Ein Sprengstoffanschlag auf einen ukrainischen Oligarchen in Monaco, der angeblich mit Russland paktiert. Eine Attentäterin, die sich als Mann verkleidet und nach ihrer Flucht selbst erschossen wird. Und ein Geheimdienstoffizier, der den Mord gesteht. Das weiß man.

Die Geschichte liest sich wie ein Agententhriller. Allerdings einer, von dem bisher erst zwei Akte bekannt sind. Wie er ausgeht? Das ist derzeit noch schwer vorherzusagen. Was bisher geschah:
1. Akt: Ein Paket liegt im Eingangsbereich eines noblen Wohnhauses in Monaco, dem Zwergstaat an der Côte d'Azur, Anziehungspunkt für Steuerflüchtlinge, Multimillionäre und Jetset-Publikum. Es ist kurz nach 21 Uhr am 29. Juni dieses Jahres, als eine Familie nach Hause kommt - und das Paket detoniert. Ein ukrainischer Multimillionär, seine Partnerin und ihr 13-jähriger Sohn werden schwer verletzt.
2. Akt: Schon bald identifizieren die Behörden den möglichen Attentäter, der sich bald darauf als verkleidete Frau herausstellt. Die mutmaßliche Attentäterin ist jedoch bereits geflohen, ihre Spur führt nach Deutschland. Doch als Interpol wenige Tage später eine internationale Fahndung startet, ist die 39-jährige Ukrainerin bereits tot - erschossen in einem Wald bei Kiew.
Wie die BBC nun berichtet, hat ein aktiver Offizier des ukrainischen Militärgeheimdienstes den Mord an der Frau bereits gestanden. Doch das Geständnis wirft wesentlich mehr Fragen auf, als es Antworten liefert. Die Details im Überblick:
Was ist in Monaco passiert?
Am 29. Juni explodierte eine Paketbombe im Eingangsbereich eines vornehmen Wohnhauses im Fürstentum, die kurz zuvor dort abgestellt worden war. Der Sprengsatz wurde offenbar per Fernzündung ausgelöst, kurz nachdem drei Personen das Gebäude betreten hatten. Alle drei wurden schwer verletzt, zwei davon lebensgefährlich.
Wer sind die Opfer des Anschlags?
Bei den Opfern handelt es sich um den ukrainischen Geschäftsmann Wadym Jermolajew, seine Partnerin und ihren gemeinsamen 13-jährigen Sohn. Die drei lebten seit geraumer Zeit in Monaco.
Wer ist Wadym Jermolajew?
Ein ukrainischer Immobilienentwickler, der von Forbes 2020 auf Platz 39 der reichsten Ukrainer gelistet wurde – mit einem geschätzten Vermögen von 230 Millionen Dollar. Er hat bedeutende Geschäftsinteressen im Wein- und Alkoholsektor auf der Krim, die Russland 2014 annektiert hat. Jermolajew, gab 2019 seine ukrainische Staatsbürgerschaft auf und lebt seither mit zypriotischem Pass in Monaco. Gegen ihn wurden 2023 Sanktionen seitens der Ukraine verhängt.
Warum stand Jermolajew unter Sanktionen?
Der Hintergrund sind seine Geschäftstätigkeiten auf der von Russland besetzten Krim. Für Kiew gelten Geschäftsleute, die dort weiterhin operieren, als Unterstützer der Besatzung. Die genauen Details der Sanktionen sind nicht öffentlich bekannt.

Wer verübte den Anaschlag?
Die Ermittler identifizierten die 39-jährige Ukrainerin Anastasiia Berezovska als Hauptverdächtige. Sie soll den Tatort tagelang ausgespäht und sich dabei als Mann verkleidet haben, wie Monacos stellvertretender Staatsanwalt mitteilte. Berezovska lebte zuletzt in Deutschland und sprach laut Ermittlern auch Deutsch.
Wie verlief die Flucht der Verdächtigen?
Nach dem Attentat floh Berezovska zunächst nach Frankreich – die Grenze verläuft hier mitten durch das bebaute Gebiet von Monaco und ist gleich um die Ecke vom Ort des Anschlags – und danach offenbar mit einem Mietwagen zunächst nach Italien und dann weiter nach Deutschland. Deutsche Spezialkräfte durchsuchten in der Folge eine Wohnung im hessischen Main-Taunus-Kreis. Doch die Verdächtige war bereits weitergereist - am 1. Juli, zwei Tage nach dem Anschlag, betrat sie die Ukraine.
Wie wurde Berezovska gefunden?
Die Leiche der 39-Jährigen wurde nun in einem Waldstück in der Region Kiew gefunden - begraben und mit Kopfschusswunden. Laut dem ukrainischen Sicherheitsdienst SBU und der Generalstaatsanwaltschaft wurde sie am 3. Juli ermordet, nur zwei Tage nach ihrer Ankunft in der Ukraine. Zwei Verdächtige trafen sie demnach auf einer Autobahn nahe Kiew in einem Auto.
Wer sind die mutmaßlichen Mörder?
Zwei Männer wurden des Mordes angeklagt: ein aktiver Offizier des ukrainischen Militärgeheimdienstes GUR und ein ehemaliger Polizist. Der Geheimdienstoffizier hat den Mord gestanden, wie der SBU mitteilte. Beiden wird vorgeworfen, zuvor regelmäßig Geld an Berezovska überwiesen zu haben - sie wurden deshalb auch als mögliche Komplizen des Monaco-Anschlags verdächtigt.

Was war das Motiv für den Mord an Berezovska?
Das bleibt vorerst unklar. Der Geheimdienstoffizier soll laut SBU ausgesagt haben, er habe auf eigene Initiative gehandelt. Ob es Verbindungen zu staatlichen Stellen gab oder ob die Männer Berezovska zum Schweigen bringen wollten, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Die ukrainischen Behörden betonen, sie arbeiten eng mit Monaco zusammen.
Was fanden die Ermittler am Tatort?
Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft veröffentlichte ein Video eines Kellerraums, der mit den Verdächtigen in Verbindung gebracht wird. Dort waren eine Matte mit Blutspuren, zwei Äxte, eine Spitzhacke, eine am Boden ausgebreitete Plane und eine große Tasche zu sehen. Ob der Raum tatsächlich mit dem Mord zusammenhängt, konnte nicht bestätigt werden.
Welche Rolle spielt der ukrainische Geheimdienst?
Die Beteiligung eines aktiven GUR-Offiziers wirft heikle Fragen auf. Das GUR, der Militärgeheimdienst der Ukraine, ist dem Verteidigungsministerium unterstellt und führt im Krieg gegen Russland auch verdeckte Operationen durch. Ob die Tat mit einer offiziellen Mission zusammenhing oder rein privat motiviert war, ist unklar. Der SBU betont, dass seine Ermittlungen in dem Fall "vollständig transparent" ablaufen würden.
Wie reagierte Monaco?
Die Justizbehörden in Monaco haben Ermittlungen wegen versuchten Mordes, Anbringung eines Sprengkörpers und krimineller Verschwörung eingeleitet. Interpol gab am 4. Juli eine internationale Fahndung nach Berezovska heraus - zu diesem Zeitpunkt war sie allerdings bereits tot. Die monegassische Generalstaatsanwaltschaft steht laut ukrainischen Angaben in engem Austausch mit Kiew.
Was bedeutet der Fall für die Ukraine?
Der Fall ist politisch brisant. Er verbindet einen Anschlag auf einen sanktionierten Oligarchen mit der Ermordung der Verdächtigen durch einen eigenen Geheimdienstmitarbeiter. Kritiker könnten dies als Zeichen mangelnder Kontrolle über die Sicherheitsdienste deuten - für Kiew ist daher maximale Transparenz wichtig. Die Ermittlungen zu allen Hintermännern des Monaco-Attentats laufen weiter.