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Cyber-Coup

So stahlen Kims Krypto-Gangster in 20 Minuten 6,36 Milliarden Dollar

Das gab es noch nie: Binnen nur 20 Minuten zogen mutmaßlich nordkoreanische Hacker mehr als 6 Milliarden Dollar von der größten Krypto-Börse der Welt ab. Wie es dazu kommen konnte, wie viel Geld rechtzeitig eingefroren wurde, was das für die Anleger bedeutet.

Alle Spuren führen nach Pjöngjang: Die Hacker von Nordkoreas Führer Kim Jong-un sollen die Kryptobörse Binance um mehr als 6 Milliarden Dollar erleichtert haben
Alle Spuren führen nach Pjöngjang: Die Hacker von Nordkoreas Führer Kim Jong-un sollen die Kryptobörse Binance um mehr als 6 Milliarden Dollar erleichtert habenvia REUTERS
NewsFlix Redaktion
Akt. 31.10.2026 00:34 Uhr

Binnen weniger Minuten war das Geld weg. Und während auf den Kryptomärkten die Kurse unaufhaltsam nach unten rutschten, begann hinter den Kulissen ein hektisches Wettrennen: Börse, Stablecoin-Anbieter und Ermittler versuchten verzweifelt, Milliarden an digitalen Vermögenswerten einzufrieren, bevor sie über Blockchains weiterverteilt werden konnten.

Der Angriff auf Binance, die größte Kryptobörse der Welt, gilt als historische Zäsur für die Branche. Er trifft verunsichert Anleger und wirft die alte Frage auf, wie sicher digitale Vermögenswerte auf zentralen Plattformen tatsächlich sind.

Wie der Angriff vonstattenging, wie viel Geld letztlich abgezogen werden konnte und weshalb die Ermittler davon ausgehen, dass die Täter im Auftrag der nordkoreanischen Führung agiert haben – das muss man über den größten Krypto-Coup aller Zeiten wissen:

Mit 335 Millionen registrierten Nutzern ist Binance nach eigenen Angaben die größte Kryptobörse der Welt
Mit 335 Millionen registrierten Nutzern ist Binance nach eigenen Angaben die größte Kryptobörse der Welt
REUTERS

Worum geht es?
Das Unternehmen Binance, die größte Kryptobörse der Welt, wurde Ziel eines massiven Cyberangriffs, bei dem rund 6,36 Milliarden Dollar (ca. 5,7 Mrd. Euro) aus Wallets abgezogen wurden. Nach Angaben von TRM Labs, einem Blockchain-Analyseunternehmen, geschah der Großteil der Abflüsse binnen 20 Minuten über zehn Blockchains. Binance selbst sprach von einem komplexen Angriff und setzte vorsorglich Ein- und Auszahlungen vorübergehend aus.

Warum ist der Fall so außergewöhnlich?
Mehrere Analysten und Forschungsfirmen stufen den Vorfall als größten jemals stattgefundenen Diebstahl an einer Kryptobörse ein. Der Schaden liegt deutlich über dem Bybit-Hack von Anfang 2025 mit rund 1,5 Milliarden Dollar. Auch in der breiteren Kriminalgeschichte wird der Fall bereits als möglicher größter Raubüberfall überhaupt eingeordnet, berichtet der Guardian.

Wer steckt mutmaßlich hinter dem Angriff?
TRM Labs schreibt den Angriff mit hoher Wahrscheinlichkeit der nordkoreanischen Hackergruppe TraderTraitor zu. Auch Elliptic und Chainalysis, ebenfalls Blockchain-Analysten, sehen starke Hinweise in diese Richtung. Nordkorea wird seit Jahren von Behörden und Cybersicherheitsexperten vorgeworfen, Hacker für Spionage und Vermögensdelikte einzusetzen; Pjöngjang weist das zurück.

Worauf stützt sich der Verdacht gegen Nordkorea?
Die Zuordnung basiert auf Datenanalysen von Blockchain-Bewegungen und bekannten Mustern früherer Angriffe. TRM Labs teilte mit, die Einschätzung treffe man auf Basis umfassender Datenanalysen mit großer Sicherheit. Dazu kommt, dass bereits frühere Großangriffe auf Kryptobörsen nordkoreanischen Gruppen zugeschrieben wurden, teils auch durch das FBI.

Was weiß man über die Gruppe TraderTraitor?
TraderTraitor ist eine spezialisierte Hackergruppe, die nach Einschätzung US-amerikanischer Sicherheitsbehörden mit dem nordkoreanischen Staat verbunden ist. Sie gilt als eine der gefährlichsten Gruppierungen im Bereich des Kryptowährungsdiebstahls. Die Gruppe kombiniert dabei Social Engineering, Industriespionage, Schadsoftware und hochkomplexe Blockchain-Angriffe. US-Behörden ordnen TraderTraitor nordkoreanischen Cyber-Akteuren zu, die Einnahmen für das nordkoreanische Regime generieren sollen.

Wie könnten die Angreifer vorgegangen sein?
Ersten Ermittlungen zufolge könnte der Vorfall mit dem gehackten Laptop eines Ingenieurs begonnen haben. Von dort könnten sich Angreifer Zugang zu einem Servicerechner verschafft und unautorisierte Auszahlungen ausgelöst haben. Binance untersucht nach eigenen Angaben außerdem, wie die Signierinfrastruktur manipuliert worden sein könnte; Hinweise auf ein Leck bei privaten Wallet-Schlüsseln gebe es bisher nicht.

"Binance kommt für jeden Verlust auf", versicherte CEO Richard Teng seinen Kunden am Freitag auf X
"Binance kommt für jeden Verlust auf", versicherte CEO Richard Teng seinen Kunden am Freitag auf X
REUTERS/Ore Huiying

Warum war es so schwer, die Gelder sofort zu stoppen?
Nach Angaben von TRM Labs arbeiteten die Hacker mit sehr schnellen Transaktionen, um dem Einfrieren gestohlener Kryptowerte zuvorzukommen. Ein Teil der Beute wurde rasch über mehrere Netzwerke bewegt. Rund 2,4 Milliarden Dollar sollen in Kryptowährungen gehalten worden sein, auf die deren Herausgeber nicht zugreifen können.

Wie viel Geld konnte bisher eingefroren werden?
Binance sprach davon, dass bislang etwa drei Milliarden Dollar ausfindig gemacht oder eingefroren wurden. Tether blockierte nach eigenen Angaben Vermögenswerte im Wert von fast 1,6 Milliarden Dollar, Circle sperrte mehr als 800 Millionen Dollar. Auch World Liberty Financial teilte mit, gemeinsam mit BitGo Gelder gesichert zu haben; laut Yi He betraf das 27 Millionen Dollar in Stablecoins und Token im Wert von rund zwei Millionen Dollar.

Sind Kundengelder bei Binance jetzt sicher?
Binance versichert, die Verluste der Kunden zu ersetzen. Binance-Mitbegründerin Yi He sagte, das Unternehmen werde "alle Verluste aus dem Hackerangriff" ersetzen. Binance-CEO Richard Teng schrieb auf X: "Ihr Geld ist sicher, und wir kommen für jeden Verlust auf."

Welche Größenordnung hat Binance überhaupt?
Binance ist nach eigenen Angaben die weltweit größte Kryptobörse mit 335 Millionen registrierten Nutzern. Das verwahrte Vermögen belief sich 2025 auf 162,8 Milliarden Dollar. Das Unternehmen verweist zudem auf einen Sicherheitsfonds, der als vollständig in Bitcoin gehaltene Reserve Nutzervermögen im Fall von Cyberattacken schützen soll.

Wie reagierten die Märkte?
Die Nachricht von dem Überfall löste auf dem Kryptomarkt Panik und deutliche Kursverluste aus. Bitcoin fiel zeitweise unter 77.000 Dollar beziehungsweise auf rund 77.380 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit etwa sechs Wochen. Auch andere wichtige Digitalwährungen und der Binance-Token BNB gaben spürbar nach.

Warum trifft der Hack die Branche an einer empfindlichen Stelle?
Weil er ein Grundproblem offenlegt: Zentralisierte Börsen bündeln enorme Vermögenswerte und sind damit attraktive Ziele. Salah-Eddine Bouhmidi von IG sagte: "Auch wenn Binance den Ersatz der Verluste zugesagt hat, rücken Fragen zur Sicherheit und Verwahrung digitaler Vermögenswerte wieder in den Vordergrund." Tim Sun von der HashKey Group warnte zudem, dass Investoren die Sicherheit von Vermögenswerten auf zentralisierten Börsen neu bewerten könnten.

Die Nachricht von dem Überfall löste auf dem Kryptomarkt zeitweise Panik und deutliche Kursverluste aus, Bitcoin fiel unter 77.000 Dollar
Die Nachricht von dem Überfall löste auf dem Kryptomarkt zeitweise Panik und deutliche Kursverluste aus, Bitcoin fiel unter 77.000 Dollar
Reuters

Welche Rolle spielt dabei die Technikentwicklung?
Bernardo Brites von Trace Finance verweist auf den wachsenden Druck durch neue Werkzeuge auf Seiten der Angreifer. "Es wird immer schwieriger, Hackerangriffe abzuwehren, da KI Schwachstellen schneller finden kann, als sie behoben werden können", sagte er. Das erhöht den Druck auf Börsen, ihre Sicherheitsarchitektur laufend nachzurüsten.

Ist das ein Einzelfall oder Teil eines größeren Musters?
Von einem Einzelfall kann keine Rede sein. TRM Labs zufolge wurden im vergangenen Jahr bei knapp 150 Angriffen auf Kryptobörsen insgesamt etwa 2,9 Milliarden Dollar erbeutet. Zu den prominenten Fällen zählen der Diebstahl von 350 Millionen Dollar bei Bitget und der historische Hack der japanischen Börse Mt. Gox im Jahr 2014.

Was bedeutet der Fall für Europa und Österreich?
Der Vorfall lenkt den Blick auch auf Regulierung und Aufsicht. Binance steht in Europa in der Kritik, weil die Börse weiterhin Kunden bedient, obwohl sie über keine Lizenz nach der EU-Kryptoverordnung MiCA verfügt; zudem erschwert die Firmenstruktur ohne festen Hauptsitz die Kontrolle. Aus Österreich meldete Bitpanda, der Vorfall habe keine Auswirkungen auf die eigenen Systeme: "Die Sicherheit unserer Nutzerinnen und Nutzer und die Zuverlässigkeit unserer Dienste stehen bei uns an erster Stelle. Wir sperren Adressen, die mit dem Vorfall in Verbindung stehen, und beobachten die Lage weiterhin genau", hieß es am Freitag.

Wie geht es jetzt weiter?
Als Nächstes wird entscheidend sein, wie viel der gestohlenen Werte tatsächlich eingefroren oder zurückgeholt werden kann. Ebenso wichtig ist, ob die laufenden Ermittlungen den Ablauf des Angriffs präziser rekonstruieren und damit zeigen, ob der Fall vor allem ein krimineller Coup war oder auch ein Warnsignal für die Sicherheitsstandards der gesamten Kryptoindustrie.

NewsFlix Redaktion
Akt. 31.10.2026 00:34 Uhr