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"Animals" auf Netflix

Wie sich Polit-Aufsteiger Ben Affleck im Dschungel der Moral verirrt

In seinem neuesten Werk "Animals" ist Ben Affleck gleich vierfach zu sehen: als Darsteller, Autor, Regisseur und Produzent. Der Film präsentiert eine spannende, gelungene Story mit einigen Schönheitsfehlern – und einer zynischen Auflösung. Ab sofort auf Netflix.

Bürgermeisterkandidat Mark Kimball (Ben Affleck) geht in "Animals" aufs Ganze, um ein Kind zu retten … oder?
Bürgermeisterkandidat Mark Kimball (Ben Affleck) geht in "Animals" aufs Ganze, um ein Kind zu retten … oder?Warrick Page/Netflix
Christian Klosz
Akt. 17.10.2026 01:27 Uhr

Ben Affleck ist der Mehrheit der Menschen vor allem als Schauspieler und zweifacher Ex-Mann von J.Lo vulgo Jennifer Lopez bekannt. Dabei ist der ehemalige Leinwand-Batman auch ein umtriebiger Produzent und vor allem ein oft unterschätzter, großartiger Regisseur. Das konnte er mit dem Oscar-gekrönten Film "Argo" ebenso unter Beweis stellen wie mit seinem bislang letzten Film "Air".

Sein neuestes Werk namens "Animals" bringt dem Publikum einmal mehr "den vollen Affleck". Der 54-Jährige ist als Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent dafür verantwortlich. Herausgekommen ist dabei ist ein spannender Polit-Thriller, der moralische Fragen aufwirft und einige gute Ansätze hat, aber am Ende doch etwas seines Potenzials liegen lässt. Das Publikum von Netflix, wo "Animals" seit ein paar Tagen läuft, stört das kaum: Der Streifen rangiert seit seiner Veröffentlichung auf Platz 1 der Netflix-Film-Charts.

Mark Kimball (Affleck) kandidiert als "Independent", als unabhängiger Kandidat, für das Bürgermeisteramt von Los Angeles und hat durchaus Chancen auf den Wahlsieg. Gemeinsam mit seiner Frau Abigail (Kerry Washington) und ihrem Sohn Denny führt der erfolgreiche Anwalt ein scheinbar perfektes Leben. Doch Abigail hat eine Affäre. Und mit deren Bekanntwerden offenbaren sich erste Brüche in der Idylle.

Aber es kommt noch schlimmer: An Halloween geht Sohn Denny zusammen mit der Haushälterin Cecilia, deren neuem Freund und dessen Sohn Hector von Tür zu Tür. Noch währenddas Quartett unterwegs ist, bekommen die Kimballs den Anruf eines vermeintlichen Entführers: Er habe Denny in seiner Gewalt und will 7 Millionen Dollar.

Verdächtig: Kimball hat tatsächlich so viel Geld – es wurde aber auf Druck von Marks politischem Berater (Steven Yeun) in seinen Wahlkampf investiert. Um frisches Geld aufzutreiben, wird die undurchsichtige Vermittlerin Dayle Burton (Gillian Anderson) engagiert: Die stellt die Summe wirklich zur Verfügung, aber sie stellt auch Bedingungen.

Indes stellt sich heraus, dass die Entführer aus Versehen nicht Denny, sondern Hector gekidnappt haben. Ein Wettlauf gegen die Zeit und ein Ringen um die (moralisch) richtige Entscheidung beginnt, bei der immer auch auf die politischen Implikationen jedweder Handlung (oder Nicht-Handlung) geachtet werden muss …

Affleck hatte schon vorab verraten, dass bei der Arbeit an "Animals" auch KI zum Einsatz gekommen sei. Am ehesten lässt sich das am Drehbuch festmachen, an dem Affleck ebenfalls beteiligt war: Denn das Sujet einer missglückten Entführung, bei der die Opfer vertauscht werden, kennt man bereits aus Akira Kurosawas Klassiker "Zwischen Himmel und Hölle" (1963). Und aus "Highest 2 Lowest", Spike Lees freier Adaption dieses Stoffes aus dem Vorjahr mit Denzel Washington in der Titelrolle (siehe Link oben).

Dass genau dieser Twist hier erneut zum Einsatz kommt, überrascht und verwundert nicht nur Kino-Fans. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie eine KI befragt wurde, um einen besonders spannenden Plot-Verlauf zu entwerfen – und diese anhand verfügbarer Vorbilder aus dem Fundus der Filmgeschichte diesen Story-Weg vorschlug. Weshalb aber Affleck und seine Co-Produzenten diese Dualität nicht erkannten (oder schlicht ignorierten), ist nicht nachvollziehbar.

Abgesehen von diesem fragwürdigen Handlungspunkt wirkt "Animals" durchaus authentisch. Spannend ist das aufgerissene Szenario allemal, bei dem der Protagonist auch immer mitdenken muss, welche Konsequenzen seine Entscheidungen auf seine politischen Ambitionen haben. In Zeiten, in denen wirklich alles medial und PR-mäßig ausgeschlachtet wird, ist das ein durchaus relevanter Aspekt, der zugleich den – fragwürdig zynischen – Impetus postmoderner, Spin getriebener Politik offenlegt.

Mark und Abigail (Kerry Washington) mit der zwielichtigen Beraterin Dayle (Gillian Anderson, v. r.)
Mark und Abigail (Kerry Washington) mit der zwielichtigen Beraterin Dayle (Gillian Anderson, v. r.)
Warrick Page/Netflix

Weitgehend gelungen sind auch die Dialoge und das Schauspiel, insbesondere das Zusammenspiel zwischen Ben Affleck und Kerry Washington. Das Drehbuch porträtiert eine Ehe in prekärer Lage, die zwar irgendwann einmal auf Liebe basierte, aber sich in eine falsche Richtung verlaufen hat. Affleck überzeugt zudem immer wieder durch sein energetisches Schauspiel.

Weniger gelungen ist hingegen Gillian Andersons Rolle. Aus der wird schlicht zu wenig gemacht, obwohl sie die wohl spannendste Figur des Films ist: Ein zynischer, hinter den Vorhängen agierender Charakter mit Macht und Einfluss, der die Strippen zieht und stets mehr weiß, als er preisgibt. Von dieser Dayle Burton stammt auch der, literarischen Vorbildern entlehnte Satz "Menschen sind nur Tiere, die Geschichten erzählen", aus dem der Filmtitel extrahiert wurde und der die philosophische Grundlage von "Animals" bildet.

Im letzten Drittel des Films verschwindet Anderson jedoch zunehmend im Hintergrund, was unlogisch und schade ist. So wie überhaupt der letzte Akt gehetzt und unausgegoren wirkt. "Animals" war zuvor sehr erfolgreich darin, ein komplexes Spannungsszenario zu etablieren. Doch das wird am Ende viel zu schnell abgehandelt und zu einfach aufgelöst. Mehr wäre hier mehr gewesen und der Film hätte durchaus 20 bis 30 Minuten länger sein können.

Das eher misslungene Finale schmälert auch den sonst sehr guten Gesamteindruck von "Animals": Zu den Pluspunkten des Films gehören der Spannungsaufbau, die Dialoge und das Schauspiel. Der abgekupferte Plot-Twist sowie das gesamte letzte Drittel führen jedoch dazu, dass dem zuvor durchaus angemessene Prädikat "überdurchschnittlich" am Ende die erste Silbe abhandenkommt.

"Animals", Krimi, Polit-Thriller. USA 2026, 106 Minuten, auf Netflix

Christian Klosz
Akt. 17.10.2026 01:27 Uhr