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Infrastruktur im Visier

Sabotage am deutschen Stromnetz: Ist das schon Putins Rache?

Zwei Sabotage-Anschläge auf deutsche Umspannwerke an einem Tag – kann das Zufall sein? Oder ist das bereits die Antwort des Kreml auf den Vorwurf aus Berlin, hinter dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig zu stecken? Was man weiß, wie groß die Gefahr ist.

Polizisten durchkämmen ein Feld nahe Bergheim bei Köln nach Spuren jener Täter, die am Dienstag zwei Kohlekraftwerke lahmgelegt haben
Polizisten durchkämmen ein Feld nahe Bergheim bei Köln nach Spuren jener Täter, die am Dienstag zwei Kohlekraftwerke lahmgelegt habenREUTERS/Thilo Schmuelgen
NewsFlix Redaktion
Akt. 02.09.2026 23:18 Uhr

Großalarm für die Einsatzkräfte Dienstagabend in dem 65.000-Einwohner-Städtchen Bergheim westlich von Köln: Nach einer automatischen Notabschaltung zweier Kraftwerke wurden unmittelbar neben einem Umspannwerk sechs Abschussvorrichtungen für Raketen gefunden. Der Verdacht der Ermittler: Damit wurde ein Draht über die Stromleitungen befördert, um Kurzschlüsse und dadurch ein Blackout auszulösen, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Behörden bereits in erhöhter Alarmbereitschaft. Denn nur Stunden zuvor hatte es in Brandenburg, mehr als 500 Kilometer Luftlinie von Köln entfernt, einen ähnlichen Angriff auf ein Umspannwerk nahe dem Kraftwerk Jänschwalde gegeben.

Ob die beiden Fälle miteinander in Zusammenhang stehen, ist noch nicht final geklärt. Es gibt allerdings Hinweise, die darauf hindeuten. Bedeutender erscheint aber die Frage, ob es sich bei den beiden Sabotageakten bereits um eine direkte Reaktion Russlands auf den Vorwurf der deutschen Regierung handelt, dass der Kreml hinter dem missglückten Drohnenanschlag auf ukrainische Frachtflugzeuge am Leipziger Airport Anfang August steckt.

Was bislang über die beiden Sabotageakte und ihre möglichen Urheber bekannt ist, wie groß die Gefahr für das Stromnetz ist und was drauf hindeutet, dass die beiden Fälle zur hybriden Kriegsführung Russlands gegen NATO-Staaten gezählt werden müssen – so viel weiß man über die Sabotage-Anschläge auf Deutschlands Energie-Infrastruktur:

Auch das Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg war Ziel von Saboteuren. Der Tathergang war dem in Nordrhein-Westfalen auffallend ähnlich
Auch das Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg war Ziel von Saboteuren. Der Tathergang war dem in Nordrhein-Westfalen auffallend ähnlich
REUTERS/Axel Schmidt

Worum geht es?
Nach Angaben der Behörden haben Unbekannte am Dienstagabend bei einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln einen Kurzschluss ausgelöst. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul sagte dazu: "Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an." Die Polizei geht davon aus, dass Kabel mittels kleiner Raketen über die Oberleitung gebracht wurden und so eine Erdung ausgelöst haben.

Was geschah in Brandenburg?
Bereits am Dienstagmorgen gab es einen mutmaßlichen Anschlag auf ein Umspannwerk nahe dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde im Bundesland Brandenburg. Auch dort sollen Täter mit selbst gebauten Flugkörpern, die Silvesterraketen ähnelten, versucht haben, Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen auszulösen. Die Vorgehensweise ähnelt damit dem Fall bei Köln.

Gibt es konkrete Verbindungen zwischen den beiden Fällen?
Laut Meldungen von Mittwochnachmittag seien die Abschussvorrichtungen für die Raketen in beiden Fällen sehr ähnlich gefertigt gewesen. Und generell spricht natürlich die nahezu idente Vorgehensweise für ein und denselben Täterkreis.

Welche Folgen hatte der Vorfall bei Köln?
Wegen der Störung musste der Energieversorger RWE in der Nacht auf Mittwoch zwei seiner drei Braunkohlekraftwerke im Rheinischen Revier vom Netz nehmen. Betroffen waren Anlagen in der Nähe des Umspannwerks, konkret die Kraftwerke Neurath und Niederaußem. Insgesamt fielen dadurch 4,2 Gigawatt an Kapazität aus. Das dritte RWE-Braunkohlekraftwerk Weisweiler war nicht betroffen, weil es deutlich weiter entfernt liegt. Insgesamt fielen in den beiden Kraftwerken fünf Blöcke aus.

War die Stromversorgung gefährdet?
Offenbar nicht. Der Netzbetreiber Amprion teilte mit, die allgemeine Stromversorgung sei zu keinem Zeitpunkt betroffen und die Systemstabilität immer gewährleistet gewesen. Die fehlende Elektrizität kam offenbar von anderen Kraftwerken.

Wie groß war der ausgefallene Stromumfang?
4,2 Gigawatt, das entspricht jener Leistung die es braucht, um rund zehn Millionen Haushalte zu versorgen. Das zeigt, dass der Eingriff erheblich war, auch wenn es keinen Blackout gab.

Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde: Die Sabotageanschläge in Deutschland sollten ein Weckruf für alle westeuropäischen Staaten sein, ihre Infrastruktur besser zu sichern
Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde: Die Sabotageanschläge in Deutschland sollten ein Weckruf für alle westeuropäischen Staaten sein, ihre Infrastruktur besser zu sichern
EUTERS/Matthias Rietschel

Wie rasch laufen die beiden Kraftwerke wieder an?
Ein Block ging bereits am Mittwochmorgen wieder ans Netz, zwei weitere folgten bis Tagesende. Die übrigen beiden Blöcke sollen am Wochenende wieder anlaufen.

Was sagen die Ermittler zum Motiv?
Laut Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul werden zwei Richtungen verfolgt: "Wir prüfen auf fremdstaatlich gelenkte Sabotage und bezüglich Linksextremismus", so der Politiker. In beiden Fällen ermittelt die Polizei wegen verfassungsfeindlicher Sabotage. In Brandenburg kommt zusätzlich der Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung dazu.

Warum sind Umspannwerke so sensibel?
Umspannwerke sind zentrale Knoten im Stromnetz. Wird dort der Betrieb von Kraftwerkszuleitungen gestört, kann das direkte Folgen für angeschlossene Kraftwerke haben. Der Fall zeigt aber auch, dass das Netz so ausgelegt ist, dass Ausfälle an einzelnen Stellen nicht sofort die Versorgung zusammenbrechen lassen.

Gab es bereits ähnliche Angriffe?
Ja. Im Juni gab es einen Brandanschlag auf ein Umspannwerk im baden-württembergischen Reutlingen. Im Januar zündeten mutmaßlich linksextreme Täter Starkstromleitungen nahe einem Kraftwerk im Südwesten Berlins an und verursachten einen tagelangen Blackout von gut 45.000 Haushalten, Krankenhäusern, Pflegeheimen und Firmen.

Steht hinter den aktuellen Fällen womöglich ein größeres Muster?
Der CDU-Innenexperte Alexander Throm hält die zeitliche Häufung für bemerkenswert. Er sagte, es sei "extrem auffällig, dass jetzt wieder eine Häufung dieser Anschläge und Vorkommnisse unmittelbar im Vorfeld von Wahlen stattfindet". Einen Beleg für einen konkreten Zusammenhang nennen die bisherigen Informationen aber nicht.

Was sagt die Politik zur Widerstandsfähigkeit des Netzes?
Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur verwies auf die glimpflichen Folgen. Die Sabotage zeige, wie robust das System sei; die Täter hätten sich "an unseren Profis die Zähne ausgebissen". Diese Wortmeldung ist freilich als politische Einordnung zu verstehen, sie ändert aber nichts daran, dass die Vorfälle von den Behörden als schwerwiegend behandelt werden.

Der versuchte Anschlag mit Sprengstoffdrohnen auf ukrainische Flugzeuge am Flughafen von Leipzig wurde nach deutschen Erkenntnissen von Moskau beauftragt
Der versuchte Anschlag mit Sprengstoffdrohnen auf ukrainische Flugzeuge am Flughafen von Leipzig wurde nach deutschen Erkenntnissen von Moskau beauftragt
REUTERS

Könnten die Anschläge im Zusammenhang mit russischen Drohungen stehen?
Es gibt mehrere Berichte, etwa von der Nachrichtenagentur Reuters, die die beiden Sabotageakte in Kontext mit der wachsenden Sorge vor russischer hybrider Kriegsführung setzen. Gleichzeitig wird aber immer auch betont, dass bislang keinerlei Spuren auf eine direkte oder indirekte Verantwortung Moskaus für die beiden Vorfälle hinweisen.

Gab es nicht gerade erst eine ziemlich klare Drohung von Russlands Präsident Putin gegen Deutschland?
Ja, erst am Dienstag, dem 1. September, nahm Putin zu Vorwürfen aus Berlin Stellung, Russland sei für den missglückten Drohnen-Sprengstoffanschlag auf ukrainische Frachtflugzeuge am Flughafen Leipzig Anfang August verantwortlich. Der Präsident bestritt jede russische Beteiligung, nannte vorgelegte Beweise "gefälscht" und bezeichnete angekündigte Sanktionen als "weiteren schweren Fehler".

Welche Beweise gibt es für die deutsche Behauptung?
Es sind vor allem Indizien. "Tatmittel" wie die Konfiguration der Drohne, Bauteile, Sprengstoff und Zündtechnik seien aus anderen hybriden Operationen Russlands sowie dessen Krieg gegen die Ukraine bekannt, erklärte Innenminister Alexander Dobrindt am Dienstag. Technik und Zusammenspiel einzelner Komponenten seien "professionell", der Aufwand für die Planung der Tat "erheblich". Am Mittwoch wurde zudem bekannt, dass angeblich zwei Männer mit direktem Bezug zu Russland als Tatverdächtige für den Drohnenanschlag gelten.

Aber könnte Russland überhaupt so rasch auf diese Weise reagieren?
Russland verübt im Zuge einer sogenannten hybriden Kriegsführung gegen Staaten, die die Ukraine unterstützen, seit Jahren immer wieder Anschläge und Sabotageakte, vor allem auch in Deutschland. Es ist daher davon auszugehen, dass Moskau grundsätzlich binnen kürzester Zeit diverse vorbereitete Aktionen umsetzen kann, wenn es denn möchte.

Was bedeutet hybride Kriegsführung?
Hybride Kriegsführung bezeichnet die Kombination aus militärischen und nichtmilitärischen Mitteln – etwa Cyberangriffen, Desinformation, Sabotage, wirtschaftlichem Druck und politischer Einflussnahme –, um einen Gegner zu schwächen, ohne einen offenen Krieg zu führen.

Könnte im Zuge solch einer hybriden Kriegsführung auch jemand zu Taten motiviert werden, ohne dass er überhaupt weiß, in welchem Auftrag er diese Taten ausführt?
Das ist durchaus denkbar und gehört zum kleinen Einmaleins vieler Geheimdienste. Etwa indem bestimmte Interessengruppen angesprochen und bei illegalen Aktionen etwa mit Geld, Know-how oder Logistik unterstützt werden, ohne dass der eigene Hintergrund offenbart wird. Das nennt sich in der Agentensprache "unter falscher Flagge anwerben". So könnten etwa politische Extremisten zu Anschlägen motiviert und dabei unterstützt werden ohne zu wissen, wer hier eigentlich ihre Hand führt.

"Ein weiterer schwerer Fehler" – so bezeichnete Russlands Wladimir Putin die deutschen Anschuldigungen
"Ein weiterer schwerer Fehler" – so bezeichnete Russlands Wladimir Putin die deutschen Anschuldigungen
Reuters

Wie geht es jetzt weiter?
Im Zentrum der Ermittlungen zu den beiden Sabotageakten stehen jetzt Spurensicherung, Motivsuche und die Frage, ob die Fälle miteinander verbunden sind. Ebenso wichtig ist, ob Ermittler Hintermänner oder Nachahmer ausschließen können. Und übergeordnet sollten die beiden Anschläge für alle Staaten ein Weckruf sein, die Sicherung ihrer Infrastrukturen ehebaldigst voranzutreiben.

Weshalb ist das so?
Es ist gut und wichtig, die eigene Armee aufzurüsten, um in Krisenzeiten nicht von der Stärke anderer abhängig sein zu müssen. Wenn aber gleichzeitig sensible Infrastrukturen wie etwa die Wasser- und Energieversorgung oder das Verkehrs- und Kommunikationsnetz eines Staates auf dem Präsentierteller da liegen, dann helfen auch die modernsten Waffensysteme nur wenig, einen Gegner aufzuhalten.

NewsFlix Redaktion
Akt. 02.09.2026 23:18 Uhr