BÖRSE & WIRTSCHAFT

Haben wir den Wettlauf mit den USA schon verloren?

Inflation, Wachstum, Technologie: Die Eurozone gerät immer mehr ins Hintertreffen. Die Gründe, was wir nun tun müssten. Geld-Expertin Monika Rosen analysiert.

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Die Covid Pandemie und der Kriegsausbruch in der Ukraine lassen viele von einer Zeitenwende sprechen, und der Ausdruck scheint nicht übertrieben. Die Jahrzehnte der Friedensdividende, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihren Ausgang genommen haben, sind endgültig Geschichte. In ökonomischer Hinsicht sind die USA mit den neuen Bedingungen viel besser fertig geworden als der "alte Kontinent" Europa. Das zeigen die volkswirtschaftlichen Daten, aber auch die Kursanstiege an den Aktienmärkten.

Was sind die Gründe für diese unterschiedliche Entwicklung, und wie könnte Europa den Abstand zu den USA verkleinern? Beginnen wir einmal mit der Ausgangslage:

Wie stark wachsen die USA, und wo steht im Vergleich dazu die Eurozone?
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die USA heuer ein Wachstum von 2,6 Prozent erreichen werden. Für nächstes Jahr erwartet man dort dann 1,9 Prozent. In der Eurozone soll das Wachstum heuer mit 0,8 Prozent weniger als ein Drittel von jenem der USA betragen. 2025 soll sich die europäische Konjunktur dann auf 1,5 Prozent beschleunigen.

Monika Rosen war über 20 Jahre lang Chefanalystin im Private Banking einer österreichischen Großbank. Sie ist auch Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft
Monika Rosen war über 20 Jahre lang Chefanalystin im Private Banking einer österreichischen Großbank. Sie ist auch Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft
Helmut Graf

Das heißt, die Eurozone sollte auf Sicht den Rückstand gegenüber den USA aufholen können?
Diese Schätzung legt das nahe, allerdings scheint sie mir etwas optimistisch. Vor allem relativ zu jener der USA. Um das zu erreichen, müsste Europa in vielerlei Hinsicht seine Hausaufgaben machen (ich gehe später näher darauf ein), und ob wir das alles in so kurzer Zeit schaffen, ist schon fraglich.

Und wie sieht es mit der Inflation aus?
In den USA erwartet der IWF für heuer eine Inflationsrate von 2,9 Prozent (Verbraucherpreise, annualisierte Rate). Nächstes Jahr sollen dann jene 2 Prozent erreicht werden, die auch den Zielwert der US Notenbank darstellen. Für die Eurozone sagt der IWF für heuer eine Teuerung von 3,3 Prozent voraus, für nächstes Jahr dann 2,2 Prozent.

Der US-Leitindex S&P 500 ging um satte 575 Prozent nach oben
Der US-Leitindex S&P 500 ging um satte 575 Prozent nach oben
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Was sind die geopolitischen Herausforderungen, denen sich die USA und Europa stellen müssen?
Europa hat als großes Handicap natürlich den Krieg in der Ukraine. Neben dem großen menschlichen Leid hat er, zumindest in der Anfangsphase, die Energiepreise massiv nach oben getrieben. Außerdem wird Europa in Zukunft viel mehr Ressourcen für die eigene Verteidigung aufwenden müssen. Das Geld wird irgendwoher kommen müssen. Wenn die Steuern nicht weiter steigen sollen, stehen Ausgabenkürzungen im Raum.

Die Migration ist bis zu einem gewissen Punkt für beide Regionen ein Problem. In Europa hat sie jedenfalls zu einem Aufstieg rechter Parteien geführt, das ist demokratiepolitisch keine gute Nachricht.

In den USA wiederum mehren sich die Anzeichen, dass die Präsidentschaftswahlen im November noch viel mehr zur Zitterpartie werden könnten als ursprünglich gedacht. Die körperliche und geistige Schwäche von Präsident Biden in der TV Konfrontation Ende Juni hat das Feld eventuell neu aufgemischt.

Zurück zur Wirtschaft: Werden die besseren Konjunkturdaten der USA auch an der Börse reflektiert?
Ja, absolut. Das ist ja seit vielen Jahren die Diskussion. So richtig begann die Schere im Jahr 2009 aufzugehen, unmittelbar nach der Finanzkrise. Seit März 2009, dem Tiefstand der Börsen nach der Lehman Pleite, hat der EuroStoxx 50 um 150 Prozent zugelegt. Der amerikanische Leitindex S&P 500 ist im gleichen Zeitraum aber um satte 575 Prozent nach oben gegangen. Es heißt zwar immer wieder, europäische Aktien seien gegenüber den USA günstiger bewertet und hätten Aufholpotenzial. Punktuell mag das stimmen, dauerhaft ist es in den letzten 15 Jahren aber nicht gelungen.

Jensen Huang, CEO des Chipherstellers Nvidia, bei einer Pressekonferenz
Jensen Huang, CEO des Chipherstellers Nvidia, bei einer Pressekonferenz
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Welche Faktoren haben den Erfolg der USA ermöglicht?
Vor allem ist hier der Vorsprung auf dem Gebiet der Technologie zu nennen. Von Apple bis Amazon, von Google bis Microsoft haben die USA alle Tech-Karten in der Hand. Dazu kommt in den letzten Jahren noch der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI), der mit Nvidia einen neuen (Börsen-) Star geschaffen hat.

Aber auch der flexible Arbeitsmarkt und der Rohstoffreichtum der USA spielen eine große Rolle. Was viele nicht wissen: die USA sind das Land mit der größten Ölförderung weltweit, noch vor Russland und Saudi-Arabien (mehr dazu hier). Das macht sie (im Gegensatz zu Europa) unabhängig von Importen.

Was viele nicht wissen: die USA sind das Land mit der größten Ölförderung weltweit
Was viele nicht wissen: die USA sind das Land mit der größten Ölförderung weltweit
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Und was müsste Europa hier tun, um aufzuholen?
Wenn ich die Frage umformulieren darf: was hält Europa derzeit zurück?

Zu viel Bürokratie und Regulierung, zersplitterte Nationalinteressen und damit einhergehend ein fragmentierter Kapitalmarkt. Würden wir gerade beim Thema Börse unsere Kräfte bündeln, könnten wir es durchaus mit den Amerikanern aufnehmen. Dazu müssten sich aber alle etwas zurücknehmen, und das fällt natürlich schwer.

Monika Rosen war mehr als 20 Jahre bei einer heimischen Großbank tätig, ist Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft und gefragte Spezialistin rund um alle Geldthemen

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