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Warum Nestlé Hundefutter gegen nerviges Bellen verkauft

Mark Schneider ist seit 7 Jahren Vorstandchef des Nahrungsmittelmultis Nestlé. Der Manager über teure Tiernahrung, eigene Tiefkühlkost für Nutzer von Abnehmspritzen und Smoothies.

Ulf Mark Schneider ist seit 2017 Vorstandsvorsitzender von Nestlé
Ulf Mark Schneider ist seit 2017 Vorstandsvorsitzender von Nestlé
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Newsflix Redaktion
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"Bester deutscher Manager seiner Generation" nannte ihn das deutsche "Manager Magazin" vor einigen Jahren einmal, das Druckwerk trägt seine Superlative sonst eher nicht in der Wühlkiste spazieren. Ulf Mark Schneider – den Ulf lässt er meist weg – ist seit 1. Jänner 2017 CEO, also Vorstandsvorsitzender des Schweizer Weltkonzerns Nestlé und dort werden eher keine kleinen Brötchen gebacken. Das Unternehmen hat 270.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit, verkauft seine Produkte in 188 Ländern und macht einen Jahresumsatz von umgerechnet fast 98 Milliarden Euro.

Zur Markenfamilie gehören Maggi, Nespresso, KitKat, Purina, Perrier oder S. Pellegrino. Das Unternehmen gibt es seit 150 Jahren, Hauptabsatzgebiet ist inzwischen Nordamerika, über ein Drittel des Umsatzes werden in den USA und Kanada erzielt. Schneider ist 58, er stammt aus dem deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, an Ehrgeiz mangelte es ihm von Kindheit an nicht. In der Schule übersprang er eine Klasse, studierte an der Schweizer Eliteuni St. Gallen, den Master machte der 1,90 Meter-Mann in Harvard. In der Schweiz klebte er im Sommer die Fenster ab, damit ihn die grelle Sonne nicht beim Lernen stört, berichtet das "Manager Magazin".

Schneider besitzt zwei Australian Cobberdogs, also Labradoodles
Schneider besitzt zwei Australian Cobberdogs, also Labradoodles
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Laut Vergütungsbericht verdiente Schneider im Vorjahr inklusive der Beiträge für die Pensionskasse 11,2 Millionen Euro. Im gläsernen Hauptsitz von Nestlé in Vevey am Genfersee hat der CEO nun einigen Zeitungen und Magazinen Interviews gegeben, auch zur Imagepflege. Nestlé hatte zuletzt mit negativen Schlagzeilen wegen aufgezuckerter Babynahrung und auf illegaler Desinfektions-Methoden von Mineralwasser zu kämpfen.

Als ihn die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) besuchte, waren auch die beiden Hunde des Managers, zwei Australian Cobberdogs, zugegen. Lesen Sie hier die wichtigsten Passagen aus den Interviews. Mark Schneider über:

Wie er sich selbst ernährt
Er achte sehr darauf, was auf seinem Teller lande, sagte Schneider zu "Watson". Er sei "über die Jahre hinweg von einem achtlosen Esser zu einem sehr peniblen Esser geworden". Er ernähre sich "natürlich nicht" ausschließlich von Nestlé-Produkten, wobei "verarbeitet heißt nicht einfach schlecht".

Wie er den Vegan-Trend sieht
"Pflanzliche Burger, die noch vor ein paar Jahren einen Hype erlebt haben, waren erst der Anfang. Es gibt heute ungekühlte Pulver auf Sojabasis, mit denen man Fleisch oder Eier "strecken" kann. Für das gleiche Rezept benötigen Sie dann nur noch drei statt acht Eier. Das ist ressourcenschonender, günstiger, gesünder – und je nach Weltregion auch viel besser zu lagern."

Das Hauptquartier von Nestlé in Vevey am Genfersee in der Schweiz
Das Hauptquartier von Nestlé in Vevey am Genfersee in der Schweiz
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Ob Nestlé mit der Produktion weniger gesunden Produkte aufhört
"Nein", sagte Schneider zu "Watson". "Wir können und wollen die Realitäten nicht ausblenden. Und dazu gehören Genuss, Geschmack und Soziales. Manchmal sitzt man zusammen und trinkt etwas, obwohl man keinen Durst hat. Und manchmal hat man Lust auf Süßes."

Ob er selbst kocht
Am Wochenende schon. Und: "Unter der Woche mache ich jeden Morgen Smoothies für die Familie. Dafür stehe ich auch gerne früher auf. Ich verwende frisches Gemüse und Obst sowie eines unserer Collagen- oder Proteinpulver. So hält das Sättigungsgefühl länger an."

Warum Tierfutter so boomt
Nestlé macht inzwischen 20 Milliarden Euro Umsatz im Jahr mit Tierfutter. Das sei eine Folge der Pandemie, sagt Schneider, die Zahl der Haustiere sei nach oben geschossen, außerdem würden die Menschen vermehrt zu Premiumprodukten greifen. Südteure Nahrung für Fuffis, andererseits müssten viele Menschen in Not und Elend leben, wie er da sein Gewissen beruhige? "Tiernahrung wird zu großen Teilen aus Nebenprodukten hergestellt, die bei der Nahrungsmittelproduktion für den Menschen abfallen. Diese würden kaum der Ernährung der Menschen dienen und landeten schlimmstenfalls im Abfall", sagte er der "FAS".

Warum Menschen ihre Haustiere nicht wie früher mit Essensresten ernähren
Weil Fertigfutter eine "ausgewogene, vollwertige Nahrung für das Tier" darstelle, es lasse sich schneller fertigstellen und sei hygienischer. "Wir wissen, dass Haustiere in den Industriestaaten im Durchschnitt etwa 80 Prozent ihres Kalorienbedarfs aus Tierfutter beziehen."

Nespresso ist weltweit einer der großen Umsatzbringer von Nestle
Nespresso ist weltweit einer der großen Umsatzbringer von Nestle
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Ob Hunde und Katzen weltweit das gleiche mögen?
"Die lokale Differenzierung ist bei der Tiernahrung deutlich geringer ... Und dass Franzosen typischerweise anders essen als Deutsche, überträgt sich nicht auf ihr Einkaufsverhalten als Tierhalter", sagt Schneider.

Wie er seine eigenen Hunde ernährt
Minou (6) und ihre Tochter Mocca (4) bekämen handelsübliches Trockenfutter und am Wochenende Nassfutter, "jeweils Markenprodukte aus unserem Sortiment, "aber keine Spezialnahrung".

Warum es bei Futterzusätzen Schnickschnack gäbe, die gegen übermäßiges Bellen oder Altersbeschwerden helfen sollen
Die nahe liegende Antwort wäre gewesen: Weil es mehr Geld bringt. Schneider probiert es so: Eine ausgewogene Ernährung beuge Alterserscheinungen vor. Und das Bellen? Der Zusatz förderte "das allgemeine Wohlbefinden der Hunde, wirkt entspannend und hilft ihnen, besser mit Stress umzugehen. Dann gibt es für sie seltener einen Grund zu bellen." Nun ja!

Mark Schneider, CEO von Nestlé, anlässlich einer Medienkonferenz in der Schweiz
Mark Schneider, CEO von Nestlé, anlässlich einer Medienkonferenz in der Schweiz
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Fett-weg-Spritzen boomen. Ob Nestlé Gegenwind spürt
"Nein", sagte Schneider zu "Watson". Die sogenannten GLP-1-Medikamente (also die Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy) würden dazu führen, dass sich Menschen über ihre Ernährung mehr Gedanken machen. "Ich erwarte in den kommenden Jahren weitere und günstigere Therapien. Auf diese Realität müssen wir uns einstellen, das lässt sich nicht weg reden. Das Bedürfnis nach Ernährung verschwindet ja nicht, es verändert sich nur", so der Manager.

Wie Nestlé darauf reagiert
Man müsse bei der Anwendung darauf achten, nicht zu viel Muskelmasse zu verlieren und den Bedarf nach Vitaminen und Spurenelemente zu decken. Nestlé setzt dabei auf Nahrungsergänzungsmittel und Proteinprodukte. "In den USA haben wir zudem kürzlich eine neue Tiefkühllinie lanciert, die sich speziell an GLP-1-Kunden richtet." Sie werde vorerst aber nur in den USA angeboten.

Ob Abnehmspritzen auch für Hunde und Katzen kommen
"Ich persönlich wüsste nicht, dass ein Pharmakonzern derzeit an so etwas arbeitet", sagte Schneider der "FAS"

Was Hunde- und Katzenhalter voneinander unterscheidet
In seinem Elternhaus gab es weder Hund noch Katze, aber er habe die Haustiere der Nachbarn ausgeführt, gratis, das habe einigen Mitschülern die Aufbesserung des Taschengeldes verdorben, erzählt er der "FAS". Aber es gebe "einen alten Scherz über den unterschiedlichen Charakter von Hunden und Katzen: Hunde haben Besitzer, Katzen haben Angestellte. Und als jemand, der in den 1990er-Jahren einmal vorübergehend eine Katze besessen hat, kann ich das bestätigen."

Was er von Bürohunden hält
Er finde es gut, dass dies an vielen Standorten ermöglicht werde. Es dürfe sich aber niemand "von mitgebrachten Haustieren belästigt oder beeinträchtigt" fühlen. Im Erdgeschoß der Konzernzentrale richtete Nestlé einen eigenen Bereich mit Arbeitsplätzen und Bereichen für Hunde ein.

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