EURO-Kopfnüsse

EM, WM, der Fußball und ich: Eine kleine Zeitreise

Zum Start der Europameisterschaft in Deutschland: Eine persönliche Liebeserklärung an legendäre Fußballturniere, ihre Helden und an Autobatterien.

Gerd Müller erzielt das Siegestor im WM-Finale 1974, rechts der Niederländer Ruud Kroll, dahinter Uli Hoeneß
Gerd Müller erzielt das Siegestor im WM-Finale 1974, rechts der Niederländer Ruud Kroll, dahinter Uli Hoeneß
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Finale war immer, egal wann, egal wie, egal wo. Das wurde aus einem ungeschriebenen Naturgesetz heraus angeschaut, es handelte sich um eine Pflichtveranstaltung, nicht einmal der eigene Tod reichte hinlänglich als Entschuldigungsgrund aus. Wer am nächsten Tag in der Schule keine eigenen Fabeln zum Entscheidungsspiel am Abend davor erzählen konnte, der hatte nicht gelebt.

Weltmeisterschaften und Europameisterschaften passierten in meiner Jugend nicht einfach so, sie waren die Leitgestirne, Orientierungspunkte im Ablauf der Gezeiten, alle zwei Jahre fand entweder das eine oder das andere statt. Niemand kam damals auf die Idee, Fußballspiele in der Wüste zu veranstalten und sie der Hitze wegen in die Gegend um Weihnachten zu verlegen. Fußball war ein Sommersport, im Winter wurde skigefahren. Basta! Kommerz gab es auch damals schon, aber er kickte nicht in der Champions League, sondern saß in der Unterliga Ost auf der Ersatzbank.

Auch eine Pandemie hatten wir nicht am Radar. Dass die Fußball-EM 2020 erst 2021 stattfinden konnte, aber trotzdem den alten Namen behalten durfte, fand ich charmant. Mir ist klar, dass auch hier der Kommerz die Entscheidung traf, das gesamte Marketing war schließlich auf das Jahr 2020 aufgebaut, aber der ganze Fußball ist ja in seiner DNA eine einzige Notlüge. Wir sehen ständig Bälle außerhalb des Feldes, die noch nicht einmal einen Blick auf die andere Seite gewagt hatten. Bei deutlichen Abseitspositionen handelt es sich um bösartige Bereitstellungen falscher Kamerawinkel. Schwalben des Gegners sehen wir mit Adleraugen, wenn der eigene Spieler Hummeln im Hintern hat, gilt er als ausgefuchst. Schiedsrichter sind grundsätzlich vom Gegner bestochen oder von der Mafia entsandt. Wenn sie für uns pfeifen, dann entdecken wir die schönen Seiten an der Untwelt. Bei Corona fanden wir Verschwörungstheorien böse, im Fußball halten sie das Spiel quicklebendig.

Frankreichs Starstürmer Kylian Mbappe ist unser erster Gegner am Montag
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Mit der neuen Kameratechnik, dem Hawk-Eye, den Videoschiedsrichtern, die irgendwo in einem Keller hocken, was in Österreich immer seltsame Assoziationen auslöst, lassen sich diese Verschwörungstheorien immer schwieriger ausgestalten. Dem Fußball ist sein Zauberkranz abhandengekommen, nun umgibt ihn ein esoterischer Schutzring  aus Besserwisserei. Sogar das Meckern ist bei dieser EM verboten. Dem Spiel wurde die Menschlichkeit entzogen, im Menschsein nimmt die Fehlerhaftigkeit aber ganz grundsätzlich eine Kapitänsrolle ein. Der Spielführer wurde ausgewechselt. Ständig meldet sich jetzt etwas, das alle ehrfurchtsvoll VA nennen, das Stadion hält den Atem an, nach ein paar Minuten fällt der Video-Assistent eine Entscheidung. Der moderne Fußball wird in einem Keller zusammengemixt.

Ehe die Fußballwelt in den Keller lachen ging, stieg ich in aller Ernsthaftigkeit zur ihr empor. Gerd Müller hieß das Idol meiner Jugend, ein etwas untersetzter Mittelstürmer, der Tore produzierte wie ein Bäcker Kaisersemmeln, und das fast sein gesamtes berufliches Leben lang für Bayern München. Müllers Biographie mit dem schlichten Titel "Tore entscheiden" kannte ich auswendig. Wenn ich in der Schule zu den Punischen Kriegen gefragt wurde, geriet ich ins Stottern, aber dass "der Bomber" aus Nördlingen stammte und seine Uschi am Münchner Ostbahnhof kennengelernt hat, das weiß ich noch heute aus dem Stehgreif.

Weil das Taschengeld knapp war, habe ich das Buch meinem älteren Bruder zum Geburtstag geschenkt, um es unmittelbar danach in Dauerleihe zu übernehmen. Auch im richtigen Leben entscheiden die Tore, du musst die Elfmeter, die sich dir bieten, ins Tor treffen und nicht in den Belgrader Nachthimmel ballern wie Uli Hoeneß 1976 im Finale gegen die Tschechoslowakei, dem ersten Endspiel, das mit einem Elferschießen entschieden wurde. Zuvor hatte es bei Unentschieden immer ein Wiederholungsmatch am Tag danach gegeben.

Schöner wohnen: Das VIP-Fahrzeug mit David Alaba und Marko Arnautovic bei der Ankunft im Schlosshotel Berlin, dem Teamquartier
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1974 war die erste WM, die ich so richtig miterlebte. Es gab damals noch kein Kabelfernsehen und die Satelliten waren mehr noch bei sich. Meine Eltern hatten ein kleines Grundstück irgendwo in der Pampa, an einem der hässlichsten Abschnitte der Drau, die grundsätzlich kein Fluss fürs Auge ist. Wir waren da praktisch jedes Wochenende, mein Bruder und ich schliefen wann immer möglich im Zelt. Bevor wir in die Sandkiste durften, wurde sie nach Sandvipern abgesucht. Es gab kein fließendes Wasser, wenn man die Drau da nicht mitzählt, vor allem gab es keinen Strom. Am 7. Juli 1974 fand aber das Finale Deutschland – eigentlich damals Westdeutschland, weil die DDR noch existierte – gegen die Niederlande statt. Ein Sonntag und wir waren in der Pampa.

Meine Eltern besaßen damals einen kleinen, tragbaren Fernseher in knallorange. Steve Jobs hat uns sicherlich satellitenüberwacht und sich bei der Farbwahl für seine iMacs von unserem Portable-Gerät inspirieren lassen. Weil kein Strom war, klemmte mein Vater das knallorange Trumm, das sich als Fernseher gebärdete, an die Autobatterie an. Das WM-Finale 1974 sahen wir also mehr oder weniger mitten im Wald, der Fernseher stand auf der Motorhaube, die zwei Antennen ragten wie hilfeschreiende Hände in den Nachmittagshimmel und flehten um ein passables Bild. Mit 4K wurden wir nicht erhört, mit Ultra HD auch nicht, dafür waren die Pixel ultragroß und traten mit dem Ball in optische Konkurrenz.

Mit den vielen Pixeln wirkte Fußball mit einem Mal als nicht mehr so komplizierter Sport, es gab ja ausreichend genug Bälle, zumindest am Bildschirm. Den Witz steuerte meine Mutter, deren Desinteresse an Fußball Ultra HD war, mit verlässlicher Regelmäßigkeit bei. Sobald Anpfiff war und 22 Männer begannen, wild auf einem durch Linien begrenzten Feld herumzulaufen, fragte sie: "Warum gibt man nicht jedem einen Ball?"

Kann verletzungsbedingt nicht spielen, ist aber überall der Star: David Alaba
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Die 74er-WM in Deutschland war etwas Besonderes. Nicht weil Österreich sich wieder einmal auf die Zuschauerrolle zurückzog und  unserer Spieler im Panini-Album falsche Namen trugen. Also die Namen waren schon richtig, aber sie wurden anderen Köpfen zugeordnet. Nein, weil die BRD schmachvoll in der Vorrunde 0:1 gegen die DDR verlor, Jürgen Sparwasser traf in der 77. Minute im Hamburger Volksparkstadion die Volkseele mitten ins Herz. Deutschland wurde trotzdem Weltmeister, Sparwasser flüchtete ein Jahr vor dem Mauerfall in den Westen.

1974 kamen zum ersten Mal Rote Karten zum Einsatz, bis dahin wurden Ungereimtheiten auf andere Art aus dem Weg geräumt. Ich glaube, man sagt heute "im Diskurs" dazu, die Frühform des Ausspucken, das in der fußballerischen Gegenwart das Austrocknen des Rasens verhindert. Nachdem Deutschland, besser gesagt natürlich Gerd Müller, dem polnischen Team in der legendären "Wasserschlacht von Frankfurt" eine verfrühte Heimfahrt ermöglicht hatte, warteten im Endspiel die Niederländer. Mit Arie Haan, Wim Suurbier, Johann Neeskens, Johnny Rep, vor allem mit Johan Cruyff, ich kannte sie alle persönlich. Aus meinem Panini-Album.

Zwischen die Ultra HD-Pixel hindurch sah ich, wie Neeskens in der zweiten Minute einen Foulelfer verwandelte und Breitner, der nicht nur in der Grobkörnigkeit des Bildschirms aussah wie Rübezahl, in der 25. Minute ebenfalls per Elfmeter ausglich. In der 42. Minute passte Bonhof dann zu Müller, der sich praktischerweise bereits im Strafraum aufhielt wie meistens, er sah den Fußball nie als Laufsport an. Im Strafraum, dem Verhörzimmer des Tormannes, heute weniger lautmalerisch als "Box" bezeichnet, war Müller aber eine Macht. Er drehte sich um seine eigene Achse, traf halb die Luft, halb den Ball, der ins Tor kullerte, vermutlich um Müller einen Gefallen zu tun.

Der deutsche "Fußball-Professor" Ralf Rangnick ist seit Mai 2022 österreichischer Teamchef
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Danach war nicht mehr viel, Deutschland hatte sein Sommermärchen, das nicht Sommermärchen hieß. In meinem weiteren Leben reihte sich Finale an Finale, die Heldenfiguren wechselten, das Spiel wurde ein anderes, die Emotionen blieben. Nichts aber reichte an die WM 1974 heran. Beim Finale der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Wien saß ich im Stadion, Spanien schlug Deutschland 1:0, es war nett.

Österreich war schon in der Vorrunde ausgeschieden, aber immerhin passten diesmal die Texte zu den Panini-Bildern. Jetzt ist wieder Europameisterschaft, ich werde mir einiges anschauen, das Finale sowieso. Ich bin schon sehr gespannt, auf wen Österreich trifft.

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