Seit Jahrhunderten stellt ein mysteriöses Buch aus dem Mittelalter Forscher und Computerhirne vor ein Rätsel. Jetzt zeigt eine neue Studie: Die Seiten des Buches könnten die ganze Zeit über in der falschen Reihenfolge gebunden gewesen sein. Aber hilft das weiter?

Ein handgeschriebenes Buch mit Zeichnungen von unbekannten Pflanzen, nackten Frauen in Badewannen und astronomischen Diagrammen. Dazu Zeile um Zeile in einer Schrift, die niemand lesen kann. Seit Jahrhunderten gibt das aus dem frühen 15. Jahrhundert stammende Voynich-Manuskript Forschern Rätsel auf. Kryptologen scheiterten daran, es zu entziffern, Geheimdienste kapitulierten, selbst moderne künstliche Intelligenz konnte den Code, der die Schrift verständlich machen würde, nicht knacken.
Nun könnte aber eine neue Erklärung für das lange Scheitern gefunden worden sein, wie der Guardian berichtet. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass die Seiten des Manuskripts womöglich in der falschen Reihenfolge gebunden wurden und deswegen bis heute keinen Sinn ergeben. Was Generationen von Forschern also als zusammenhängenden Text zu entziffern versuchten, könnten in Wahrheit wild durcheinandergewürfelte Textpassagen sein.
Was diese neuen Erkenntnisse für die Entschlüsselung des Textes bedeuten könnten, ob damit der erste Schritt zur Lösung des Rätsels getan ist und wie es überhaupt möglich ist, dass eine Schrift über Jahrhunderte nicht entziffert werden kann – das müssen Sie über das rätselhafteste Buch der Welt wissen:

Was genau ist das Voynich-Manuskript?
Es handelt sich um ein handgeschriebenes Buch aus dem frühen 15. Jahrhundert, das heute in der Beinecke-Bibliothek der Yale-Universität aufbewahrt wird. Es enthält botanische Zeichnungen, astronomische Diagramme und Illustrationen von Frauen. Der Text ist in einer völlig unbekannten Schrift verfasst, die als Voynichese bezeichnet wird. Benannt ist das Werk nach dem polnischen Buchhändler Wilfrid Voynich, der es 1912 in London erwarb.
Was macht es so rätselhaft?
Anders als bei anderen historischen Schriften konnte bis heute niemand den Text entschlüsseln. Obwohl das Manuskript über 200 Seiten umfasst, ist kein einziges Wort zweifelsfrei übersetzt. Linguistische Analysen zeigen, dass es sich wahrscheinlich um eine echte Sprache handelt und nicht um sinnloses Gekritzel. Doch welche Sprache das sein könnte, bleibt unbekannt.
Was haben die Forscher nun entdeckt?
Colin Layfield von der Universität Malta und Lisa Fagin Davis haben herausgefunden, dass die Seiten des Manuskripts falsch gebunden sein könnten. Ihre Studie wurde im Fachjournal Digital Medievalist veröffentlicht. Die gefalteten Seiten wurden ursprünglich wohl wie ein Stapel Weihnachtskarten übereinandergelegt. Irgendwann im späten 15. Jahrhundert hat jemand sie dann in der heute üblichen Art zusammengeheftet.
Was ist ein Singulion?
Ein Singulion bezeichnet eine einzelne, gefalzte Seite, die nicht mit anderen verschachtelt wird. Im Mittelalter wurden Bücher normalerweise aus ineinandergesteckten Bögen gebunden. Das Voynich-Manuskript bestand laut der neuen Theorie ursprünglich aus einzelnen Singulions, die gestapelt wurden. Durch die falsche Bindung geriet die Reihenfolge durcheinander.
Wie kamen die Forscher zu diesem Schluss?
Die Wissenschaftler verwendeten ein numerisches Analysewerkzeug, um Textblöcke zu vergleichen. Dabei stellten sie fest, dass manche Seiten, die weit auseinanderliegen, inhaltlich zusammengehören. Auch bildlich gibt es Hinweise: Manche Illustrationen von Bächen oder Röhren laufen in den Buchrücken hinein, passen aber nicht zu den Bildern auf der gegenüberliegenden Seite. Als lose gestapelte Seiten ergeben diese Zeichnungen plötzlich Sinn.
Ändert das etwas am Inhalt?
Die Schrift selbst bleibt weiterhin unentschlüsselt. Aber die Entdeckung verändert unser Verständnis davon, was das Buch sein könnte. Statt das Werk eines einzelnen genialen Autors zu sehen, betrachten die Forscher nun eher ein Gemeinschaftsprojekt. Das Manuskript könnte als lose Sammlung gedacht gewesen sein, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Wer hat das Manuskript geschrieben?
Die neue Studie legt nahe, dass bis zu fünf verschiedene Personen an dem Text mitgewirkt haben könnten. Eine paläographische Analyse deutet auf mehrere unterschiedliche Handschriften hin. Die Idee eines einsamen Genies, das in einer Dachkammer schrieb, sei damit vom Tisch, sagt Forscherin Davis. Es handelt sich wohl eher um kollektives Wissen einer Gemeinschaft.
Welche Theorien gab es bisher?
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele Autoren vorgeschlagen. Zeitweise galt der mittelalterliche Gelehrte Roger Bacon als Schöpfer, später wurde Leonardo da Vinci ins Spiel gebracht. Chemische Analysen haben das Pergament jedoch auf die Jahre 1404 bis 1438 datiert. Das schließt beide berühmten Namen aus. Manche Forscher hielten das Ganze auch für einen Schwindel, doch linguistische Analysen sprechen dagegen.
Worum könnte es in dem Buch gehen?
Die Illustrationen geben Hinweise. Einige Zeichnungen erinnern an das weibliche Fortpflanzungssystem, andere zeigen Kräuter und astrologische Symbole. Forscherin Davis vermutet, dass es sich um eine Sammlung von Frauenwissen handeln könnte, das über Generationen bewahrt wurde. Beweisen lässt sich das allerdings noch nicht.
Gibt es ähnliche Manuskripte?
Laut Davis sind die einzigen anderen mittelalterlichen Handschriften mit Singulion-Anordnung bestimmte nordafrikanische Koran-Ausgaben. Diese wurden als kleine Heftchen für Unterrichtszwecke verteilt. Das könnte darauf hindeuten, dass auch das Voynich-Manuskript als Lehrwerk konzipiert war, dessen Teile weitergegeben werden sollten.
Warum wurde das Manuskript überhaupt erhalten?
Ironischerweise hat gerade die fehlerhafte Bindung das Überleben gesichert. Ungebundene Einzelblätter aus dem Mittelalter sind nur selten erhalten geblieben, weil sie leichter verloren gingen oder zerstört wurden. Wer auch immer die Seiten falsch zusammenheftete, hat dem Werk damit unbeabsichtigt einen großen Dienst erwiesen, sagt Lisa Fagin Davis.