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WM-Skandal um Rote Karte

"Der Präsident wünschte und Infantino folgte" sagen FIFA-Insider

Ein unglücklicher Platzverweis, ein Anruf aus dem Weißen Haus und schwere Vorwürfe gegen FIFA-Chef Gianni Infantino: Drei Monate nach der aufgehobenen Rot-Sperre eines US-Spielers bei der Fußball-WM wird nun bekannt, was damals tatsächlich gelaufen sein soll.

Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino nach dem Finale mit dem WM-Pokal
Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino nach dem Finale mit dem WM-PokalREUTERS/Lee Smith
Martin Kubesch
Akt. 15.10.2026 16:11 Uhr

Es ist einer dieser Fälle, bei denen ein einziges Detail plötzlich den ganzen Apparat grell ausleuchtet: ein roter Karton auf dem Rasen, hektische Telefonate im Hintergrund und nun interne Unterlagen, die in Zürich für Nervosität sorgen. Im Zentrum steht der 25-jährige US-Stürmer Folarin Balogun – und die Frage, wer bei der WM im letzten Sommer bei der Regelauslegung nachgeholfen hat.

Der Vorwurf trifft die FIFA an einer besonders empfindlichen Stelle: bei der Glaubwürdigkeit ihrer Regeln. Wenn ein gesperrter Spieler nach politischem Kontakt doch auflaufen darf, ist das nicht nur ein Problem für ein Turnier, sondern für den ganzen Weltverband. Was über den Fall bisher bekannt war, wer sich jetzt dazu geäußert hat, wie sich der Weltverband erklärt – ein Fußball-Drama in drei Akten:

Worum geht es?
Um die Rote Karte von US-Stürmer Folarin Balogun bei der Fußball-WM im eigenen Land. Demnach soll FIFA-Präsident Gianni Infantino nach einem Telefonat mit Donald Trump persönlich eingegriffen haben, damit die automatische Sperre des US-Spielers aufgehoben wird. Grundlage des Wirbels sind durchgesickerte interne Dokumente und Aussagen mehrerer mit der Sache vertrauter Personen.

Der Auslöser: US-Star Folarin Balogun erhielt nach einem üblen Tritt eine Rote Karte, Trump intervenierte erfolgreich bei Infantino für den 25-Jährigen
Der Auslöser: US-Star Folarin Balogun erhielt nach einem üblen Tritt eine Rote Karte, Trump intervenierte erfolgreich bei Infantino für den 25-Jährigen
IMAGN IMAGES via Reuters

Was soll konkret passiert sein?
Balogun wurde im Spiel der USA gegen Bosnien-Herzegowina nach einem brutalen Tritt vom Platz gestellt. Damit wäre er für das Achtelfinale gegen Belgien automatisch gesperrt gewesen. Kurz vor der Achtelfinal-Partie wurde dann bekannt, dass die FIFA diese Sperre "zur Bewährung" ausgesetzt hatte, dass Balogun beim 1:4 gegen Belgien doch spielen konnte.

Wie kam es dazu?
Donald Trump soll sich der Sache angenommen haben. Bereits unmittelbar nach der umstrittenen FIFA-Entscheidung wurde bekannt, dass der US-Präsident deshalb persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen hatte. Beide Seiten bestätigten damals auch das Telefonat, Infantino erklärte allerdings, er habe nichts mit der Aufhebung der Roten Karte zu tun gehabt.

Sondern? Wie kam es sonst zur Aufhebung der Sperre?
Die FIFA begründete das mit ihrer eigenen Disziplinarordnung, insbesondere Artikel 27 des FIFA-Disziplinarkodex. Die Entscheidung sei von einem unabhängigen FIFA-Rechtsorgan getroffen worden – nicht vom FIFA-Präsidenten. Allerdings lieferte die FIFA keine detaillierte öffentliche Erklärung dazu, welche konkreten Umstände des Falls diese außergewöhnliche Entscheidung rechtfertigten.

Was ist jetzt neu?
Die US-Zeitung New York Post schreibt, sie habe mit vier – ungenannten – FIFA-Insidern dazu gesprochen. Und alle hätten bestätigt, dass Infantino persönlich den Platzverweis zurückgenommen hätte. "Er (Infantino, Anm.) sagte Präsident Trump, dass er sich darum kümmern werde. Ein Anruf, und die Sache war erledigt", zitiert die Zeitung einen der Insider.

Warum ist das so brisant?
Einerseits, weil es klare Vorgaben für automatische Ein-Spiel-Sperren nach Rot gibt. Ausnahmen soll es demnach nur geben, wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler verwarnt oder des Feldes verweist. Wenn die Sperre aus anderen Gründen aufgehoben wurde – egal welche Erklärungen man dafür findet –, wäre das ein massiver Eingriff in die eigenen Regeln. Und auf der anderen Seite natürlich, weil es das gesamte System ad absurdum führt, wenn ein Politiker aus einer Laune heraus den Chef der veranstaltenden Organisation anruft und nachträgliche Änderungen verlangt – und dieser den Wünschen auch noch folgt.

Wie sieht die FIFA die Sache heute?
Die New York Post fragte im Zuge ihrer Recherche noch einmal bei der FIFA nach, die sich schließlich so dazu äußerte: "Unsere Position hat sich nicht geändert, ungeachtet dessen, was ungenannte Quellen behaupten." Zu den genannten Quellen und den inhaltlichen Vorwürfen äußerte sich der Verband nicht. Mita anderen Worten: Der Weltverband bleibt bei der Darstellung vom vergangenen Sommer.

Steht längst nicht nur wegen der Roten-Karte-Sache bei der WM in den USA in der Kritik: FIFA-Präsident Gianni Infantino beim Finale der Unter-20-Frauen-WM am 27. September in Lodz
Steht längst nicht nur wegen der Roten-Karte-Sache bei der WM in den USA in der Kritik: FIFA-Präsident Gianni Infantino beim Finale der Unter-20-Frauen-WM am 27. September in Lodz
REUTERS/Kacper Pempel

Aber ist das denn nicht vollkommen unerheblich? Die USA sind trotz Folarin Balogun ausgeschieden, alles ist vorbei …
Schon richtig. Aber wenn die Anschuldigungen der Insider stimmen, dann geht es hier um ein "Alles ist möglich, wenn Gianni Infantino es will"-System, das sich offenbar im Weltverband etabliert hat. Und das ist Wasser auf die Mühlen der zahlreichen Kritiker, die die Amtsführung des Schweizers für mittlerweile vollkommen jenseitig halten und ihn lieber früher als später abwählen würden.

Wer kritisiert Infantino?
Vor allem aus Europa kommt Widerstand. Die norwegische Fußballfunktionärin Lise Klaveness soll eine Ethikbeschwerde eingebracht haben und dabei neben dem Balogun-Fall auch andere Vorgänge rund um Infantino anführen. Auch in den europäischen Landesverbänden wächst der Unmut über den Führungsstil des Schweizers.

Hat der Streit nur mit dieser Roten Karte zu tun?
Nein, der Fall fällt in eine ohnehin aufgeheizte Lage. Infantino steht vor allem wegen geheimer und letztlich gescheiterter Gespräche über die Vermarktungsrechte der kommenden FIFA-Weltmeisterschaften und wegen finanzieller sowie politischer Verflechtungen unter Druck. Der Balogun-Fall wirkt deshalb wie ein Brennglas für grundsätzliche Zweifel an Führung und Kontrolle im Weltverband.

Verflechtungen wie jene mit Donald Trump?
Infantino gilt seit Jahren als Buddy des Präsidenten, dem er mit allen Mitteln zu schmeicheln versucht. Er ließ etwa für den Weltverband FIFA Büros im New Yorker Trump-Tower anmieten. Und er verlieh dem Präsidenten einen neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis, nachdem Trump 2025 doch nicht den erhofften Friedensnobelpreis erhalten hatte. All das stößt vielen Landesverbänden sauer auf.

Besteht die Chance, dass Infantino abgewählt wird?
Das ist zumindest das Ziel des europäischen Verbandes, der UEFA. Allerdings wird Infantino von zahlreichen Ländern in Afrika, Südamerika und Asien nach wie vor gestützt.

Und wird zumindest über die Kritikpunkte gesprochen?
Ja, am 15. Oktober trifft sich das FIFA Council, ein Exekutivgremium des Weltverbandes, in Zürich zur ersten Sitzung seit der WM. Dabei sollen mehrere offene Punkte aufs Tapet kommen.

FIFA-Hauptquartier in Zürich: Hier tagt am Donnerstag das Exekutivgremium des Weltverbandes
FIFA-Hauptquartier in Zürich: Hier tagt am Donnerstag das Exekutivgremium des Weltverbandes
Getty Images

Wird auch über die Rote-Karte-Sache bei der WM nochmals gesprochen?
Ja, wie erst kurz vor der Sitzung bekannt wurde, soll es eine Änderung des Disziplinarcodes geben. Ein Entwurf soll festhalten, dass FIFA-Rechtsgremien automatische Ein-Spiel-Sperren nach Rot nicht aussetzen dürfen. Kritiker sehen darin allerdings keinen Beleg für mehr Klarheit, sondern eher den Versuch, den früheren Umgang mit dem Balogun-Fall nachträglich abzusichern.

Was bedeutet das für Spieler, Verbände und Fans?
Für Spieler und Verbände ist entscheidend, ob Regeln für alle gleich gelten oder ob politische Nähe einen Unterschied macht. Für Fans steht die Glaubwürdigkeit des Bewerbs auf dem Spiel. Wenn der Eindruck entsteht, dass Sperren verhandelbar sind, leidet das Vertrauen in Turniere und Ergebnisse. Und könnte letztendlich die Bedeutung der FIFA-WM marginalisieren.

Wie geht es jetzt weiter?
Entscheidend wird sein, ob die FIFA den Fall transparent aufarbeitet oder nur ihr Regelwerk neu formuliert. Auch mit Blick auf die nächste Präsidentenwahl im Frühjahr 2027 könnte der Druck auf Infantino weiter steigen.

Martin Kubesch
Akt. 15.10.2026 16:11 Uhr