Der Fall Jill Dando ist einer der berühmtesten ungelösten Mordfälle Großbritanniens. Die Moderatorin wurde 1999 vor ihrem Haus in London erschossen, der Täter konnte unerkannt fliehen. Jetzt prüft die Polizei altes Videomaterial mit neuer Technologie – die Fakten.

Ein Morgen im April 1999, eine ruhige Straße im Londoner Stadtteil Fulham. Eine blonde Frau mit strahlendem Lächeln öffnet die Tür zu ihrem Haus in der Gowan Avenue. Wenige Sekunden später liegt sie tot auf der Türschwelle - erschossen mit einem einzigen gezielten Schuss. Das Opfer: Jill Dando, 37, damals eines der bekanntesten Gesichter des britischen Fernsehens.
Der Mord an der beliebten Moderatorin war ein Schock, den das Land bis heute nicht restlos verdaut hat. Denn obwohl die Behörden mit bis dahin kaum gekanntem Aufwand nach dem Täter suchten, blieb der Fall ungelöst.
Mehr als 27 Jahre später gibt es nun eine neue Entwicklung in einem der rätselhaftesten Mordfälle der britischen Kriminalgeschichte, meldet die BBC. Die Londoner Polizei hat angekündigt, alte Überwachungsvideos mit modernster Technologie erneut zu analysieren. Für viele Briten flammt damit die Hoffnung auf, dass der Fall nun doch noch aufgeklärt werden könnte.
Was seinerzeit geschehen ist, weshalb der Fall die Menschen bis heute nicht ruhen lässt und wie die Behörden nun doch noch auf die Spur des oder der Täter kommen wollen – die Fakten zu einem der spektakulärsten Verbrechen Großbritanniens im Überblick:

Wer war Jill Dando?
Eine der beliebtesten Fernsehmoderatorinnen Großbritanniens. Sie arbeitete 14 Jahre lang für die BBC, moderierte die beliebte Reisesendung "Holiday" (darin berichtete sie 1996 u. a. vom Wiener Opernball) und war das Gesicht von "Crimewatch", einer Sendung, in der ungelöste Verbrechen rekonstruiert wurden, um Hinweise aus der Bevölkerung zu sammeln, vergleichbar "Aktenzeichen XY ungelöst". Die Ironie, dass ausgerechnet sie Opfer eines bis jetzt ungelösten Verbrechens wurde, erschütterte das Land.
Was geschah am Tattag?
Am 26. April 1999 kehrte Dando gegen 11.30 Uhr zu ihrem Haus in Fulham zurück. Als sie die Tür aufsperren wollte, trat jemand von hinten an sie heran und drückte sie zu Boden. Der Täter feuerte einen einzigen Schuss ab, direkt in ihren Kopf. Der Mord dauerte nur wenige Sekunden. Trotz des belebten Viertels und der Tageszeit sah niemand den Schützen deutlich genug, um ihn zu identifizieren.
Wie verliefen die Ermittlungen?
Was folgte, war eine der größten Mordermittlungen in der Geschichte Großbritanniens. Mehr als 2.000 Zeugen wurden befragt, über 5.000 Hinweise gingen ein. Die Polizei verfolgte zahlreiche Spuren, von obsessiven Fans über Verbindungen zur Unterwelt bis hin zu internationalen Verschwörungstheorien. Doch trotz des enormen Aufwands blieb der Fall ungelöst.
Wer stand unter Verdacht?
Die Ermittler befragten mehrere Personen aus Jill Dandos Umfeld. Darunter waren ihr Verlobter Alan Farthing, ihr Ex-Partner Bob Wheaton sowie ihr Agent Jon Roseman – letzterer hatte interessanterweise einen Kriminalroman geschrieben, in dem eine ähnliche Mordszene vorkam. Keiner von ihnen konnte jedoch mit der Tat in Verbindung gebracht werden.
Gab es gar keine Verhaftungen?
Im Jahr 2001 wurde der Londoner Barry George verhaftet und wegen Mordes an Jill Dando verurteilt. Er saß acht Jahre im Gefängnis. 2008 wurde er jedoch in einem Berufungsverfahren freigesprochen – die Beweise gegen ihn, insbesondere ein Schusspartikel an seiner Kleidung, wurden als nicht ausreichend erachtet. George erhielt später eine Entschädigung und beteuert bis heute seine Unschuld.
Welche Theorien gab es noch?
Eine der spektakulärsten Theorien betraf einen möglichen serbischen Racheakt. Kurz nach dem Mord rief ein Mann serbischer Herkunft bei der BBC an und behauptete, Dando sei als Vergeltung für das NATO-Bombardement des serbischen Staatssenders in Belgrad exekutiert worden. Die Ermittler nahmen die Spur ernst, konnten sie aber nicht erhärten.

Was ist jetzt neu an dem Fall?
Die Metropolitan Police hat bestätigt, dass sie CCTV-Aufnahmen, also Videoaufnahmen aus öffentlichen Überwachungskameras, aus der Zeit des Mordes erneut analysieren wird. In den vergangenen Jahren hat sich die Technologie zur Verbesserung der Videoqualität stark weiterentwickelt. Was damals nur verschwommene Bilder waren, könnte heute mit modernen Algorithmen schärfer gemacht werden.
Was zeigen die Aufnahmen?
Auf dem Videomaterial ist ein unidentifizierter Mann zu sehen, der etwa 20 Minuten nach den tödlichen Schüssen in der Nähe des Tatorts sprintete. Auch Aufnahmen von der nahegelegenen U-Bahn-Station Putney Bridge sollen neu untersucht werden. Die Polizei hofft, dass verbesserte Bilder endlich eine Identifizierung ermöglichen könnten.
Besteht realistische Hoffnung auf Aufklärung?
Die Polizei warnt vor überzogenen Erwartungen. Die erneute Analyse sei Teil einer routinemäßigen Überprüfung alter Fälle und kein Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Durchbruch. In den 27 Jahren seit Dandos Tod wurde der Fall bereits mehrfach neu aufgerollt – bisher ohne Erfolg. Dennoch zeigt der Schritt, dass die Behörden den Fall nicht aufgegeben haben.
Warum beschäftigt dieser Fall Großbritannien so sehr?
Der Mord an Jill Dando traf die britische Öffentlichkeit ins Mark. Sie war ein TV-Star und eine Sympathieträgerin, galt als nahbar und unumstritten. Dass ausgerechnet jemand wie sie – mitten am Tag, vor ihrem eigenen Haus – erschossen wurde, erschütterte nicht zuletzt auch das Sicherheitsgefühl vieler Briten. Der ungelöste Fall ist seither ein Symbol für die Grenzen der Verbrechensaufklärung.

Weshalb ist der Tod von Jill Dando auch für jüngere Briten, die damals noch Kinder waren, ein Thema?
Weil immer wieder darüber berichtet wird. Erst 2023 strahlte Netflix die dreiteilige True-Crime-Dokumentation "Der Mord an Jill Dando" über den Fall aus. Der Mord ist in Großbritannien ein nationales Trauma, das bis heute nicht aufgelöst werden konnte.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Londoner Polizei wird in den nächsten Monaten das alte Videomaterial aufbereiten und analysieren. Sollten dabei neue Erkenntnisse gewonnen werden, könnten weitere Ermittlungsschritte folgen. Die Öffentlichkeit wird weiterhin um Hinweise gebeten. Auch nach 27 Jahren bleibt die Hoffnung, dass eines Tages doch noch jemand für den Mord an Jill Dando zur Verantwortung gezogen wird.