In der Ukraine wächst der Streit um die Rekrutierung neuer Soldaten. Angriffe auf Beamte, die nach Wehrdienstverweigerern suchen, nehmen zu. Zugleich gibt es schwere Vorwürfe gegen die Such-Patrouillen selbst. Warum das Problem das Land zu einer Unzeit trifft.

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist eine unersättliche Bestie. Er frisst nicht nur Material und Munition, sondern vor allem Menschen. Je länger er dauert, desto härter wird der Kampf um neue Soldaten.
Über Russlands Methoden der Rekrutierung ist schon viel berichtet worden. Seit Kriegsbeginn gibt es Hinweise darauf, dass das russische Militär gezielt Strafgefangene an der Front einsetzt, junge Männer zwangsrekrutiert und sogar Soldaten aus Nordkorea "ausleiht", um die sich immer wieder lichtenden Reihen aufzufüllen.
Über die ukrainische Seite wurde bislang hingegen noch kaum berichtet. Dabei steht das Land, das sich seit mittlerweile mehr als vier Jahren gegen den Angriffskrieg Russlands verteidigt, zumindest vor denselben Problemen wie sein Feind. Es finden sich immer weniger Männer, die zum Kriegsdienst bereit sind.
Schlimmer noch: In der Bevölkerung steigt die Wut auf eine Mobilisierung, die viele als brutal erleben. Immer öfter kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Vertretern des Militärs, die auf der Suche nach wehrfähigen Männern sind, berichtet die BBC. Die Gewalt rund um die Mobilisierung hätte demnach mittlerweile ein bedrohliches Ausmaß erreicht.

Damit ist ein Tabuthema in den Fokus gerückt, das Kiew gerne im Verborgenen gehalten hätte. Und das längst über einzelne Vorfälle hinausreicht. Denn eine Bevölkerung, die sich weigert, ihr Land zu verteidigen, ist das letzte, was Präsident Wolodymyr Selenskyj brauchen kann, will er weiter Milliarden Euro und Militärhilfe aus dem Westen erhalten.
Weshalb sich die Stimmung in der Ukraine mittlerweile dermaßen gedreht hat, wie das Land versucht, gegen den Mangel an Soldaten anzugehen und welche Folgen das für den Verlauf des Krieges haben könnte – die wichtigsten Informationen im Überblick:
Worum geht es?
In der Ukraine eskaliert offenbar der Konflikt rund um die Rekrutierung von Soldaten für die Streitkräfte. Es habe mehrere Angriffe auf Rekrutierungsbeamte und Soldaten im Dienst gegeben, berichtet die BBC. Zugleich häufen sich Berichte über Übergriffe durch Rekrutierungspatrouillen auf der Suche nach wehrfähigen Männern.
Warum ist das Thema gerade jetzt so brisant?
Der Krieg dauert inzwischen im fünften kräftezehrenden Jahr der russischen Invasion in vollem Umfang an. Die Ukraine ringt darum, genug Männer für den Kampfeinsatz zu mobilisieren, während an der Front ständige Verluste ersetzt werden müssen. Dazu kommt, dass das Ende des Krieges für viele nicht absehbar ist.
Wie groß ist das Problem laut den bekannten Zahlen?
Im jüngsten Bericht des Nationalen Polizeidienstes wurden mehr als 600 Angriffe auf Rekrutierungsbeamte verzeichnet. Gleichzeitig wird gewarnt, dass die Aggression zunehmend ein bedrohliches Maß annimmt. In Lwiw umzingelten kürzlich rund 200 Menschen Beamte, die einen mutmaßlichen Wehrdienstverweigerer festnehmen wollten. Sie zerschlugen deren Auto und kippten es um.
Und auf der anderen Seite?
Die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte verzeichnete im Vorjahr mehr als 6.000 Beschwerden über Übergriffe durch Rekrutierungsbeamte - doppelt so viele wie 2024. Die Vorwürfe reichen von körperlicher Gewalt bis zu unrechtmäßiger Inhaftierung sowie schlechten Bedingungen in Rekrutierungszentren.

Was steckt hinter der Wut vieler Betroffener?
Die Gründe reichen von schlichter Angst vor der Front bis zur Ablehnung, sich für einen Krieg mit offenem Ende zu melden. Mittlerweile kennt fast jeder jemanden, der verletzt oder getötet wurde. Diese Erfahrung verändert die Bereitschaft, sich freiwillig zu melden.
Was bedeutet der Begriff Busifizierung?
So nennen viele Ukrainer mobile Patrouillen, die Männer aufgreifen und am Ende in Busse bringen, um sie zum Dienst abzukommandieren. Der Militäranalyst Ivan Stupak beschreibt das als Folge des Mangels an Soldaten auf dem Schlachtfeld. Der Ausdruck ist zugespitzt, zeigt aber, wie tief das Misstrauen gegen diese Form der Mobilisierung sitzt.
Was wird den Patrouillen konkret vorgeworfen?
Der Oppositionsabgeordnete Oleksandr Honcharenko spricht von einer Phase der brutalen Mobilisierung. Er sagt: "Diese Beamten jagen Menschen auf den Straßen und wenden dabei manchmal recht gewalttätige Methoden an."
Welche konkreten Fälle gibt es?
Der Universitätsprofessor Kyrylo Ogdansky wurde in Dnipro von Rekrutierungsbeamten brutal zusammengeschlagen, obwohl er vom Wehrdienst befreit ist. Er verbrachte zwei Wochen im Krankenhaus mit Verdacht auf eine Halsverletzung.
Wie erleben ukrainische Soldaten und Veteranen die Situation?
Für viele Veteranen ist sie ein tiefer Schock. Vasyl Krupych, der sich zu Kriegsbeginn freiwillig meldete, schwere Kämpfe überlebte und mittlerweile nach Wehrdienstverweigerern sucht, wurde dabei mit einer Brechstange angegriffen. Er lag sechs Wochen im Spital. Er sagt: "Wir tun unsere Pflicht. Wir haben gekämpft, wir haben unser Volk verteidigt – und jetzt greifen sie uns an."
Wie viele Soldaten braucht die Ukraine?
Experten sprechen von rund 30.000 Männern, die monatlich rekrutiert werden müssten, um die Verluste auszugleichen und die Verteidigung aufrechtzuerhalten. Offiziell bestätigt ist diese Zahl allerdings nicht. Auf jeden Fall ist das aber eine gewaltige Menge an Soldaten für ein Land, das bereits stark unter dem Krieg leidet und dessen Bevölkerung durch Flucht und Gefallene dezimiert ist.

Warum melden sich so wenige freiwillig?
Ein Grund ist die nackte Furcht vor dem Tod. Kriegsveteren Vasyl Krupych bringt es auf den Punkt: "Jeder hat Angst zu sterben." Dazu kommt, dass ein kurzer Schub an Begeisterung im Zuge der Gegenoffensive Ende 2023 nicht anhielt.
Welche Rolle spielt die Politik in dieser Krise?
Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte die Gewalt gegen Soldaten im Einsatz. Die Lage wird allerdings durch die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow vor wenigen Tagen zusätzlich verschärft. Hintergrund waren Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Ansichten zwischen dem Minister und dem ukrainischen Oberbefehlshaber über notwendige Reformen in der Armee.
Welche Reformen waren geplant?
Fedorow hatte begonnen, den Militärdienst für Rekruten attraktiver zu machen. Geplant waren befristete Verträge für neue Rekruten mit der Möglichkeit, den weiteren Dienst aufzuschieben, sowie bessere Gehälter, besonders für sehr riskante Aufgaben. Die Reform der Wehrpflicht selbst war aber noch nicht abgeschlossen, als der Minister gehen musste.
Welche Lösungen werden noch diskutiert?
Im Gespräch ist, die Such-Patrouillen nach Wehrdienstverweigerern an die Polizei zu übergeben, die weniger persönlich in die Aufgabe involviert ist. Außerdem wird über bessere Ausbildung der Beamten und psychologische Eignungsprüfungen gesprochen. Das zeigt: Das Problem wird inzwischen offen anerkannt, eine fertige Lösung gibt es aber nicht.
Was bedeutet das alles für die Ukraine?
Die Mobilisierungsfrage ist längst mehr als ein Verwaltungsthema und berührt die ganze ukrainische Gesellschaft. Wenn Gewalt auf beiden Seiten zunimmt, droht die Kluft in einer Bevölkerung größer zu werden, die gleichzeitig weiter Krieg führen muss.
Warum ist das Thema so heikel?
Viele Ukrainer sprechen ungern über die Probleme bei der Mobilisierung. Sie fürchten, der russischen Propaganda in die Hände zu spielen. Kritik an der eigenen Armee mitten im Krieg wird als Verrat empfunden. Dennoch wächst der Druck, die Missstände offen anzusprechen – weil sie das Vertrauen in den Staat untergraben.

Was heißt das für die Kriegsführung?
Ein Heer, das unter Zwang kämpft, ist weniger motiviert – das ist seit Jahren auf der russischen Seite dieses Krieges zu beobachten. Die Moral an der Front leidet, wenn Soldaten wissen, dass ihre Kameraden gegen ihren Willen dort sind. Gleichzeitig braucht die Ukraine dringend frische Kräfte, da Russland weiterhin massiv angreift. Es ist ein Teufelskreis ohne einfache Lösung.
Was wäre eine kurzfristige Lösung?
Es gibt derzeit keine kurzfristigen Lösungen. Die Ukraine benötigt Soldaten, kann aber nicht unbegrenzt Zwang anwenden, ohne gleichzeitig die Gesellschaft zu spalten. Das ukrainische Narrativ ist, dass man moralisch legitimierter und grundsätzlich "besser" sei als der russische Aggressor. Dieses Bild darf nicht ins Wanken kommen, vor allem auch nicht gegenüber dem Westen.
Was heißt das, unter dem Strich?
Experten fordern mehr Anreize statt Repression für wehrdienstpflichtige Männer: höhere Gehälter, klare Dienstzeiten, bessere Versorgung von Veteranen. Ob das allerdings reicht, bleibt offen. Entscheidend wird sein, ob die Ukraine rasch eine glaubwürdige Linie zwischen notwendiger Mobilisierung und rechtsstaatlichen Grenzen findet.