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7.200 Piloten befragt

Umfrage-Schock: Drei von vier Linienpiloten schlafen im Cockpit ein!

Fast ein Viertel aller europäischen Piloten fliegt, obwohl sie zu müde dafür sind. Eine Umfrage des europäischen Pilotenverbandes zeigt alarmierende Zahlen zur Erschöpfung im Cockpit. Welche Airlines primär davon betroffen sind, was Flugpassagiere wissen müssen.

Alarmierende Umfrage-Ergebnisse: Drei von vier Piloten erleben im Cockpit Sekundenschlaf, jeder Vierte fliegt, obwohl er eigentlich zu müde dafür ist
Alarmierende Umfrage-Ergebnisse: Drei von vier Piloten erleben im Cockpit Sekundenschlaf, jeder Vierte fliegt, obwohl er eigentlich zu müde dafür ist Getty Images
Martin Kubesch
Akt. 27.10.2026 04:10 Uhr

Würden Sie in einen Linienbus einsteigen, wenn dem Fahrer beim Aufenthalt in den Haltestellen die Augen zufallen vor Müdigkeit? Eher nicht. Ein Glück ist nur, dass die Fahrer von Omnibussen meist nicht hinter blickdichten Türen sitzen, sondern man ihnen jederzeit bei der Arbeit über die Schulter (und in der Stationen auch in die Augen) schauen kann.

Bei Flugzeugen sieht die Sache schon ganz anders aus. Lange vorbei die Zeiten, als Pilot oder Erster Offizier noch selbst beim Einstieg standen und ihre Passagiere begrüßten. Bei den kurzen Aufenthalten am Boden sitzt die Crew zumeist in ihren Cockpits und bereitet den nächsten Flug vor. Wie ausgeruht – oder auch nicht – die Piloten dabei sind, entzieht sich damit jeder Einschätzung.

Nach den Ergebnissen einer europaweiten Befragung unter Flugkapitänen und Co-Piloten ist es mit der Ausgeruhtheit im Cockpit oft nicht weit her. Der europäische Pilotenverband hat fast 7.200 Kapitäne und Co-Piloten nach ihren Arbeitszeiten befragt – und die Ergebnisse sind alarmierend, schreibt der Guardian.

Sekundenschlaf im Cockpit ist demnach weitverbreitet, auch der Druck der Arbeitgeber auf erschöpfte Crews wächst. Wie die Ergebnisse im Detail aussehen, weshalb so viele Cockpitcrews davor zurückscheuen, ihre Überforderung dem Arbeitgeber zu melden und welche Airlines dem fliegenden Personal besonders viel abverlangen – das müssen Passagiere über die Zustände an Bord wissen:

Linienflugzeuge auf einem Bildschirm der zivilen Luftraumüberwachung: in drei von vier Cockpits wird gelegentlich gedöst, so eine Umfrage des Pilotenverbandes
Linienflugzeuge auf einem Bildschirm der zivilen Luftraumüberwachung: in drei von vier Cockpits wird gelegentlich gedöst, so eine Umfrage des Pilotenverbandes
Getty Images

Worum geht es?
Um eine im August 2026 durchgeführte Befragung des europäischen Pilotenverbandes ECA (European Cockpit Association). Diese hat ergeben, dass drei von vier (75 Prozent) der befragten Piloten in den vier Wochen vor der Befragung mindestens einmal einen "Microsleep" (Sekundenschlaf) während eines Fluges im Cockpit erlebt haben. Ein knappes Viertel (24 Prozent) gibt außerdem zu, regelmäßig zu fliegen, obwohl sie eigentlich zu müde dafür sind.

Was ist ein Microsleep?
Ein Microsleep ist ein kurzer, unfreiwilliger Schlafmoment, der nur Sekunden dauern kann. Das Gefährliche: Die betroffene Person merkt es oft selbst nicht. Im Cockpit können diese Momente fatale Folgen haben, etwa wenn schnelle Reaktionen gefragt sind.

Warum fliegen Piloten trotz Erschöpfung?
Fast die Hälfte der befragten Piloten fürchtet negative Konsequenzen vom Arbeitgeber, wenn sie sich aus Müdigkeit krank bzw. arbeitsunfähig melden. Nur 11,9 Prozent vertrauen dem Meldesystem ihrer Airline. Statt sich krankzumelden, fliegen viele deshalb lieber in übermüdetem Zustand weiter – ein Teufelskreis aus Druck und Existenzangst.

Welche Airlines sind besonders betroffen?
Piloten von Fluggesellschaften mit Sitz in Irland und Malta berichten von den höchsten Microsleep-Raten. Auch bei der Bereitschaft, müde zu fliegen, gibt es Unterschiede: In Spanien tun das 40 Prozent der Piloten, in Irland und Frankreich ein Drittel. In Großbritannien liegt der Wert indes bei nur 10 Prozent.

Welche Fluggesellschaften sind damit gemeint?
Es wurden keine Namen veröffentlicht, aber der Sitz der Fluggesellschaften ist ein deutlicher Hinweis. Die beiden größten in Irland registrierten Luftlinien sind die Air Lingus (ein klassischer Carrier, der eher auf Linienflüge und Langstrecken setzt) und die Billigfluglinie Ryanair. Die wichtigsten auf Malta registrierten Airlines wiederum sind die ehemals österreichische Lauda Europe und Malta Air (gehören beide zur Ryanair), Wizz Air Malta, ein Ableger der Wizz Air Gruppe, sowie Eurowings Europe, die zur Lufthansa-Gruppe gehört.

Wie schneiden Billigflieger bei der Umfrage generell ab?
Bei Low-Cost-Airlines glauben nur 15,6 Prozent der Piloten, dass ihr Arbeitgeber Müdigkeitsrisiken gut managt. Das Vertrauen ist damit noch geringer als bei sogenannten Wet-Lease-Anbietern, die Flugzeuge samt Crew an andere Airlines vermieten.

Kein neues Phänomen: Bereits 2009 demonstrierten Piloten am Flughafen Frankfurt gegen Überlastung am Arbeitsplatz, geändert hat sich seither offenbar nicht viel
Kein neues Phänomen: Bereits 2009 demonstrierten Piloten am Flughafen Frankfurt gegen Überlastung am Arbeitsplatz, geändert hat sich seither offenbar nicht viel
APA-Images / dpa / A4014 Marius Becker

Was sagen die Vorschriften?
Laut europäischen Luftfahrtvorschriften müssen Airlines Systeme haben, um Müdigkeit bei Crews zu erkennen und zu managen. In der Praxis scheint das aber oft nicht zu funktionieren. Die Umfrage zeigt, dass sich viele Piloten aus Angst vor negativen Konsequenzen nicht trauen, von ihrem Recht auf Ruhe Gebrauch zu machen.

Was ist die "Commanders Discretion"?
Kapitäne dürfen in Ausnahmefällen Arbeitszeiten verlängern oder Ruhezeiten verkürzen – das nennt sich Commanders Discretion (etwa: Ermessensspielraum des Kommandanten). Fast 40 Prozent der Piloten haben das im Monat vor der Umfrage mindestens einmal genutzt. Doch 70 Prozent sorgen sich vor den Folgen, wenn sie eine Verlängerung ablehnen.

Wer ist der Pilotenverband ECA?
Die European Cockpit Association vertritt die Interessen von über 40.000 Piloten aus ganz Europa. Sie führt seit Jahren Umfragen zur Müdigkeit durch und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen und strengere Sicherheitsvorschriften ein.

Was fordert der Pilotenverband jetzt?
ECA-Präsidentin Tanja Harter nimmt Airlines und Regulierungsbehörden in die Pflicht: Es könne nicht sein, dass Piloten das Risiko allein managen müssen. Sie fordert von der EU-Luftfahrtbehörde EASA strengere Regeln und echte Konsequenzen bei Verstößen.

Druck vom Arbeitgeber: Fast die Hälfte der befragten Piloten fürchtet negative Konsequenzen, wenn sie sich aus Müdigkeit arbeitsunfähig melden
Druck vom Arbeitgeber: Fast die Hälfte der befragten Piloten fürchtet negative Konsequenzen, wenn sie sich aus Müdigkeit arbeitsunfähig melden
Getty Images

Gibt es auch positive Beispiele?
Ja, Finnland und die Niederlande zeigen, dass eine bessere Meldekultur möglich ist. Dort fürchten Piloten seltener Konsequenzen und melden sich eher, wenn sie erschöpft sind. Das beweist: Mit dem richtigen System funktioniert Sicherheit.

Was bedeutet das für Passagiere?
Die Umfrage misst nicht direkt die Flugsicherheit, sondern die Erfahrungen der Piloten. Experten betonen aber, dass die Ergebnisse dieser regelmäßig durchgeführten Befragung seit drei Jahren ähnlich sind – ein Zeichen, dass sich wenig verbessert. Das Risiko durch übermüdete Crews bleibt bestehen.

Martin Kubesch
Akt. 27.10.2026 04:10 Uhr