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Junge frau gestorben

Pest-Ausbruch in Sibirien: Was man weiß, was vertuscht werden soll

Nach dem Tod einer 28-jährigen Ärztin am vergangenen Wochenende gehen in Sibirien die Wogen hoch. Lokale Medien berichten über einen Pest-Ausbruch und Quarantänemaßnahmen, die staatliche Gesundheitsbehörde beschwichtigt. Was über den Fall bekannt ist.

Ein Mitarbeiter des Forschungsinstituts für Seuchenbekämpfung bei einer Seuchenschutzübung im letzten April. Trat jetzt der Ernstfall ein?
Ein Mitarbeiter des Forschungsinstituts für Seuchenbekämpfung bei einer Seuchenschutzübung im letzten April. Trat jetzt der Ernstfall ein?Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung
NewsFlix Redaktion
Akt. 06.10.2026 17:47 Uhr

Ist es in der russischen Region Irkutsk im fernen Sibirien zu einem Ausbruch der gefährlichen Lungenpest gekommen? Oder sind all die Meldungen in lokalen Medien und auf Social Media nur Panikmache und Hysterie einer verunsicherten Bevölkerung?

Bilder von Menschen in Ganzkörper-Schutzanzügen in den Straßen, Berichte über Quarantänemaßnahmen in Kliniken und Warnungen, bestimmte Orte zu meiden, kursieren seit Tagen in sozialen Netzwerken. Ausgelöst wurde die Unruhe durch den Tod einer 28-jährigen Ärztin, die in einem Forschungsinstitut für hochgefährliche Infektionskrankheiten arbeitete. Dort soll sie mit einem Pesterreger in Berührung gekommen und nach wenigen Tagen an einer schweren Atemwegserkrankung gestorben sein.

Seither prallen zwei Versionen derselben Geschichte frontal aufeinander: Unabhängige Medien und lokale Berichte sprechen von einem möglichen Fall von Lungenpest. Russische Behörden weisen das zurück und betonen, die Lage sei stabil.

Was über die Lage im Fernen Osten Russlands bislang bekannt ist, was man über den Tod der jungen Frau weiß, wie die russischen Behörden argumentieren, was Donald Trump zu der ganzen Thematik beizutragen hat und wie groß die Gefahr ist, dass es bei einem Pest-Ausbruch auch bei uns zu Infektionen kommen könnte – das weiß man derzeit über den angeblichen Pest-Ausbruch:

Darja S. (hier mit einem Kollegen im Institut) absolvierte im Juli 2024 erfolgreich ihre Facharztausbildung im Fachgebiet klinische Labordiagnostik
Darja S. (hier mit einem Kollegen im Institut) absolvierte im Juli 2024 erfolgreich ihre Facharztausbildung im Fachgebiet klinische Labordiagnostik
Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung

Was ist in der Region Irkutsk passiert?
Im Zentrum steht der Tod der 28-jährigen Darja S. in der Nacht auf den 2. Oktober. Sie arbeitete am Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung und wurde am 29. September mit Atembeschwerden und Symptomen einer Infektion in ein Spital in der Stadt Schelechow nahe Irkutsk eingeliefert. Dort wurde sie behandelt und künstlich beatmet und starb drei Tage später. In ersten lokalen Berichten hieß es, es handle sich um "die Frau, die an der Pest gestorben ist". Später wurde das abgeschwächt zu "sie könnte an der Pest gestorben sein".

Was weiß man über die Verstorbene und ihre Arbeit?
Auf der Homepage des Institutes findet sich ein Eintrag über sie. Darin steht dass "die junge Spezialistin D. S. der Abteilung für Pestmikrobiologie des Irkutsker Anti-Pest-Forschungsinstituts von Rospotrebnadzor (die staatliche russische Gesundheitsbehörde, Anm.) am 5. Juli 2024 erfolgreich ihre Facharztausbildung im Fachgebiet klinische Labordiagnostik an der Irkutsker Staatlichen Medizinischen Universität des Gesundheitsministeriums der Russischen Föderation abgeschlossen hat".

Warum gibt es überhaupt den Verdacht auf Pest?
Berichte mehrerer Medien besagen, die junge Frau habe bei ihrer Einlieferung selbst gegenüber medizinischem Personal geschildert, dass in ihrem Labor am 25. September ein Reagenzglas mit lebenden Bakterien zerbrochen sei bzw. sie habe das Reagenzglas zerbrochen. Genannt wird dabei Yersinia pestis, also jener Erreger, der die Lungenpest auslöst. Es wird allerdings noch eine zweite Infektionsmöglichkeit kolportiert. Demnach sei sie möglicherweise während einer Feldexpedition in Burjatien, nahe der östlichen Grenze Russlands zur Mongolei, mit dem Erreger in Berührung gekommen.

Aber ist es überhaupt gesichert, dass die Frau mit solchen Bakterien gearbeitet hat?
Ja, sie hat tatsächlich beruflich mit diesem Bakterium gearbeitet. Erst im letzten März ist eine wissenschaftliche Arbeit mit ihrer Beteiligung vorgestellt worden: "Untersuchung der Empfindlichkeit von Yersinia-pestis-Stämmen aus natürlichen Pestherden Sibiriens gegenüber antibakteriellen Medikamenten" wurde Ende März 2026 auf einem russischen Kongress für Infektionskrankheiten vorgestellt.

Was sagen die Behörden?
Russlands Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadsor bestreitet einen Laborunfall und spricht von einer "Lungenentzündung unbekannter Herkunft", an der die 28-Jährige verstorben sei. In ihren Proben seien "keine Mikroorganismen nachgewiesen worden, die mit ihrer Arbeit zusammenhängen", wie es heißt. Die Behörde betont, die "seuchen- und Infektionslage" in Irkutsk und Schelechow sei stabil.

Warum wirkt die Lage trotzdem verdächtig?
Weil die Maßnahmen vor Ort zur Eindämmung einer möglichen Erreger-Freisetzung in Anbetracht dieser Einschätzung sehr weitreichend ausfallen. Nach einem Bericht der britischen Daily Mail stehen fünf Krankenhäuser in der Region im Epidemie-Modus. Die städtischen Kliniken Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 10 sowie das Kinderkrankenhaus Ivano-Matreninskaya und eine Geburtsklinik seien wegen eines Vorfalls geschlossen.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beschwichtigt und rät der Bevölkerung, nur Mitteilungen der Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadsor zu vertrauen
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beschwichtigt und rät der Bevölkerung, nur Mitteilungen der Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadsor zu vertrauen
via REUTERS

Was bedeutet das?
Laut dem unabhängigen, regierungskritischen Regionalmedium Lyudi Baikala ("Menschen des Baikalsees") gilt eine dreiwöchige Quarantäne, wodurch Hunderte von Mitarbeitern und Patienten daran gehindert werden, die Krankenhäuser zu verlassen. Dazu kommt die Anordnung einer Maskenpflicht in Betrieben (etwa einem Aluminiumwerk) und Kindergärten der Region sowie Berichte über Menschen in Schutzanzügen im öffentlichen Raum. Das passt für viele Beobachter nur schwer zu einer offiziell "stabilen Lage".

Finden sich auch auf Google verdächtige Spuren?
Laut der britischen Times haben sich die Online-Suchanfragen nach dem Wort "Pest" – auf Russisch "chuma" – in der Region im Vergleich zum Vorjahr um 5.000 Prozent erhöht. Das muss nichts aussagen, würde aber gut ins Bild passen.

Gibt es Hinweise auf eine Vertuschung?
Mehrere Meldungen deuten in diese Richtung, gesichert ist das jedoch nicht. Berichten zufolge verschwanden Online-Beiträge verschiedener russischer Medien zu dem Fall wieder oder wurden inhaltlich abgeschwächt. Auch ein Warnhinweis der Stadtverwaltung von Baikalsk auf der Plattform Telegram wurde nach zwei Stunden gelöscht.

Wie erklären die Behörden diese Änderungen?
Überhaupt nicht. Kremlsprecher Dmitri Peskow, der sonst im Westen vor allem durch Verlautbarungen zum Ukraine-Krieg bekannt ist, riet der russischen Bevölkerung, nur offiziellen Mitteilungen der Gesundheitsaufsicht Rospotrebnadsor zu vertrauen und nicht auf Gerüchte zu hören. Ein russischer Epidemiologe formulierte es daraufhin in den sozialen Medien drastisch: "Es ist zum Haareraufen: Es wird uns einfach nicht gesagt, was wirklich vorgefallen ist."

Es gibt auch Meldungen über einen zweiten Todesfall …
Lokale Medien behaupteten am Dienstag, in einem Spital der Region sei eine zweite Person gestorben, die sich ebenfalls angesteckt haben könnte. Eine offizielle Bestätigung dafür liegt nicht vor. Aber laut des Online-Mediums StarHit soll mittlerweile eine weitere Mitarbeiterin des Instituts erkrankt sein. Auch ihre Erkrankung wird als Lungenentzündung beschrieben, obwohl sie keinen Zugang zu den betreffenden Proben gehabt haben soll. Aber möglicherweise hatte sie Kontakt mit der Verstorbenen.

Weiß man, wie viele Menschen Kontakt mit Darja S. hatten? 
Nach den Berichten kam die Verstorbene vor ihrer Einlieferung ins Spital mit rund 200 Personen in Kontakt, die nun beobachtet werden. Das betrifft medizinisches Personal, Kollegen und weitere Kontaktpersonen. Mehrere Abteilungen in dem Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, nahmen laut regionalen Angaben keine neuen Patienten mehr auf oder entließen vorerst niemanden. Das zeigt, wie ernst die Behörden selbst einen möglichen Ausbruch einer besonders gefährlichen Infektion nehmen.

In diesem Krankenhaus in der Stadt Schelechow starb Darja S. an einer Lungeninfektion
In diesem Krankenhaus in der Stadt Schelechow starb Darja S. an einer Lungeninfektion
REUTERS

Was hat US-Präsident Donald Trump mit der ganzen Sache zu tun?
In einer Rede am Montag gab er bekannt, dass die USA Russland bei der Bewältigung des Krankheitsausbruchs "helfen" würden. "Wir beobachten die Sache sehr genau", zitiert die Daily Mail Trump. "Wir haben gerade erst davon gehört, und es wird als Lungenentzündung bezeichnet. (…) Und Lungenentzündung, wissen Sie, vor Jahren konnte man Lungenentzündung leichter behandeln. Die Mikroben und Keime sind unverhältnismäßig widerstandsfähiger geworden, aber wir werden ihnen helfen."

Wie reagierte die russische Seite auf dieses "Hilfsangebot"?
Dünnhäutig. Als Reaktion erklärte die russische Gesundheitsbehörde am Dienstag, sie sei bereit, die USA im Kampf gegen Ausbrüche von Infektionskrankheiten wie Masern zu unterstützen. Damit spielte sie auf den enormen Anstieg an Masern-Infektionen in den USA an – aktuell fast 4.000 bestätigte Fälle und bislang zwei Todesfälle. 95 Prozent der Infektionen betrafen ungeimpfte Personen.

Was ist die Lungenpest überhaupt?
Die Pest ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht wird. Ursprünglich ist sie eine Tierkrankheit; natürliche Reservoire sind etwa wild lebende Nagetiere wie Murmeltiere, Ratten oder Eichhörnchen. Die Lungenpest ist die gefährlichste Form der Pest, weil sie nicht nur über infizierte Tiere oder deren Flöhe, sondern auch von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen übertragen werden kann. Genau deshalb würde ein Verdacht in einem Spital oder Labor besonders ernst genommen.

Wie unterscheidet sich die Lungenpest von der Beulenpest?
Die häufigste Pest-Form ist die Beulenpest, sie macht rund 90 Prozent der Fälle aus. Typisch sind dabei stark geschwollene Lymphknoten, die sogenannten Pestbeulen, die sich dunkel verfärben können. Deshalb hieß die Krankheit im Mittelalter auch der "Schwarze Tod". Die Lungenpest ist seltener, aber laut Weltgesundheitsorganisation WHO deutlich gefährlicher, weil sie die Lunge befällt und eine direkte Weitergabe über die Atemluft möglich macht.

Wie schnell verläuft die Krankheit?
Hier gehen die Angaben etwas auseinander, sicher ist aber: Es geht ziemlich schnell. Laut der österreichischen AGES, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, beträgt die Inkubationszeit bei der Lungenpest zwei bis drei Tage. Zu den Symptomen zählen Fieber, Atemnot und blutiger Husten. Unbehandelt verläuft die Lungenpest fast immer tödlich.

Kann man Pest heute behandeln?
Ja, grundsätzlich schon, entscheidend ist aber der frühe Beginn der Therapie. Behandelt wird mit Antibiotika, die über rund zehn Tage gegeben werden; Quellen nennen als kritisches Zeitfenster die ersten 18 bis 24 Stunden nach Symptombeginn. Dann sinkt die Sterblichkeit deutlich, in Industrieländern bei behandelten Fällen auf etwa fünf Prozent. Ohne zeitgerechte Behandlung ist die Gefahr dagegen extrem hoch, an der Lungenpest zu sterben.

Am Institut für Seuchenbekämpfung werden seit fast 100 Jahren schwere Infektionskrankheiten erforscht
Am Institut für Seuchenbekämpfung werden seit fast 100 Jahren schwere Infektionskrankheiten erforscht
Irkutsker Forschungsinstitut für Seuchenbekämpfung

Wo kommt die Pest heute überhaupt noch vor?
Sie tritt nur noch sporadisch in einigen Regionen der Welt auf. Endemische Gebiete gibt es vor allem in Madagaskar und in der Demokratischen Republik Kongo, bestätigte Fälle wurden in den vergangenen Jahren auch aus Kenia, Uganda, China und der Mongolei gemeldet. In den USA gibt es vereinzelt Infektionen bei wildlebenden Nagetieren im Südwesten; Rospotrebnadsor verwies selbst auf einen tödlichen Pestfall in New Mexico im Juni. Von einer weltweiten Rückkehr der Pest kann dennoch keine Rede sein.

Wie ist die Situation in Österreich?
Laut AGES gab es nach 1945 keinen einzigen Pest-Fall in Österreich.

Besteht jetzt durch die Vorgänge in Russland Gefahr für Österreich oder Europa?
Nach den vorliegenden Informationen eher nicht. Für Europa wird Entwarnung gegeben, weil Pestfälle hier seit langem nicht mehr aufgetreten sind und moderne Quarantäne, Diagnostik und medizinische Versorgung eine Ausbreitung stark erschweren. Gerade bei der Lungenpest ist zudem die Zeit zwischen Ansteckung und schweren Symptomen kurz, was Fernreisen als Übertragungsweg weniger wahrscheinlich macht. Immerhin liegt Irkutsk fast 6.000 Kilometer Luftlinie von Wien entfernt und wird nicht direkt angeflogen.

Warum löst alleine der Name der Krankheit trotzdem so große Angst aus?
Weil der historische Schatten der Pest riesig ist. Der "Schwarze Tod" forderte zwischen 1346 und 1353 bis zu 50 Millionen Menschenleben, also etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas. Sobald heute irgendwo das Wort Pest fällt, springt diese Erinnerung sofort wieder an. Dazu kommen beim aktuellen Fall in Irkutsk die Widersprüche zwischen offiziellen Erklärungen, drastischen Maßnahmen und Berichten über gelöschte Meldungen – eine Mischung, die nicht zum Sicherheitsgefühl der Menschen beiträgt.

NewsFlix Redaktion
Akt. 06.10.2026 17:47 Uhr