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Spionage-Geschichte

Wie Erektionsprobleme einen KGB-Spion zum Überläufer machten

In seinem neuen Tatsachen-Thriller "Redwood" erzählt der britische Historiker Ben Macintyre detailreich und sehr launig davon, was der britische Geheimdienst alles anstellen musste, um Anfang der Achtzigerjahre einen wertvollen Sowjet-Agenten abzuwerben.

Der neue Tatsachen-Thriller von Ben Macintyre erzählt von der komplizierten Anwerbung eines KGB-Überläufers im Iran während der islamischen Revolution Anfang der 1980er-Jahre
Der neue Tatsachen-Thriller von Ben Macintyre erzählt von der komplizierten Anwerbung eines KGB-Überläufers im Iran während der islamischen Revolution Anfang der 1980er-JahreAPA-Images / AFP
The Economist
Akt. 21.10.2026 03:17 Uhr

Wladimir Kusitschkin, ein KGB-Agent, der nach einer dramatischen Flucht aus dem Iran 1981/82 nach Großbritannien überlief, hatte zwei Wünsche: ein Horoskop und eine Beschneidung. "Schon einen überprüften Beschneider zu finden, war schwierig", schreibt der Historiker Ben Macintyre in seinem neuen Buch "Redwood". "Einen sicherheitsüberprüften Astrologen ausfindig zu machen, war unmöglich."

"Redwood" erzählt packend, wie Kusitschkin für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 angeworben wurde. "Redwood" war sein Deckname. Das Buch ist Macintyres jüngster Spionagethriller nach wahren Begebenheiten. In früheren Werken hat er sich unter anderem mit Kim Philby beschäftigt, einem MI6-Mitarbeiter, der zum KGB überlief. Sein Tatsachen-Thriller "Operation Mincemeat" über eine komplizierte Täuschungsaktion im Zweiten Weltkrieg wurde unter dem deutschen Titel "Die Täuschung" mit Colin Firth in der Titelrolle 2021 verfilmt. *

Auf Deutsch erschienen sind bislang nur wenige seiner insgesamt 17 Bücher, die allesamt auf historischen Tatsachen beruhen, aber spannend wie Thriller erzählt sind. Zuletzt sind im Insel-Verlag von ihm erschienen "Der Spion und der Verräter" sowie "Agent Sonja". *

Der Historiker Ben Macintyre ist ein Meister, wenn es darum geht, reale Ereignisse wie einen Thriller klingen zu lassen
Der Historiker Ben Macintyre ist ein Meister, wenn es darum geht, reale Ereignisse wie einen Thriller klingen zu lassen
APA-Images / Action Press / Avalon

Wie seine anderen Bücher verbindet auch sein neuestes Werk "Redwood" die Psychologie von Spionen mit einem detaillierten Einblick in das Handwerk der Geheimdienste. Jeder seiner Protagonisten hat an einem entscheidenden Wendepunkt dazu beigetragen, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen.

So war es auch bei Kusitschkin. Als hochrangiger Mitarbeiter der KGB-Residentur im revolutionären Teheran erlebte er, wie die alte Ordnung des Schah-Regimes zerfiel und sich eine neue, chaotische Herrschaft herausbildete. Die Korruption und Brutalität des KGB und des sowjetischen Systems empörten ihn. Doch sein Weg zum Verrat hatte auch sehr persönliche Gründe: Erektionsprobleme und seine scheiternde Ehe beschleunigten seine Abkehr.

Er wandte sich Hilfe suchend an den MI6. Der britische Dienst schickte ihm rote Pillen – wirkungslose Vitaminpräparate, die den verzweifelten KGB-Offizier beruhigen sollten. Später glaubte Kusitschkin, eine Beschneidung an einem astrologisch günstigen Tag könne sein medizinisches Problem lösen. Besiegelt wurde seine Anwerbung bei mehreren Litern Wodka.

Spionage ist oft ein Spiel mit hohem Einsatz, bei dem Hunderte Menschen und modernste Technik an einer einzigen Operation beteiligt sein können. Doch "Redwood" zeigt, dass Geheimdienstarbeit mitunter auch dilettantisch, unbeholfen und improvisiert abläuft. Ian McCredie, Kusitschkins Verbindungsoffizier beim MI6, versuchte, iranische Lauscher auszutricksen, indem er das persischsprachige Radioprogramm laut aufdrehte und gleichzeitig die Wasserhähne laufen ließ. Als Kusitschkin über die Türkei floh, fürchtete der MI6, ein Entführungskommando des KGB könnte ihn abfangen. Die Lösung: Ein Geheimdienstmitarbeiter wurde mit einer großen Messinglampe bewaffnet, um mögliche Angreifer damit niederzuschlagen.

Szene aus "Die Täuschung" mit Colin Forth (r.), der Verfilmung des Macintyle-Buches "Operation Mincemeat" über ein kompliziertes Täuschungsmanöver während des Zweiten Weltkriegs
Szene aus "Die Täuschung" mit Colin Forth (r.), der Verfilmung des Macintyle-Buches "Operation Mincemeat" über ein kompliziertes Täuschungsmanöver während des Zweiten Weltkriegs
APA-Images / Everett Collection / ©Netflix

"Redwood" macht auch deutlich, dass Spione nicht immer diejenigen sind, für die man sie hält. Der KGB war überzeugt, der exzentrische britische Botschafter Nicholas Barrington sei der MI6-Stationschef in Teheran – und nicht der unscheinbare McCredie. Tatsächlich betrachtete Barrington den MI6 "in etwa so wie jene Leute, die seine Toilette putzten … und die Tennisplätze fegten". An der Überwachung der Geheimdienstaktivitäten hatte er keinerlei Interesse.

Kusitschkins Informationen könnten den Lauf der iranischen Geschichte verändert haben. Die USA und Großbritannien befürchteten einen kommunistischen Umsturz im Iran, der von der Sowjetunion unterstützt werden könnte. Deshalb beschlossen sie, Kusitschkins Erkenntnisse über kommunistische Aktivitäten mit dem iranischen Regime zu teilen. Bei den anschließenden Säuberungen wurden schätzungsweise 4.000 bis 12.000 Menschen hingerichtet. Damit wurde ein großer Teil der Opposition ausgeschaltet und die Machtstellung der Islamisten gefestigt.

Kusitschkin, den das Blutbad nicht losließ, starb 2009. Der MI6 arbeitete an "Redwood" nicht offiziell mit, doch McCredie gab dem Autor ausführlich Auskunft. Andere noch lebende MI6-Mitarbeiter treten unter wenig überzeugenden Decknamen auf. Ihre Offenheit dürfte innerhalb des Dienstes für einiges Unbehagen gesorgt haben. Das Ergebnis ist dennoch eine weitere erstklassige Spionagegeschichte.

"Redwood" von Ben Macintyre, Viking, 464 Seiten, ca. 15 Euro
"Redwood" von Ben Macintyre, Viking, 464 Seiten, ca. 15 Euro
Penguin Viking

* ergänzt

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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"

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