Die Italienerin Emma Mazzenga ist die schnellste Über-Neunzigjährige der Welt. Nun wollen Forscher das Geheimnis ihrer Physis ergründen. Dabei zeigt sich: Die meisten Faktoren haben weniger mit Genetik als mit Regelmäßigkeit und Disziplin zu tun.

Als Emma Mazzenga das erste Mal über die Laufbahn sprintete, liefen im Radio Perry Como oder Dean Martin und von Elvis Presley hatte die Welt noch nie etwas gehört. Das war 1953.
Heute ist die Italienerin 92 Jahre alt – und läuft noch immer. Oder besser gesagt, sie läuft wieder. Denn Beruf – sie unterrichtete Biologie – und Familie nahmen sie über viele Jahre in Anspruch. Und so begann Emma Mazzenga erst mit Anfang 50 erneut mit dem Laufsport – und ist bis jetzt dabei geblieben.
Wer die Lauf-Leidenschaft der greisen Italienerin allerdings als liebenswerten Spleen abtut, wird rasch eines Besseren belehrt. Denn die 92-Jährige ist ein Vollprofi und hält mehrere Sprint-Weltrekorde in ihrer Altersklasse – und das mit Zeiten, von denen wesentlich jüngere Menschen oft nur träumen können.
Ihre Leistungen sind so außergewöhnlich, dass auch die Wissenschaft längst auf die sprintende Seniorin aufmerksam geworden ist. Und mittlerweile versucht, sämtliche Aspekte ihrer außergewöhnlichen Physis mit modernen Messmethoden zu ergründen.
Wie Emma Mazzenga ihre körperliche Fitness bis ins hohe Alter bewahren konnte, was sie von den meisten ihrer Altersgenossen unterscheidet und was wir von ihr über gesundes Altern lernen können – die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

Wer ist Emma Mazzenga?
Die heute 92-Jährige wurde am 1. August 1933 in Padua geboren und gilt als eine der erfolgreichsten Masters-Athletinnen der Welt. Als Masters-Athleten werden Sportlerinnen und Sportler bezeichnet, die ab einem bestimmten Alter – meistens ab 35 – regelmäßig trainieren und in ihrer Disziplin auch weiterhin an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen.
War die Italienerin immer schon Spitzensportlerin?
Ganz im Gegenteil. Nachdem die Muster-Athletin – Emma Mazzenga misst 1,55 Meter und wiegt 58 Kilo – während ihres Biologie-Studiums an der Universität von Pavia nebenbei Leichtathletik betrieb und bei italienischen Meisterschaften startete, rückte der Sport danach schon bald in den Hintergrund und Beruf, Familie und Kinder hatten Vorrang.
Wann wandte sie sich wieder dem Wettkampfsport zu?
Erst mit Anfang 50 kehrte Emma Mazzenga auf die Laufbahn zurück. Mit 53 Jahren begann sie wieder regelmäßig zu trainieren und startete im Masters-Sport. Aus dieser späten Rückkehr entwickelte sich eine Karriere, die inzwischen Jahrzehnte umfasst und in zahlreichen Welt-, Europa- und Landesrekorden mündete.
Welche Rekorde hat die Sportlerin aufgestellt?
In der Altersklasse der 90- bis 94-Jährigen hält sie die Weltrekorde über 200 Meter im Freien sowie über 60, 200 und 400 Meter in der Halle. Internationale Aufmerksamkeit erhielt sie insbesondere durch ihre Rekordläufe über 200 Meter, bei denen sie bestehende Bestmarken deutlich unterbot.
Was heißt das konkret?
Als sie 2024 mit 50,33 Sekunden den 200-Meter-Weltrekord im Freien aufstellte, unterbot sie die damalige Weltbestleistung um mehr als eine Sekunde. Auch diesen Rekord hat sie mittlerweile gebrochen. In ihrer Altersklasse ist ihre größte Konkurrentin sie selbst.
Weshalb ist ihr Fall für die Wissenschaft besonders interessant?
Weil Mazzenga gleich mehrere biologische Rätsel aufwirft. Deshalb gilt sie in Wissenschaftskreisen als lebendes Forschungslabor. Untersuchungen ihrer Muskeln, Nervenbahnen, Mitochondrien und ihrer Herz-Kreislauf-Leistung zeigen, dass manche körperlichen Systeme bei ihr funktionieren wie bei Menschen, die mehrere Jahrzehnte jünger sind.

Was bedeutet das?
Anna Mazzengas persönliche Geschichte und ihre Physis werfen eine Frage auf, die weit über den Sport hinausgeht: Wie viel körperliche Leistungsfähigkeit können Menschen bis ins höchste Alter erhalten? Und: Lassen sich die Wege dorthin verallgemeinern?
Wie will die Forschung dem auf den Grund gehen?
Forscher der Universität Pavia und der Marquette University in Milwaukee, Wisconsin, untersuchten ihre Leistungsfähigkeit mit modernsten Methoden. Dabei zeigte sich, dass ihre kardiorespiratorische Fitness – also die Fähigkeit von Herz, Lunge und Muskulatur, Sauerstoff zu transportieren und zu verwerten – teilweise dem Niveau einer sehr fitten Frau in ihren 50ern entspricht.
Gibt es weitere Auffälligkeiten?
Ja, noch erstaunlicher waren die Muskelanalysen. Die Energiezentralen ihrer Muskelzellen, die sogenannten Mitochondrien, arbeiten außergewöhnlich effizient. Einige ihrer langsam kontrahierenden Muskelfasern ähneln in Struktur und Funktion eher denen junger Erwachsener als denen typischer Menschen über 90 Jahre.
Was macht Emma Mazzenga besser als andere sportliche Senioren?
Die kurze Antwort lautet: Niemand weiß es genau. Die Forscher gehen von einer seltenen Kombination aus genetischen Voraussetzungen und jahrzehntelanger körperlicher Aktivität aus. Auffällig ist vor allem, dass die Kommunikation zwischen Gehirn, Nerven und Muskulatur bei ihr außergewöhnlich gut funktioniert. Diese sogenannte neuromuskuläre Kopplung verschlechtert sich normalerweise im Alter erheblich. Bei Mazzenga scheint dieser Alterungsprozess deutlich verlangsamt zu sein.
Gibt es weitere Unterschiede zu anderen Menschen ihrer Altersklasse?
Hinzu kommt ihre bemerkenswerte Trainingskonstanz. Emma Mazzenga trainiert bis heute mehrmals pro Woche, passt Belastungen flexibel an ihr Tagesbefinden an und hat Bewegung über Jahrzehnte als festen Bestandteil ihres Lebens etabliert.
Heißt im Detail?
Heute trainiert sie in der Regel etwa dreimal pro Woche, berichtet etwa die Washington Post. Sie wärmt sich mit ein paar Minuten lockerem Joggen auf und läuft dann anspruchsvolle Sprints unterschiedlicher Länge. Manchmal läuft sie 60 Meter schnell, ruht sich etwa drei Minuten aus und sprintet dann weitere 60 Meter. Diesen Ablauf wiederholt sie, bis sie erschöpft ist. An anderen Tagen verlängert sie die Intervalle auf bis zu 400 Meter oder mehr, mit sechs bis sieben Minuten Pause zwischen den einzelnen Läufen.

Ist Emma Mazzenga ein Ausnahmetalent oder ein Vorbild für alle?
Beides. Niemand sollte erwarten, mit über 90 Jahren Weltrekorde zu laufen. Dafür spielen genetische Faktoren vermutlich eine zu große Rolle. Gleichzeitig zeigen Altersforscher seit Jahren, dass körperliche Aktivität den biologischen Alterungsprozess deutlich verlangsamen kann. Die Unterschiede zwischen aktiven und inaktiven Senioren sind oft dramatischer als die Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen.
Was kann jeder Einzelne von der Italienerin lernen?
Mazzenga repräsentiert nicht das normale Altern. Ihr Beispiel beweist vielmehr, welches Potenzial der menschliche Körper unter günstigen Voraussetzungen besitzen kann.
Kann im Grunde jeder so sportlich und fit ins hohe Alter kommen wie die 92-Jährige?
Wahrscheinlich nicht. Die Forschung zu sogenannten "Super-Agern" zeigt, dass außergewöhnliche Leistungsfähigkeit im hohen Alter fast immer auf einem Zusammenspiel aus Veranlagung, Lebensstil, sozialer Einbindung und Gesundheit beruht. Emma Mazzenga zeigt eindrucksvoll, wie stark diese Systeme auch jenseits des 90. Lebensjahres noch funktionieren können.
Aber?
Was jedoch viele Menschen erreichen können, ist deutlich mehr, als sie häufig selbst für möglich halten. Regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining kann auch jenseits des 70. oder 80. Lebensjahres Muskelmasse, Gleichgewicht, Mobilität und Selbstständigkeit verbessern. Die Wissenschaft kennt heute zahlreiche Beispiele von Menschen, die erst im späteren Leben mit dem Training begonnen haben und dennoch erhebliche gesundheitliche Vorteile erzielen konnten.
Welche Rolle spielen die Mitochondrien?
Eine größere als vermutet. Mitochondrien produzieren die Energie, die unsere Zellen benötigen. Mit zunehmendem Alter nimmt ihre Leistungsfähigkeit normalerweise ab. Bei Mazzenga fanden die Forscher jedoch erstaunlich gut erhaltene Mitochondrien. Dies könnte erklären, weshalb ihre Muskeln Sauerstoff besonders effizient nutzen und sie Belastungen besser verkraftet, als viele Gleichaltrige.

Was kann jeder Einzelne daraus lernen?
Die wichtigste Lektion ist überraschend unspektakulär. Mazzenga folgt keinem geheimen Trainingsplan. Sie trainiert regelmäßig, ernährt sich ausgewogen und bleibt aktiv. Ihre Ernährung besteht aus einfachen Mahlzeiten mit Fisch, Fleisch, Eiern, Reis oder Pasta. Entscheidend scheint weniger Perfektion als jahrzehntelange Konsequenz zu sein.
Ist es also nie zu spät, mit Bewegung und Sport zu beginnen?
Die wissenschaftliche Antwort lautet erstaunlich eindeutig: Nein. Zahlreiche Studien zeigen, dass selbst Menschen, die erst im sechsten, siebten oder achten Lebensjahrzehnt mit regelmäßigem Training beginnen, messbare Verbesserungen bei Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Lebensqualität erzielen.
Ist Emma Mazzengas Physis die Blaupause für einen gesunden Körper?
Forscher sehen in ihr einen Beweis dafür, dass der menschliche Körper wesentlich länger anpassungsfähig bleibt, als früher angenommen wurde. Allerdings: Aus einem einzelnen Ausnahmefall lassen sich keine allgemeinen Regeln ableiten. Emma Mazzenga ist keine Blaupause für die gesamte Bevölkerung. Ihre Geschichte zeigt Möglichkeiten, keine Garantien.
Was ist die wichtigste Botschaft, die sich aus ihrem Alterungsprozess ableiten lässt?
Auch Menschen, die regelmäßig trainieren, altern. Muskelmasse nimmt ab, Regenerationszeiten werden länger und Krankheiten können auftreten. Selbst bei Mazzenga zeigen sich bereits altersbedingte Veränderungen bestimmter Muskelfasern. Aber sie beweist etwas anderes: Dass die biologischen Grenzen des Alterns weiter hinausgeschoben werden können, als die meisten Menschen glauben.