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NATO-General selbstbewusst

"Unsere militärischen Fähigkeiten übertreffen die Moskaus bei weitem"

Sabotageakte, "verirrte" Drohnen, offene Drohungen: In Europa wächst die Nervosität angesichts Russlands zunehmender Aggression. Um dem etwas entgegenzusetzen, spricht NATO-General Alexus Grynkewich erstmals offen über die Strategien des Bündnisses.

Spricht erstmals explizit über die Strategien des Bündnisses angesichts Moskaus zunehmender Aggression: US-Viersterne-General Alexus Grynkewich, der oberste NATO-Militär in Europa
Spricht erstmals explizit über die Strategien des Bündnisses angesichts Moskaus zunehmender Aggression: US-Viersterne-General Alexus Grynkewich, der oberste NATO-Militär in EuropaREUTERS/Aleksandra Szmigiel
Martin Kubesch
Akt. 17.10.2026 07:26 Uhr

Das Ziel ist klar und definiert: Es geht darum, Europas Bevölkerung Sicherheit zu vermitteln und die eigene Einsatzbereitschaft herauszustreichen. Zu diesem Zweck spricht die Führung des Verteidigungsbündnisses NATO derzeit offen wie nie zuvor über seine Einsatzpläne und Strategien gegenüber einem immer aggressiver auftretendem Russland.

Auf einer Sicherheitskonferenz in Warschau, von der die FAZ berichtet, sowie in einem ausführlichen Interview im Magazin Spiegel erklären der oberste NATO-Militär, US-Viersterne-General Alexus Grynkewich, sowie der deutsche General Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, die aktuelle Lage und die grundsätzlichen Pläne des Bündnisses für den Fall einer direkten Aggression. Die Botschaft an die Bürger: Die NATO habe die Lage im Griff.

Der Anlass ist ernst, aber nicht gleichbedeutend mit Krieg. Russische Drohnen verletzen laufend den Luftraum von NATO-Staaten, es gibt Berichte über Sabotageakte, dazu Versuche, zivile und militärische Verwundbarkeiten auszutesten. Für viele Menschen stellt sich daher die Frage: Wie gefährlich ist die Lage wirklich? Und wie will die NATO reagieren? Die wichtigsten Antworten:

See-Drohnen der U.S. Navy Unmanned Surface Vessel Division (USVDIV) bei der NATO-Übung BALTOPS 26 im baltischen Meer: "Unsere Fähigkeiten übertreffen die Moskaus bei weitem"
See-Drohnen der U.S. Navy Unmanned Surface Vessel Division (USVDIV) bei der NATO-Übung BALTOPS 26 im baltischen Meer: "Unsere Fähigkeiten übertreffen die Moskaus bei weitem"
REUTERS/Lukasz Glowala

Worum geht es?
Der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Alexus Grynkewich, hat erstmals öffentlich im Detail beschrieben, wie das Bündnis einen Angriff abwehren würde. Begründet hat er die Offenheit mit der angespannten Lage und mit der Nervosität in den Bevölkerungen. Angesichts von Sabotage- und Brandstiftungsakten sowie offenen Drohungen wolle er zeigen, dass die Allianz nicht planlos reagiert, sondern über ein abgestimmtes Konzept verfügt.

Wie beschreiben die Militärs die Bedrohung?
Sie zeichnen ein Bild ständiger Reibung unterhalb der Schwelle eines großen Krieges. Genannt werden verletzter Luftraum durch russische Drohnen, aggressive Manöver auf See und ein versuchter Angriff auf den Flughafen Leipzig Anfang August. General Grynkewich benennt dabei lieber präzise die einzelnen Taten, also etwa Sabotage, Brandstiftung oder Terrorattacken als bloß von "hybriden Angriffen" zusprechen. Dieser häufig verwendete "weichere" Begriff sei ihm zu unklar.

Sind wir aus Sicht der NATO schon im Krieg mit Russland?
Nein, genau das weisen beide NATO-Militärs indirekt zurück. Grynkewich sagt, Putin wolle den Bevölkerungen Europas einreden, Unterstützung für die Ukraine könne in einem Krieg mit Russland enden. Diese Angst dürfe aber die Hilfe für Kiew nicht untergraben. Gleichzeitig machen beide Militärs klar, dass Russland längst versucht, den Westen mit anderen Mitteln unter Druck zu setzen und einen Keil zwischen Europa und die USA zu treiben.

Sucht Russland einen großen Krieg mit der NATO?
Grynkewich sagt im Spiegel ausdrücklich, er sei sicher, dass Russland keinen großangelegten konventionellen Angriff auf Europa starten werde. Aus seiner Sicht setzt Moskau gerade deshalb auf Sabotage und andere Nadelstiche, weil es keinen direkten Konflikt mit der Allianz will. Bundeswehr-General Breuer ergänzt aber, dass Bedrohungen aus einer Kombination entstehen würden: aus Absicht, militärischen Fähigkeiten und möglicher Schwäche des Gegners. Genau diese Schwäche dürfe man Putin nicht zeigen.

Wie stark schätzt die NATO ihre eigene militärische Position ein?
Sehr selbstbewusst. Laut Grynkewich sei die NATO in einem echten Krieg und wenn die ganze Allianz antritt, Russland konventionell überlegen. Er verweist auf moderne F-35-Kampfjets, auf mehr moderne Zerstörer und U-Boote und fasst es so zusammen: "Unsere militärischen Fähigkeiten, die wir in einem Großkonflikt zum Einsatz bringen würden, übertreffen die Moskaus bei Weitem."

Was ist mit der russischen Exklave Kaliningrad und den russischen Drohungen diesbezüglich?
Russland hatte damit gedroht, dass eine Isolierung Kaliningrads oder ein Angriff auf die Exklave einen Krieg auslösen könnte. Grynkewich reagiert darauf gelassen und sagt, die NATO habe keine Absicht, solche Aktionen zu starten, weil sie eine Verteidigungsallianz sei. Zugleich weist er darauf hin, dass Russland gerade dort durch den Krieg in der Ukraine militärisch geschwächt sei, während die NATO im Baltikum stärker geworden ist.

Der deutsche General Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, mit Kanzler Friedrich Merz (mit einer Mini-Drohne): "Die deutsche Bundesregierung ist ein Motor der NATO"
Der deutsche General Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, mit Kanzler Friedrich Merz (mit einer Mini-Drohne): "Die deutsche Bundesregierung ist ein Motor der NATO"
REUTERS/Leon Kuegeler

Warum übt die NATO rund um die Ostflanke so intensiv?
Aus Sicht der Allianz geht es um Abschreckung und um Einsatzbereitschaft. Grynkewich erklärt, man müsse zeigen, dass man jederzeit handeln könne, deshalb werde an der Ostflanke geübt, ohne aber dabei überzureagieren. Breuer verweist zusätzlich auf die Geografie: Der Suwalki-Korridor ist strategisch bedeutsam, weil er die baltischen Staaten mit dem restlichen NATO-Gebiet verbindet. Entsprechende Aufmerksamkeit werde gerade diesem Gebiet zuteil.

Was steckt hinter der sogenannten "Theorie des Sieges"?
Gemeint ist ein internes Konzept, auf das sich die 32 NATO-Verbündeten verständigt haben. Grynkewich beschreibt es als gestuftes Vorgehen in drei Phasen, die er mit drei Bs zusammenfasst: "block, blunt, break". Zunächst soll jede Verletzung des NATO-Raums sofort blockiert werden ("block"). Hält ein Angriff an, soll der Gegner geschwächt und sein Vormarsch gestoppt werden ("blunt"). Wenn das nicht reicht, soll sein gesamtes Angriffssystem zerschlagen werden ("break").

Wie würde diese Reaktion im Ernstfall konkret aussehen?
Der Oberbefehlshaber beschreibt ein Zusammenspiel aller Bereiche der Kriegsführung. Landstreitkräfte würden den Angreifer bekämpfen, Luft- und Seestreitkräfte gemeinsam mit Weltraum- und Cyberkräften rasch Handlungsfreiheit gewinnen. In späteren Phasen ginge es nicht nur um die Front, sondern auch um Kommandoposten, Nachschubwege und jene Strukturen im Hinterland, die den Angriff tragen. Besetzt werden soll fremdes Territorium laut Grynkewich aber nicht; Ziel sei eine taktische und operative Niederlage des Angreifers, nicht dessen vollständige Unterwerfung.

Heißt das auch Schläge gegen Ziele auf russischem Boden?
Grynkewich deutet das an, ohne Russland ausdrücklich beim Namen zu nennen. Wenn er davon spricht, das gesamte operative Kriegssystem anzugreifen, umfasst das auch Hochwertziele wie Kommandozentralen und andere Elemente im Hinterland des Gegners. Zugleich betont er, die Last der Eskalation liege beim Angreifer. Die NATO wolle niemanden überfallen, habe aber jedem Schritt auf der Eskalationsleiter etwas Entsprechendes entgegenzusetzen.

Wird damit auch die Möglichkeit des Einsatzes von atomaren Waffen angesprochen?
Ja, das ist wohl der Sinn dieser Ausdrucksweise, ohne die Dinge beim Namen zu nennen. Nachdem einzelne Wortmeldungen aus Moskau immer wieder die nukleare Karte ausspielen, sagt der NATO-Kommandant hier ausdrücklich, dass die NATO diese Möglichkeit ebenfalls habe – und bereit sei, sie einzusetzen.

Wie groß ist die Sorge vor einem schnellen Überraschungsangriff im Baltikum?
Die NATO versucht genau dieses Szenario mitzudenken. Grynkewich sagt, wegen technologischer Überlegenheit könne das Bündnis kaum überrascht werden und werde erkennen, ob ein Angriff bevorsteht. Das soll Zeit verschaffen, Kräfte zu verlegen und auch einen Versuch abzuwehren, mit einer raschen Besetzung von Territorium vollendete Tatsachen zu schaffen. Gerade für die NATO-Staaten an der Ostflanke ist diese Zusicherung politisch und psychologisch zentral.

Der Grenzzaun zwischen Litauen und Russland im Bereich des besonders sensiblen Suwalki-Korridors: Das Bündnis könne "wegen technologischer Überlegenheit" kaum überrascht werden
Der Grenzzaun zwischen Litauen und Russland im Bereich des besonders sensiblen Suwalki-Korridors: Das Bündnis könne "wegen technologischer Überlegenheit" kaum überrascht werden
REUTERS/Kacper Pempel

Welche Rolle spielt dabei Deutschland?
Eine größere als noch vor einigen Jahren. Grynkewich nennt die deutsche Bundesregierung einen "Motor der NATO" und verweist auf die Brigade 45 in Litauen, die an der Ostflanke eine wichtige Aufgabe hätte.

Warum sind Drohnen plötzlich so kriegsentscheidend?
Weil der Krieg in der Ukraine gezeigt hat, wie stark billige und massenhaft verfügbare Systeme das Gefechtsfeld verändern. Grynkewich sagt, die NATO müsse hier rasch besser werden und brauche massenweise Einwegkampfdrohnen, billigere Marschflugkörper und vor allem den richtigen militärischen Effekt statt starrer Zielzahlen für einzelne Waffensysteme. Entscheidend sei also weniger, ob etwas teuer und klassisch wirkt, sondern ob es hinter feindlichen Linien wirksam ist.

Ist die NATO bei der Drohnenabwehr derzeit also zu schwach?
Die Militärs räumen zumindest Defizite ein. Laut Grynkewich habe die Drohnenabwehr Priorität, nicht nur wegen der Lehren aus der Ukraine, sondern auch wegen Erfahrungen im Konflikt mit Iran. Man wisse inzwischen, wie ein Verbund aus Sensoren und Abfangsystemen aussehen müsse, daraus seien ein Plan und eine Einkaufsliste entstanden. Er drängt aber zugleich auf mehr Tempo bei Beschaffung und Aufbau, vor allem an der Ostflanke.

Lernt die NATO aus dem Ukraine-Krieg?
Offenbar ja, zumindest nach eigener Darstellung. Grynkewich sagt, man rede täglich mit den Ukrainern. Breuer verweist auf eine Vereinbarung zur gemeinsamen Herstellung von Kampfdrohnen und betont, gekauft werden müsse, was gegen die Bedrohung wirklich geeignet ist. Als Beispiel nennen die beiden Merops-Drohnen, die in der Ukraine entwickelt wurden und nun in die US-Streitkräfte integriert werden.

Was antworten die Militärs Menschen an der NATO-Ostflanke, die trotzdem an der Verteidigungsbereitschaft zweifeln?
Mit einem politischen wie militärischen Versprechen. Grynkewich verweist auf die Abschlusserklärung des NATO-Gipfels in Ankara, in der alle Staaten ihre Bündnissolidarität bekräftigt hätten. Auch Zweifel an den USA unter Präsident Donald Trump versucht er zu zerstreuen und schildert dort einen starken kollektiven Willen. Seine Kernbotschaft lautet: Niemand im Baltikum oder anderswo müsse daran zweifeln, dass die NATO im Ernstfall handeln werde.

Martin Kubesch
Akt. 17.10.2026 07:26 Uhr