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Hannibal Lecter lässt grüßen: So lehrt uns "Nocturne" das Fürchten

Ein manipulativer Serienmörder, eine Undercover-Ermittlerin, verschwundene Kinder: Die Anleihen, die "Nocturne" bei "Das Schweigen der Lämmer" nimmt, sind allgegenwärtig. Dass die Serie dennoch passt, liegt vor allem an der bedrohlichen Atmosphäre. Auf Apple TV+.

"So ein Meinungsforscher wollte mich testen. Ich genoss seine Leber mit ein paar Fava-Bohnen." – Nein, solche Dinge sagt Serienmörder Jurek Walter (Stephen Graham) in "Nocturne" nicht, spooky ist er trotzdem zur Genüge
"So ein Meinungsforscher wollte mich testen. Ich genoss seine Leber mit ein paar Fava-Bohnen." – Nein, solche Dinge sagt Serienmörder Jurek Walter (Stephen Graham) in "Nocturne" nicht, spooky ist er trotzdem zur GenügeApple TV+
Christian Klosz
Akt. 08.11.2026 09:22 Uhr

Vorweg: "Nocturne" erinnert an einen der ganz großen Klassiker des Genres: "Das Schweigen der Lämmer". Und die Serie gibt sich auch gar keine Mühe, das groß zu verheimlichen. Hier wie dort ist ein psychopathischer Serienmörder mit nahezu übermenschlichen manipulativen Fähigkeiten, hier wie dort müssen Ermittler auf seine Hilfe zurückgreifen, um einen aktuellen Vermisstenfall aufzuklären.

Doch es gibt einige bedeutende Unterschiede zu dem fünffachen Oscar-Gewinner von Regisseur Jonathan Demme aus dem Jahr 1991. Und die machen die Serie, deren erste Episoden nun auf Apple TV+ gestartet sind, zu einem originären Gruselerlebnis, da wie geschaffen ist für die kalte und dunkle Jahreszeit.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Serienmörder und Psychopath Jurek Walter (Stephen Graham, der Familienvater aus "Adolescence"), der in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht ist. Als eines Tages plötzlich ein Bub namens Michael auftaucht, der drei Jahre vermisst war und bereits als tot galt, werden die alten Ermittlungen wieder aufgenommen. Denn auch Michaels Schwester ist damals verschwunden. Und sein Auftauchen weckt neue Hoffnung, dass auch das Mädchen möglicherweise noch lebt.

Der Serienmörder stand bereits seinerzeit im Zentrum der Ermittlungen, doch er hatte ein Alibi. Der inzwischen pensionierte Cop Jonah Lynn (Liev Schreiber aus "Ray Donovan" und "Ein neuer Sommer") leitete seinerzeit die Untersuchung und ging immer von einem Komplizen Walters aus. Doch weder sein Vorgesetzter Dave Ellison (Bill Camp), noch sonst jemand glaubte an diese Theorie.

Lynn zog sich seinerzeit aus dem aktiven Dienst zurück, nachdem er die Kinder nicht finden konnte. Nun sieht er seine Chance gekommen, sein als solches empfundenes Versagen wiedergutzumachen. Und er schließt sich dem neuen Ermittlerteam rund um FBI-Sonderagentin Alexandra Quinn (Poorna Jagannathan) an.

Um näher an Walter heranzukommen bietet sich die Undercover-Ermittlerin Saga Bauer (Zazie Beetz) an, sich als Patientin in die Psychiatrie einschleusen zu lassen. Eine Befragung des Psychopathen durch Quinn und Lynn hatte zuvor nur wenig Ertrag gebracht. Der Manipulator spielte vor allem seine perfiden Psychospiele mit den beiden Ermittlern.

Psychospielchen spielt Jurek Walter auch in der Psychiatrie: Er versucht, sich in die Köpfe seiner Umgebung einzunisten, will das Personal für sich und seine Zwecke einspannen. So gerät auch der neue Pfleger Karl (Rory Culkin) trotz Warnungen seiner Vorgesetzten zunehmend in Walters Einflussbereich: Walter steckt ihm Briefe "an seinen Anwalt" zu, und Karl gibt sie offenbar weiter …

Die dramaturgische Nähe von "Nocturne" zu "Das Schweigen der Lämmer" ist kaum zu übersehen: Dort war es Hannibal Lecter, auf dessen – gefilterte – Informationen die Ermittler zurückgriffen, trotz aller damit verbundenen Gefahren. In "Nocturne" übernimmt die Figur des Jurek Walter diese Funktion, wenngleich seine eigentlichen Absichten, anders als bei Lecter, lange im Dunkeln bleiben.

Gerade dieses Spiel mit dem Rätselhaften und den dem Publikum vorenthaltenen Informationen gehört zu den Stärken der Serie (wenngleich man diese Taktik natürlich ihrerseits manipulativ nennen könnte). Nach den ersten Episoden ist keineswegs klar, was Walter tatsächlich mit dem Verschwinden der Kinder zu tun hatte, was damals eigentlich geschehen ist oder was er aktuell im Schilde führt. Immer wieder werden Szenen eingestreut, die Entwicklungen andeuten, ohne sie weiterzuerzählen oder aufzulösen.

Der junge Michael (Landon Valentin) taucht nach drei Jahren unvermittelt wieder auf und setzt einen Strudel an Ereignissen in Gang
Der junge Michael (Landon Valentin) taucht nach drei Jahren unvermittelt wieder auf und setzt einen Strudel an Ereignissen in Gang
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Dadurch entsteht eine Atmosphäre des Bedrohlichen und Mysteriösen, die weniger auf unmittelbare Schockeffekte als auf psychologische Spannung setzt. Walter wird als eine beinahe übermenschlich böse Gestalt inszeniert, die trotzdem schwer fassbar und einschätzbar bleibt.

Gewisse Parallelen gibt es auch zu der Serie "Black Bird" (läuft auf Deutsch unter dem Titel "In with the Devil"), ebenfalls eine Apple-Produktion. Auch dort stand ein psychopathischer Krimineller (gespielt von Paul Walter Hauser) im Mittelpunkt, der in einer Einrichtung untergebracht war und dessen Informationen für die Aufklärung anderer Verbrechen entscheidend werden sollten.

Die Besetzung in "Nocturne" ist weitgehend überzeugend. Liev Schreiber passt hervorragend in die Rolle des wortkargen, seelisch vernarbten ehemaligen Polizisten, Bill Camp als Polizeichef ist ohnehin ein Darsteller, der selbst eher uninteressanten Nebenfiguren interessante Konturen verleihen kann. Und Zazie Beetz ist geradezu die Idealbesetzung für ihre Figur.

Schwieriger fällt nach den ersten Episoden noch die Einschätzung von Stephen Graham aus. Dass seine Figur bisher wenig greifbar ist, dürfte Teil des Konzepts sein. Es soll für das Publikum möglichst lange unklar bleiben, wie tief die Abgründe seines Charakters wirklich reichen. Dennoch lässt sich bislang nicht beurteilen, ob sich daraus noch eine überzeugende Charakterzeichnung entwickelt.

Eines lässt sich allerdings bereits sagen: An Anthony Hopkins als Hannibal Lecter kommt Graham nicht heran. Hopkins gelang es, mit minimalen Gesten und einer außergewöhnlichen Präsenz einen der faszinierendsten Bösewichte der Filmgeschichte zu erschaffen, dessen Charisma auch nach 35 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Die Ermittler Quinn (Poorna Jagannathan) und Lynn (Liev Schreiber) nehmen Jurek Walter in die Zange
Die Ermittler Quinn (Poorna Jagannathan) und Lynn (Liev Schreiber) nehmen Jurek Walter in die Zange
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"Nocturne" offenbart nach den ersten Episoden durchaus einiges Potenzial. Zwar gibt es gelegentliche Längen, und das Erzähltempo ist nicht immer optimal. Doch die Serie versteht es, Spannung aufzubauen, indem sie Informationen nur spärlich teilt und wirkungsvoll platziert. Und so sich, ihrer Geschichte und ihren Figuren eine rätselhafte und durchaus schaurige Aura verleiht.

"Nocturne, Psychothriller. USA 2026, 10 Ep. à ca. 50-60 Minuten, Ep. 1-3 online, ab 13. Nov. jede Woche eine weitere Episode, Apple TV+

Christian Klosz
Akt. 08.11.2026 09:22 Uhr