Wie wenig es oft braucht, um aus diffuser Abneigung gegen jemanden mörderischen Hass entstehen zu lassen, exerziert die britische Serie "Tip Toe" am Beispiel eines schwulen Barbesitzers vor. Plakativ, aber nichtsdestoweniger erschütternd umgesetzt. Auf HBO Max.

Die britische Miniserie "Tip Toe" von Russell T. Davies ("Queer as Folk", "Doctor Who"), die in ihrer Heimat bereits auf Channel 4 zu sehen war und hier nun auf HBO Max läuft, beginnt mit einem Schock: Der 59-jährige Barbesitzer Leo Struthers (Alan Cumming) hängt tot an einem Laternenpfahl vor seinem Haus, Nachbarn stehen herum und betrachten die Szene erschüttert. Bereits da wird klar: Leicht-lockere Nebenbei-Unterhaltung ist dieser Fünfteiler nicht.
Danach springt die Handlung zehn Tage zurück und entschlüsselt peu à peu, wie es dazu kommen konnte.
In dieser zehn Tage zurückliegenden Vergangenheit betreibt Leo eine Bar in Manchesters queerem Viertel und lebt auch selbst offen schwul. Die Bar hat er mit seinem Ex aufgebaut, der inzwischen allerdings mit einer Frau durchgebrannt ist, was immer noch an Leo nagt. Das Lokal ist ein sicherer Arbeitsplatz und Treffpunkt für Schwule, Lesben und Transsexuelle geworden, die sich zuletzt wieder vermehrt Diskriminierungen ausgesetzt sehen.
Leo sperrt sich selbst nach einem One-Night-Stand aus seiner Wohnung aus, nachdem sein kurzzeitiger Gast mit seinem Laptop auf und davon gelaufen ist. Nur in Unterwäsche und ohne Schlüssel, landet Leo seinem Nachbarn Clive Goss (David Morrissey). Die beiden wohnen seit 14 Jahren nebeneinander, näher gekommen sind sie sich in dieser Zeit allerdings nicht. Nur widerwillig überlässt Clive sein Telefon Leo, damit der Hilfe rufen kann.

Der verheiratete Elektriker und Familienvater verhält sich Leo gegenüber von Beginn an eher reserviert. Besonders auffällig ist seine ablehnende Reaktion auf Leos Umgang mit seinen beiden Söhnen George (Jackson Connor) und Saul (Joseph Evans) – ist es latente Homophobie oder nur Wut über seine scheiternde Ehe, die sich allabendlich in Auseinandersetzungen mit seiner Frau entlädt?
Indes sucht George, Clives jüngerer Sohn, über eine Sex-App den Kontakt zu Leo: Der 16-Jährige ist selbst schwul, traut sich aber nicht, das jemandem und schon gar nicht seiner Familie zu sagen und sucht Hilfe und Rat bei dem Nachbarn, der all das offensichtlich früher selbst durchgemacht hat.
Clive geht es außerdem finanziell nicht gerade blendend, und so bietet er Leo seine Dienste an, der schließlich eher widerwillig zustimmt. Und so beginnt Clive, in Leos Bar zu arbeiten. Damit treffen die beiden Männer nun nicht mehr nur als Nachbarn aufeinander, sondern verbringen zunehmend Zeit miteinander. Als Zuschauer kann man zunächst allerdings nur erahnen, wie all das schließlich zu der Tragödie führen wird, die sich in den ersten Minuten von "Tip Toe" bereits manifestiert hat.
Die Serie nimmt sich Zeit, das Setting zu etablieren: Leo und sein Alltag werden detailliert vorgestellt, ebenso seine Bar und seine Belegschaft. Nicht alle dieser kleinen Episoden und Dialoge sind von Belang, manche hätte man auch weglassen können. Sie dienen aber dazu, dem Publikum die Welt vorzustellen, in der "Tip Toe" spielt.
Nämlich in einer Gegenwart, so die These der Serie, in der Schwule und Trans-Menschen ihren Lebensstil weitgehend offen leben können, in der aber gleichzeitig alte, vergessen geglaubte Vorurteile langsam aber vehement wieder in den Alltag zurückkehren.
Viele der manchmal etwas geschwätzigen und ausufernden Dialoge gerade am Beginn der Serie drehen sich denn auch genau darum. Oder allgemein um das "Dark Age", als das manche Protagonisten die Gegenwart bezeichnen. Auch der Name Trump fällt gleich mehrfach als Synonym für gesellschaftlichen und zivilisatorischen Rückschritt. Zugleich gibt es aber auch Spitzen gegen die britische Labour-Regierung, deren Politik selbst Barbetreiber Leo nicht immer gefällt.

"Tip Toe" zeichnet das Bild einer zutiefst verunsicherten Welt und einer Gesellschaft, die zerklüftet ist, in der jeder irgendwie über die Runden zu kommen versucht, ob nun finanziell, wirtschaftlich, in seinen persönlichen Beziehungen oder sozial-kulturell. Die Probleme des Protagonisten Leo wirken da zu Beginn noch banal: Er besitzt ein Haus, ein Unternehmen, bekommt Sex, wann immer er will und hat Mitarbeiter und Freunde, die ihn mögen. Einzig die gescheiterte Beziehung zu seinem Ex-Partner nagt an ihm.
Sein Nachbar David repräsentiert hingegen die unglückliche Working Class, die den Anschluss verloren hat und verzweifelt nach Auswegen aus wirtschaftlichem Druck sucht: David ist Elektriker, bekommt aber kaum Aufträge. Und drängt sich daher mehr oder weniger Leo auf, in dessen Bar zu arbeiten. Sein älterer Sohn Saul (mit halb abgeschlossener Tischler-Lehrer) verdient sich sein Taschengeld als Onlyfans-Model. Sind das die Versprechungen einer Gesellschaft, in der jeder seine Chance bekommen soll?
An manchen Stellen wirkt die Handlung etwas unausgegoren und unschlüssig. Trotzdem findet "Tip Toe" ab Folge 2 seinen Ton und es gelingt der Serie gut, Spannung aufzubauen. Das Publikum weiß zwar schon zu Beginn, wie die Geschichte ausgeht – aber eben nicht, wie es dazu kam. Auch nach Folge 2 lässt sich zunächst nur erahnen, wohin die Reise geht.
Auch wenn nicht alles gelungen ist: Die besten Szenen sind jene, in denen die beiden Hauptdarsteller - Alan Cumming und David Morrissey – gemeinsam auftreten. Die Schauspiel-Chemie zwischen den beiden stimmt absolut und auch die auf den ersten Blick unterschiedlichen Charaktere finden manche Anknüpfungspunkte. Man wünscht sich beinahe, dass sie "voneinander lernen" können und Freunde werden. Auch wenn das bekannte, blutige Ende andeutet, dass das eher unwahrscheinlich ist.
"Tip Toe" ist eine interessante und weitgehend gut gelungene Serie, die auch als Reflexion über unsere Gegenwart dient. Die die Rückkehr von Homophobie und Transfeindlichkeit anprangert, die in manchen Bereichen wieder vermehrt festzustellen ist. Und deren Ende – Achtung, kleiner Spoiler – tatsächlich nichts für Zartbesaitete ist. Selten wurde eine angekündigte Katastrophe und ihre Folgen mit solchem Pessimismus umgesetzt. Wer keinen guten Tag hat, sollte sich die letzte Episode von "Tip Toe" vielleicht für einen sonnigeren Moment aufheben.
Spannend ist übrigens auch, dass "Tip Toe" bei HBO Max erscheint, das bekanntlich zu Warner gehört, das wiederum vor dem Verkauf an Trump-Freund David Ellison steht: Nach der angekündigten Übernahme könnten solche Stoffe nicht mehr lange auf dem Streamingdienst zu finden sein.
"Tip Toe", Drama. GB 2026, 5 Episoden à ca. 45 Minuten, HBO Max