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Bundesheer-Experte

Was passiert eigentlich, wenn bei uns eine russische Drohne einschlägt?

Zwei Verletzte, Menschen in Angst, die EU empört: Eine russische Angriffsdrohne aus dem Ukraine-Krieg schlug in einem Wohnblock in Rumänien ein. Rund 400 Kilometer von Österreich entfernt. Was, wenn das bei uns geschieht? In der Nacht schaut es finster aus.

Momente nach dem Drohnen-Einschlag: Das Dachgeschoß des zehnstöckigen Wohnblocks im rumänischen Galati steht lichterloh in Flammen
Momente nach dem Drohnen-Einschlag: Das Dachgeschoß des zehnstöckigen Wohnblocks im rumänischen Galati steht lichterloh in Flammenvia REUTERS
Martin Kubesch
Akt. 29.05.2026 22:36 Uhr

Vier Minuten lang flog eine russische Drohne in der Nacht auf Freitag im rumänischen Luftraum, dann schlug sie in einen zehnstöckigen Wohnblock in der Stadt Galati nahe der Grenze zur Ukraine ein und explodierte. Zwei Personen wurden leicht verletzt.

Es wird angenommen, dass die Drohne ukrainische Einrichtungen an der Grenze zu Rumänien angreifen sollte und dabei vom Kurs abgekommen ist. Eine offizielle Bestätigung für diese Sichtweise gibt es bislang allerdings nicht.

Es war bei weitem nicht der erste Zwischenfall dieser Art. Immer wieder kommt es im Zuge des Ukraine-Krieges zu Drohnenalarm in Nachbarländern. Wobei sich vor allem bei russischen Drohnen kaum je final klären lässt, ob die Ursache dafür in technischem Versagen liegt, oder ob es sich um gezielte Provokationen handelt.

Sicher ist nur eines: Der Vorfall in Rumänien zeigt einmal mehr, wie verwundbar Länder sind, wenn sie mit Drohnen attackiert werden. Und wie klein in Wahrheit der militärische Spielraum ist, mit dem Staaten auf solche Übergriffe reagieren können.

Das gilt natürlich für direkte Nachbarstaaten der Konfliktparteien Ukraine und Russland, aber auch für Länder wie Österreich. Die ukrainische Grenze liegt gerade einmal 400 Kilometer Luftlinie von Österreich entfernt. Ein Katzensprung für russische Kampfdrohnen jenes Typs, der in Rumänien eingeschlagen ist. Diese Fluggeräte haben eine Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern.

Chaos in Galati: Nach dem Einschlag der russischen Angriffsdrohne war die gesamte Straße mit Trümmern und Splittern übersät
Chaos in Galati: Nach dem Einschlag der russischen Angriffsdrohne war die gesamte Straße mit Trümmern und Splittern übersät
via REUTERS

Wie gut ist das Bundesheer auf Drohnen-Zwischenfälle vorbereitet?

Diese Gemengelage führt unweigerlich zur Frage: Wie gut ist das österreichische Bundesheer auf Einsätze gegen Drohnen vorbereitet? Und welche realistischen Möglichkeiten zur Reaktion gibt es für Österreichs Armee überhaupt?

Oberst Michael Bauer ist Sprecher des Verteidigungsministeriums und verantwortlich für die Krisenkommunikation unserer Streitkräfte. So gut sieht der erfahrene Soldat Österreich gegen Drohnen-Attacken aufgestellt:

Laut rumänischen Angaben sind F-16-Kampfjets aufgestiegen, als die Drohne in den Luftraum des Landes eindrang. Trotzdem konnten weder die Flugzeuge, noch das an der Grenze zur Ukraine stationierte US-Drohnenabwehrsystem Merops die russische Drohne rechtzeitig abschießen. Warum?
Ob auf ein feindliches Flugobjekt geschossen werden kann oder nicht, entscheidet sich immer individuell in der Situation. Auch wenn die Piloten grundsätzlich die Freigabe hatten, auf die Drohne zu schießen, müssen sie anhand der Lage vor Ort entscheiden, von welcher Maßnahme die geringere Gefahr für die Zivilbevölkerung ausgeht: einem Abschuss oder einem überwachten Weiterflug der Drohne.

Die Drohne flog nur etwa vier Minuten lang über zehn Kilometer im rumänischen Luftraum – genügt dieser kurze Zeitraum überhaupt, um Kampfflugzeuge in Stellung zu bringen?
Das hängt davon ab, wann diese aufgestiegen sind. Wenn die rumänische Luftraumüberwachung die Drohne – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Radar hatte, dann hätte sie theoretisch schon recht früh Alarm auslösen können. Andererseits ist noch nicht bekannt, ob nur diese eine Drohne in der Luft war, oder ob es sich um einen großen Angriff mit vielleicht hunderten Drohnen gehandelt hat.

Weshalb ist das automatische Drohnenabwehrsystem nicht aktiv geworden?
Auch hierfür gilt: Es hängt von der individuellen Situation ab. Ist die Gefahr für die Zivilbevölkerung größer, wenn ich die Drohne abschieße und diese vielleicht über dicht besiedeltem Gebiet abstürzt? Oder ist es riskanter, die Drohne weiterfliegen zu lassen? Diese Entscheidung kann nur vor Ort und anhand der verfügbaren Parameter getroffen werden.

Wie gut wäre Österreich auf solch einen Zwischenfall mit einer potenziell feindlichen Drohne vorbereitet?
Unser Luftraumüberwachungssystem "Goldhaube" kann relativ weit über unsere Grenzen hinaus "sehen". Im Norden etwa bis kurz vor Berlin, im Süden bis Mailand, im Westen die ganze Schweiz und im Osten reicht unser Radar-Blick bis Lemberg / Lwiw in der Ukraine. Zusätzlich haben wir einen Radardatenaustausch mit Nachbarländern. Wir würden also anfliegende Drohnen relativ früh entdecken.

Solch eine russische Geran-2-Kamikaze-Drohne soll in Rumänien eingeschlagen sein
Solch eine russische Geran-2-Kamikaze-Drohne soll in Rumänien eingeschlagen sein
REUTERS/Valentyn Ogirenko

Kann damit jede Art von Drohne aufgespürt werden?
Nein, das kann kein System der Welt, auch nicht die modernste Radaraufklärung. Es hängt von der Größe der Drohne ab, ihrer Flughöhe und ihrer Geschwindigkeit. Kleine Drohnen können immer übersehen werden.

Wie groß war die Drohne in Rumänien?
Die Behörden sind noch dabei, die Spuren zu sichern. Wenn es stimmt, was kolportiert wird, dann hat es sich dabei um eine russische Geran-2-Drohne gehandelt. Das ist eine Weiterentwicklung der iranischen Shahed-Drohnen. Diese Fluggeräte sind etwa 3,5 Meter lang und haben eine Spannweite von 2,5 Metern. Sie wiegen rund 200 Kilo, werden von einem Propeller angetrieben, klingen ein wenig wie ein Moped und fliegen maximal 200 km/h schnell, auf einer Flughöhe zwischen 60 und maximal 4.000 Metern.

Würde unser Radar solch eine Drohne entdecken?
Ja, so eine Drohne würde man auf dem Bildschirm erkennen.

Was wäre die erste Reaktion, wenn so eine Drohne im Anflug auf Österreich wäre?
Es würden die beiden Eurofighter, die entweder ohnedies gerade patrouillieren, oder in Zeltweg startklar bereitstehen, alarmiert.

Und weiter?
Die Jets würden in jenen Bereich beordert, wo die Drohne mutmaßlich in den österreichischen Luftraum einfliegen würde. Gleichzeitig wird die Verteidigungsministerin über die mögliche Bedrohungslage informiert. Nur sie kann die grundsätzliche Freigabe erteilen, ob im Ernstfall geschossen werden darf oder nicht.

Aber die Entscheidung, ob letztlich auf die Drohne geschossen wird oder nicht, liegt auch hier bei den Piloten vor Ort?
Ja, die Abwägung und die Letztentscheidung liegen immer bei den Piloten, die die Situation vor Ort sehen. Sie müssen einschätzen, welche Maßnahme die größere Gefahr für die Bevölkerung darstellen würden.

Rumänische Ermittler sichern die Reste der Drohne, um ihre Herkunft zweifelsfrei feststellen zu können
Rumänische Ermittler sichern die Reste der Drohne, um ihre Herkunft zweifelsfrei feststellen zu können
via REUTERS

Stehen die Eurofighter rund um die Uhr bereit?
Nein, nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wir haben zu wenige Flugzeuge, um eine 24/7-Überwachung zu ermöglichen.

Warum ist das so?
Weil Österreich seinerzeit nur 15 Eurofighter gekauft hat. Gemäß den auch international üblichen Standards müssen 60 Prozent der Jets einsatzbereit sein, 40 Prozent befinden sich in Wartung. Das heißt, wir haben im Regelfall 8 Jets bereit – und mit 8 Jets lässt sich keine 24-Stunden-Bereitschaft sieben Tage die Woche herstellen.

Wusste man das nicht vorher?
Doch, natürlich. Es war seinerzeit eine politische Entscheidung, nur 15 statt der eigentlich geplanten 18 Eurofighter anzuschaffen. Es war immer klar, dass damit keine Rund-um-die-Uhr-Luftraumüberwachung möglich sein wird.

Mit 18 Jets wäre das möglich?
Ebenso wenig. Man braucht wenigstens 36 Jets, um eine 24/7-Überwachung des Luftraumes sicherzustellen.

Und was passiert, wenn eine Drohne in der Nacht anfliegt, wie es auch jetzt im Fall von Rumänien war?
Dann hat das Bundesheer kaum eine Chance, zeitgerecht darauf zu reagieren. Man kann natürlich die Jets auch nachts in Einsatzbereitschaft bringen, aber das dauert mehrere Stunden. Alarmstarts sind so keinesfalls möglich.

Aber genügt dafür nicht der zeitliche Vorlauf, den man durch das Luftraumüberwachungssystem hat?
Nein, das geht sich nicht aus. Würde der Fall eintreten, dass man am Radar sieht, wenn eine Drohne von der Ukraine kommend die Grenze überfliegt und Richtung Österreich steuert, wäre diese Drohne schneller bei uns, als wir die Eurofighter nachts in die Luft bringen. Abgesehen davon: Es wäre ja nicht sicher, dass die Drohne wirklich bis zu uns fliegt und nicht zuvor abdreht oder abstürzt.

Eine Eurofighter-Rotte über Wien: Im Fall einer Drohnenattacke würden die Kampfjets alarmiert werden
Eine Eurofighter-Rotte über Wien: Im Fall einer Drohnenattacke würden die Kampfjets alarmiert werden
Bundesheer

Verfügt Österreich über kein automatisches Drohnenabwehrsystem?
Doch, aber das ist nicht laufend im Einsatz, sondern wird nur anlassbezogen installiert und aktiviert. Wären wir im Krisenmodus und es bestünde eine erhöhte Gefahr, dass Drohnen Richtung Österreich fliegen, wäre das natürlich ein Grund, das Drohnenabwehrsystem zu aktivieren. Aber die Chance, dass eine Drohne irrtümlich vom Kurs abkommt und bis Österreich fliegt, ist verschwindend gering.

Das heißt im Klartext, Österreich wäre einer nachts anfliegenden Drohne schutzlos ausgeliefert?
Man muss das klarstellen: Wenn sich Österreich in einem Krisenfall befinden würde, wäre das Bundesheer auf einem höheren Bereitschafts-Level. Der Muskel wäre stärker angespannt, übertragen gesprochen. Das lässt sich mit den aktuell verfügbaren Mitteln allerdings nur über einen gewissen Zeitraum aufrechterhalten.

Und ohne Krisen-Modus?
Kann das Heer nicht für jeden denkbaren Fall rund um die Uhr einsatzbereit sein. Das geben die Strukturen einfach nicht her. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Drohne, die nach Russland oder in die Ukraine unterwegs ist, um dort Einrichtungen zu zerstören, vom Kurs abkommt und bis Österreich fliegt, ist so gering, dass wir sie mit unseren gegenwärtigen Möglichkeiten nicht laufend in unsere Überlegungen einbeziehen können.

Warum ist das in Rumänien, in Polen oder im Baltikum anders?
Weil diese Länder direkt an die beiden kriegsführenden Länder angrenzen. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass Drohnen vom Kurs abkommen, aus welchen Gründen auch immer, automatisch wesentlich größer.

Wenn tatsächlich eine feindliche Drohne in Österreich einschlagen würde, was wäre die Reaktion des Bundesheeres?
Das entscheidet einzig und allein die Politik. Die Bundesregierung würde beschließen, welche Reaktion auf welchen Vorfall angemessen ist, mit oder ohne Einbeziehung des Bundesheeres. Unsere Armee ist ausschließlich ein Mittel der Politik.

Würde bei uns im Alarmfall die Bevölkerung alarmiert werden?
Auch diese Entscheidung trifft nicht das Bundesheer oder das Verteidigungsministerium, sondern das Innenministerium. Es verfügt auch über die entsprechende Infrastruktur für Alarmierungen, die hat das Bundesheer gar nicht. Das Bundesheer stellt fest, welche militärische Bedrohungslage es gibt, das Innenministerium sagt, wie die Bevölkerung davor geschützt werden kann.

Entscheidet, ob eine anfliegende Drohne abgeschossen werden darf: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, hier bei einem Truppenbesuch im Kosovo
Entscheidet, ob eine anfliegende Drohne abgeschossen werden darf: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, hier bei einem Truppenbesuch im Kosovo
CARINA KARLOVITS / OTS

Weshalb kommt es überhaupt dazu, dass sich Drohnen "verfliegen"?
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Technische Störungen, ein Irrtum in der Programmierung, aber auch ein absichtlicher Akt der Provokation. Last but not least: Drohnen können theoretisch auch "unter falscher Flagge" eingesetzt werden, um einen Zwischenfall zu provozieren und die Schuld dafür der gegnerischen Partei in die Schuhe zu schieben.

Gibt es dafür aktuelle Beispiele?
2022, am Beginn des Ukraine-Krieges, "verirrte" sich eine Drohne sowjetischer Bauart bis Kroatien und stürzte über Zagreb ab. Das war ein riesiges Modell, sechs Tonnen schwer und mit Düsenantrieb. Wie durch ein Wunder wurde dabei niemand getötet. Aber Russland und die Ukraine beschuldigten sich damals gegenseitig, die Drohne losgeschickt zu haben, da beide Länder das Modell hatten und einsetzten.

Sind Drohnen wirklich solche "Gamechanger", wie es immer wieder heißt?
Sie ändern den Ablauf und den Charakter eines Krieges vollkommen, wie es in früheren Zeiten etwa Panzer, Flugzeuge oder Hubschrauber getan haben. Daraus ergeben sich vollkommen neue Szenarien, für die Strategien gefunden werden müssen. Nicht zuletzt deshalb, weil Drohnen in so vielfältiger Form auftreten können: Es gibt welche, die kaum größer sind als eine menschliche Faust und andere, die so groß sind wie ein kleines Flugzeug.

Wie funktioniert Drohnen-Kriegsführung heute?
Drohnen werden mittlerweile für unterschiedlichste Aufgaben eingesetzt: Zur Aufklärung, um verletzte Personen aus der Gefahrenzone zu bergen (etwa durch bodengebundene Drohnen) oder als Angriffswaffe. Das können Mini-Drohnen sein, die einzelne Soldaten angreifen, Flugzeug-ähnliche Drohnen für den Luftkrieg oder auch Angriffsdrohnen zu Lande und am Meer.

Wofür werden jene Drohnen verwendet, von denen jetzt eine in Rumänien eingeschlagen ist?
Das sind sogenannte Kamikaze-Drohnen. Sie sind verhältnismäßig günstig in der Herstellung und werden in Schwärmen zu Hunderten losgeschickt, um die gegnerische Luftabwehr zum Kollabieren zu bringen. Häufig bereiten diese Kamikaze-Drohnen den Boden für Angriffe etwa mit Raketen, die nach den Drohnenschwärmen abgefeuert werden und kaum mehr auf Gegenwehr stoßen.

Wie steht es um die eigenen Drohnen-Fähigkeiten des Bundesheeres?
Wir sind, wie alle europäischen Armeen, gerade dabei, unsere diesbezüglichen Kapazitäten aufzubauen. Wir verfügen derzeit über etwa 120 Personen, die militärische Drohnen steuern und einsetzen können.

Die Drohnenkrieger der Ukraine sind allen anderen europäischen Armeen mittlerweile haushoch überlegen
Die Drohnenkrieger der Ukraine sind allen anderen europäischen Armeen mittlerweile haushoch überlegen
ANATOLII STEPANOV / AFP / picturedesk.com

Über welche Drohnen-Kapazitäten verfügen wir?
Das Heer hat Aufklärungsdrohnen beschafft. Es sind derzeit aber keine weiteren Beschaffungen im Laufen. Zuerst müssen wir das Personal für die Bedienung der Drohnen ausbilden, dann können wir mehr Drohnen kaufen.

Weshalb ist das so?
Drohnen veralten extrem rasch, sprich, die technische Entwicklung geht rasend schnell. Würden wir heute neue Drohnen für bestimmte Einsatzbereiche anschaffen, ohne über das nötige Personal dafür zu verfügen, wären die Geräte schon wieder veraltet, bis wir genügend Leute dafür ausgebildet hätten.

Hat nur das Bundesheer dieses Problem?
Nein, da geht es allen Armeen in Europa ähnlich. Nur die Russen und die Ukrainer sind derzeit bei Drohnen state of the art. Denn die führen seit mehr als vier Jahren gegeneinander Krieg und haben sich gerade im Drohnen-Bereich extrem rasch weiter entwickelt.

Wie ist die Prognose für unsere Luftstreitkräfte?
Die Eurofighter kommen ab dem Jahr 2030 ans Ende ihres Lebenszyklus. Früher oder später werden wir dann neue Kampfflugzeuge anschaffen müssen, ganz gleich von welchem Hersteller. Es gibt diesbezüglich die Idee, dieses Mal wirklich 36 Jets anzuschaffen. Dann ließe sich künftig auch tatsächlich eine Rund-um-die Uhr-Überwachung des heimischen Luftraums sicherstellen.

Wie zukunftsfit ist das Bundesheer derzeit eigentlich?
Mit unserem "Aufbauplan 2032+" haben wir die meisten Bereiche und Szenarien für Krisen und Konflikte, die in diesem Zeitraum auftreten könnten, bereits antizipiert und eingeplant. Das bedeutet, bis 2032 sollten wir alle diese Szenarien abdecken können.

Was passiert, wenn es in Österreich wirklich zu einer militärischen Krise kommt?

Welche Krisen-Szenarien gibt es für Österreich?
Es kann eine unmittelbare und eine mittelbare Bedrohung geben. Unmittelbar heißt, Österreich wird direkt angegriffen, sei es in der Luft, im Cyberraum oder tatsächlich am Boden. Mittelbar bedeutet, Österreich wird nicht direkt angegriffen, aber ein Nachbarland oder ein Nachbar-Nachbarland.

Was ist unter "Angriff" zu verstehen?
Es muss unterschieden werden, ob eine Granate irgendwo in den Grenzbereich fliegt oder ob etwa eine russische Brigade Österreich direkt angreift. Davon hängen unterschiedliche Maßnahmen ab, die gesetzt werden können.

Wer ist für die Einschätzung und Maßnahmen zuständig?
Eigentlich die Verteidigungsministerin, aber in so einem Fall würde sicher die ganze Bundesregierung tätig werden.

Wie ist der Ablauf diesbezüglich?
Jedes Ministerium hat unterstützende Kräfte. Das Verteidigungsministerium hat als Arbeitsmuskel das Heeresnachrichtenamt für den Blick ins Ausland und das Abwehramt, das schaut, wie weit eigene Heeresgüter betroffen sind. Aus deren Erkenntnissen ergibt sich eine Einschätzung, und mit dieser Einschätzung geht die Ministerin in den Ministerrat.

Was passiert dann?
Die Bundesregierung beschließt als Kollektiv entsprechende Maßnahmen.

Welche Informationsquellen gibt es sonst noch?
Das Verteidigungsministerium hat Attachés – im Außenministerium würde man Botschafter dazu sagen – in Brüssel bei der EU und bei der NATO sitzen, um an Informationen zu kommen und um zu wissen, was dort vor sich geht. Bei beiden läuft ein strukturierter Prozess ab, ein Komitee entscheidet im Fall eines Angriffes, was das jetzt für uns als NATO, für uns als EU heißt. Bei der EU sitzen wir natürlich am Tisch. Bei der NATO sind wir über "Partnership for Peace" Zuhörer.

AWACS-Aufklärungsflugzeug der NATO: Österreich sitzt im Rahmen der "Partnership for Peace" als Zuhörer mit am Tisch
AWACS-Aufklärungsflugzeug der NATO: Österreich sitzt im Rahmen der "Partnership for Peace" als Zuhörer mit am Tisch
Picturedesk

Welche Rolle spielt der nationale Sicherheitsrat?
Er ist auch ein Beratungsorgan und würde sofort einberufen werden. In Wirklichkeit sind das alles Organe, die der Bundesregierung das Futter liefern, damit sie Entscheidungen treffen kann. Die Bundesregierung ist sozusagen die Fabrik und die Rohstoffe liefern der Sicherheitsrat und die Diplomaten aus Brüssel, das Nachrichtenamt, das Abwehramt und das Bundesheer an sich. Die Fabrik, die Bundesregierung also, entscheidet aufgrund der zugelieferten Rohstoffe, was produziert wird.

Wie läuft eine Mobilisierung im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung ab?
Wichtig ist, zu sagen: Eine kriegerische Auseinandersetzung passiert nicht über Nacht. Das ist auszuschließen.

Warum?
Als Beispiel: Wir haben ungefähr ein halbes Jahr vorher gewusst, dass Russland die Ukraine angreifen wird. Genauso, wie es gekommen ist. Wir haben gewusst, die zwölfte Infanteriebrigade greift aus dem Raum so und so an und hat das Angriffsziel so und so. Das Einzige, was unser Heeresnachrichtenamt nicht voraussagen konnte, war der exakte Zeitpunkt.

Was hat dieses Wissen für Folgen?
Dass es auszuschließen ist, dass wir in der Früh aufwachen und beschließen müssen, dass wir das Jägerbataillon 25 an die Grenze schicken. Es gibt immer einen Vorlauf.

Was passiert, wenn man weiß, dass es zu einem Angriff auf Österreich kommen wird?
Dann gibt es zwei Ebenen. Mit der ersten Ebene ist das Heer gemeint, das sich zu diesem Zeitpunkt in den Kasernen befindet. Also alle Grundwehrdiener, die das vierte Ausbildungsmonat abgeschlossen haben. Sie sind feldverwendungsfähig, wie das heißt. Alle diese Soldaten bekommen einen Einsatzbefehl. Parallel dazu würde es sicher zu einer Teilmobilmachung oder vielleicht sogar zu einer Mobilmachung kommen, weil mit den bestehenden Soldaten nur sozusagen der erste Teil abgedeckt werden kann.

Wie viele Soldaten sind das ungefähr?
Die Sicherheitsdoktrin schreibt vor, dass es insgesamt 55.000 Soldaten sein müssen. Also Milizsoldaten, Berufssoldaten und Grundwehrdiener. Momentan haben wir 9.500 Grundwehrdiener, davon muss man alle abziehen, die für den Betrieb des Bundesheers unabkömmlich sind. Die Wache, die Küchen und alle, die noch nicht vier Monate in Ausbildung waren. Es bleiben etwa 4.000 übrig.

Soldaten der Ehrengarde des Bundesheeres: Österreich verfügt laufend über etwa 9.500 Grundwehrdiener
Soldaten der Ehrengarde des Bundesheeres: Österreich verfügt laufend über etwa 9.500 Grundwehrdiener
Picturedesk

Was ist mit den Berufssoldaten?
Das Bundesheer hat derzeit ungefähr 13.000 Berufssoldaten. Davon können natürlich nicht alle an die Front geschickt werden.

Wie läuft eine Teilmobilmachung oder Mobilmachung ab?
Da man muss unterscheiden. Es gibt jene, die zur Miliz gehören. Also alle, die in den vergangenen sechs Jahren ihren Grundwehrdienst absolviert haben, gehören dazu, ob sie wollen oder nicht. Weil bei ihnen der Ausbildungsgrad noch hoch ist. Dann gibt es jene, die gesagt haben, ich möchte quasi nebenberuflich beim Heer weitermachen und melde mich immer wieder zu den Übungen. Und dann noch jene, die verpflichtet wurden zu Übungen. Die gehören alle zur Miliz, die würden mobilisiert werden.

Und darüber hinaus?
Alle anderen, die jemals Grundwehrdienst gemacht haben, gehören zur Reserve. Es gibt keinerlei Planungen, die Reserve einzuberufen, es steht auch keine Gerätschaft für sie in ausreichendem Maße zur Verfügung. Vielleicht wenn ein Krieg fünf Jahre dauert, dann würde man sich Gedanken darüber machen, aber sonst nicht.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Österreich von einer kriegerischen Auseinandersetzung betroffen ist?
Es gibt kein Szenario, in dem es in den nächsten Jahren zu einem direkten Angriff auf Österreich kommt. Aber es gibt sehr wohl Szenarien, dass Österreich mittelbar betroffen ist, es also zu einem militärischen Konflikt kommt, der sich auf uns auswirken kann.

Was heißt "auswirken"?
Dass es in einem Nachbarstaat zu einem kriegerischen Angriff kommt. Dass österreichisches Staatsgebiet als Rückzugsland oder Aufmarschgebiet verwendet wird. Das ist zum Beispiel ein Szenario, bei dem es natürlich zum Einsatz des Bundesheeres kommen muss.

Wie verhält sich das neutrale Österreich bei einem Überfall auf ein Nachbarland?
Aus der "Partnerschaft für den Frieden" der NATO ergeben sich keinerlei Verpflichtungen. Bei der Europäischen Union gibt es aber die sogenannte Beistandspflicht. Wenn ein EU-Staat angegriffen wird, dann helfen alle zusammen. Aber: Jeder Staat hat das Recht, selbst zu entscheiden, wie diese Hilfe aussieht. Wir können zum Beispiel humanitär helfen, oder wir nehmen Flüchtlinge auf.

Martin Kubesch
Akt. 29.05.2026 22:36 Uhr