Ob man bei Schreibtischarbeit sitzt oder steht, macht weniger Unterschied als gedacht. Entscheidend ist, was man tut, wenn man nicht sitzt. Schon 30 Minuten zusätzliche Bewegung gleichen das erhöhte Sterberisikos aus, das mit sitzender Tätigkeit verbunden ist.

Langes Sitzen hat zu Recht einen schlechten Ruf. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 kam zu dem Schluss, dass Menschen mit besonders sitzender Lebensweise mehr als doppelt so häufig an Diabetes erkrankten oder diesen entwickelten wie die am wenigsten sitzenden Personen. Auch ihr Risiko eines vorzeitigen Todes war deutlich höher.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass langes Sitzen unabhängig von der körperlichen Aktivität mit "schädlichen gesundheitlichen Folgen" verbunden war. Drei Jahre später wertete eine Analyse von Nachrichtenartikeln im British Journal of Sports Medicine Hunderte Beiträge aus, in denen Behauptungen aufgegriffen wurden, die Sitzen mit Rauchen gleichsetzten.
Das ist übertrieben. 2018 kam das American Journal of Public Health zu dem Schluss, dass Sitzen etwa ein Zehntel des Risikos von Rauchen berge. Doch auch das ist noch bedenklich. Kein Wunder also, dass Stehschreibtische und, neuerdings, sogenannte "aktive Sitzmöbel" attraktiv sind: Stühle und Hocker, die kippen, wackeln oder schaukeln und dadurch zu ständigen Haltungsanpassungen zwingen. Ist eines davon tatsächlich gesünder?
Eine Analyse aus dem Jahr 2018 ergab, dass das Stehen am Schreibtisch lediglich neun Kalorien mehr pro Stunde verbrannte als das Sitzen. Auch die kardiovaskulären Vorteile sind nicht gerade beeindruckend. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 fasste neun Studien mit insgesamt 877 Teilnehmern zusammen. Die Probanden standen etwa 1,3 Stunden länger pro Tag und wurden rund vier Monate lang beobachtet.

Körperfett und Blutzuckerkontrolle verbesserten sich leicht, Blutdruck, Insulin, Cholesterin und Triglyceride dagegen nicht. Allerdings untersuchte die Studie weder die Durchblutung noch die Aktivierung der für die Körperhaltung zuständigen Muskeln – beides Faktoren, die zu den Vorteilen des Stehens gegenüber dem Sitzen beitragen könnten.
Allerdings kann auch langes Stehen Nachteile haben. Eine 2024 im International Journal of Epidemiology veröffentlichte Studie wertete Daten von 83.013 Erwachsenen in Großbritannien aus, die im Durchschnitt fast sieben Jahre lang beobachtet wurden. Wer mehr als zwei Stunden täglich stand, hatte ein höheres Risiko für Krampfadern und venöse Beingeschwüre – möglicherweise, weil sich dabei Blut in den Beinen staut.
Viel wichtiger ist Bewegung. Eine 2024 veröffentlichte Studie mit fast 482.000 Erwachsenen in Taiwan kam zu dem Ergebnis, dass bereits 15 bis 30 Minuten zusätzliche Bewegung pro Tag den größten Teil des erhöhten Sterberisikos ausgleichen könnten, das mit Sitzen bei der Arbeit verbunden ist. Für Menschen, die den Großteil ihres Arbeitstags am Schreibtisch verbringen, stellt sich daher die Frage, ob dynamisches Sitzen einen Unterschied machen kann. Einige Ergebnisse stimmen zumindest hoffnungsvoll.
Ein Beispiel liefert eine Studie an der Georgia Southern University. Die Forscher ließen 20 Erwachsene kurze Lese- und Schreibaufgaben auf einem gewöhnlichen Stuhl, einem Gymnastikball und einem Sitz erledigen, der auf einer aufblasbaren Luftkammer montiert war. Auf dem Gymnastikball war der Energieverbrauch ähnlich hoch wie beim normalen Sitzen.
Auf der Luftkammer hingegen stiegen sowohl die Herzfrequenz als auch der Kalorienverbrauch – um 6 bis 13 beziehungsweise 19 bis 40 Prozent. Die 2019 in Ergonomics veröffentlichten Forscher führten dies auf die Muskelkontraktionen zurück, die nötig sind, um das Gleichgewicht zu halten.

Eine länger angelegte Studie fand einen weiteren möglichen Vorteil. 133 Büroangestellte in Bangkok saßen sechs Monate lang entweder auf einer Schaumstoff-Sitzauflage oder auf einer leicht instabilen, aufblasbaren Unterlage, die häufige Haltungswechsel fördern sollte. Bei denjenigen, die die instabile Unterlage verwendeten, war die Wahrscheinlichkeit, Nacken- beziehungsweise Schmerzen im unteren Rücken zu entwickeln, um 81 beziehungsweise 84 Prozent geringer.
In ihrer 2024 im Scandinavian Journal of Work, Environment & Health veröffentlichten Arbeit bezeichneten die Forscher die Unterlage als eine Art "Leichttrainingsgerät". Ihrer Einschätzung nach verringerte sie ermüdende Muskelkontraktionen und verbesserte die Durchblutung des komprimierten Gewebes.
Es gibt allerdings Einschränkungen. Viele Studien zum dynamischen Sitzen waren klein oder liefen nur über kurze Zeiträume. Die Ergebnisse unterschieden sich je nach Gestaltung des Sitzmöbels, und einige Teilnehmer klagten über Beschwerden am Gesäß. Dennoch scheint sich daraus eine Lehre ableiten zu lassen: Der entscheidende Unterschied besteht nicht zwischen Sitzen und Stehen, sondern zwischen Stillhalten und Bewegung.
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