"Cordoba-Moment"

Wieso wir für Deutsche plötzlich ein "Renten-Paradies" sind

Viele Pensionisten im Land reiben sich die Augen: Zwei deutsche Parteien haben Österreich zum Renten-Vorbild erkoren, Medien berichten breit über uns. Aber nicht immer ganz richtig.

Deutschlands Kanzler Olaf Scholz muss die Rentenreform noch durch den Bundestag bringen
Deutschlands Kanzler Olaf Scholz muss die Rentenreform noch durch den Bundestag bringen
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Christian Nusser
Akt. Uhr
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Oft ist man ein Idol und weiß es gar nicht. Das verblüfft, denn es handelt sich immerhin um eine Sportart, von der wir gar nicht überzeugt sind, sie  gut zu beherrschen. Das heimische Rentensystem ist plötzlich das ganz große Vorbild in Deutschland. Das war schon ein paarmal so, nun aber gerät die Lobpreisung fast ikonisch. Politiker loben uns auf offener Bühne, in den Medien werden die deutschen und österreichische Pensionszahlungen nebeneinander hingestellt wie Beispiele für Sieg und Niederlage. Wir erleben wieder so einen Cordoba-Moment, ohne überhaupt aufs Tor geschossen zu haben. Das verwundert, aber stimmt es auch? Was hier vorgeht, die wichtigsten Fakten:

Warum Renten in Deutschland plötzlich ein großes Thema sind
Nun, auch in Deutschland wird gewählt, zwar erst nächstes Jahr, aber die Parteien beginnen sich, in Stellung zu bringen. Mit dem "Bündnis Sahra Wagenknecht" (BSW) gibt es eine neue Mitspielerin. Der früheren Frontfrau der Partei "Die Linke" werden gute Chancen eingeräumt, die politische Landschaft zu durchpflügen. Die linke Wagenknecht nimmt selbst der rechten AfD ("Alternative für Deutschland") Stimmen weg.

Aber gibt es einen Anlass für die aktuelle Debatte?
Ja, am Mittwoch beschloss die Bundesregierung nach ewigen, monatelangen Debatten das "Rentenpaket II". Es muss noch durch den Bundestag und selbst in der Ampelkoalition ist man unglücklich mit dem Kompromiss, vor allem die FDP hält ihn für zukunftsfeindlich (obwohl sie den Finanzminister stellt).

Rentenpakt: Deutschlands Finanzminister Christian Lindner (FDP) mit Kanzler Olaf Scholz (SPD)
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Was sieht die Reform vor?
Sie hat zwei Kernpunkte. In Deutschland beträgt das so genannte "Rentenniveau" 48 Prozent. Das heißt: Menschen, die nach 45 Beitragsjahren in den Ruhestand gehen, erhalten im Schnitt 48 Prozent ihres Aktivgehalts als Rente. Diese Prozentzahl ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken (2021 betrug sie etwa noch 49,4 Prozent). Im Klartext: Durchschnittlich bekommen Menschen immer weniger Rente. Mit dem Reformpaket wird das "Rentenniveau" auf mindestens 48 Prozent eingefroren. Zweiter Kernpunkt: Das Rentensystem soll eine weitere Säule bekommen, genannt "Generationenkapital".

Wie hoch ist das "Rentenniveau" in Österreich?
77,6 Prozent, also deutlicher höher als in Deutschland. Aber die Zahlen lassen nur bedingt vergleichen, Äpfe, Birnen, Sie verstehen. In Deutschland ist an das staatliche System eine private Rente angestöpselt, umgangssprachlich "Riester-Rente" genannt. Die 48 Prozent "Rentenniveau" beziehen sich in Deutschland nur auf den rein staatlichen Teil.

Warum ist das sonst noch schwer vergleichbar?
Weil schon bei den Begrifflichkeit ein ziemlicher Kauderwelsch herrscht. Wer in Deutschland ins den Ruhestand tritt, erhält eine Rente, wer im öffentlichen Dienst gearbeitet hat, bekommt eine Pension. In Österreich ist weitgehend einheitlich von Pension die Rede, obwohl bei Beamten etwa der Begriff Ruhegenuss zutreffender wäre.

Was versteht man unter "Generationenkapital"?
Zunächst einmal ist es ein hübscher neuer Begriff. In Deutschland würden die Rentenbeiträge ohne Reform zügig steigen. Derzeit zahlt man 18,6 Prozent seines Einkommens in die Rentenkasse ein. Bis 2040 würde der Beitrag nach und nach auf 22,6 Protest steigen. Die Regierung will das deckeln. Dafür sind schon 2024 rund 12 Milliarden Euro nötig.

Pensionskonto hui, private Vorsorge pfui: Der damalige Kanzler Wolfgang Schüssel boxte 2004 eine Rentenreform durch
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Was ist das Problem dabei?
In Deutschland steht die Schuldenbremse seit 2009 im Verfassungsrang (Artikel 115 Grundgesetz). Seit 2016 darf die Neuverschuldung jedes Jahr nicht mehr als 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, also etwa neun Milliarden Euro. Deshalb will die Regierung das Geld so trickreich aufnehmen, dass es nicht auf die Schuldenbremse angerechnet wird. Sie legt das Geld auf Aktienmärkten an und lässt die Erträge daraus an die Rentenversicherung fließen.

Wie hoch ist eigentlich der "Rentenbeitrag" in Österreich?
Schon jetzt deutlich höher als in Deutschland. Statt 18,6 Prozent (wie in Deutschland derzeit) zahlen wir 22,8 Prozent des Einkommens in die Rentenkasse ein. 12,55 Prozent kommen vom Arbeitgeber (in Deutschland sind es 9,3 Prozent), 10,25 Prozent vom Arbeitnehmer (9,3 Prozent Deutschland).

Warum stellen uns viele in Deutschland trotzdem als Vorbild hin?
Vor allem weil das Rentenniveau bei uns deutlich höher ist, nämlich um über 400 Euro im Monat. Und: In Österreich werden die Renten 14 Mal ausbezahlt, in Deutschland 12 Mal.

Höhe der durchschnittlichen Netto-Monatsrente

  • Altersrente Österreich 1.466 Euro
  • Altersrente Deutschland 1.054 Euro
  • Erwerbsminderungsrente Österreich 1.184 Euro
  • Erwerbsminderungsrente Deutschland 933 Euro
  • Witwen-/Witwerrente Österreich 757 Euro
  • Witwen-/Witwerrente Deutschland 664 Euro
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Ist das der einzige Grund, warum wir Vorbild sind?
Nein, das Zauberwort heißt "Pensionskonto", so etwas gibt es in Deutschland nicht. In Österreich werden 1,78 Prozent der monatlichen Einkünfte dem Pensionskonto gutgeschrieben, in Deutschland nur 1 Prozent. Wenn Sie also 1.000 Euro verdienen, dann wandern 17,80 Euro in ihre Altersvorsorge. Und: Weil 1.000 Euro vor 30 Jahre nicht 1.000 Euro waren, "wuchs" und wächst" das Pensionskonto mit.

Warum kann Österreich höhere Renten zahlen?
Simpel, weil wir teilweise höhere Beiträge berappen. Schon erwähnt wurde, dass in Österreich 22,8 Prozent vom Einkommen (bezahlt von Arbeitgeber und Arbeitnehmer) an die Rentenkasse gehen, in Deutschland 18,6 Prozent. Aber dabei bleibt es nicht. In Deutschland gibt es etwa eine Pflegeversicherung, in Österreich nicht.

Österreich und Deutschland im Beitragsvergleich

  • Rentenversicherung Österreich 22,80 %
  • Rentenversicherung Deutschland 18,6 %
  • Krankenversicherung Österreich 7,65 %
  • Krankenversicherung Deutschland 14,6 %
  • Arbeitslosenversicherung Österreich 6,0 %
  • Arbeitslosenversicherung Deutschland 2,6 %
  • Pflegeversicherung Österreich 0 %
  • Pflegeversicherung Deutschland 3,4 % (Kinderlose 4,0 %)

Wer sieht in Deutschland Österreich als Vorbild?
Mehrere politische Parteien. SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil verwies jüngst auf Österreich. Für die Partei "Die Linke" ist eine "Rente wie in Österreich" ein zentrales Wahlversprechen. Sahra Wagenknecht nannte Österreich bei einem Pressetermin am 14. Mai "gut aufgestellt", die Veranstaltung lief unter dem Titel "Rente wie in Österreich oder Casinorente der Ampel?" Gemeint war die geplante Veranlagung der Rentengelder auf dem Aktienmarkt. Die ZDF-Satireshow "Die Anstalt" stellte Anfang Mai sieben Minuten lang Österreich als Vorbild hin. "Handelsblatt", "Spiegel", "ARD Tagesschau", wir sind plötzlich wieder wer und können gar nichts dafür. Zu lesen sind Titel wie: "Glückliches Österreich" und "Was können wir Deutschen von den Österreichern lernen?"

In Deutschland wird das gesetzliche Rentenalter bis 2031 auf 67 Jahre angehoben
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Kann Deutschland wirklich was von uns lernen?
Immer, aber Paradies sind wir natürlich keines. Österreich leistet sich ein teures Rentensystem. Der Anteil der Wirtschaftsleistung, den man für die Alterssicherung aufwendet, liegt in Deutschland bei 12,6 Prozent, in Österreich bei über 15 Prozent. Die höheren Rentenbeiträge sorgen für höhere Lohnnebenkosten, verteuern also die Arbeitskosten. Diskussionen über ein höheres Antrittsalter für die Pension finden kaum statt, weil sich fast alle Parteien vor der Wählerklientel Rentner fürchten. Und in Österreich fokussiert sich mehr oder weniger alles auf eine Pensionssäule, in Deutschland, vor allem aber in der Schweiz, gibt es auch eine stärkere private und betriebliche Altersvorsorge.

Die Idee mit den mehreren Säulen hatten wir doch auch?
Ja, die so genannte "staatlich geförderten Zukunftssicherung“ war Teil der Pensionsreform 2003 unter dem damaligen VP-Kanzler Wolfgang Schüssel. Versicherungen haben damals Angebote für die private Vorsorge angeboten, der Bund steuerte steuerliche Vorteile bei. Die anfängliche Euphorie verflog bald, die Produkte lieferten oft schlechtere Ergebnisse, der Staat kassierte die Steuervorteile Schritt für Schritt wieder ein. Die "staatlich geförderte Zukunftssicherung“ hat keine Zukunft, sie ist inzwischen weitgehend eingestellt.

Wie ist das mit dem Renten-Antrittsalter?
Das wird in deutschen Medien teils irreführend dargestellt, nämlich als würden Frauen stabil mit 60 in Pension gehen. Seit 1. Jänner 2024 wird das derzeitige Pensions-Antrittsalter von Frauen in Österreich aber stufenweise bis 2033 um jeweils 6 Monate pro Jahr angehoben bis es das Niveau der Männer (schon jetzt 65) erreicht hat. In Deutschland wird die Altersgrenze bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre angehoben, jährlich um ein Monat und zwar für alle. Es gibt einige wenige Ausnahmen.

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