Jeder vierte (Ex-) Spieler der US-Profiliga NFL, der im Untersuchungszeitraum verstarb, litt unter der degenerativen Hirnerkrankung CTE, so die Untersuchung. Und: Das Studienergebnis lässt sich auch auf andere Kontaktsportarten umlegen. Was man bisher weiß.

Harte Tackles, krachende Zusammenstöße, magische Moves – American Football ist spektakulär. Doch hinter dem Glanz des Profisports verbirgt sich eine dunkle Seite: Die wiederholten Schläge gegen den Kopf hinterlassen bei vielen Spielern dauerhafte Spuren im Gehirn.
Eine neue Untersuchung zeigt nun das Ausmaß des Problems: Mindestens jeder vierte NFL-Spieler, der zwischen 2016 und 2021 verstarb, litt an der degenerativen Gehirnerkrankung CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie), berichtet NBC News. Die Studie von Forschern der Harvard Medical School und der Boston University wirft ein Schlaglicht auf die Risiken von Kontaktsportarten – und das nicht zum ersten Mal.
Was das Studienergebnis im Detail aussagt, was CTE überhaupt ist und weshalb die Schock-Diagnose nicht nur für American Football gilt, sondern auf alle Kontaktsportarten – und letztlich auch auf den Alltag – umgelegt werden kann. Die wichtigsten Erkenntnisse:
Was ist CTE eigentlich?
CTE steht für chronisch-traumatische Enzephalopathie. Es handelt sich um eine fortschreitende Gehirnerkrankung, die durch wiederholte Kopfverletzungen ausgelöst wird. Im Gehirn lagert sich dabei ein fehl gefaltetes Protein namens Tau ab, das Nervenzellen zerstört. Die Krankheit ist nicht heilbar und führt zu einem schleichenden Verfall der geistigen Fähigkeiten der Betroffenen.

Was hat die neue Studie ergeben?
Die Forscher untersuchten die Gehirne von verstorbenen Ex-Spielern der US-Profiliga NFL aus den Jahren 2016 bis 2021. Von 878 ehemaligen American-Football-Profis, die in diesem Zeitraum starben, spendeten 235 ihr Gehirn für die Forschung. Bei 215 davon – also bei 91 Prozent der untersuchten Gehirne – wurde CTE nachgewiesen. Hochgerechnet bedeutet das: Mindestens einer von vier verstorbenen NFL-Spielern hatte die Krankheit.
Warum ist die Zahl der Betroffenen so hoch?
NFL-Spieler haben laut dem Studienleiter Daniel Daneshvar von der Harvard Medical School ein etwa vierfach höheres Risiko, an einer neurodegenerativen Erkrankung zu sterben, als die Allgemeinbevölkerung. Der Grund liegt in der Natur des Sports: Über Jahre hinweg erleiden die Spieler Hunderte kleinere und größere Stöße gegen den Kopf.
Wie hängen Kopfstöße und CTE zusammen?
Wiederholte traumatische Hirnverletzungen sind der bekannte Auslöser für CTE. Dabei müssen es nicht einmal schwere Gehirnerschütterungen sein – auch viele kleine Erschütterungen summieren sich über die Jahre. Je länger jemand Kontaktsport betreibt und je höher das Niveau, desto größer ist das Risiko.
Können nur NFL-Profis CTE bekommen?
Nein, und das ist ein wichtiger Punkt der Studie. Die Forscher betonen: Die meisten Kopfstöße, die NFL-Spieler im Laufe ihres Lebens erleiden, passieren nicht auf Profi-Niveau. Sie geschehen bereits auf College-Ebene, in der High School und sogar im Jugendsport. All diese Belastungen addieren sich.
Warum wird CTE erst nach dem Tod festgestellt?
Die Krankheit kann derzeit nur durch eine Untersuchung des Gehirns nach dem Tod definitiv diagnostiziert werden. Es gibt noch keine Bildgebungsverfahren oder Bluttests, die CTE zu Lebzeiten eindeutig nachweisen können. Forscher arbeiten aber an entsprechenden Methoden.
Welche Symptome zeigen Betroffene?
CTE kann zu einer Vielzahl von Beschwerden führen: Gedächtnisverlust, Konzentrationsprobleme, Depressionen, Angstzustände, Reizbarkeit und Impulskontrollstörungen. In fortgeschrittenen Stadien entwickelt sich häufig eine Demenz. Auch Demenz war unter den untersuchten Gehirnspendern wweitverbreitet

Was sagt die NFL zu den Ergebnissen?
Die NFL erklärte, sie arbeite kontinuierlich daran, das Spiel sicherer zu machen. Die Liga betonte ihre Strategien zur Reduzierung von Gehirnerschütterungen und Kopfstößen. Ein Sprecher verwies auf die vorhandenen Ressourcen für ehemalige Spieler und ermutigte Betroffene, diese zu nutzen.
Welche Maßnahmen wurden bereits ergriffen?
Die NFL hat 2011 in ihrem Tarifvertrag die Zahl der Kontakttrainings während der Saison begrenzt. Die Ivy League verbot 2016 Vollkontakt-Tackles im Training. Im selben Jahr genehmigte der Oberste Gerichtshof der USA einen Vergleich der NFL mit Tausenden Ex-Spielern wegen Gehirnerschütterungsklagen.
Was fordern die Forscher jetzt?
Studienleiter Daneshvar sagt, dass die Maßnahmen auf Profi-Niveau auch auf den Amateursport ausgedehnt werden müssen. Sein Argument: 70 Prozent aller Kopfstöße passieren im Training, nicht im Spiel. Würde man das Kontakttraining auf allen Ebenen reduzieren, ließe sich die kumulative Belastung deutlich senken – ohne eine einzige Spielminute zu ändern.
Ist CTE auch in anderen Sportarten ein Problem?
Ja. CTE wurde auch bei Boxern, Eishockeyspielern und sogar Fußballern nachgewiesen. Auch Kopfbälle im Fußball stehen unter Verdacht, langfristige Schäden zu verursachen. Die Erkenntnisse aus dem American Football sind daher auch für andere Kontaktsportarten relevant.
Und lassen sich auch Schlüsse für den Alltag ziehen?
Im Endeffekt ja. Denn auch abseits vom Profisport erleben zahlreiche Hobbysportler immer wieder jene Form leichter bis mittelschwerer Kopfstöße, die laut den Forschern mitentscheidend sind für die Ausbildung von CTE. Für Athleten mit kognitiven Beschwerden empfehlen die Forscher daher, sich bei Spezialisten für neurodegenerative Erkrankungen untersuchen zu lassen. Und die Frage, wie viel Kontakt im Sport letztlich vertretbar ist, wird Sportverbände weltweit künftig noch lange beschäftigen.