Franz Vranitzky oder ein Wolfgang Schüssel hätten nie ein Kanzler-Duell ausgerufen. Die hätten gesagt, ich bin der Kanzler. Das ist der Unterschied zu Karl Nehammer. Er müsste eigentlich auch sagen, ich bin der Bundeskanzler, es gibt kein Kanzler-Duell.

Wie die SPÖ in diesen Dreikampf hineinkommt
Ich sehe aktuell nicht den Punkt, wo die SPÖ einhaken kann. Ja, möglicherweise diese Warnung vor Schwarz -Blau. Aber ich glaube, das erschüttert in dieser Republik kaum mehr jemanden.

Peter Hajek ist Geschäftsführer und Eigentümer von "Unique Research", promovierter Politikwissenschafter und akademisch geprüfter Markt- und Meinungsforscher. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit empirischer Sozialforschung. Lehraufträge an Universitäten, Fachhochschulen

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