In einer Pressekonferenz gestand der Bürgermeister von Crans-Montana schwere Fehler ein. Die Katastrophen-Bar sei seit sechs Jahren nicht mehr kontrolliert worden, warum, wisse er nicht. Dann sorgt er mit einer Antwort für Empörung bei den Angehörigen der Toten.

Eine Stunde lang stellten sich Vertreter der Gemeinde am Dienstag den Fragen der Reporter. 130 Journalisten waren ins Kongresszentrum von Crans-Montana gekommen, am Ende verließen sie den Saal mit vielen offenen Fragen. Keiner am Podium hatte sie beantworten können.
Am schwersten wog ein Eingeständnis. Die Gemeindevertreter, die tagelang beteuert hatten, es sei sicher alles in Ordnung gewesen, mussten eingestehen: Die Bar "Le Constellation", in der es in der Silvesternacht zu einem verheerenden Brand mit 40 Toten und 116 Verletzte gekommen war, ist zuletzt 2019 einer Kontrolle unterzogen worden. Vorgeschrieben sind jährliche Checks. Die Pressekonferenz und die Reaktionen von Betroffenen:
Wer trat bei der Pressekonferenz auf?
Nicolas Féraud, der Gemeindepräsident, also Bürgermeister von Crans-Montana. er war von drei Gemeinde-Vertretern flankiert, darunter seiner Stellvertreterin Nicole Bonvin Clivaz. "Sachliche Fakten" wollten die drei Männer und die eine Frau am Podium bieten. Das Ergebnis blieb dürr bis empörend.
Was wurde eingestanden?
Im Unterschied zu ersten Beteuerungen gab es tatsächlich in den vergangenen 10 Jahren seit der Renovierung und Wiedereröffnung nur in drei Jahren eine Kontrolle der Bar – 2016, 2018 und 2019. Seither schaute niemand mehr vorbei.

Warum?
Das sorgte für die erste Empörung. "Wir können uns das heute nicht erklären", sagte Féraud. Aber "wir bedauern das bitterlich."
Wie oft müssen Brandschutzkontrollen durchgeführt werden?
Jährlich, so ist es im Kanton Wallis vorgeschrieben.
Ist das "Le Constellation" ein Einzelfall?
Nein, die Gemeindevertreter mussten zugeben, dass im vergangenen Jahr nur in 40 "öffentlichen Betrieben" Kontrollen durchgeführt wurden. Laut Bürgermeister gebe es allerdings 128 Betriebe, die jedes Jahr besucht werden müssten.
Wie will die Gemeinde das nun lösen?
Selbst schafft sie die Kontrollen laut eigenen Angaben nicht, also soll eine externe Firma damit beauftragt werden.
Wie stand es um Fluchtwege?
Das blieb auf der Pressekonferenz unklar. Féraud sprach davon, dass es zwei Notausgänge gebe. Auf die Frage, ob sie zu schmal seien, wusste er keine Antwort. Auch zu den Gerüchten, einer der Notausgänge wäre verstellt oder sogar versperrt gewesen, konnte er nichts sagen.
Wie viele Feuerlöscher waren vor Ort?
Einer, das reiche für die Größe des Lokals, laut Bürgermeister.

Ein Feuerlöscher für eine Bar mit 300 Gästen?
Auch da spießte es sich mit den Antworten. Genehmigt sei die Bar nämlich nur für 200 Personen, nicht mehr als 100 hätten sich im Keller aufhalten dürfen, weitere 100 im Erdgeschoss.
Das las man aber anders, oder?
Ja, das "Le Constellation" warb mit einer maximalen Kapazität von 300 Personen. Die Bars würden eben "die Zahlen angeben, die sie wollen," sagte Féraud, die Gemeinde schreite da nicht ein. "Natürlich sind wir dafür nicht verantwortlich."
Erfuhr man Neues zur Akustikdecke?
Jein, die Schaumstoffplatten dürften für die rasante Ausbreitung des Feuers entscheidend gewesen sein. Um eine Bewilligung für den Einbau habe der Betreiber der Bar nicht angesucht, so der Bürgermeister, da sei aber auch nicht vorgeschrieben. Für die Wahl der Materialien und der Anbringung sei der Bauherr verantwortlich.
Ernsthaft?
Ja, ab da wurde es verwirrend. Denn Féraud behauptete, ein Sicherheitsbeauftragter der Gemeinde habe 2016 Umbauten auf einer Veranda der Bar kontrolliert und dabei "Ergänzungen und Modifikationen im Zusammenhang mit den Brandschutznormen im Untergeschoss" verlangt. Er habe jedoch "keinerlei Problem mit dem Material der Schalldämmung" festgestellt.
Was heißt das?
Das blieb unklar. Rätselhaft erscheint auch, dass es eine penible Kontrolle im Außenbereich des Lokals gab, der Keller aber keinerlei Grund für ein Einschreiten geboten habe.

War das so?
Offenbar. Féraud behauptete, der Sicherheitsbeauftragte habe den Schaumstoff an der Decke als "akzeptabel" bewertet. In welcher Form konnte er nicht sagen. Also: Ob dies Teil seines Berichts war, er die Einschätzung mündliche äußerte oder das Okay sich daraus ergab, dass er keine Einwände äußerte, blieb offen.
Womit sorgte der Bürgermeister für Empörung?
Zunächst sagte er: "Sollte eine strafrechtliche Verantwortung festgestellt werden, werden die Gemeinde und ihre Organe diese voll und ganz übernehmen, ohne Willen, sich zu verstecken." Dann aber wurde er gefragt, ob sich die Gemeinde als Geschädigte sehe.
Und?
"Wir sind mehr als andere betroffen. Mehr als alle, denke ich," antwortete Féraud. Viele Angehörige von Betroffenen empfanden das als Schlag ins Gesicht. Eine Gemeinde, die zunächst grobe Versäumnisse einräumen muss, fühlt sich selbst als schlimmstes Opfer.
Eine Entschuldigung kam nicht?
Nein, Féraud bekundete, nicht zurücktreten zu wollen. Er sei "vom Volk gewählt. Man verlässt das Schiff nicht mitten im Sturm." Später kämpfte er mit den Tränen, als er sagte, er werde "diese Last der Trauer all dieser Familien mein ganzes Leben lang tragen." Eine Entschuldigung aber kam ihm nicht über die Lippen.
Wie reagierten die Angehörigen von Opfern?
Mehrere Anwälte, die Familien vertreten, meldeten sich wütend zu Wort. "Stellen Sie sich nur eine Sekunde vor, was Eltern empfinden, die ein oder mehrere Kinder verloren haben oder deren Kind schwer verletzt ist, wenn sie hören, dass die Gemeinde behauptet, sie sei ebenso ein Opfer. Das ist im aktuellen Kontext vollkommen unanständig. Das bringt einen zur Weißglut!", zitiert 20 Minuten Opferanwalt Romain Jordan.

Was ist mit den Besitzern der Bar?
Das Ehepaar hat am Dienstag über ihre Anwälte eine Stellungnahme verbreiten lassen. Der Wortlaut:
"Keine Worte können die Tragödie, die sich in jener Nacht im Constellation ereignete, angemessen beschreiben. Dieser Ort der Feier verwandelte sich plötzlich in einen Ort des Grauens und der Angst.
Wir sind am Boden zerstört und von Trauer überwältigt. Unsere Gedanken sind unaufhörlich bei den Angehörigen der Opfer, den Opfern, die so brutal und viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden, und bei all jenen, die um ihr Leben kämpfen.
Keine Worte können wirklich ausdrücken, was Polizei, Rettungskräfte und medizinisches Personal mit Mut, der an Heldentum grenzt, durchgemacht haben und weiterhin durchmachen. Ihnen gilt unser tiefster Dank und Respekt.
Wir möchten auch all unseren Mitarbeitern, die von dieser Tragödie schwer betroffen sind, unsere uneingeschränkte Solidarität aussprechen. Wir sind in Gedanken bei ihnen, da uns die laufenden Gerichtsverfahren derzeit einen persönlichen Kontakt untersagen.
Aus Respekt vor der Zeit der Trauer und des Gedenkens, die diese Tragödie erfordert, und auch aufgrund des aktuellen Ermittlungsstands werden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nur in diesem Kontext äussern und haben vollstes Vertrauen in die Ermittler, den Sachverhalt aufzuklären und alle Fragen zu beantworten. Seien Sie versichert, dass wir uneingeschränkt kooperieren und dieser Angelegenheit in keiner Weise ausweichen werden.
Abschließend möchten wir uns bei allen bedanken, die uns ihre Unterstützung zugesichert haben. Sie ist für uns von unschätzbarem Wert."

Was weiß man über die Betreiber?
Der Wirt hat jedenfalls eine bewegte Vergangenheit. Die Zeitung Le Parisien, berichtet, er sei 2008 Jahren wegen "Betrugs, Entführung und Freiheitsberaubung" vier Monate im Gefängnis gesessen, acht Monate wurden ihm auf Bewährung erlassen.
Was sich viele fragen?
Woher kommt das Geld der beiden, denn das Ehepaar aus Korsika war in den letzten Jahren in der Luxusregion auf Einkaufstour? 2020 ein Haus für fast 900.000 Euro ohne Hypothek, 2024 wieder ein Haus, 440.000 Euro, keine Hypothek, 2023 ein Restaurant, 2020 ein Burger-Lokal, dazu die Feuer-Bar. Erstaunlich!
Warum kamen die beiden nicht in U-Haft?
"Gegen die Beschuldigten wurden keine Zwangsmaßnahmen angeordnet, da die Voraussetzungen für die Anordnung von Untersuchungshaft derzeit nicht erfüllt sind", teilte die Kantonspolizei Wallis mit.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich das Ehepaar absetzt?
Offenbar befürchten die Ermittler das nicht. "Aktuell bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschuldigten sich dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion durch Flucht entziehen könnten. Die übrigen Kriterien, namentlich die Gefahr der Wiederholung oder der Kollusion, kommen nicht in Betracht.
Woher kommen die Opfer?
Mehrere Schweizer Medien wie der Blick oder 20 Minuten veröffentlichten am Sonntagabend Listen der Herkunftsländer der Toten. Erschütternd sind vor allem die Altersangaben, die Hälfte der Opfer war noch minderjährig.


Was weiß man über die Opfer?
Einige stammen wohl aus sehr vermögenden Familien. Die Tochter eines deutschen Chemie-Vorstandes soll unter den Toten sein, ebenso die Tochter eines französischen Bank-Managers, berichtet das gut informierte Medienportal Inside Paradeplatz.
Was könnte das für Folgen haben?
Auf den Schweizer Luxus-Schiort könnten Millionenklagen zukommen. Rechtsanwälte sollen schon eingeschaltet worden sein. Da sich nun herausgestellt hat, dass die Behörden bei den Kontrollen des Brandschutzes versagt haben, wird es eng.
Und was droht dem Betreiber-Ehepaar?
Möglicherweise nichts. Es geht in der Beurteilung darum, ob eine Sorgfaltspflichtverletzungen stattgefunden hat. Die Bar wurde 2015 renoviert – vor mehr als zehn Jahren also. Wenn der leicht entzündliche Schallschutz damals eingebaut wurde und das die einzige Sorgfaltspflichtverletzung blieb, ist das Delikt möglicherweise verjährt, so der Jurist in der NZZ.