Kann man Eisenmangel im Gesicht erkennen? Auf TikTok polarisieren Pseudo-Diagnosen, die ein sogenanntes "Ferritin-Gesicht" an Symptomen wie blasser Haut, Augenringen oder brüchigen Haaren festmachen wollen. Aber gibt es das wirklich? Was Ärzte dazu sagen.

Handelt es sich beim sogenannten "Ferritin-Gesicht" um eine ernsthafte Mangelerscheinung, oder wird hier lediglich ein neuer TikTok-Trend befeuert? Gräuliche Haut, Augenringe und eine brüchige Haarstruktur benennen zahlreiche junge Frauen als Symptome für einen möglichen Eisenmangel, berichtet die BBC.
Social-Media-Nutzerinnen wollen durch Vorher-nachher-Bilder beweisen, wie sich dieses Defizit auf ihr Aussehen und ihre Gesundheit auswirkt. Gleichzeitig werben vielen von ihnen für Eiseninfusionen und Nahrungsergänzungsmittel. Doch ist an diese Pseudo-Diagnosen wirklich etwas dran? Oder handelt es sich hier nur um Bauernfängerei, um Gutgläubigen Geld aus der Tasche zu ziehen?
Fest steht: Ganz aus der Luft gegriffen ist der Zusammenhang nicht. Aus einem angeblichen "Ferritin-Gesicht" eine medizinische Diagnose abzuleiten, sei jedoch falsch und könnte von anderen medizinischen Problemen ablenken, so Georg Ulbrich, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie in Wien. Und genau das macht das Thema so heikel.
Denn einige der beschriebenen Veränderungen können tatsächlich bei Eisenmangel auftreten, haben aber möglicherweise auch ganz andere Ursachen. Was man über Eisenmangel, seine medizinischen Ursachen und angebliche "Ferritin-Gesichter" wissen muss:
Zunächst: Was ist Ferritin überhaupt?
Ferritin ist ein wichtiges Eiweiß, das Eisen im Körper speichert. Der Ferritin-Wert im Blut zeigt, wie gut die Eisenspeicher gefüllt sind. Starke Periodenblutungen, Magen-Darm-Erkrankungen oder auch zu wenig Nahrung können den Ferritin-Wert senken. Ferritin löst den Eisenmangel also nicht aus, sondern dient als wichtiger Messwert für die Eisenreserven. Und davon, wie gut die Eisenspeicher des Körpers gefüllt sind, hängt die Fähigkeit zur Blutbildung ab.
Was ist ein "Ferritin-Gesicht"?
Damit bezeichnen Nutzer in sozialen Medien im Gesicht ablesbare Veränderungen ihres Körpers, die sie mit einem niedrigen Eisenwert verbinden. Wie wir bereits wissen: Ferritin ist für die Speicherung des Eisens im Körper verantwortlich. Vor allem blasse Haut, dunkle Augenringe, trockene und rissige Lippen, Haarverlust und brüchige Nägel sollen laut zahlreichen Erfahrungsberichten auf TikTok mögliche Symptome für ein "Ferritin-Gesicht" sein.
Ist "Ferritin-Gesicht" ein medizinischer Fachbegriff?
Nein. Gegenüber der Vogue erklärte die deutsche Dermatologin Regine J. Mathieu, dass es sich bei einem Ferritin-Gesicht nicht um eine medizinische Diagnose handelt, sondern um eine Wortschöpfung, die vor allem durch die sozialen Medien verbreitet wird. Auch Fachazt Georg Ulbrich bestätigt diesen Befund: Ohne Blutbild lasse sich keine Eisenmangel-Diagnose feststellen. Erst recht nicht, wenn man nur äußerliche Symptome betrachtet.
Ab wann gilt der Ferritin-Wert als niedrig?
Ein Ferritin-Wert unter 30 Mikrogramm pro Liter spricht bei Erwachsenen für niedrige Eisenspeicher, unter 15 gilt ein Eisenmangel als eindeutig nachgewiesen. Entscheidend ist jedoch die ärztliche Gesamtbeurteilung: Entzündungen im Körper können den Ferritin-Wert erhöhen und einen Mangel dadurch verdecken. Darum müssen weitere Blutwerte und mögliche Beschwerden berücksichtigt werden.
Wie wirkt sich Eisenmangel auf unseren Körper aus?
Blasse Haut, eingerissene Mundwinkel, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Hausausfall und sogar Libido-Verlust nennen Patienten als klassische Symptome. Diese Merkmale können bei einem niedrigen Eisengehalt vorkommen, aber auch andere Ursachen haben wie Stress, hormonelle Veränderungen oder ernsthafte Erkrankungen. Und: Wegen starker Regelblutungen, oft auch in der Menopause, sind Frauen weitaus anfälliger für einen Eisenmangel als Männer.
Inwiefern gilt Eisenmangel als Warnsignal?
Ein bestätigter Eisenmangel sollte nicht einfach nur durch Substitution behandelt werden. Wichtig ist vor allem herauszufinden, warum er überhaupt entstanden ist, so Internist Georg Ulbrich. Als Gastroenterologe mit Spezialisierung auf Magen-, Darm- und Lebererkrankungen, weist er zudem darauf hin, dass auch Geschwüre oder Darmkrebs Ursache für Eisenmangel sein können. Natürlich bedeutet ein Eisenmangel nicht automatisch eine schwere Krankheit, sollte aber trotzdem dazu veranlassen, nach dem Grund zu suchen.
Was ist der Unterschied zwischen Anämie und Eisenmangel?
Eisenmangel und Anämie sind nicht dasselbe. Bei einem Eisenmangel sind die Eisenreserven des Körpers vermindert. Eine Anämie, also Blutarmut, liegt vor, wenn der Hämoglobinwert zu niedrig ist. Dieser rote Blutfarbstoff transportiert Sauerstoff. Unser Körper stellt bei erschöpften Eisenspeichern kleinere und "blassere" Blutkörperchen her. Ein Eisenmangel kann deshalb zu einer Eisenmangelanämie führen. Auch chronische Erkrankungen oder der Blutverlust nach einer Operation sind mögliche Ursachen für Blutarmut.
Wie nehmen wir Eisen in unseren Körper auf?
Durch tierische und pflanzliche Lebensmittel: Rotes Fleisch sowie Bohnen, Linsen und angereicherte Getreideflocken zählen zu den gängigsten Eisenlieferanten. Spinat als besonders eisenreich einzuordnen, bezeichnet Internist Ulbrich übrigens als "Märchen". Nicht-Vegetarier hätten es bei der Eisenverarbeitung im Körper deutlich einfacher, da Eisen aus tierischen Quellen leichter aufgenommen wird.
Wie wird Eisenmangel meist behandelt?
Abhängig von Ursache und Ausmaß kommen entweder Eisenpräparate oder Infusionen zum Einsatz. Wichtig zu beachten: Über 50 Prozent vertragen die Tabletten nicht und berichten von Magenbeschwerden, Bauchschmerzen und Verstopfung. Hierbei verweist Ulbrich generell auf das Thema Nahrungsergänzungsmittel und fragt, wie sinnvoll diese wirklich sind.
Was ist das Problem bei "Supplements"?
Die sozialen Medien sind voll mit Werbungen für Nahrungsergänzungsmittel, die unser Körper eventuell brauchen könnte (oder eben auch nicht). Derartige Präparate, auch bekannt als "Supplements", gelten in Österreich als Lebensmittel und müssen deshalb vor dem Verkauf keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis wie bei Arzneimitteln bringen. Ob eine zusätzliche Nährstoffzufuhr notwendig ist, hängt deshalb vom individuellen Bedarf ab, nicht vom Werbeversprechen.
Können Eiseninfusionen helfen?
Auf TikTok werben einige Nutzer auch für Eiseninfusionen, bei denen Eisen direkt über die Vene verabreicht wird. Medizinisch können sie bei einem bestätigten Eisenmangel oder auch größeren Blutverlusten sinnvoll sein. Ob eine Infusion überhaupt nötig ist, muss jedoch ärztlich entschieden werden: Sie kann Nebenwirkungen und in seltenen Fällen auch allergische Reaktionen auslösen und gehört deshalb unter medizinische Aufsicht.
Kann man Eisenpräparate auch vorsorglich nehmen?
Zu empfehlen ist es laut Experten nicht. Eisenpräparate können sogar schaden, wenn sie unnötig eingenommen werden. Die Präparate können bereist erwähnte Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden, Bauschmerzen oder Durchfall verursachen. Ob zusätzliches Eisen nötig ist, sollte durch ärztlichen Rat bestätigt werden und nicht durch ein TikTok-Video.
Warum ist das als Selbsttest problematisch?
Augenringe, blasse Haut und dünner werdendes Haar können viele Ursachen haben. Wer sie vorschnell als Eisenmangel deutet, riskiert, andere Ursachen zu übersehen oder unnötig Eisenpräparate einzunehmen. Umgekehrt schließt ein unauffälliges Aussehen einen Mangel nicht aus. Zu allererst braucht es einen Blutbefund: Die Diagnose nur von Beschreibungen und äußerlichen Symptomen oder seinem Spiegelbild abhängig zu machen, ist unseriös, so Internist Georg Ulbrich.