Betrachtet man das Verhältnis der Teilnehmerländer zueinander durch ihre Hymnen, herrschen nicht selten Hass, Mord und Totschlag. Von 48 Nationalhymnen, die heuer bei der Fußball-WM gesungen werden, verzichten nur acht völlig auf Gewalt-Bezüge. Eine Analyse.

Nationalhymnen gehören zu den bekanntesten und am häufigsten vorgetragenen politischen Texten der Welt. Viele von ihnen wurden einst verfasst, um Truppen zu mobilisieren, militärische Siege zu feiern oder neu entstandene Staaten zu einen.
Heute erklingen diese einstigen Kampfgesänge vor allem bei Sportveranstaltungen. Vor jedem Spiel einer Fußball-Weltmeisterschaft singen die Mannschaften Lieder, die von Konflikten erzählen, welche ihre Nationen einst geprägt und voneinander getrennt haben.
An der diesjährigen Weltmeisterschaft nehmen bereits in der Gruppenphase 48 Länder teil – gegenüber 32 bei früheren Turnieren. Doch welche Staaten erscheinen in den Nationalhymnen der Teilnehmer am häufigsten als Gegner oder Feindbilder?
Um dieser Frage nachzugehen, analysierte The Economist mithilfe von KI-Werkzeugen die übersetzten Texte der Hymnen aller teilnehmenden Länder. Zunächst wurden explizite Hinweise auf andere Staaten, konkrete Schlachten, historische Persönlichkeiten oder nationale Symbole ausgewertet. Hymnen ohne offiziellen Liedtext – etwa jene Spaniens oder von Bosnien und Herzegowina – blieben dabei unberücksichtigt.
Das Ergebnis: Spanien erweist sich in der rein textlichen Analyse als das am häufigsten genannte Feindbild und taucht in drei Nationalhymnen auf. Dies könnte damit zusammenhängen, dass ehemalige spanische Kolonien und Territorien ihre Unabhängigkeit häufiger durch revolutionäre Kriege errangen als frühere Besitzungen des Britischen Empire.

So erinnert die ecuadorianische Hymne daran, wie "der gestürzte Löwe in ohnmächtiger Verzweiflung brüllte". Die Niederländer, selbst keineswegs frei von imperialer Vergangenheit, formulieren es noch direkter: "Die Spanier schänden dich, mein süßes Niederland".
Für die Analyse wurden die vollständigen offiziellen Texte berücksichtigt, einschließlich jener Strophen, die bei Sportveranstaltungen kaum je gesungen werden.
Freilich beruhen solche Ergebnisse teilweise auf Interpretation. Nationalhymnen bedienen sich häufig einer poetischen Sprache und benennen ihre Gegner selten ausdrücklich. Berücksichtigt man jedoch den historischen Kontext, so lassen sich in mindestens neun weiteren Hymnen Anspielungen auf andere Länder erkennen – darunter auch ein Verweis auf Großbritannien in der amerikanischen Nationalhymne. Aber auch unter dieser erweiterten Betrachtung bleibt Spanien Spitzenreiter.
Nationalhymnen bilden insgesamt ein bemerkenswert martialisches Genre. Von den an der Weltmeisterschaft teilnehmenden Staaten verzichten lediglich acht Hymnen vollständig auf Bezüge zu Gewalt. Die übrigen erwähnen Soldaten, Waffen, historische Schlachten oder rufen direkt zum Kampf auf. Besonders die Autoren des 19. Jahrhunderts zeigten eine ausgeprägte Vorliebe für blutige Bilder. Neuere Hymnen hingegen fallen deutlich zurückhaltender aus.
Die portugiesische Nationalhymne, ursprünglich als Protestlied gegen Großbritannien entstanden, gilt dabei als besonders kämpferisch. Auf 100 Wörter des Textes kommen im Schnitt elf Bezüge zu Gewalt – der Turnierdurchschnitt liegt bei etwa zwei Bezügen à 100 Wörter. Alleine zwölfmal erklingt der Aufruf "Às armas!" ("Zu den Waffen!"). Gemessen an dieser Häufigkeit verfügt Portugal über die streitbarste Hymne des Turniers.
Auch andere Nationen zeigen sich wenig friedfertig. Die französische Hymne warnt eindringlich vor fremden Soldaten, die gekommen seien, "um euren Söhnen und Frauen die Kehlen durchzuschneiden". Die Hymnen Uruguays und Tunesiens wiederum preisen den Ruhm des Märtyrertums.

Doch nicht alle Nationen besingen Krieg und Opferbereitschaft. Einige der historisch berüchtigtsten Eroberermächte präsentieren sich heute erstaunlich friedvoll. Die britische Hymne bittet Gott um Schutz für den König – wenngleich Schottlands inoffizielle Hymne "Flower of Scotland", die seit 1997 vor Spielen der schottischen Nationalmannschaft gespielt wird, König Eduard II. verspottet.
Die deutsche Nationalhymne besingt Einigkeit, Recht und Freiheit, während die japanische dem Kaiser eine Herrschaft wünscht, die so lange währt, bis kleine Kieselsteine zu moosbewachsenen Felsen herangewachsen sind.
Auch zwei Gastgeberländer der Weltmeisterschaft, die Vereinigten Staaten und Mexiko, greifen ähnliche Motive von Freiheit, Konflikt und Religion auf. Allerdings enthält die mexikanische Hymne mehr als doppelt so viele Gewaltbezüge wie die amerikanische. Entstanden in einer Zeit territorialer Verluste und ausländischer Interventionen, darunter durch die Vereinigten Staaten, zeichnet sie das Bild einer Nationalflagge, die von Wellen aus Blut getränkt wird.
Kanadas Hymne hingegen verzichtet vollständig auf kriegerische Motive. Sie bleibt höflich und zurückhaltend – Eigenschaften, die auch den Kanadiern nachgesagt werden: "Mit glühenden Herzen sehen wir dich emporsteigen." Ihre offiziellen Verse wurden 2018 sogar angepasst, um geschlechtsneutraler zu formulieren.

Fußballfans schenken den Texten, die vor dem Anpfiff durch die Stadien hallen, meist nur wenig Aufmerksamkeit. Dabei erzählen Nationalhymnen oft von Eroberung, Befreiung, Opferbereitschaft und Tod. Zum Glück werden die Auseinandersetzungen dieses Sommers nicht mit Waffen, sondern mit Toren entschieden.
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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"