Nach einer Razzia in seiner Villa kam Andrij Jermak in U-Haft. Für 2,6 Millionen Euro kauften Freunde den Ex-Stabschef von Staatspräsident Selenskyj frei. Die Hintergründe einer Korruptions-Affäre, in der es um viel Geld, Macht und Hokuspokus geht.

Was die Stimmung in der internationalen Presse betrifft, steht die Ukraine derzeit deutlich besser da als seit langer Zeit. An der Front beginnen ihre Drohnen, den technologischen Wettkampf zu gewinnen. Der Ausbau der Fähigkeiten im mittleren Wirkungsbereich (20 bis 50 Kilometer hinter den Frontlinien) richtet verheerenden Schaden an den russischen Versorgungslinien an.
Der Angriff auf die Region Moskau am vergangenen Wochenende ist nur das jüngste Beispiel für die wachsenden Langstreckenfähigkeiten der Ukraine-Drohnen und die begrenzte Fähigkeit von Wladimir Putins Sicherheitsstaat, seine Bürger zu schützen. Einige Kommentatoren haben sogar angedeutet, es könne eine ernsthafte interne Bedrohung für den Mann geben, der Russland seit 26 Jahren führt – auch wenn das eher Wunschdenken zu sein scheint.
Innerhalb der Ukraine sorgen die anhaltenden russischen Bombardierungen zusammen mit innenpolitischen Spannungen für eine zunehmend aufgeheizte Stimmung. In der vergangenen Woche eskalierte die Lage nach der spektakulären Verhaftung von Andrij Jermak weiter. Der ehemalige Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj ist in eine Geldwäsche-Affäre verstrickt, in der es um 460 Millionen Hrywnja (8,6 Millionen Euro) geht.
Die Anklage der unabhängigen Anti-Korruptionsbehörden des Landes betrifft den Bau von vier Luxusvillen in einem Vorort von Kiew – angeblich für drei enge Vertraute Selenskyjs sowie für einen nicht identifizierten "Wowa", also Wolodymyr, bei dem manche spekulieren, dass es sich um den Präsidenten selbst handeln könnte.

Für Jermak und seine Unterstützer waren die vergangenen Tage vor Gericht quälend. Die Anti-Korruptionsstaatsanwälte schienen regelrecht Gefallen daran zu finden, die Demütigung zu vertiefen, und brachten absurd anmutende sowie peinliche Details über den einst allmächtigen Berater ans Licht.
Mitschriften von Nachrichten zwischen Jermak und einer Hellseherin, die sich Veronika Fengshui nennt, deuteten darauf hin, dass Jermak sie regelmäßig zu hochrangigen Postenbesetzungen im Staat konsultierte. Fengshui wurde außerdem gefragt, wie man mit den politischen und medialen Gegnern des Beraters umgehen solle. Sie riet ihm, die Ukraine zu verlassen, bevor sie ihn erwischen würden.
Hinter dem Pseudonym Veronika Fengshui dürfte sich die 51-jährige Veronika A. aus Kiew verstecken, ihr Kontakt fand sich auf Jermaks Handy. Bei seiner Anhöhrung in der vergangenen Woche bestritt Jermak jede Verbindung. Er kenne "ein paar Veronikas", sagte er, mit Wahrsagerinnen aber habe er "definitiv nicht kommuniziert."*
Falls Jermak jemals darüber nachgedacht haben sollte, diesen Rat zu befolgen, kam er nicht mehr rechtzeitig dazu. Er wirkte offenbar überrascht, als Anti-Korruptionsbeamte am 11. Mai seinen Mercedes S350 stoppten, um ihm offiziell die Verdachtsmomente mitzuteilen.
Ebenso unvorbereitet schien er auf die Forderung der Ermittler nach Untersuchungshaft und einer Kaution von 2,6 Millionen Euro. Während das Geld für ihn aufgetrieben wurde, verbrachte der frühere Berater drei Tage in einer Zelle. Erst am Montag dieser Woche kam er nach der Hinterlegung des Geldes frei.
Die Demütigung machte deutlich, wie wenige Menschen aktuell noch dazu bereit sind, mit dem ehemaligen Strippenzieher in Verbindung gebracht zu werden – oder alternativ, wie schwierig es für enge Vertraute geworden ist, die Herkunft ihres Vermögens nachzuweisen, was Voraussetzung für Banken und Gerichte ist.

Der Fall dürfte sich noch lange hinziehen. Sowohl Jermak als auch der Präsident wurden mit Abwehrmaßnahmen in Verbindung gebracht, die darauf abzielen sollen, die Ermittler zu diskreditieren. Allgemein wird angenommen, dass Jermak die gescheiterten Bemühungen vorangetrieben hat, den Anti-Korruptionsbehörden im Juli vergangenen Jahres ihre Befugnisse zu entziehen.
Nach Informationen des Economist hat der Druck des dem Präsidenten loyalen Inlandsgeheimdienstes SBU im vergangenen Jahr kaum nachgelassen; zuletzt gab es erneute Versuche, Gegenverfahren gegen die Ermittler selbst einzuleiten.
Ein solches Verhalten hat den Anti-Korruptionsdetektiven eher den Rücken gestärkt. Sie selbst stehen unter Druck durch eine Öffentlichkeit, die empört darüber ist, dass Staatsbeamte während des Krieges offenbar den Staat ausplündern.
Möglicherweise war genau das ein Grund dafür, weshalb die Ermittler gerade jetzt zugeschlagen haben. Doch bei einem Einsatz dieser Größenordnung scheint keine Seite mehr zurückweichen zu können. Deshalb dürfte die Affäre für Selenskyj noch längere Zeit eine massive Belastung und Ablenkung bleiben.
Die Affäre hatte im vergangenen November begonnen. Bis dahin galt Andrij Jermak als unantastbar. Doch am 28. November wurde Selenskyjs Stabschef zum prominentesten Opfer eines Korruptionsskandals, der die Ukraine bis heute erschüttert.

Am diesem 28. November fand am frühen Morgen eine Razzia in Jermaks Haus statt und das zu einem sensiblen Zeitpunkt. Selenskyjs Stabschef war auch Chefunterhändler der Ukraine in den Gesprächen zur Beendigung des Krieges mit Russland. Einen Tag später sollte er in Miami mit Steve Witkoff, Donald Trumps Sondergesandtem, zusammentreffen.
Doch noch am Nachmittag des Razziatages bestätigte der Präsident Jermaks Entlassung und kündigte eine umfassende Umstrukturierung des Systems an. Insider beschrieben Jermak als "völlig fassungslos", als er sein Schicksal akzeptierte.
Drei Wochen davor hatten die Antikorruptionsbehörden in der Ukraine die Ergebnisse ihrer Ermittlungen zu einem großangelegten Korruptionsskandal veröffentlicht. Sie dokumentierten Schmiergeldzahlungen in Höhe von mindestens 86 Millionen Euro. Sie sollen von Zulieferern an Energoatom, den staatlichen Atomkonzern, geflossen sein.
Zu diesem Zeitpunkt wurde der Stabschef von Präsident Selenskyj noch nicht als Verdächtiger benannt. Dann begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.
Die Karriere von Herrn Jermak vor seinem Aufstieg in die hohe Politik verlief weitgehend unauffällig. Geboren 1971 in Kiew als Sohn einer sowjetischen Diplomatenfamilie, absolvierte er eine Ausbildung zum Anwalt, arbeitete zunächst als Rechtsberater für lokale Kioskbetreiber und später als Medienanwalt und Filmproduzent.
Dort lernte er den späteren Präsidenten kennen, der seine Karriere ebenfalls im Showbusiness begonnen hatte. Nachdem er Anfang 2020 Andrij Bohdan als Stabschef abgelöst hatte, stieg sein Stern sprunghaft auf, nicht zuletzt aufgrund seines Erfolgs bei der Aushandlung eines großen Gefangenenaustauschs mit Russland einige Monate zuvor.

Schon bald wurde er als Vizepräsident, Regierungschef und engster Vertrauter von Selenskyj in einer Person beschrieben. Manche sagten, er habe einen fast mystischen Einfluss auf den ukrainischen Präsidenten ausgeübt.
Die Rolle des Stabschefs war in der ukrainischen Politik schon immer einflussreich. Unter Jermak gewann sie während des Krieges noch an Bedeutung. Jermak fand einen Weg, Schlüsselpositionen mit ihm direkt unterstellten Gefolgsleuten zu besetzen. Wer sich dieser Hierarchie widersetzte, darunter Außenminister Dmytro Kuleba und der Chef des Militärgeheimdienstes, Kyrylo Budanow, geriet in Schwierigkeiten.
"Er hat die einzigartige Fähigkeit, Menschen gegen sich selbst zu vereinen", sagte ein hochrangiger Beamter. Jermaks streitlustiges und ausweichendes Auftreten machte ihn zudem bei einigen Verbündeten der Ukraine in Washington äußerst unbeliebt und schadete dem Land in kritischen Verhandlungsmomenten.
Nicht jeder mochte ihn nicht. Jermaks Unterstützer argumentieren, er sei zum Sündenbock für unpopuläre Entscheidungen des Präsidenten selbst gemacht worden. Selenskyj übertrug ihm weitreichende Befugnisse in der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik sowie bei Verhandlungen, doch Insider berichten, dass der Präsident stets das letzte Wort hatte.
Manche vermuten, er habe Jermak als mögliche Option im Amt behalten, falls nötig. "Jermak war mehr als nur ein Chefberater Selenskyjs", sagt ein ehemaliger Beamter. "Aber seine Macht wurde ihm vom Präsidenten verliehen und konnte ihm auch wieder entzogen werden."
* ergänzt
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