Drei Tote, zwei Patienten im kritischen Zustand, insgesamt 10 bestätigte Infektionen, aber alle Fachleute wiegeln ab: Hanta ist kein neues Corona. Wie das erklärt wird, warum mit noch mehr Kranken gerechnet werden muss und welche Rolle Weißkehlkarakaras spielen.

Die bislang authentischste Schilderung, wie es sich anfühlt, mit dem Hantavirus infiziert zu sein, stammt vom österreichischen Fußballtrainer Ralph Hasenhüttl. Der Coach, der zuletzt den deutschen Bundesligisten VfL Wolfsburg betreute, infizierte sich 2012 mit dem Virus, wahrscheinlich über mit infiziertem Mäusekot verunreinigten Staub, den er beim Hausputz einatmete.
In der britischen Zeitung Mirror schilderte Hasenhüttl, was dann geschah: "Zunächst fühlte ich mich nur erschöpft, aber über Nacht setzten heftige Schmerzen ein. Es war, als würde mir eine Nadel in den Kopf gestochen." Später kamen noch massive Rückenschmerzen dazu – "als hätte ich ein Messer im Rücken" – und seine Organe schwollen an.
Zwei Wochen lag Ralph Hasenhüttl auf der Intensivstation, kämpfte um sein Leben – und gewann. Rückblickend sagt der Steirer: "Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens."
Zwei Wochen Überlebenskampf auf der Intensivstation. Die Passagiere des niederländischen Kreuzfahrtschiffes "MV Hondius", die sich an Bord mit dem Hantavirus infizierten, hatten diese Möglichkeit nicht. Sie wussten zunächst nicht einmal, woran sie überhaupt erkrankt waren. Drei Passagiere sind an den Folgen der Infektion bereits gestorben, zwei weitere befinden sich in kritischem Zustand.

Dass sämtliche Gesundheitsbehörden, von der Weltgesundheitsorganisation WHO über das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC bis zur heimischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES, das Risiko einer Hanta-Infektion als "sehr gering" einschätzen, tröstet da zunächst nur wenig.
Die Versuche der Behörden, die Seuche durch strenge Quarantänemaßnahmen einzudämmen, sowie der Krankheitsverlauf der aktuellen Fälle lassen schlimme Erinnerungen aufkommen. Und nicht wenige Menschen befürchten, Hanta könnte ein zweites Corona werden.
Was man bisher über die Ursachen und den Verlauf des "Outbreaks" weiß; wer aller Wahrscheinlichkeit nach das Virus als "Patient Null" an Bord gebracht hat; und wie groß die Gefahr für jeden Einzelnen ist, schwer an einer Hantavirus zu erkranken – die aktuellsten Erkenntnisse über den Hanta-Ausbruch an Bord der "MV Hondius" und dessen Folgen für die Allgemeinheit:
Kurz zusammengefasst: Worum geht es hier?
Um den Ausbruch einer Virusinfektion an Bord des niederländischen Kreuzfahrtschiffes "MV Hondius". Das Schiff wurde vor allem für Fahrten in die Arktis bzw. die Antarktis gebaut und war auf dem Weg von Argentinien über den Südatlantik Richtung Afrika, als es zu den ersten Krankheitsfällen kam.
Wusste man gleich, dass es sich um eine Hanta-Infektion handelt?
Nein, das erste Opfer, ein 70-jähriger Niederländer, erkrankte fünf Tage nach Ablegen des Schiffes (am 1. April von der argentinischen Hafenstadt Ushuaia) an Fieber, Husten und Durchfall. Weitere fünf Tage später, am 11. April, war er tot. Die exakte Todesursache wurde bislang noch nicht ermittelt.
Aber der Mann hat das Virus weiter verbreitet, richtig?
Ja, in Unkenntnis, wie gefährlich sein Zustand auch für andere ist, hatte er seine Ehefrau, 69, angesteckt. Sie starb zwei Wochen später, kurz nachdem sie auf der kleinen Insel St. Helena an Land gegangen war, um den Leichnam ihres Mannes in die Heimat zu überführen.

Wann war klar, dass es sich um einen Hanta-Ausbruch handelt?
Erst am 2. Mai, einen Monat, nachdem das Schiff mit dem Virus an Bord abgelegt hatte. Inzwischen war noch eine dritte Person, eine Frau aus Deutschland, an der Infektion gestorben.
Wie ging es mit der "MV Hondius" weiter?
Das Schiff lag ab dem 3. Mai mehrere Tage vor dem Hafen von Praia, der Hauptstadt des Inselstaates Kap Verde. die Insel sollte eigentlich das Ziel der Kreuzfahrt sein, jetzt durfte die "MV Hondius" nicht in den Hafen einfahren, aus Angst vor einer weiteren Verbreitung der Krankheit.
Welche Maßnahmen wurden getroffen?
Experten der WHO und der ECDC gingen an Bord, um Passagiere und Besatzung zu untersuchen und zu eruieren, welche Vorgehensweise am besten wäre. Es wurde entschieden, das Schiff nach Teneriffa zu bringen und dort sämtliche Personen von Bord zu evakuieren und nach einer Untersuchung in ihre Heimatländer zurückzubringen.
Warum blieb das Schiff nicht in Kap Verde?
Weil die medizinische Infrastruktur in dem kleinen Land als ungenügend eingestuft wurde, für eine so große Zahl an potenziellen Patienten. Und nachdem die spanische Regierung ihre Zustimmung erteilt hatte (gegen den Willen der Insel-Regierung), landete die "MV Hondius" am frühen Sonntagmorgen im Hafen von Granadilla im Süden von Teneriffa und nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt.
Wie ging es weiter?
Bis Montagabend gingen insgesamt 122 Personen – alle verbliebenen Passagiere sowie ein Teil der Besatzung – von Bord. Sie wurden unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zum nahen Flughafen Reina Sofia gebracht. Dort wurden sie mit eigens gecharterten Flugzeugen in ihre Heimatländer zurückgeflogen.
Woher kamen die Menschen?
Die 122 Personen, die evakuiert wurden, stammten aus insgesamt 23 Ländern. Die letzten beiden der insgesamt zehn Flüge gingen in die Niederlande und nach Australien.

Weshalb wurden die Betroffenen nicht mit Linienmaschinen zurückgeflogen?
Weil sie alle als potenzielle Krankheitsträger gelten. Und auch wenn sie bislang keinerlei Zeichen einer Ansteckung zeigten, mussten alle nach ihrer Ankunft in ihren Heimatländern in Quarantäne.
Waren alle Evakuierten ohne Symptome?
Nein, bei einem Passagier aus den USA wurden auf dem Heimflug milde Symptome festgestellt. Übler hat es offenbar eine Frau aus Frankreich erwischt. Bei ihr brach die Ansteckung just auf dem Heimflug nach Paris aus. Sie wurde umgehend in ein Krankenhaus eingeliefert und befindet sich seither auf der Intensivstation. Laut der französischen Gesundheitsministerin Stéphanie Rist ist der Gesundheitszustand der Patientin kritisch, so die Zeitung Le Figaro.
Was passiert jetzt mit dem Schiff?
Es wird derzeit von einer verbliebenen Rumpf-Mannschaft von knapp 30 Seeleuten zurück in seinen Heimathafen Rotterdam gebracht. Dort soll das gesamte Schiff gründlich desinfiziert werden und die restliche Mannschaft wird sich ebenfalls in Quarantäne begeben.
Ist damit der Gipfel bei den Infektionen erreicht?
Nein, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus dazu ganz deutlich bei seinem Auftritt vor der Presse: "Derzeit gibt es keinen Anlass zu denken, es könnte ein größerer Ausbruch sein", so der Äthiopier. "Aber die Situation könnte sich noch ändern. Auch aufgrund der langen Inkubationszeit könnte es in den nächsten Wochen noch weitere neue Fälle geben."
Sieht man das beim ECDC ähnlich?
Ja, auf jeden Fall. "Aufgrund der verbleibenden Unsicherheiten und der langen Inkubationszeit ist es möglich, dass wir in den kommenden Wochen weitere Fälle bei ehemaligen Passagieren und Besatzungsmitgliedern feststellen werden", sagt Pamela Rendi-Wagner. Die ehemalige SPÖ-Vorsitzende und hauptberufliche Medizinerin ist seit 2024 Direktorin des ECDC.
Gibt es inzwischen weitere neue Fälle?
Mit großer Wahrscheinlichkeit ja. Wie Dienstagnachmittag bekannt wurde, bereitet in Italien der Zustand eines 25-jährigen Mannes mit Hantavirus-Symptomen Sorge. Der Mann, der sich bereits in Quarantäne befindet, war auf jenem KLM-Flug von Johannesburg nach Amsterdam, auf dem er kurzzeitig neben jener 69-jährigen Niederländerin saß, die wenig später an dem Virus verstarb.
Was ist mit den Passagieren, die von Bord der "Hondius" gegangen sind, ehe klar war, dass es um einen Hanta-Ausbruch geht?
Laut WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus wurden sämtliche 34 Personen mittlerweile aufgespürt und sind auf mögliche Infektionen hin untersucht worden. Wobei ein Mann dabei sogar auf der abgelegensten Insel der Welt gefunden wurde.

Was ist damit gemeint?
Ein Brite, der sich an Bord der "MV Hondius" befunden hatte, verließ das Schiff auf der zu Großbritannien gehörenden Insel Tristan de Cunha im Südatlantik. Sie hat nur etwa 250 Einwohner und gilt als abgelegenste bewohnte Insel der Welt. Da dort keine Flugzeuge landen können, wurden Fallschirmjäger und Militärärzte von der Royal Air Force abgesetzt, um den Mann untersuchen zu können.
Wie steht es mit jenen Personen, die mit den von Bord gegangenen Passagieren Kontakt hatten?
Die Behörden in den betroffenen Ländern seien dabei, mögliche Kontaktpersonen ausfindig zu machen, so WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Diese müssen, in Abstimmung zwischen den lokalen Behörden und der WHO, ebenfalls untersucht werden und gegebenenfalls in Quarantäne oder häusliche Isolation gehen. In Frankreich seien etwa bereits 22 Kontaktpersonen gefunden worden.
Weiß man, um welche Form des Hanta-Virus es sich handelt?
Unglücklicherweise um die sogenannte Andes-Variante. Diese kommt an sich nur in Südamerika vor und ist die einzige Hanta-Variante, die bei einer Infektion direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Welche Symptome ruft die Andes-Variante des Hantavirus hervor?
Sie bewirkt vor allem eine Schädigung der Lunge und des Herzens, führt zu Atem- und Herzproblemen.
Wie groß ist die Gefahr, an einer Hanta-Virusinfektion zu sterben?
Bei der Andes-Variante liegt die Mortalität bei bis zu 40 Prozent. Damit ist diese Variante die gefährlichste der bekannten Hanta-Viren.
Gibt es eine Impfung gegen eine Hanta-Infektion?
Nein, es gibt weder eine Behandlung zur Bekämpfung der Infektion noch einen Impfstoff gegen die Andes-Variante. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome.

Wie lange muss man in Quarantäne, wenn nicht klar ist, ob man sich infiziert hat?
Laut dem WHO-Chef dauert die Inkubationszeit bei Hantaviren im Maximalfall sechs bis acht Wochen. Da sich das Virus theoretisch bis Anfang Mai unter den Passagieren und Besatzungsmitgliedern hat ausbreiten können, ist die Empfehlung der WHO, auf jeden Fall bis 21. Juni (das sind 6 Wochen ab 10. Mai, dem letzten Tag an Bord) in Isolation zu bleiben, um auszuschließen, dass man jemanden ansteckt.
Weiß man schon, wie das Virus überhaupt an Bord gekommen ist?
Es gibt zumindest eine Vorstellung davon, wie es wahrscheinlich passiert ist. Der erste Patient und das erste Todesopfer des Ausbruchs war der 70-jährige Niederländer Leo S. Er und seine Frau Mirjam, 69, waren begeisterte Vogelbeobachter. Und sie reisten dazu vom 27. November 2025 an wochenlang durch Argentinien, Chile und Uruguay, um ganz spezielle Vögel zu finden und zu beobachten.
Weiter?
Wenige Tage, bevor das Ehepaar an Bord der "MV Hondius" ging, soll es eine Mülldeponie außerhalb der Stadt Ushuaia besucht haben, die als Mekka für Vogelkundler gilt.
Weshalb das?
Weil der äußerst seltene Weißkehlkarakara dort auf Nahrungssuche gehen soll, schreibt die New York Post. Und auf dieser Müllhalde soll auch zumindest der Mann mit Nagetierkot in Berührung gekommen sein und auf diese Weise das Virus an Bord getragen haben. Damit wäre der 70-Jährige Leo S. Patient Null des Hantavirus-Ausbruchs 2026 an Bord der "MV Hondius".
Gibt es eine Möglichkeit, diese Vermutung zu bestätigen?
Ja, die argentinische Regierung will jetzt ein Team schicken, um die Mülldeponie zu untersuchen. Dort sollen Ratten und Mäuse gefangen und auf das Virus untersucht werden, schreibt Die Presse. Sind die Stämme in den gefangenen Tieren und in den Opfern von Bord der "Hondius" gleich, wäre der Beweis erbracht, wie das Virus an Bord des Schiffes gekommen ist.
Wäre es theoretisch möglich, dass die Infektion wirklich von hier stammt?
Ja, durchaus. Zuletzt kam es laut dem New England Journal of Medicine zwischen November 2018 und Februar 2019 in der etwas weiter nördlich gelegenen argentinischen Provinz Chubut zu einer Übertragung des Andes-Virus von Mensch zu Mensch. Dabei wurden 34 Infektionen bestätigt und es gab 11 Todesfälle.

Wie gefährlich ist dieses Virus wirklich? Könnte es damit zu einer Pandemie wie bei Corona kommen?
Nein, das halten die Experten der WHO und der ECDC für ausgeschlossen. Sie stufen die Gefahr, sich mit dem Hantavirus zu infizieren, unisono als "sehr gering" ein. "Die Infektionsraten sind bei Hanta vollkommen anders als bei Corona", so WHO-Direktor Ghebreyesus.
Was heißt das genau?
Der Hauptunterschied liege in der hohen Ansteckungsfähigkeit des Coronavirus: Jede mit Covid-19 infizierte Person steckte in der Pandemie im Durchschnitt drei weitere Personen an, so Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. Diese sogenannte Basisreproduktionszahl sei beim Hantavirus hingegen "praktisch null".
Wie beurteilt man beim ECDC die Lage?
Nahezu ident. Der Andes-Virusstamm sei "nicht leicht übertragbar", sodass es unwahrscheinlich sei, dass es zu vielen Fällen oder einem weitverbreiteten Ausbruch in der Bevölkerung führen würde, sofern Infektionspräventions- und Kontrollmaßnahmen angewendet werden, schreiben die Seuchenbekämpfer der EU. Das Risiko für die Bevölkerung sei deshalb " sehr gering".