Allein zwischen August 2024 und Februar 2026 kam es zu mindestens 144 Zwischenfällen mit russischen Drohnen. Betroffen waren 13 NATO-Länder, ausspioniert wurden militärische Einrichtungen, kritische nationale Infrastrukturen – und Atomwaffen. Was bekannt ist.

WOLF 1 und WOLF 2 hatten am Morgen des 1. Juli bereits ihre Patrouillen über der Irischen See aufgenommen, als KRAKEN seinen Einsatz begann und in niedrigen Kreisen vor der Küste Dublins flog. An Bord eines anfliegenden Flugzeugs befand sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj – und die drei Maschinen des Irish Air Corps wollten keinerlei Risiko eingehen.
Bereits im vergangenen Dezember, bei einem früheren Besuch Selenskyjs, waren vier oder fünf große, "militärisch anmutende" Drohnen gesichtet worden, die in eine Flugverbotszone entlang der Flugroute seiner Maschine eindrangen. Offiziere an Bord eines Schiffs der irischen Marine verfolgten die Drohnen, konnten jedoch aus Sorge vor möglichen zivilen Opfern das Feuer nicht eröffnen.
Dieser Vorfall war nur einer von Hunderten Drohneneinsätzen, die Europa in den Jahren 2024 und 2025 verzeichnete. Zahlreiche Drohnen drangen in den Luftraum über militärischen Einrichtungen ein – darunter Frankreichs wichtigster Stützpunkt für ballistische Raketen-U-Boote sowie Luftwaffenstützpunkte in Großbritannien und Deutschland.
Andere verursachten Störungen des zivilen Flugverkehrs. In Dänemark führten Drohnenmeldungen im September dazu, dass der wichtigste Flughafen des Landes bei Kopenhagen vorübergehend geschlossen wurde. Zwar fiel der Verdacht häufig auf Russland, doch mehrere amtliche Ermittlungen blieben ohne eindeutiges Ergebnis.

Im Juni stellte die dänische Polizei ihre Untersuchung ein. Sie erklärte, weder das Vorhandensein von Drohnen zweifelsfrei nachweisen noch deren Herkunft bestimmen zu können. Diese Einschätzung sorgte für Verwunderung: Ein Bericht der dänischen Streitkräfte hatte bereits Anfang desselben Monats festgestellt, dass erfahrene Soldaten eine Drohne über einem Truppenübungsplatz eindeutig identifiziert und sogar beschossen hatten.
Nun schürt eine umfassende Untersuchung von Drohnensichtungen sowie der Position von Schiffen der russischen Schattenflotte zu den jeweiligen Zeitpunkten den Verdacht, dass sämtliche Vorfälle Teil einer koordinierten Kampagne des Kremls gewesen sein könnten.
Der Bericht wurde am 2. Juli vom International Institute for Strategic Studies (IISS), einem europäischen sicherheitspolitischen Thinktank, veröffentlicht. Während staatliche Ermittlungen bislang ausschließlich Vorfälle innerhalb der eigenen Landesgrenzen betrachteten, zeige sich das Gesamtbild erst im grenzüberschreitenden Zusammenhang.
"Erst wenn man das Muster betrachtet, wird deutlich, dass hier mehr als bloßer Zufall im Spiel ist", sagt Charlie Edwards, ehemaliger britischer Sicherheitsbeamter und Mitautor der Studie.
Das IISS stellte anhand von Daten des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED), einer Organisation zur Beobachtung bewaffneter Konflikte, eine Liste von Drohnensichtungen zwischen August 2024 und Februar 2026 zusammen. Anschließend wurden jene Fälle ausgeschlossen, die auf Hobbyflieger, kommerzielle Betreiber oder Auswirkungen des Krieges in der Ukraine zurückgeführt werden konnten.
Von den verbleibenden 144 Vorfällen ereignete sich nahezu die Hälfte über militärischen Einrichtungen; ein weiteres Viertel betraf kritische nationale Infrastruktur wie Häfen oder Energieanlagen.

Deutschland steht mit 58 dokumentierten Vorfällen an der Spitze – also rund 40 Prozent aller registrierten Fälle. An zweiter Stelle folgt Belgien mit 25 Ereignissen. Dort war unter anderem die Luftwaffenbasis Kleine-Brogel ein Ziel, auf der US-Atomwaffen untergebracht sind. Insgesamt wurden 13 NATO-Länder im Zuge der Kampagne ausspioniert. *
Zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen des Berichts gehört die Vermutung, dass mit Russland verbundene Schiffe als Start- und Bergungsplattformen für Drohnen dienten – insbesondere für größere militärische Modelle mit Benzinmotoren, wie sie bei mehreren Vorfällen beobachtet wurden.
Nach Einschätzung der Autoren könnte es sich um Varianten der Orlan-10 handeln, die Russland im Krieg gegen die Ukraine in großem Umfang einsetzt, oder um die Aufklärungsdrohne Merlin-VR. Letztere wird per Katapult gestartet und landet mit einem Fallschirm, wodurch sie sich besonders für den Einsatz von Schiffen aus eignet.
Zusätzliche Plausibilität erhält diese These durch einen Vorfall im Februar dieses Jahres: Die schwedische Marine störte damals die Steuerung einer Drohne, die sie beim Start vom russischen Aufklärungsschiff "Zhigulevsk" beobachtete. Die Drohne flog anschließend in Richtung des französischen Flugzeugträgers "Charles de Gaulle", der zu diesem Zeitpunkt im schwedischen Hafen Malmö lag.

Bereits während Selenskyjs Besuch in Irland im vergangenen Dezember wurde ein mit Russland in Verbindung gebrachtes Schiff beobachtet, das vor der irischen Küste auffällig langsam kreuzte. Noch größere Besorgnis löste jedoch die Anwesenheit eines nicht identifizierten Schiffs in der Dubliner Bucht etwa zur selben Zeit aus. Das Schiff übermittelte – entgegen den internationalen Vorschriften – weder seine Position noch seine Identität und wurde lediglich durch Satellitenaufnahmen entdeckt.
Dies könnte erklären, weshalb das Irish Air Corps bei Selenskyjs jüngstem Besuch mit besonderer Sorgfalt patrouillierte: Es sollte sichergestellt werden, dass kein potenzielles "Geisterschiff", von dem aus Drohnen gestartet werden könnten, unbemerkt blieb.
* ergänzt
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