Nach der ersten Aufregung über die Berichte, dass US-Präsident Donald Trump am Heimflug vom NATO-Gipfel in der Türkei heimlich das Flugzeug gewechselt hat, werden jetzt immer mehr Details über die Bedrohungslage dahinter bekannt – und werfen weitere Fragen auf.

Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass USA-Präsident Donald Trump den Rückflug vom NATO-Gipfel in der Türkei nicht in seinem Regierungsjet, der Air Force One, antrat, sondern heimlich von Bord geschmuggelt und in einem anderen Flugzeug ausgeflogen wurde. Sicherheitsüberlegungen seien dafür verantwortlich gewesen, so die eher schwammige Erklärung Trumps, nachdem die Scharade aufgeflogen war.
Die Geheimniskrämerei stößt vielen umso mehr auf, als zahlreiche Fragen um das Täuschungsmanöver bis jetzt nicht beantwortet sind. Etwa, wie groß tatsächlich die Gefahr eines Anschlags auf die Air Force One war, dass es für nötig erachtet wurde, Trump heimlich von Bord zu bringen. Und wie man es dann verantworten konnte, das Flugzeug ohne Trump, aber voll besetzt mit Regierungsvertretern und Journalisten dennoch abheben zu lassen, anstatt den Flug abzusagen.
Schlimmer noch: Wie es aussieht, ließ der Präsident offenbar sogar mehrere Minister und weitere hochrangige Mitglieder seines innersten Kreises zurück an Bord des Regierungsjets, während er im Catering-Lkw den strategischen Rückzug antrat. Und die hatten offenbar bis vor Kurzem keine Ahnung von der Geheimoperation – und in welcher Gefahr sie möglicherweise schwebten, so CBS News.
Was man mittlerweile über die angebliche Anschlagsgefahr in Ankara weiß, woher die Informationen dazu kamen, wie die Reaktionen in den USA auf das Täuschungsmanöver sind und was die zurückgelassenen Politiker dazu sagen – der aktuelle Stand der Dinge:

Worum genau geht es?
Nach dem NATO-Gipfel Anfang Juli betrat Trump vor Journalisten wie gewohnt die Air Force One, eine Boeing 747, in Ankara. Dann jedoch stieg er unbemerkt von der Öffentlichkeit in einen Catering-Container (des österreichisch-stämmigen Catering-Unternehmens Do & Co von Attila Dogudan) um, verließ auf diesem Weg die Air Force One wieder und wurde in der Folge mit einem kleineren Flugzeug, einer C-32A (das ist eine umgebaute Boeing 757) ausgeflogen. Die Air Force One startete danach als Ablenkungsmanöver – mit Mitarbeitern, Medienvertretern und teils hochrangigen Regierungsbeamten an Bord.
Warum der geheime Flugzeugwechsel?
Kurz vor Trumps geplantem Abflug hatten die NSA, die CIA und der türkische Geheimdienst MIT Hinweise auf einen möglichen iranischen Anschlag erhalten. Konkret ging es um das Szenario, dass iranische Kräfte mit einer schultergestützten Boden-Luft-Rakete auf das Präsidentenflugzeug hätten schießen können. Der Secret Service wollte kein Risiko eingehen.
War die Bedrohung tatsächlich echt?
Das ist umstritten. Mehrere US-Medien berichten übereinstimmend, dass CIA-Mitarbeiter die Geheimdienstinformationen als nicht besonders überzeugend eingestuft hatten. Dennoch entschied sich der für die Sicherheit des Präsidenten verantwortliche Secret Service gemeinsam mit dem Nationalen Sicherheitsrat und dem Weißen Haus für das Täuschungsmanöver.
Woher kamen die Informationen?
Die ursprünglichen Hinweise auf die iranische Bedrohung kamen laut US-Medien von Israel. Israelische Geheimdienste sollen Informationen darüber gesammelt haben, dass iranische Stellvertretergruppen über einen Anschlag auf Trump während seines Türkei-Aufenthalts diskutierten. Die Informationen seien allerdings vage gewesen.
Gab es Zweifel an Israels Motiven?
Ja. Einige US-Geheimdienstmitarbeiter vermuteten laut Berichten, dass Israel mit der Warnung weniger Trump schützen als vielmehr die USA zu einer Eskalation des seit rund sechs Monaten andauernden Konflikts mit dem Iran drängen wollte. Diese Vermutung wurde sowohl von aktuellen wie auch von ehemaligen US-Beamten geäußert.
Wer saß in der regulären Maschine?
An Bord der Air Force One blieben Mitarbeiter aus Trumps Stab, Medienvertreter und nach einigen Berichten auch hochrangige Regierungsvertreter. Sie wussten nicht, dass der Präsident längst in einem anderen Flugzeug saß. In US-Medien werden sie als ahnungslose Lockvögel bezeichnet – was eine heftige Debatte ausgelöst hat.

Weiß man, welche Regierungsmitglieder in der Air Force One von Trump zurückgelassen wurden?
Zum großen Teil weiß man es mittlerweile, ja. Laut Reuters und AP befanden sich Außenminister Marco Rubio, Finanzminister Scott Bessent, der Stellvertretende Stabschef Stephen Miller, der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Stephen Cheung, sowie mehrere weitere Mitarbeiter des Präsidentenstabes, Mitglieder des Secret Service und Militärangehörige an Bord der Air Force One.
Weiß man, wie viele Journalisten an Bord waren?
Ja, alle 13, die Trump auf dieser Reise begleiteten. Sie wurden beim Betreten des Flugzeuges in Ankara angewiesen, die Sonnenblenden bei ihren Sitzplätzen zu schließen. Man wollte offenbar verhindern, dass jemand zufällig sieht, wie Trump das Flugzeug verlässt.
Und wer wechselte aller mit Trump das Flugzeug?
Bekannt und bestätigt sind Verteidigungsminister Pete Hegseth sowie mehrere Mitglieder von Trumps Stab (Dan Scavino, Walt Nauta, Natalie Harp). Damit wäre Hegseth das einzige Kabinettsmitglied, das an der Seite von Trump reiste.
Wussten die Kabinettsmitglieder an Bord der Air Force One (Boeing 747) von der angeblichen Bedrohung?
Dazu ist die Informationslage nicht eindeutig. Außenminister Marco Rubio soll über alles Bescheid gewusst haben, Finanzminister Scott Bessent zumindest in Grundzügen informiert gewesen sein. Beide wussten demnach auch, dass Trump nicht mit an Bord war. Ob auch Stephen Miller und Steven Cheung Bescheid wussten, ist nicht bekannt.
Und die übrigen Passagiere in der Air Force One?
Wer aller aus dem Präsidentenstab, beim Secret Service oder bei den mitfliegenden Militärangehörigen wie viel wusste, ist unklar. Von den Mitgliedern des Pressekorps wusste definitiv niemand Bescheid.
Was sagt Trump selbst dazu?
Der Präsident bestätigte den Vorfall gegenüber Journalisten. Das Militär und der Secret Service hätten gewollt, dass er ein anderes Flugzeug nehme, sagte er. Auf die Frage, warum es für ihn zu gefährlich gewesen sei, nicht aber für sein Personal, antwortete Trump: Das Flugzeug, in dem er gesessen habe, sei tatsächlich einem größeren Risiko ausgesetzt gewesen. Eine Erklärung, weshalb dem trotz des geheimen Flugzeugwechsels so gewesen sein sollte, blieb der Präsident schuldig.

Wie reagierte Trump auf die angebliche Bedrohung?
Gelassen, zumindest nach außen hin. Er sei weder überrascht noch besorgt gewesen, sagte der 80-Jährige. Jeder Präsident, der etwas bewirke, werde oft bedroht. Er stehe beim Iran ganz oben auf der Zielliste, hatte Trump bereits vor seiner Abreise aus Ankara erklärt.
Wie lange blieb das Manöver geheim?
Etwa einen Monat. Erst Anfang dieser Woche berichteten die Washington Post, CBS News und andere US-Medien über den geheimen Flugzeugwechsel. Trump selbst hatte kurz vor seinem Abflug noch auf Truth Social geschrieben, mit welchem Flugzeug er die Türkei verlassen werde – und dabei eine falsche Fährte gelegt. Auch das war Teil der Täuschung.
Welche Folgen hat der Vorfall?
In Washington wird seit Tagen über die Legitimität des Täuschungsmanövers diskutiert. Kritiker fragen, ob es vertretbar war, ahnungslose Mitarbeiter und Journalisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen. Der Secret Service verteidigt die Entscheidung: Es sei nicht beabsichtigt gewesen, bestimmte Personen einem höheren Risiko auszusetzen.
Ist das denn geschehen?
Das ist nicht eindeutig. Theoretisch könnte die Überlegung der Verantwortlichen gewesen sein, dass man davon ausgegangen ist, die Abwehr- und Sicherheitstechnik an Bord der Air Force One würde mit einem Raketenbeschuss fertig, deshalb hätte ohnedies keine Gefahr für die Passagiere bestanden und Trump sei nur von Bord gebracht worden, um ganz sicherzugehen. Ob das jedoch wirklich den Tatsachen entspricht, bleibt dahingestellt. Es gibt bislang keine Aussagen, die dafür oder dagegen sprechen würden.
War Trump an Bord der C-32A denn sicherer?
Das Flugzeug ist wie die Boeing 747 mit der gesamten relevanten Sicherheitstechnik ausgerüstet, die das Präsidentenflugzeug haben muss. Die C-32A wird auch immer wieder aus alternative Air Force One eingesetzt, etwa wenn die 747 gewartet wird. Erst im Jänner 2026 flog Trump damit nach Zürich, um am Weltwirtschaftsforum in Davos teilzunehmen. Die erhöhte Sicherheit hat nur daraus resultiert, dass (fast) niemand wusste, in welchem Flugzeug der Präsident fliegt.
Könnte die Angelegenheit noch politische Folgen haben?
Schwer zu sagen. Klar ist aber, dass die Empörung in den USA groß ist. Vor allem auch deshalb, weil der Flug der Air Force One als "Decoy Flight", also als "Täuschungs-", "Ablenkungs-" bzw. "Lockvogel-Flug" bezeichnet wird. Zuletzt sogar von Trump selbst. Doch viele Menschen an Bord dieses "Lockvogel-Fluges" wussten offensichtlich nicht, dass sie als Lockvögel herhalten mussten.

Was wäre die Alternative gewesen?
Den Menschen, die von der mutmaßlichen Bedrohung betroffen waren, die Situation darlegen und ihnen die Entscheidung überlassen, ob sie das Risiko auf sich nehmen möchten, mitzufliegen oder nicht. Das hätte vermutlich den Abflug verzögert und sicher für Schlagzeilen gesorgt. Es hätte aber auch gezeigt, dass Trump bzw. sein Stab nicht nur die eigene Sicherheit, sondern auch die ihrer Mitreisenden ernst nehmen.
Hat sich der Iran zu den Berichten geäußert?
Nein, es ist nicht bekannt, dass sich iranische Regierungsvertreter dazu offiziell geäußert hätten. Der Vorfall zeigt aber, wie angespannt die Lage ist. Und die angebliche Morddrohung gegen den US-Präsidenten unterstreicht die Gefährlichkeit der Situation.