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Beinahe-Katastrophe

12 Minuten Todesangst: Was an Bord von Flug FZ 1073 wirklich geschah

Der Copilot sticht den Piloten nieder, verrammelt die Cockpittüre und steuert den Jet mit Passagieren an Bord in den Boden oder auf eine Stadt. Dieses Albtraum-Szenario, das an die Ereignisse von 9/11 erinnert, hätte sich am Mittwoch in Saudi-Arabien fast wiederholt.

Überglücklich fallen sich Menschen am Flugjhafen von Tel Aviv in die Arme: 174 Passagiere, die meisten von ihnen Israelis, waren nur knapp mit dem Leben davon gekommen
Überglücklich fallen sich Menschen am Flugjhafen von Tel Aviv in die Arme: 174 Passagiere, die meisten von ihnen Israelis, waren nur knapp mit dem Leben davon gekommenREUTERS/Ammar Awad
Martin Kubesch
Akt. 01.10.2026 09:06 Uhr

Es waren grauenvolle Minuten an Bord des Fluges FZ 1073 der Airline flydubai am 30. September von Dubai nach Tel Aviv. Wie schrecklich, lässt sich anhand mehrerer Handy-Videos nachvollziehen, die derzeit auf sozialen Medien kursieren.

Man sieht Passagiere, die sich angstvoll an ihren Sitzen festklammern, während das Flugzeug im steilen Winkel nach unten rast. Einige schreien, aber es ist überraschend ruhig angesichts der Dramatik der Situation. Die meisten der 174 Passagiere an Bord können zu diesem Zeitpunkt noch nicht einschätzen, was gerade geschehen ist. Und welcher Kampf auf Leben und Tod sich nur einige Meter weiter vor ihnen im und vor dem Cockpit der Boeing zu diesem Zeitpunkt gerade abspielt.

Anhand der bisher vorhandenen Flugspur-Daten, von öffentlich zugänglichen Aufzeichnungen im Internet (wie der Flug-Tracker flightradar 24), den offiziellen Statements der Airline und der israelischen Regierung und nicht zuletzt der Aussagen der Passagiere lässt sich mittlerweile ein sehr umfassendes Bild davon zeichnen, was in jenen dramatischen zwölf Minuten an Bord der Maschine tatsächlich geschehen ist.

Wie die Situation von einem ganz normalen Flug binnen Sekunden vollkommen eskaliert ist, wie Passagiere des Jets ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen und wie letztlich mehrere Zufälle dazu führten, dass Flug FZ 1073 statt in einer Katastrophe zu einer Heldengeschichte wurde – das müssen Sie über diesen außergewöhnlichen Flug wissen:

Worum geht es?
Um den Flug mit dem Kennzeichen FZ 1073 der Airline flydubai zwischen Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Tel Aviv in Israel am 30. September 2026. Dieser startete planmäßig um 7.05 Uhr Ortszeit (6.05 Uhr israelische Zeit, 5.05 Uhr mitteleuropäische Sommerzeit). Und zunächst ging auch alles gut.

Ist das ein spezieller Flug?
Nein, seit die VAE Israel offiziell anerkannt haben (als eines der ganz wenigen arabischen Länder), fliegt flydubai zehnmal täglich zwischen den beiden Städten. Die Metropole am Persischen Golf ist nicht nur die wichtigste Flug-Drehscheibe in den Fernen Osten und nach Australien, sondern inzwischen auch ein beliebtes Ausflugsziel von israelischen Touristen.

Also ein ganz normaler Flug?
Ja, an Bord befanden sich nach offiziellen Angaben 174 Passagiere, die meisten von ihnen Israelis, viele auf dem Rückflug vom Urlaub in Thailand, Indien oder anderen Ländern des Fernen Ostens. Sowie sechs Besatzungsmitglieder.

Was ist weiter geschehen?
Der Flug verlief vollkommen ereignislos, ehe die Fluglage des Jets zwischen 9.15 und 9.20 Uhr Ortszeit begann, unruhig zu werden. Da schöpften die Passagiere allerdings noch keinen Verdacht, dass etwas nicht stimmen könnte. Manche mögen vielleicht gedacht haben, dass es Turbulenzen gibt und sich das Flugzeug deshalb instabil anfühlt.

Wie ging es weiter?
Um 9.21 Uhr ging das Flugzeug vom Typ Boeing 737 MAX 8 plötzlich in einen abrupten Sinkflug über und fiel binnen 29 Sekunden von 9.400 auf 5.100 Meter Flughöhe. Es verlor also in weniger als einer halben Minute mehr als 4.300 Meter an Flughöhe. Umgerechnet entspricht dieser Sturzflug einer extremen Sinkrate von rund 29.224 Fuß (8.900 Meter) pro Minute. Zum Vergleich: Ein normaler Passagierflug sinkt im Reiseflug mit etwa 1.500 bis 3.000 Fuß (450 bis 900 Meter) pro Minute.

Ist das nicht eine sehr extreme Belastung?
Ja, absolut. Wenn das Flugzeug wirklich so rasch gesunken ist, dann hätte es alles an Bord, was nicht angeschnallt gewesen ist, zur Decke schleudern müssen, Passagiere inbegriffen. Interessanterweise gibt es bisher keinerlei Berichte darüber. Und es hat offenbar auch keine Verletzungen wegen herumfliegender Gegenstände gegeben.

Wie kann das Flugzeug überhaupt so rasch sinken, ist das bereits freier Fall?
Wenn man die physikalische Definition von freiem Fall hernimmt, dann ist es sogar etwas schneller als das. Das erklärt sich dadurch, dass das Flugzeug ja nicht einfach nur "zu Boden gefallen" ist, sondern zusätzlich zur Schwerkraft mit der Kraft seines Düsenantriebs nach unten gedrückt wurde. Das bedeutet, dass wer immer dieses Flugzeug steuerte, zu diesem Zeitpunkt mit großem Schub der Düsen den Jet noch rascher Richtung Boden drückte.

Was ist dann geschehen?
Das Flugzeug wurde dann genauso plötzlich, wie es zu sinken begann, steil nach oben gerissen und es begann ein kurzer aber intensiver Steigflug, ehe die Boeing wieder zu sinken begann.

Was ist in diesen Momenten im Cockpit geschehen?
Wie es sich derzeit darstellt, hat der Copilot des Jets, ein Mann aus dem Oman, den indischen Piloten des Fliegers mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Dem Piloten, Kapitän Smit Machchhar, ist es dann offenbar noch gelungen, die Türverriegelung des Cockpits zu öffnen, ehe er zusammenbrach.

Und weiter?
In den folgenden Minuten überschlugen sich die Ereignisse an Bord des Jets. Mehrere Passagiere aus den vorderen Sitzreihen erkannten offenbar die Dramatik der Ereignisse und stürzten Richtung Cockpit, wohl auch durch die Schreie der beiden Piloten alarmiert. Sie rissen die – vom Piloten zuvor entriegelte – Türe auf und fanden ein Blutbad vor. Offenbar hatte der Kapitän viel Blut verloren und auch der Copilot blutete. Mehrere Männer – Passagiere und Flugbegleiter – überwältigten den tobenden Copiloten und fesselten ihn mit Kabelbindern (die der Copilot offenbar eingesteckt hatte) und Kopfhörerkabeln.

Wer steuerte das Flugzeug?
Einer der israelischen Passagiere, die ins Cockpit gelangten – Yaniv Hayun – half zunächst dabei, den schwer verletzten Piloten und den Copiloten aus dem Cockpit zu ziehen. Danach habe er, wie er später selbst den Medien und auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erzählte, das Ruder des Jets nach hinten gezogen, um das Flugzeug wieder in eine stabile Lage zu bringen.

Ist Yaniv Hayun Pilot?
Nein, er habe das in einer Fernsehserie gesehen und genauso gehandelt, erklärte der Mann den Medien.

Und das genügte bereits, um das Flugzeug zu stabilisieren?
Nein, einer der größten Glücksfälle des Fluges war es, dass sich ein zweites Piloten-Duo von flydubai als Passagiere mit an Bord befand. Die beiden Männer, einer von ihnen ist angeblich Engländer, seien mit dabei gewesen, weil die Airline möglicherweise Verzögerungen auf diesem Flug befürchtete und Vorsorge treffen wollte, falls die beiden Piloten aus Arbeitszeitgründen nicht den kompletten Rückflug hätten durchführen können. Aber die Angaben der Fluggesellschaft dazu sind bisher noch etwas unklar.

Aber es waren weitere Piloten an Bord?!
Ja, das war die Rettung für den Flieger und die Passagiere. Die beiden erfahrenen Piloten stabilisierten das Flugzeug, das während dieser dramatischen Minuten mehrere plötzliche Änderungen seiner Fluglage hinnehmen musste, und brachten es wieder auf Kurs.

Am Flughafen von Tabuk in Saudi-Arabien wurden die israelischen Passagiere versorgt und auch medizinisch betreut
Am Flughafen von Tabuk in Saudi-Arabien wurden die israelischen Passagiere versorgt und auch medizinisch betreut
via REUTERS

Wo befand sich das Flugzeug, als sich die Ereignisse so zuspitzten?
Die Boeing befand sich zu diesem Zeitpunkt in der nordwestlichsten Ecke von Saudi-Arabien und überquerte bei ihrem Irrflug auch die Grenze zu Jordanien, ehe die Ersatzpiloten den Jet stabilisierten und zurück nach Saudi-Arabien brachten.

War die jordanische Luftwaffe nicht in Alarmbereitschaft?
Darüber liegen keine Berichte vor, es ist aber davon auszugehen, dito in Saudi-Arabien. Auch in Israel, wo man das Drama ebenfalls mitbekam, stiegen bereits Kampfjets auf und es wurden Notfallpläne aktiviert, um ein mögliches 9/11-Szenario zu verhindern. Schließlich wusste man am Boden minutenlang nicht, was an Bord konkret geschah und in wessen Händen sich das Flugzeug befand.

Wie ging es weiter?
Die Piloten erbaten eine umgehende Notlandung am Airport der saudi-arabischen Stadt Tabuk und um 10.45 Uhr Ortzeit landete die Boeing sicher auf dem Flughafen.

Es soll zuvor ein Alarmcode für "Flugzeugentführung" gesendet worden sein?
Ja, der Transpondercode des Jets wurde zunächst – um 9.31 Uhr, auf den Code "7700" umgestellt, das bedeutet "allgemeiner Luftnotfall". Sieben Minuten später wurde das auf "7500" geändert, den Transpondercode für "unrechtmäßige Einwirkung/Entführung". Wer diese Transpondercode-Einstellungen veranlasst hat, ist bis jetzt nicht geklärt. Es trug aber auch nicht zur Beruhigung der Sicherheitsbehörden auf dem Boden bei.

Wie lange dauerte der Schrecken für die Passagiere?
Alles in allem etwa zwölf Minuten, von den ersten Änderungen der Fluglage über den Sturzflug bis zur Stabilisierung des Jets. Als sich die Lage sn Bord schließlich beruhigt hatte, gab es minutenlang Applaus und die Menschen sangen Lieder.

Wurde das Flugzeug bei dem Zwischenfall beschädigt?
Ja, wie sich nach der Landung herausstellte sogar ganz erheblich. Es verlor das Seitenruder an seinem Leitwerk, das ist die Heckflosse des Jets. Diese ist vermutlich bei der großen Belastung durch den Sturzflug oder kurz danach, bei den heftigen Flugmanövern während der Rangelei im Cockpit, abgebrochen.

Wie kann so etwas passieren?
Das müssen die Flugunfallermittler klären. Dazu wird auch der Flugdatenschreiber (die "Blackbox") des Flugzeuges ausgewertet und sekundengenau nachvollzogen, was geschah und welche Kräfte dabei auf den Jet einwirkten. Aber grundsätzlich ist es natürlich möglich, dass Teile an einem Flugzeug abbrechen, wenn dieses weit über seine Belastungsgrenze hinaus beansprucht wird.

Die Boeing wurde bei dem Zwischenfall erheblich am Leitwerk beschädigt
Die Boeing wurde bei dem Zwischenfall erheblich am Leitwerk beschädigt
Social Media

Ist das hier geschehen?
Das werden die weiteren Ermittlungen zeigen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass noch weitere dramatische Fakten über diese schrecklichen Minuten an Bord bekannt werden und darüber, was möglicherweise hätte geschehen können, wäre etwa der Sturzflug noch ein paar Sekunden so weitergegangen. Die Kräfte, die dabei auf das Flugzeug eingewirkt haben müssen, waren enorm.

Wie ging es mit den Passagieren weiter?
Diese wurden nach der sicheren Landung in Tabuk medizinisch durchgecheckt und versorgt. Israel wollte einen Militärtransporter schicken, um die Passagiere abzuholen, aber das erlaubte das Königreich nicht – zwischen den beiden Staaten bestehen seit Ausbruch des Gaza-Krieges keine offiziellen diplomatischen Beziehungen. Aber Saudi-Arabien behandelte die gestrandeten Israelis offenbar sehr anständig, denn Israels Politik bedankte sich noch am Mittwoch ausdrücklich beim Königreich für die gute Versorgung seiner Bürger.

Wann kamen die Israelis nach Hause?
Flydubai schicke eine Ersatzmaschine nach Tabuk und um 21.34 Uhr israelischer Ortszeit landeten alle Passagiere von Flug FZ 1073 schließlich wieder in ihrer Heimat. Dort wurden sie von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Airport empfangen.

Premierminister Benjamin Netanjahu drückt Yaniv Hayun, einen der Passagiere des Unglücksfluges
Premierminister Benjamin Netanjahu drückt Yaniv Hayun, einen der Passagiere des Unglücksfluges
via REUTERS
Hayun hatte mitgeholfen, den Copiloten aus dem Cockpit zu ziehen und geistesgegenwärtig das Ruder des Flugzeuges korrigiert und es so stabilisiert
Hayun hatte mitgeholfen, den Copiloten aus dem Cockpit zu ziehen und geistesgegenwärtig das Ruder des Flugzeuges korrigiert und es so stabilisiert
via REUTERS

Was ist mit dem verletzten Piloten?
Er befindet sich in Tabuk im Krankenhaus. Sein Zustand wird als ernst, aber nicht lebensbedrohend beschrieben. Er wird in den Medien und von israelischen Politikern längst als Held gefeiert, da es zuallererst seine Geistesgegenwart war, die Cockpittüre zu öffnen, die es den anderen Protagonisten ermöglichte den Copiloten zu überwältigen und das Ruder zu übernehmen und so den Jet sicher zu landen.

Müssen Cockpittüren nicht mittlerweile auch von außen zu öffnen sein?
Ja, seit dem Absturz der Germanwings-Maschine 2015, bei dem sich damals der Copilot im Cockpit eingeschlossen hatte und das Flugzeug gegen einen Berg in Südfrankreich steuerte, müssen die Türen von außen zu öffnen sein. Ob es sich angesichts der dramatischen Sinkflugrate der Boeing allerdings noch rechtzeitig ausgegangen wäre, das Flugzeug zu stabilisieren, ist mehr als fraglich.

Befand sich kein Sicherheitsmitarbeiter an Bord?
Offenbar nicht, jedenfalls war in keinem Bericht oder Behördenstatement die Rede davon. Das ist schon außergewöhnlich, da gerade Flüge von oder nach Israel in den allermeisten Fällen über ziviles Sicherheitspersonal an Bord verfügen.

Schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr: der indische Pilot der Maschine, Smit Machchhar
Schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr: der indische Pilot der Maschine, Smit Machchhar
via REUTERS

Was weiß man über den Copiloten?
Bislang erstaunlich wenig. Sein Name wurde bisher nicht offiziell genannt, der Mann soll aus dem Oman stammen, aber nicht einmal das ist gesichert. Auch was seine Motivlage betrifft, halten sich die Behörden bisher sehr zurück. Es wird in einigen Medien behauptet, er habe als "einsamer Wolf" gehandelt und keinerlei Verbindungen zu terroristischen Gruppen gehabt, aber das ist reine Spekulation. Die Airline flydubai will es bislang nicht einmal ausschließen, dass es sich bei ihrem Mitarbeiter um eine psychische Krise und nicht um einen terroristischen Akt gehandelt hat.

Wo ist der Mann jetzt?
Er befindet sich in Saudi-Arabien in der Obhut der Behörden und wird verhört. Mehr wurde bis jetzt nicht bekannt gegeben.

Hatten die Ereignisse bereits Konsequenzen?
Die Airline flydubai hat angekündigt, ihre Verbindung nach Tel Aviv vorerst zu pausieren, bis alle offenen Fragen zu den Ereignissen vom Mittwoch geklärt sind. Bislang flog das Unternehmen bis zu zehnmal täglich die Strecke Dubai – Tel Aviv.

Gibt es ein Learning aus den dramatischen Ereignissen?
Dazu ist es noch viel zu früh, zunächst müssen einmal alle bislang noch unbekannten Aspekte dieses Fluges aufgearbeitet werden. Aber es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass die Vorfälle an Bord von Flug FZ 1073 Konsequenzen für die Sicherheitsprotokolle der Airlines haben werden. Denn eines ist klar: Man ist hier nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

Martin Kubesch
Akt. 01.10.2026 09:06 Uhr