3 neue regeln

Mecker-Verbot, Hand, Elfer: Das ist neu bei der Fußball-EM

Bei der EURO in Deutschland gibt es einige kleine, aber feine Regeländerungen. Für Newsflix erläutert Deutschlands oberster Schiedsrichter, was dahinter steckt.

Das Finale der Fußball-EM 2020 fand Pandemie-bedingt erst ein Jahr später, am 11. Juli 2021, in London Wembley statt. Bei Spiel zwischen England (in Weiß) und Italien stand Schiedsrichter Bjorn Kuipers nicht selten im Mittelpunkt. Derartige Gruppendiskussionen mit dem Spielleiter soll es bei der EM 2024 in Deutschland, die am 14. Juni beginnt, nicht mehr geben
Das Finale der Fußball-EM 2020 fand Pandemie-bedingt erst ein Jahr später, am 11. Juli 2021, in London Wembley statt. Bei Spiel zwischen England (in Weiß) und Italien stand Schiedsrichter Bjorn Kuipers nicht selten im Mittelpunkt. Derartige Gruppendiskussionen mit dem Spielleiter soll es bei der EM 2024 in Deutschland, die am 14. Juni beginnt, nicht mehr geben
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Newsflix Redaktion
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Wer meckert, fliegt. So lässt sich, vereinfacht, die wichtigste Regeländerung bei der Fußball-EM in Deutschland beschreiben.

Konkret geht es um die Unsitte, dass sich bei strittigen Spielsituationen die Spieler beider Mannschaften wie Wolfsrudel auf den Schiedsrichter stürzen und versuchen, ihn (oder sie) von ihrer jeweiligen Sicht der Dinge zu überzeugen. Damit ist ab sofort Schluss. Bei der EM soll es in jeder Mannschaft nur mehr einen Spieler geben – im Normalfall den Kapitän – , der mit dem Schiri kommuniziert. Mischen sich andere Spieler ein und texten den Spielleiter zu, hat dieser alle Rechte, die Spieler in ihre Schranken zu weisen – zur Not auch mit der "Arschkarte", also der (meistens in der Gesäßtasche mitgeführten) Roten Karte.

Keine Rudelbildung mehr Was es mit dieser Änderung auf sich hat, wie sich die UEFA – der europäische Fußballverband – die praktische Umsetzung dieser Regel vorstellt und welche weiteren Veränderungen im Regelwerk diese EM noch ein bisschen spannender machen könnten, erklärt für Newsflix der ehemalige deutsche Profi-Schiedsrichter Lutz Wagner. Der 61-Jährige hat 18 Jahre in der 1. Bundesliga gepfiffen (etwa 450 Profi-Spiele) und ist jetzt der Regelexperte des Deutschen Fußballbundes DFB. Zusätzlich ist er während der EM für Servus TV und die ARD als Experte live bei allen Spielen dabei. Außerdem leite er Ausbildungen und coacht die Bundesliga-Schiedsrichter.

Der Regelexperte des DFB und bei der EM 2024 für Servus TV: Ex-Profischiedsrichter Lutz Wagner
Der Regelexperte des DFB und bei der EM 2024 für Servus TV: Ex-Profischiedsrichter Lutz Wagner
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Das ist neu bei der Fußball-EM 2024

In strittigen Situationen soll es keine Rudelbildung mehr um den Schiedsrichter geben, sondern für jede Mannschaft darf nur mehr ein Spieler, meistens der Mannschaftskapitän, mit dem Schiedsrichter sprechen. Welchen Zweck hat die neue Regelung?
Es geht einmal darum, die Nettospielzeit zu erhöhen, also die Länge der Pausen zu verringern. Zweitens will man damit Spieleransammlungen und ellenlange Diskussionen ersticken. UEFA und FIFA sehen darin außerdem ein Angebot an Transparenz und Kommunikation: Es werden komplexe Schiedsrichterentscheidungen erklärt, aber bitte nur jeweils einer Person pro Mannschaft. Auf dem Feld den Spielführern und zwischen den Bänken übernimmt das der vierte Offizielle bei den Trainern.

Weshalb kommt das von UEFA und FIFA, also dem Europäischen Fußballverband und dem Weltfußballverband, gemeinsam?
Das ist ein Pilotprojekt, das nicht explizit in den Regeln steht. UEFA und FIFA haben sich zusammengetan und gesagt, wir testen das einmal bei dieser EM. Man muss dafür jetzt auch gar nicht die Regeln ändern. Es ist in diesen Situationen, wo das schlagend wird, ohnedies eine Pause da, weil der Schiedsrichter das Spiel unterbricht. Es geht also nur darum, wie man in der Pause miteinander umgeht. Nach der EM wird man evaluieren, was dieser Test gebracht hat und das dann eventuell fix in die Regeln übernehmen.

Wie schnell werden die Spieler diese neue Regelauslegung verinnerlichen, zumal in emotional aufgeheizten Situationen?
Das ist natürlich ein Prozess, aber ich glaube, dass die Spieler das sehr schnell verinnerlichen werden. Denn zum einen hat die UEFA vorab in alle Trainingslager von allen an der EM beteiligten Mannschaften Schiedsrichterexperten geschickt, die den Spielern den Sinn der Änderung und deren Durchführung erläutert haben. Damit ist die Basisinformation schon einmal da. Und deshalb denke ich, dass das gut klappen wird. Vielleicht wird es das eine oder andere Mal eine Gelbe Karte geben, aber erfahrungsgemäß stellen sich die Spieler sehr rasch auf so etwas ein.

Rote Karte für Belgiens Amadou Onana beim EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich im Oktober 2023. Die Schiedsrichter werden auch bei der EM 2024 in Deutschland wieder im Mittelpunkt stehen und für zahlreiche Emotionen sorgen
Rote Karte für Belgiens Amadou Onana beim EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich im Oktober 2023. Die Schiedsrichter werden auch bei der EM 2024 in Deutschland wieder im Mittelpunkt stehen und für zahlreiche Emotionen sorgen
Werner Kerschbaummayr / fotokerschi / picturedesk.com

Sie halten das für eine sinnvolle Änderung?
Ja, weil ich glaube, dass ein Schiedsrichter, der vor sechs oder noch mehr Spielern steht und eine Entscheidung erklärt, mindestens fünf oder sechs Antworten bekommt. Aber es ist ja nicht der Sinn der Sache, dass sich jeder befleißigt fühlt, ihm zu antworten. Wenn nur einer da ist, der sachlich mit dem Schiedsrichter spricht, ist das eine ganz andere Situation, hat auch einen wesentlich besseren Vorbildcharakter und der Informationsgehalt für diesen einen Spieler ist auch wesentlich größer, als wenn alle durcheinander sprechen.

Und der eine Spieler kommuniziert das dann seinen Mitspielern so weiter, wie er es für richtig hält?
Genauso ist es. Im Rugby hat man mit dieser Handhabung solcher Situationen bereits sehr gute Erfahrungen gemacht.

Weshalb treten diese Änderungen gerade jetzt zur EM in Kraft?
Für gewöhnlich treten Regeländerungen immer erst zum 1. Juli eines Jahres in Kraft. Wenn aber ein Turnier bereits im Juni beginnt, wird nicht mitten drinnen etwas geändert, sondern es wird das gesamte Turnier nach den neuen, aktualisierten Regeln gespielt.

Englands Goalgetter Harry Kane verschießt einen Elfmeter im Spiel gegen Dänemark bei der EM 2020. Ab heuer gelten bei der EM für Penaltys leicht geänderte Regeln, was das Hineinlaufen von Spielern in den Strafraum betrifft
Englands Goalgetter Harry Kane verschießt einen Elfmeter im Spiel gegen Dänemark bei der EM 2020. Ab heuer gelten bei der EM für Penaltys leicht geänderte Regeln, was das Hineinlaufen von Spielern in den Strafraum betrifft
Frank Hoermann / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Gibt es noch weitere Regeländerungen oder Neudefinitionen bei der EM?
Es gibt noch zwei weitere Änderungen, die relevant sind. Einerseits der so genannte Eingriff bei einem Strafstoß. Es ist ja so, dass bei einem Strafstoß Spieler ab und an zu früh in den Strafraum laufen, Stürmer wie Verteidiger. Jetzt wird das nur noch bestraft, wenn dieser Spieler auch Einfluss auf das Geschehen nimmt, also ins Spiel eingreift. Das passiert eigentlich nur, wenn der Ball abprallt und der Verteidiger schlägt ihn danach weg bzw. der Stürmer schießt noch einmal aufs Tor. Das wird auch künftig bestraft.

Wenn aber diese Spieler keinen Einfluss auf das Spiel nehmen, etwa weil der Ball übers Tor geht, wird das zu frühe hineinlaufen in den Strafraum auch nicht mehr bestraft. Das halte ich ebenfalls für sinnvoll, weil der Schiedsrichter nicht mehr auf alle Spieler rund um den Strafraum achten muss, sondern nur mehr hinterher überprüft wird, ob ein Spieler, der ins Geschehen eingegriffen hat, eventuell zu früh gestartet ist. Wenn das so ist, wird er bestraft, wenn nicht, ist seine Aktion gültig.

Und die andere Änderung?
Da geht es um die persönliche Strafe für einen Spieler bei einem Handspiel im Strafraum. Die wird etwas abgeschwächt. Wenn es so ist, dass der Verteidiger aktiv mit seiner Hand zum Ball geht und dadurch ein Tor verhindert, wird das mit Rot geahndet, wird eine gute Chance dadurch vereitelt, wird es mit Gelb bestraft. Wenn aber ein Spieler jetzt ein zwar strafbares, aber nicht absichtliches Handspiel macht, etwa indem er sich breit macht, seine Arme abspreizt und erst danach angeschossen wird und dadurch den Ball aufhält, dann ist ja seine Hand nicht aktiv zum Ball gegangen, sondern der Ball an die Hand.

Das wird ab nun als zwar strafbares, aber nicht absichtliches Handspiel gewertet und die persönliche Strafe für den Spieler wird reduziert, analog einem taktischen Foulspiel. Das heißt, wird so eine klare Torchance verhindert, bekommt der Spieler dafür nur mehr Gelb, wird eine gute Chance dadurch vereitelt, ist es gar keine Karte mehr. An der Spielstrafe, also der Ahndung dieses Vergehens durch einen Strafstoß oder Freistoß, ändert das gar nichts. Aber dadurch will man die vielen persönlichen Strafen durch Handspiel im Strafraum reduzieren und behandelt das künftig wie ein taktisches Foul, wo es ja ebenfalls unter gewissen Umständen eine Reduzierung der persönlichen Strafe für den Spieler gibt.

Österreichs Team bei der Ehrenrunde im Happel-Stadion nach dem Sieg im Freundschaftsspiel gegen Deutschland im November 2023. Deutschlands oberster Fußball-Regelexperte Lutz Wagner traut den Österreichern bei der EM 2024 nicht zuletzt deshalb Großes zu
Österreichs Team bei der Ehrenrunde im Happel-Stadion nach dem Sieg im Freundschaftsspiel gegen Deutschland im November 2023. Deutschlands oberster Fußball-Regelexperte Lutz Wagner traut den Österreichern bei der EM 2024 nicht zuletzt deshalb Großes zu
Werner Kerschbaummayr / fotokerschi / picturedesk.com

Welche Erwartungen haben Sie an die EM?
Ich hoffe, dass diese EM einen ähnlichen Charakter bekommt wie die WM 2006, als der Slogan war "Zu Gast bei Freunden". Deutschland hat sich damals auch als Gastgeber sehr gut präsentiert, es ging ein Ruck durch unser Land, es gab eine positive Grundeinstellung und wir haben alle damals von dieser WM sehr profitiert, auch was das Gefühl im Land betrifft.

Sportlich wünsche ich mir natürlich, dass sich unsere Mannschaft gut präsentiert, über die Vorrunde hinaus kommt, und einen schönen Fußball spielt, der begeistert. Ich glaube, dass die Spitze sehr eng zusammengerückt ist, egal ob England, Spanien, Italien, Deutschland. Und, das sage ich auch, ich finde, dass Österreich eine exzellente Mannschaft hat, mit sehr guten Einzelspielern, und jetzt haben sie auch einen Trainer, der es offensichtlich geschafft hat, das Team sehr gut zusammen zu stellen. Denen traue ich auch etwas zu.

Und es wäre doch toll, wenn wir ein Halbfinale zwischen Deutschland und Österreich hätten. Aber letztendlich wünsche ich mir positiven Fußball und ein zweites Sommermärchen.

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